Über Pfingsten und Gottes Geist(kraft)

Faith Impulse

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Dorothee Büürma

Pastorin, Erwachsenenbildung


Eine Pfingstpredigt zu Apostelgeschichte 2,1-18 und Ezechiel 37,1-14, aus der EmK Salzburg

Pfingst-Stimmung?

Es ist Pfingsten! Wir feiern den Geburtstag der christlichen Kirche(n)! Wir feiern die Vielfalt von Sprache(n) und das Wirken von Gottes Geist.

Und ich möchte diese Predigt ganz ehrlich beginnen:

Mir ist in der Vorbereitung dieses Sonntags einfach nicht nach Feiern zumute gewesen. Ich bin irgendwie nicht in der großen Pfingst-Party-Laune, die ich mir von diesem Fest erwarten würde.

Was wäre denn die richtige "Party-Musik"?

Unsere Musiker*innen wissen, dass ich mich diesmal besonders lange nicht für die Lieder entscheiden konnte, die zum heutigen Gottesdienst passen. Ich möchte die Liedwahl mal ganz ausführlich beschreiben, weil sie ein Grundproblem für mich gut aufzeigt:

Ich habe viele unterschiedliche Pfingstlieder angeschaut und auch selbst durchgesungen in der Vorbereitung.

Mein Problem war: Es gibt einige typische alte Kirchenlieder, die die Tradition des Pfingstfestes besingen. Aber in einer Sprache und mit einer theologischen Symbolik, die für mich nicht in die Situation unserer Gemeinde und unseres Lebens sprechen.

Dann gibt es in unserem Gesangbuch schöne nachdenkliche Pfingstlieder aus den nördlichen Ländern Europas – aber die waren mir nicht fröhlich genug für so ein Fest wie heute!

Im Liederbuch himmelweit waren einige Lieder, die mir schon passender erschienen – aber die sind schwer zu singen, wenn man sie nicht gut kennt und noch schwerer im Rhythmus gut zu begleiten. Die hab ich zwar für heute verworfen, aber für die Zukunft mal zum Lernen vorgemerkt.

Ich hab dann versucht, meinen Horizont etwas zu weiten und in die Liederbücher der englischen Kirchen geschaut. Da gibt es deutlich mehr Lieder, die sich auf das Wirken von Gottes Geist beziehen. 

Nur da war wieder das Problem, dass sie erstens uns ganz fremd sind und komplett auf Englisch, und dass sie manchmal einfach nicht sehr tiefsinnig sind. Da gibt es einige sehr einfache Lieder, die sehr wiederholt darum bitten, dass Gottes Geist jetzt auf uns herabkommen soll. Und mehr ist inhaltlich in den Liedern nicht enthalten. Das war mir dann zu einseitig.

Dann gibt es ein paar schöne Lieder, die sehr tiefsinnig und melodisch sind, die sich aber beim Heiligen Geist nur auf die Ruach (also den Geist/ Atem Gottes) im Ersten Testament beziehen – das war mir für heute auch nicht genug!

Spürt ihr gerade, wie viel Nachdenken und theologisches Vorbereiten in meinen Gottesdiensten steckt? Weil es mir wichtig ist, dass alles zusammen passt und weil auch durch die Liedwahl Gottes Wort ausgedrückt wird.

So habe ich mich letztendlich doch für unser gutes und noch nicht so altes Gesangbuch entschieden und für die Lieder, die irgendwie die besten Kompromisse waren!

Warum ich Pfingsten so schwierig zu planen finde

Und erst am nächsten Tag habe ich verstanden, warum mir die Vorbereitung für heute und die damit verbundene Liedwahl so schwer gefallen sind.

Da kam dann der Geistesblitz:

Weil ich eben nicht glaube, dass Pfingsten mehr Heilige Geistkraft enthält als die restlichen Tage der Woche oder auch als die übrigen Sonntage im Kirchenjahr.

Weil ich schon als Teenager nicht verstehen konnte, wieso der Heilige Geist zwar in der Trinitätslehre des Christentums einen gleich hohen Stellenwert bekommt wie Jesus oder Gott, der Vater, aber im Kirchenjahr nur genau an einem Sonntag zum Schwerpunkt gemacht wird.

Ihr habt es sowieso gemerkt, wir Methodist*innen reden einfach gern von Gottes Geist. Und ich werde das noch genauer definieren, was wir unter „Geist“ verstehen, kommt noch! Bis dahin verwende ich den Begriff so, wie er hierzulande geläufig ist. Ich bitte noch um ein bisschen Geduld!

Wenn Gottes Geist also in unserem christlichen Glauben so wichtig ist, dann macht es wenig Sinn, ihn nur an einem Sonntag besonders zu betonen. Und zu erwarten, dass er nur zu Pfingsten erbeten werden sollte oder wirken könnte. Oder auch dass er zu Pfingsten mehr wirken könnte als sonst. Wenn wir die Apostelgeschichte oder die Briefe im Zweiten Testament oder auch das Buch der Offenbarung lesen, spüren wir: Gottes Geist wirkt und bewirkt immer wieder etwas im Leben und im Glauben der Menschen. 

Die Pfingstgeschichte aus Apostelgeschichte 2 ist nicht der Höhepunkt vom Wirken des Geistes, wie es so oft in den traditionellen Kirchen zu Pfingsten den Anschein macht. Nein, sie ist eingebettet in die gesamte biblische Erzählung vom Wesen und Wirken Gottes und der Menschheit.

Gottes Geist – im Laufe der biblischen Geschichten

Das beginnt tatsächlich im Ersten Testament und auch da ganz am Anfang im Buch Genesis (1. Mose). Ich zitiere die ersten beiden Verse: „Am Anfang erschuf Gott Himmel und Erde. Die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag über dem Urmeer. Über dem Wasser schwebte Gottes Geist.“ (BasisBibel)

Wenn an dieser Stelle vom Geist die Rede ist, dann steht dahinter der hebräische Begriff „ruach“, der mit „Wind“ oder auch „Atem“ übersetzt wird. Aber was für uns zunächst ein sehr klinischer medizinischer Begriff ist, war zur Zeit des Ersten Testaments etwas ganz Besonderes. Atem bedeutete Leben. Wer nicht atmet, kann nicht leben. Deswegen wird die Schöpfung der Menschen auch bildlich so beschrieben, dass Gott dem Menschen das Leben „einhaucht“. Atem ist Leben. Und mehr noch. Der Atem ist das, was wir vielleicht als „Seele“ bezeichnen würden. Der Atem ist das, was einen Mensch zum Menschen macht. 

Dieser Atem, diese „ruach" wird im Ersten Testament immer wieder verwendet, wenn beschrieben wird, dass Gott am Wirken ist in der Welt. 

Wir hatten heute eine Lesung aus dem Buch des Propheten Ezechiel. Auch hier spielt der Atem eine wichtige Rolle.  
Das Körperliche ist sterblich. Die Knochen sind die sichtbaren Überreste von Menschen, die einmal gelebt haben. Was tot ist, hat kein Leben mehr in sich.

Und genau an dieser Stelle wirkt Gott im Propheten Ezechiel. In seiner Vision „spricht Gott, der Herr zu diesen Knochen: Ich selbst gebe meinen Geist in euch und ihr werdet wieder lebendig!“ … „So spricht Gott, der Herr! Geist, komm herbei aus den vier Himmelsrichtungen! Hauch diese Toten an, damit sie wieder lebendig werden.“ (BasisBibel)

Das ist ein spannendes Bild in dieser Vision, in dieser Prophezeiung. Gottes Geist, Atem, Ruach, erscheint nicht von irgendwo. Auch nicht einfach direkt von oben, wie es in der Geschichte des Christentums ja so oft das Bild ist – was von Gott kommt, kommt von oben. 
Gottes Geist kommt aus den vier Himmelsrichtungen. 

Ein Geist, aus vier Richtungen?

Gottes Geist – kann man ihn/ sie/ es  überhaupt messen oder erfassen?

Hier spürt ihr schon die Grenzen unserer Sprache, wenn es um Dinge geht, die von Gott stammen. Ruach, Geist Gottes, das ist nicht eine Person, sondern das ist eher eine Menge. Geist kann man nicht fassen, nicht sehen, aber spüren. Atem kann man messen in unseren Atemzügen, auch die Stärke des Windes kann man messen. Das Volumen der Luft kann man messen, wenn sie bestimmte Räume füllt. 

Aber Luft, Atem, Wind sind alles Dinge, die sich immer nur in unseren menschlichen Räumen messen lassen. Und wir wissen gleichzeitig, dass sie mehr sind als das, was wir erfassen können.

Auch ruach, Gottes Geist im Ersten Testament, ist überall, an allen vier Enden der Welt (wie man sich das damals vorstellte), also auf der ganzen Welt. Überall. Nicht ein bestimmter Geist, sondern eine ganze Menge Geist, die in der Welt am Wirken ist. Ich benutze trotzdem ganz bewusst das Wort ruach in der Einzahl, denn es gibt sie nicht im Plural.

Das ändert sich erst später, im Zweiten Testament, wenn die Sprache unserer Schrift auf Griechisch wechselt und nun ein griechischer Begriff vom Geist Gottes spricht: pneuma. To pneuma – das Wort für Geist im Griechischen ist neutral, also genau genommen wäre es „das Geist“.  

In den Evangelien oder der Apostelgeschichte kommt pneuma meistens auch in der Einzahl vor, wenn vom Geist Gottes die Rede ist. Von anderen Geistern, zum Beispiel von den dämonischen Geistern, die die Menschen krank machten, wird mit dem Wort pneuma im Plural gesprochen. Im Buch der Offenbarung ist Gottes Geist, der zu den Kirchen spricht zum ersten Mal im Plural – in diesem Fall sieben Geister, die aber alle keine Einzel-Heilige-Geister sind, sondern sieben unterschiedliche Erscheinungen der göttlichen Geistkraft.

Und die bekannte Pfingstgeschichte aus der Apostelgeschichte, die wir heute gehört haben, erwähnt auch, dass Gottes Geist sich wie in Flammen auf jeden einzelnen Apostel, jede einzelne Person, die Jesus nachfolgt, niederlässt und ganz viele verschiedene Sprachen hervorbringt – also ganz unterschiedlich wirkt.

Die eine göttliche Geistkraft wirkt auf vielfältige Weise. Ganz unterschiedlich spürbar und im Laufe der Apostelgeschichte auch an ganz unterschiedlichen Orten. Eine Quelle göttlichen Geistes, die aber den Menschen ganz individuell erscheint. 

Ihr merkt, unsere Sprache kann Gottes Geist nicht fassen.

Wir können nicht genau definieren, wieviel Geist Gottes es gibt und wo er/sie/es wirkt. Wir können nur im eigenen Leben das Wirken Gottes spüren und davon mit eigenen Beispielen anderen erzählen. 

Ein praktisches Beispiel aus meinem Arbeitsalltag

In den vergangenen Tagen hat in Salzburg eine europäische Konferenz über Religion, Spiritualität und Gesundheit stattgefunden. Menschen aus verschiedenen Ländern und auch verschiedenen Glaubensrichtungen waren hier an der medizinischen Privatuniversität und haben sich über medizinische Themen und den Zusammenhang mit dem Glauben unterhalten.

Ich bin ja mit einem kleinen Teil meiner Arbeitszeit auf einer Station in der Wehrle-Klinik als Seelsorgerin im Dienst. Deshalb hat es mich natürlich auch interessiert, an dieser Konferenz teilzunehmen. Ich dachte, ich würde sicher neues theoretisches Wissen bekommen und vielleicht auch etwas reflektieren über das, was ich im Krankenhaus tue. 

Was ich nicht erwartet hätte, ist, wie sehr es mich berührt hat, den Vortragenden und den Teilnehmenden zuzuhören, wie sie ihre berufliche Tätigkeit, vor allem in der Medizin und in der Pflege, so tiefgründig mit dem eigenen Glauben verbinden. Wie ein Arzt davon spricht, dass er ans Ende seines Wissens und seiner menschlichen Kräfte gelangen kann und im Gebet nur mehr Gott um Heilung für den/die Patient*in bitten kann. Und wie immer wieder auch für Ärzt*innen wundersame Dinge geschehen und Menschen heil werden! 

Noch mehr bewegt hat mich aber, dass hier Menschen in ihrem Arbeitsleben mit sehr existentiellen Fragen konfrontiert werden. Da geht es tatsächlich um Leben oder Tod. Und ich habe mich umgeschaut im Raum und mich gefragt: Und wo ist hier die Kirche? 

Für mich war das so ein Moment, in dem mir die Augen geöffnet wurden. Wieder habe ich gelernt, dass der gute John Wesley schon wusste, was er tat, als er begonnen hat, sich auch für die Medizin zu interessieren. 

Dem es so ein Anliegen war, dass er den Menschen nicht nur vom Heil predigen konnte, sondern dass er ihnen auch praktisch helfen wollte, die Schmerzen zu lindern und Krankheiten zu heilen. 

Sein bester Ratschlag in meinen Augen, über den wir heutzutage vielleicht schmunzeln, aber er war sehr aus dem Leben gegriffen: Gegen Bauchschmerzen hilft? Eine warme Katze auf den Bauch legen! Zumindest das Streicheln, die Nähe und Wärme des Tieres geben vielleicht auch schon ein bisschen Entspannung!! 

Was ist Pfingsten denn nun eigentlich im Grunde?

Heute möchte ich behaupten: Pfingsten ist die Befähigung, den Glauben auf ganz unterschiedliche Art und Weise in den Alltag der Menschen zu bringen. 
Die Gabe des Geistes befähigt uns Menschen, auf andere zuzugehen und sie auf die eigene Art und Weise anzusprechen.

Nicht nur ein Geist wirkt durch eine Person (so wie es Jesus zu seinen Lebzeiten als Mensch ja tat), sondern ganz viel Geist wirkt durch ganz viele Menschen.

So nah wie uns der Atem ist, so nah ist uns Gott. Die heilige Geistkraft erfüllt auch unser Leben, atmet in uns, haucht in unsere Entscheidungen hinein.

Das wollte ich nach diesen ganzen Erkenntnissen gestern unbedingt wieder verstärkt anwenden.

Am Pfingstwochenende, im Supermarkt...

Gestern Nachmittag war ich mit den Kindern im MaxiMarkt. Wir hatten von der lieben Nachbarin zwei Bögen mit Rabattmarkerln bekommen und wollten ein paar Dinge einkaufen.

An der Kassa habe ich die Kassierin gefragt, ob ich den einen Teil zuerst zahlen kann und dann den zweiten Teil des Einkaufs mit neuen Rabattmarkerln separat. Da die Kinder ja auch dabei waren, war das in Ordnung. Und ich hab ihr dann erklärt, dass der zweite Einkauf für die Kirche ist – Traubensaft fürs Abendmahl und Milch etc. für den Kirchenkaffee. Da hab ich mich bei ihr bedankt, dass sie unserer Gemeinde ein bisschen Rabatt gegeben hat und sie musste lachen. Sie hat uns dann ein schönes Pfingstfest gewünscht!

Und ich dachte mir wieder: Es ist schön, wenn man den eigenen Glauben immer wieder ganz offen ausdrücken kann und den Mitmenschen zeigt, dass es gut tut, im Glauben durchs Leben zu gehen.

Dass Gottes Geist unter uns wirkt und in der Welt weht, das können wir spüren. 
Ich wünsche uns allen immer wieder den Mut und die Freude, dieses Wirken wahrzunehmen und zu würdigen. Amen.

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