Was ist eine gute Christin / ein guter Christ?

Faith Impulse

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Dorothee Büürma

Pastorin, Erwachsenenbildung


Eine Predigt zu 1. Samuel 16, 1-13 und 2. Korinther 5, 11-17. 
EmK Salzburg

Was macht eine Christin oder einen Christen aus? 

Was macht uns zu guten Christ*innen? 

Dazu zunächst die Bemerkung, dass es merkliche Unterschiede gibt zwischen der Beurteilung, die wir Menschen oft hätten und zwischen der Einschätzung aus Gottes Sicht. Denn Gott sieht das, was uns oft verborgen ist, Gott sieht „in unser Herz“, Gott kennt unsere tiefsten Gedanken und Gefühle. Wir selbst dagegen urteilen oft nach dem ersten Eindruck.

Aus menschlicher Sicht gibt es Leute, die uns im Glauben beeindrucken, die uns als Vorbilder gelten, und es gibt andere, die nun ganz sicher keine Christ*innen sein können, so wie sie sich aufführen! Oder?

In meinem geringfügigen Dienst für die evangelischen Kirchen Salzburgs im ökumenischen Infopoint der Kirchen kommt das Thema der „Heiligen“ immer wieder zur Sprache. 

Nach katholischem Verständnis gibt es ja bestimmte Heilige, deren Erinnerung gefeiert wird und die einen besonderen Status im Glauben haben. 

Im Mai beispielsweise war der „Tag der Heiligen Corona“, an dem passenderweise Menschen Gebete und Segenswünsche für Krankheiten und Leid in ihrem Leben empfangen durften. 

Andere Heiligen-Feste finde ich schon fast grenzwertig - ich denke da z.B. an den Heiligen Laurentius, der auf einem Grillrost als Märtyrer verbrannt wurde, und der nun Schutzheiliger der Bäcker/ Grillen/ Köche etc. ist. 

Heilige in diesem Sinn sind Menschen, die durch einen Papst als besonders von Gott inspiriert erkannt wurden. 

Das evangelische Verständnis unterscheidet sich von dieser katholischen Interpretation der Heiligkeit. 

Was ist Heiligung?

John Wesley spricht von „Heiligung“ im Zusammenhang mit christlicher Vollkommenheit. Für ihn ist eine gute Christin oder ein guter Christ  ein Mensch, in dessen Herz die Liebe Gottes ausgegossen ist.

Nun haben wir leider nicht alle Gottes Perspektive - wir sehen nicht, wie es um die „Herzen“ unserer Mitmenschen steht.

So wird es auch in unserer Lesung aus dem Alten Testament deutlich: 

Als Samuel einen Nachfolger für König Saul zum König salben soll, versteht er den Auftrag Gottes nicht sofort. 

Er sucht sich den  ältesten, größten und somit eindrucksvollsten Sohn von Isai aus, der auf ihn einen königlichen Eindruck macht. Doch Gott hat diesen Sohn nicht auserwählt. Gott kennt uns Menschen. Gott sieht in die Tiefen unserer Herzen.

Und so erkannte Samuel nach vielen Fehlversuchen zuletzt David, den jüngsten Sohn, der auf die Herde seines Vaters aufgepasst hatte, als den von Gott erwählten neuen König. 

Die Brüder, die älter waren, wären eine natürliche, „menschliche“ Wahl gewesen. Der älteste Sohn hatte im Alten Testament eine besondere Stellung – ihm gehörte das Familienerbe, er hatte ein Anrecht auf Respekt und Besitz.

Gott erwählt auch unerwartet Menschen zum Dienst!

Gott zeigt uns immer wieder, sowohl im Alten wie auch im Neuen Testament, dass aus der göttlichen Perspektive nicht immer die menschliche Einordnung der Dinge besteht. Gott überrascht Menschen immer wieder, indem gerade diejenigen, die wir selbst kaum beachten, zu besonderen Diensten erwählt werden.

Der Apostel Paulus, aus dessen Brief an die Korinther wir über Gottes neu-Schöpfen gehört haben, war zunächst ein kriegerischer Verfolger der Nachfolger Jesu. Mit Gottes Hilfe jedoch wurde er zum großen Missionar unseres Neuen Testaments, mit dessen Hilfe Menschen rund ums Mittelmeer zum Glauben finden konnten und Gemeinden gestärkt wurden.  

Vor Kurzem habe ich alte Fotoalben aus meiner Jugendzeit durchgeschaut. Dabei fiel mir auch ein Tagebuch auf, das Freundinnen von mir am Ende der Schulzeit mit ihren Erinnerungen und Gedanken für mich gefüllt hatten. Ich weiß nicht, ob ich es jemals wirklich ganz gelesen hatte. Als ich es jetzt, Jahre später, wieder in den Händen hielt, war ich immer wieder zutiefst betroffen über das, was ihrer Einschätzung nach meine Prioritäten im Leben waren. Die Perspektiven, aus denen sie mich wahrgenommen hatten, deckten sich größtenteils wenig mit dem, was mir im Herzen immer wichtig war. Wer ich wirklich war und was mir wirklich wichtig war - das hatten sie damals gar nicht bemerkt oder das hatte ich damals nicht gezeigt. 

Stattdessen war hier eine Dorothee abgebildet, die in ihrem Handeln und in ihrem Leben nicht als besonders christlicher Mensch zu erkennen war. 
Die sich wenig um andere kümmerte und dafür oft extreme Dummheiten anstiftete. Die ihre Mitmenschen durch Leichtsinn und Waghalsigkeit beeindruckte. Die immer darauf bedacht war, andere sowohl durch ihre Leistungen zu übertrumpfen (in Schule und Musik) als auch durch ihre Bereitwilligkeit zu verrückten Aktionen. 
Gott, jedoch, kannte mein Herz.

Im Nachhinein sehe ich, wie Gott mich mehrmals im Leben aus meinen ausweglosen Lebenssituationen befreit hat. Wie Gott mich zur Umkehr bewegt hat und mir neue Perspektiven gezeigt hat. Wie Gott auch mir immer wieder die Augen geöffnet hat für ein neues Leben aus Gottes Perspektive. 

Der Glaube befreit!

Paulus beschreibt die Befreiung durch den Glauben im Korintherbrief so:

Christus ist für alle gestorben, damit die Lebenden nicht länger für sich selbst leben. Sie sollen jetzt vielmehr für den leben, der für sie gestorben ist und auferweckt wurde. (2. Kor. 5, 15)

Das neue Leben, zu dem Gott uns einlädt, ist ein Leben, das durch Tod und Auferstehung mit Jesus verbunden ist. Die Erkenntnis dieser Verbundenheit ermöglicht es uns, die alten Wege zu verlassen und zu neuen Wegen im Glauben umzukehren. 

Gott stellt uns nicht erst in seinen Dienst, wenn wir diese Umkehr schon perfekt gemeistert haben - ganz im Gegenteil, Gott vertraut auf unser Herz und gießt seine Liebe hinein, auch wenn wir im Leben Fehler machen. 

John Wesley nimmt in seiner Lehrpredigt zur „christlichen Vollkommenheit“ das Beispiel von König David auf:

"Hat nicht sogar David, ‚der Mann nach dem Herzen Gottes’, im Fall Urias, des Hethiters, gesündigt, sogar gemordet und die Ehe gebrochen? Sicher hat er das getan. Das ist alles wahr. Aber was will man daraus schließen? Zuerst müssen wir David zugute halten, dass er in seinem Leben, aufs Ganze gesehen, einer der heiligsten Männer unter den Juden war. Und zweitens, dass die heiligsten Männer unter den Juden manchmal sündigten."

Wesley kommt zu dem Schluss, dass Gott uns Menschen durch Jesu Leben, Tod und Auferstehung und durch die Gabe des Heiligen Geistes die Möglichkeit zeigt, unser Leben neu zu gestalten.

Wenn wir als Nachfolger*innen Jesu leben, dann sind wir neue Menschen:

"(Christus), der in den wahrhaft Glaubenden wohnt, hat also „ihr Herz durch den Glauben gereinigt“… (Der/ die Glaubende) ist von Stolz gereinigt, denn Christus war von Herzen demütig. Er (/sie) ist von Eigenwillen und Begierden gereinigt, denn Christus begehrte nur, den Willen seines Vaters zu tun und sein Werk zu vollenden. Er (/sie) ist vom Zorn im allgemeinen Sinn des Wortes gereinigt, denn Christus war sanftmütig und freundlich, geduldig und langmütig."

Was also macht eine/n Christ*in aus? 

Neues Geschöpf zu sein bedeutet nicht, keine Fehler zu machen - dessen ist sich auch Wesley bewusst. Aber es bedeutet, dazu bereit zu sein Gott zu dienen. Gott und die Mitmenschen mit ganzen Herzen zu lieben und den Blick immer wieder prüfend auf das eigene Leben und Verhalten zu richten. Zu fragen, ob wir uns in den alltäglichen Situationen noch nach alten „menschlichen“ Maßstäben orientieren oder ob wir uns auf Gottes neuen Wegen befinden. 

Umkehr ist ein wesentlicher Teil des christlichen Weges. Immer wieder wird uns der Glaube aufzeigen, dass wir in unserem Leben und Handeln umkehren müssen. 

Fehler sind nichts, wofür wir uns schämen müssen oder was uns belasten soll. Sie führen uns zur Umkehr - und eine Umkehr mit Gott ist befreiend. 

Als Christ*innen sind wir auf unseren Wegen nicht allein unterwegs. Gott schenkt uns Weggefährt*innen, die uns begleiten, die uns stärken und die uns manchmal auch zeigen, dass wir falsche Wege einschlagen. 

Was Gott uns an Diensten anvertraut und wie wir in seinem Sinn leben können, das wird uns oft erst in der Gemeinschaft mit anderen Gläubigen bewusst. Wenn wir trotz unserer menschlichen Unterschiede unseren Blick in Liebe auf unsere Mitmenschen richten, dann erleben wir einen Vorgeschmack von Gottes Herrlichkeit. 

Dazu lädt uns Jesus ein, dazu rührt uns Gottes Geist an – und das ist unsere Aufgabe vor allem in unserer derzeitigen Situation als Gemeinde und als Teil der Gesellschaft.

Möge Gottes Geist uns alle zum Dienst stärken und ermutigen. Amen.

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