Vom Heiligen Geist befähigt …

Faith Impulse

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Stefan Schröckenfuchs

Pastor, Superintendent


Predigt von Superintendent Stefan Schröckenfuchs zur Eröffnung der Jährlichen Konferenz 2026 zu Epheser 3,14-19

Liebe Mitglieder der Jährlichen Konferenz, liebe Gäste aus der Ökumene und der Diakonie, liebe Mitglieder der Gemeinde Salzburg! 

Vor einem Jahr habe ich an unserer Jährlichen Konferenz in Wien dieses neue Visionstatement der United Methodist Church vorgestellt. Es wurde von Mitgliedern unserer Kirche in den USA, den Philippinen, Afrika und Europa gemeinsam erarbeitet.

Vision Statement der UMC

Die Evangelisch-methodistische Kirche leitet Menschen dazu an, Jesus Christus nachzufolgen. Der Heilige Geist befähigt sie dazu, kühn zu lieben, bereitwillig zu dienen und entschlossen voranzugehen.

Vision Statement der UMC

Nachfolge als gemeinsamer Lernweg

Wenn man die Struktur des Statements genauer ansieht, kann man feststellen, dass es in drei Schritten formuliert ist. In einem ersten Schritt nimmt es die Aufgabe der Kirche auf: Menschen in der Nachfolge Jesu anzuleiten, oder – wenn man wörtlich übersetzt – sie „als Nachfolger:innen Jesu zu formen“. Das passt gut zu dem Thema, das wir an vergangenen Konferenzen diskutiert haben: Was bedeutet „Nachfolge“ eigentlich? Wir haben dabei den Begriff der christlichen Weg- und Lerngemeinschaft geprägt: Wir verstehen uns als eine Gemeinschaft, die – gerufen von Christus – als Weggemeinschaft das Leben miteinander teilt und als Lerngemeinschaft gemeinsam von Jesus lernt. Unsere Erwartung ist, dass Menschen auf diesem Weg geprägt und geformt werden: Wir selbst und alle, die mit uns auf diesem Weg sind.

Früchte der Jesusgemeinschaft 

Der letzte, längste Teil des Statements beschreibt, welche Wirkung – man kann auch sagen welche Früchte – „diese Weggemeinschaft“ – hoffentlich – hervorbringen wird: kühne Liebe, die allen Menschen gilt; Freude am Dienst nicht nur an, sondern mit Starken und Schwachen; und schließlich das entschlossene Eintreten für Frieden und gegen Unrecht. Menschen, die sich auf den Weg der Nachfolge machen, bleiben nicht die, die sie waren, oder werden nicht die, die sie unter anderen Umständen würden. Nachfolge verändert Menschen: Sie werden liebesmutiger, dienstfreudiger, und hungriger nach Gerechtigkeit und Frieden. Sie wachsen in „schriftgemäßer Heiligung“, so würde es Wesley formulieren. 

Und der heilige Geist?

In der Mitte des Statements stehen jedoch noch ein paar Worte, die man leicht überliest: „empowered by the Holy Spirit“, heißt es da: befähigt, ermächtigt vom Heiligen Geist. 

Was ist damit eigentlich gemeint? Ist das eine fromme Floskel, die im christlichen Kontext einfach dazu gehört? Im Sinne von: Ja, wir wissen eh, dass eine solche Veränderung nicht aus uns selbst kommen kann, letztlich kommt ja alles von Gott…

Bieten die Worte ein frommes Schlupfloch, nach dem Motto: Wenn Menschen sich doch nicht ändern, dann nicht, weil sie sich nicht genug angestrengt haben – sondern weil Gott nicht wollte?  

Oder ist es gar eine Einladung zu geistlichem Missbrauch? Wenn ich überzeugt bin, dass der Geist mich treibt, dann darf – ja dann muss! – ich das, was mir vielleicht eigentlich nur selbst ganz wichtig ist, gewiss auch tun. 

Ich hoffe, es ist mehr als das. 

Schauen wir also genauer hin: Vom Satzbau her (zumindest im englischen Original) stellt die Formulierung „empowered by the Holy Spirit“ die Bedingung dar, damit das erste (die Nachfolge) zum letzten (den Früchten) führt. Es ist das Wirken des Heiligen Geistes, das bewirkt, dass Menschen in ihrer Liebe wirklich kühn werden, Freude daran haben dienen zu dürfen und den Mut aufbringen, gegen Unrecht aufzustehen. 

Der Geist verändert von Innen

Das Gebet aus dem Epheserbrief, das wir als erste Lesung gehört haben, hilft mir, diesen Gedankengang besser zu verstehen:  

„Deshalb beuge ich vor dem Vater meine Knie: Jeder Stamm und jedes Volk im Himmel und auf der Erde erhält seinen Namen von ihm“, lesen wir hier.

Der Epheserbrief ist wahrscheinlich als ein Rundschreiben an mehrere Gemeinden gerichtet, die der Apostel Paulus in Kleinasien gegründet hat. Es sind Gemeinden, die überwiegend aus Christen nichtjüdischer Herkunft bestehen. 

Der Autor des Briefs betont hier, dass die Gnade Gottes durch Christus alle Menschen einschließt – jeden Stamm und jedes Volk im Himmel und auf Erden. Und er bittet im Blick auf die Gemeinden in Kleinasien: 

Gott soll euch so ausstatten, wie es dem Reichtum seiner Herrlichkeit entspricht: Durch seinen Geist soll er euch in eurer innersten Überzeugung fest machen. Denn Christus soll durch den Glauben in euren Herzen wohnen. Und ihr sollt in der Liebe verwurzelt und fest auf ihr gegründet bleiben.

Epheser 3,17
Basis Bibel

Der Geist Gottes soll die Leser:innen „in den innersten Überzeugungen festmachen“, oder, wie es die Zürcher Bibel übersetzt, die Kraft „zum Aufbau des inneren Menschen“ geben – mit dem Ziel: dass Christus „durch den Glauben in euren Herzen wohnt“, und ihr „in der Liebe verwurzelt und fest auf ihr gegründet“ bleibt. 

Im Griechischen ist das Ganze – wie so oft – ein langer Schachtelsatz; und der Satzbau ist wichtig. Gott, so bittet der Briefautor, soll die Gläubigen so ausstatten, wie es dem Reichtum seiner Herrlichkeit entspricht. Das geschieht durch den Geist Gottes. 

Der Geist verändert bzw. stärkt das Innerste der Menschen dahingehend, dass Christus durch den Glauben in den Herzen der Menschen wohnen kann. 

Vom Kopf ins Herz…

Der Glaube muss also – so verstehe ich es – aus dem Kopf ins Herz rutschen. Er soll das Herz der Menschen ganz erfüllen. 

Und das wiederum ermöglicht eine weitere Veränderung – nämlich, dass der Mensch sich auf die Liebe Gottes „gründen“ kann – ein Begriff aus der Architektur: Es geht hier um das tragende Fundament, auf das ein Gebäude gegründet ist – und sich in dieser Liebe verwurzelt: Dieses Bild geht nochmals über das Gründen hinaus, weil die Wurzel nicht nur Halt gibt, sondern auch Nahrung aufnimmt. 

Die Wirkung des Geistes ist also, dass ein Mensch in seinem Inneren so verändert wird, dass der Glaube an Christus vom Kopf ins Herz rutscht, Christus daher im Herzen wohnen kann, der Mensch sein Lebenshaus auf die Liebe Gottes bauen kann und er sich selbst in dieser Liebe verwurzeln und sich von ihr nähren lassen kann. 

…und damit ins Zentrum des Willens

Wichtig ist dabei noch, dass nach biblischem Verständnis das Herz nicht unbedingt der Sitz der Emotionen ist, sondern der Sitz des Willens.

Christus soll in unserem Herzen – d.h. im Zentrum unseres Willens - wohnen. So ändert sich nicht nur, was wir fühlen, auch nicht nur, was wir für richtig halten. Es ändert vielmehr, wer wir sind und was wir wollen.  

Länge mal Breite mal Höhe mal Tiefe

Der Autor des Briefes malt das im Weiteren auf poetische Weise aus: 

Wem Gott dies schenkt, der wird „diese Liebe zusammen mit allen Heiligen in ihrer Breite, Länge, Höhe und Tiefe erfassen.“

In ihrer Breite, Länge, Höhe und Tiefe! Gemeint ist damit: Die Liebe Gottes ist endlos – sie geht in alle Richtungen und schließt keinen Bereich aus. Sie gilt nicht nur Menschen jüdischer Abstammung, sondern auch denen aus den Völkern. Sie gilt nicht nur Männern, sondern Männern, Frauen und allen dazwischen und außerhalb. Sie gilt nicht nur Erfolgreichen, sondern auch denen, die scheitern. Sie gilt nicht nur den Schönen, sondern auch denen, die sich nicht im Spiegel anschauen können. Sie gilt nicht nur den Frommen, sondern auch denen, auf die man herabschaut. Diese Liebe Gottes in ihrer ganzen Breite, Länge, Höhe und Tiefe ist unermesslich! 

„Ihr werdet auch in der Lage sein, die Liebe von Christus zu erkennen, die alle Erkenntnis übersteigt.“ Es geht nicht darum, diese Liebe ganz zu verstehen; wir sollen aber mit dieser Liebe in Berührung, von ihr berührt werden, von ihr befruchtet werden – auch wenn ihre Größe uns völlig überfordert. Ja, Gott selbst soll uns so „in seiner ganzen Fülle erfüllen“.

Der Geist macht kühn, fröhlich und entschlossen 

Der Geist Gottes wirkt – wenn ich das so salopp sagen darf – nicht wie der Zaubertrank von Miraculix, der Zauberkräfte verleiht. Er bewirkt, dass der Menschen durch und durch verändert wird – in seinem Denken, in seinem Selbstverständnis, in seinem Wesen, ja sogar in dem, was er will! Weil sich auch die Ressourcen, auf die er zurückgreifen kann, ändern – weil er nämlich von der Liebe Gottes genährt wird – darum ändert sich letztlich auch, was er zu tun im Stande ist.

Seine Liebe kann „kühn“ werden, weil er selbst in einer unerschöpflichen Quelle der Liebe verwurzelt ist und der „Saft nicht ausgeht“. Sein Dienst kann leicht und fröhlich werden, weil er nichts erreichen, nichts beweisen, nichts erzwingen muss. Und er wird auch den Mut finden, für den Frieden und gegen das Unrecht aufzustehen – weil seine Füße festen Grund unter den Boden haben, sodass ihn nichts so schnell umwirft. 

Ich weiß, das klingt jetzt wieder sehr euphorisch oder idealistisch. Und vielleicht fragen wir ein wenig zaghaft: Wo sind denn die Christ:innen, die so sind? Doch andererseits: der Briefautor bittet Gott ja darum, dass wir so ausgestattet werden sollen, wie es „dem Reichtum der Herrlichkeit Gottes entspricht.“ Und von Gott ist doch unendlich viel zu erwarten!

Was hier beschrieben ist, erreichen wir also ganz gewiss nicht aus eigener Kraft. Doch unterschätzen wir niemals, was möglich wird, wenn Gott einen Menschen so ausstattet, wie es dem Reichtum seiner Herrlichkeit entspricht! 

Zuversicht als Kennzeichen methodistischer Theologie 

Dass das Wirken des Geistes Gottes in Zentrum des Vision Statement der United Methodist Church steht, ist gewiss kein Zufall und auch kein frommes Geplänkel. Es entspricht vielmehr zutiefst der Theologie John Wesleys, der niemals müde wurde, die Erwartung an die verändernde Kraft der Liebe Gottes hochzuhalten. 

Die von Wesley verfasste Schrift „Kennzeichen eines Methodisten“ zeugt auf einzigartige Weise davon, was Wesley der Liebe Gottes zutraut, wenn sie (nach Röm 5,5) in das Herz eines Menschen ausgegossen ist durch den Heiligen Geist. Ebenso die Schrift „A plain account on christian perfection“ (Eine einfache Darstellung der Lehre von der Christlichen Vollkommenheit). Das ist eine Textsammlung, an der mehr als 50 Jahre gearbeitet hat. Wesleys Ringen um das rechte Verständnis christlicher Vollkommenheit ist Ausdruck seiner von seiner tiefen Überzeugung, wie sehr die Liebe Gottes das Wesen eines Menschen verändern kann, wenn sie durch das Wirken Gottes in das Herz eines Menschen ausgegossen wird. 

„Die besondere Aufgabe der sogenannten Methodisten ist es, die Lehre vom Zeugnis des Heiligen Geistes klar zu erfassen, darzulegen und zu verteidigen!“

John Wesley
Lehrpredigt 11 "Das Zeugnis des Geistes II"

„Die besondere Aufgabe der sogenannten Methodisten ist es (deshalb), die Lehre vom Zeugnis des Heiligen Geistes klar zu erfassen, darzulegen und zu verteidigen“, schreibt John Wesley in der Lehrpredigt „Das Zeugnis des Geistes II“. Und in der Schrift „A Farther Appeal to Men of Reason and Religion“ hält er fest: 

„Wie alles Verdienst im Sohn Gottes liegt, in dem, was er für uns getan und gelitten hat, so liegt alle Kraft im Geist Gottes. Deshalb muss jeder, der glaubt und gerettet wird, den Heiligen Geist empfangen. Das ist wesentlich und notwendig für jeden Christen – nicht etwa, damit er Wunder tun kann, sondern damit er die ganz normalen Früchte des Geistes hervorbringt: Glauben, Frieden, Freude und Liebe.“

…empowered by the Holy Spirit! 

Nehmen wir diesen Auftrag an, so wie er hier formuliert ist: laden wir Menschen ein in die Weg- und Lerngemeinschaft unserer Kirche. Nehmen wir es auch als unsere Aufgabe an, Menschen (einschließlich unser selbst) dabei zu prägen, zu formen und zu bilden. 

Tun wir dies nicht in dem Irrglauben, dass damit schon alles getan sei, oder gar, dass alles von uns abhängen würde. 

Tun wir es jedoch in der Zuversicht, dass Gott selbst am Werk ist und die wesentliche Veränderung des inneren Menschen bewirkt! 

In dieser Erwartung bitte ich mit dem Autor des Epheserbriefes, euch – und alle, die den Weg der Nachfolge gehen wollen – „nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit durch seinen Geist zum Aufbau des inneren Menschen so mit Kraft zu stärken, dass Christus durch den Glauben in euren Herzen Wohnung nimmt und ihr in der Liebe tief verwurzelt und fest gegründet seid. So werdet ihr befähigt, mit allen Heiligen zusammen die Breite und Länge und Höhe und Tiefe zu ermessen und die Liebe Christi zu erkennen, die alle Erkenntnis übersteigt, und so werdet ihr immer mehr erfüllt werden von der ganzen Fülle Gottes.“ 

Wo Gott dies wirkt, wird man gewiss Menschen finden, die kühn lieben, fröhlich dienen und die entschlossen vorangehen!  Amen 

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