Kühne Liebe

Faith Impulse

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Antje Klein

Pastorin


Predigt für den Konferenzgottesdienst der Jährlichen Konferenz Österreich am 16. Mai 2026 zu Hoheslied 8,6–7 und 2. Timotheus 1,7–10

Kühne Liebe und eine Konferenz

Liebe Konferenzgemeinde, liebe Geschwister!

„Kühn lieben“ – unter diesem Motto haben wie die vergangenen beiden Tage schon getagt, wir haben den Konferenzspaziergang gemacht und wir hatten gestern Abend eine Podiumsdiskussion. Das schreibe ich etwas kühn noch, ehe das alles geschehen ist (denn es sollte noch rechtzeitig auf Englisch vorliegen). So weiß ich jetzt, da ich das schreibe, auch noch gar nicht, was dann sein wird. Habt ihr über kühne Liebe gesprochen? Habt ihr sie in der vergangenen Tagen gespürt? Habt ihr etwas getan, das sich wirklich kühn und liebevoll angefühlt hat? Wo war sie, die kühne Liebe, zwischen euch? Oder zu anderen?

Als ich diese Fragen aufgeschrieben habe, hatte ich zwar ein paar Ideen, wo das vielleicht passieren könnte auf so einer Konferenz, aber genau wissen konnte ich es natürlich noch nicht. Ich konnte nur darauf vertrauen, dass es passieren würde. Sonst wär es ja blöd, jetzt danach zu fragen, oder? Wenn’s gar nicht passiert wäre, stünde ich jetzt ganz schön blöd da. Und trotzdem schreib ich jetzt ganz kühn im Vorfeld und sag es euch nun: Gestern zum Beispiel, in den Kleingruppen, da habe ich sie deutlich gespürt, die kühne Liebe. Oder bei der Morgenandacht. Und das ausgerechnet auf einer Konferenz – auf einer kirchlichen Tagung! 

Eigentlich komisch. Das sag ich jetzt noch einmal. Ich habe es letztes Jahr schon so ähnlich gesagt. Vielleicht erinnert sich der ein oder die andere. Da war ich ganz neu in der Evangelisch-methodistischen Kirche. Jetzt bin ich irgendwie immer noch neu. Aber nicht mehr so sehr. Jetzt brechen schon die zweiten Male an, eigentlich ziemlich jetzt genau, mit dieser Konferenz. In meinem Dorf im Schwabenland sagt man: Eine Weile dauert es schon, bis aus einem Reingeschmeckten jemand wird, der ganz ins Dorf gehört. So ist das eben. Es geht nicht von heute auf morgen. Dafür bringt der, die Reingeschmeckte einen neuen Akzent dazu. Allerdings, ob ihr hören wollt, wie ich „Sackerl“ sage? Wahrscheinlich sagt ihr jetzt: Da ist noch Potential. Aber damit kennt sich die evangelisch-methodistische Kirche ja aus, das sage ich jetzt mit einem Augenzwinkern. Denn: „Wir fördern Entwicklung“ – darüber habt ihr ja auch schon einmal nachgedacht. Also. Es wird schon. Sag ich jetzt mal ganz kühn. Denn: „Kühn lieben“. Da sind wir nun wieder beim Thema. Und ich hör auf mit den kühnen Zeitsprüngen und den kühnen Themenhüpfern und komme hübsch brav zurück.

Kühne Liebe im Vision Statement

„Kühn lieben“ – vorhin haben wir zwei Bibeltexte gehört, die mit der Liebe zu tun haben. Vielleicht habt ihr euch trotzdem gewundert: Warum hat sie denn ausgerechnet diese beiden Bibeltexte für den Konferenzgottesdienst ausgesucht? Ich zitiere noch einmal, wie das Vision Statement auf unserer Homepage auf Deutsch erklärt wird: „„Kühn lieben“ heißt: „Gott leidenschaftlich lieben und sich wie Jesus den Menschen zuwenden, sie annehmen und sie mit einbeziehen. Also Menschen jeden Alters, jeder Nationalität und Herkunft, jeden Geschlechts und jeder Gesellschaftsschicht. Abgeleitet von Matthäus 22,37–39 und Johannes 13,34–35.“ In Matthäus 22 nennt Jesus das Doppelgebot der Liebe als das höchste und größte Gebot. Also Gott zu lieben und seinen Nächsten wie sich selbst. In Johannes 13, nachdem Jesus seinen Jüngern die Füße gewaschen hat, sagt er zu ihnen: „Liebt einander. So wie ich euch geliebt habe. Und daran werden alle merken, dass ihr zu mir gehört.“ Und von da aus fällt es nicht schwer, zu überlegen, was das sein könnte, so eine kühne Liebe, die sich aus der Liebe Gottes speist und den Anderen im Blick hat. Und was sie bewirkt. Ich bin sicher, jeder und jedem unter euch fallen Beispiele ein, in unseren Gemeinden, in der österreichweiten evangelisch-methodistischen Kirche, in Serbien, in den USA, auf der ganzen Welt. Und wem jetzt nichts einfällt, der denkt noch einmal an die Podiumsdiskussion von gestern Abend.

Über Kühnes nachdenken

„Kühn lieben“ – wir aber bleiben jetzt erst einmal beim ersten Wort dieser Wortverbindung: „Kühn“. Ich mag nicht nur mein Dorf im Schwabenland und die Stadt, in der ich jetzt lebe, ich habe auch ein großes Faible für schöne Wörter. Und „kühn“ finde ich wirklich ein tolles Wort. Man gebraucht es viel zu selten. Übrigens, ich bleib jetzt an dieser Stelle beim deutschen Wort, allein schon deshalb, weil ich natürlich als Nicht-Muttersprachlerin mit dem Englischen „bold“ bzw. dem Adverb „boldly“ nicht ganz so viel anfange und dessen volles Bedeutungsspektrum nicht wirklich erfassen kann. Vielleicht redet ihr nachher mal mit jemandem – wir haben es ja gestern auch schon kurz angerissen – mit dem, mit der ihr ausloten könnt, was der Unterschied vom Deutschen „kühn“ zum Englischen „bold“ ist. Es ist nämlich auch ganz schön kühn, über sprachliche Unterschiede hinweg zum Austausch zu kommen und daran zu glauben: Wir können uns doch irgendwie verstehen (mit oder gerade trotz aller Einschränkungen von postmodernen Texttheorien). Tun wir’s doch einfach. Das – also das „einfach tun“ – ist wahrscheinlich dann auch schon ganz schön methodistisch. Ich hab das zum Beispiel schon in der Wärmestube in Wien-Fünfhaus erlebt. Ein Sprachengewirr, und dennoch entsteht in all dem Tun ein Verstehen, das über Worte hinausgeht.  

So, das waren schon wieder einige Kreise. Ich bin zwar direkt, so als Deutsche, aber das österreichische Kreisen um die Wahrheit, das kann ich auch schon ganz gut. Schon wieder so eine Behauptung. Hoffentlich nicht tollkühn. Aber schon etwas kühn. Jedenfalls: Ich mag dieses Wort. Es klingt ein bisschen aus der Zeit gefallen. Es schmeckt nach Mut und nach Aufbruch. Es ist ein Weg, den man sich durch einen dichten Wald bahnt, Schritt für Schritt, aber immer weiter. Es erinnert an einen Pfad, den man einschlägt, obwohl man nicht so genau weiß, wo er hinführt. Dschungelcamp? Seven vs. wild? Eher nicht. Zu viel Vorhersehbares. Zu viel Drama und Betroffenheit. Zu laut. Das ist nicht kühn.

Von kühnen Rittern und kühnen Schwestern

Ich denk an einen kühnen Ritter. Kürzlich war ich in der Secession in Wien und habe mir wieder einmal das Beethovenfries angesehen, ein berühmtes Wandgemälde von Gustav Klimt. Für alle, die es noch nicht gesehen haben: Schaut es euch an. Geht morgens in einen Gottesdienst (herzliche Einladung!), nach Fünfhaus, in die ESUMC, oder ihr wagt euch über die Donau nach Floridsdorf, und am Nachmittag schaut ihr euch dann dieses Bild, diese Bilder an. Da werdet ihr einen Ritter in goldener Rüstung sehen. Ein stehendes Mädchen und ein kniendes Paar mit ausgestreckten, bittenden Händen, die leidende Menschheit, sie flehen den goldenen Ritter an, für sie den Kampf um das Glück aufzunehmen. Den Ritter unterstützen zwei Frauengestalten, Ehrgeiz und Mitleid als innere Antriebe seines Handelns. Dann geht er los. So stell ich mir schon einen kühnen Helden vor. Er sieht nach Klarheit aus. Nach Kraft, Stärke und Mut. Das Bild erzählt mir vom Guten, das Einer tun wird.

Weil ich auch nicht ganz aus meiner Haut kann, hab ich das aus feministischer Perspektive natürlich gleichzeitig kritisch gesehen: Die inneren Antriebe als Frauen, aber wer auszieht, ist der Mann. Und der kämpft dann für alle für das Glück. Na ja. Vielleicht nehmen wir als Bilder für Kühnheit auch noch Elsa, die Schneekönigin, und ihre Schwester Anna dazu. Beide finde ich kühn. Sie wagen sich vor. Sie suchen ihren Weg. Ein bisschen Trotz ist auch dabei. Aber auch der Wille, die eigene Bestimmung zu finden und ihr zu entsprechen – und der Wille zur Liebe. Zur schwesterlichen, zur geschwisterlichen Liebe. Die Sehnsucht danach, sie zu leben. Sie miteinander zu teilen. Weil sie das wichtigste für beide ist. Weil sie am Ende zählt. Weil sie der innere Antrieb ist. Mehr als alles andere.

Kühnheit der Liebe: Das Hohelied

Jetzt bin ich immer noch nicht bei den Bibeltexten und bin es doch. Denn die kühne Liebe kommt ja auch in den beiden Bibelabschnitten vor, die wir vorhin gehört haben, auch wenn es nicht die beiden von unserer Homepage aus dem offiziellen Statement sind. Das Hohelied, der Abschnitt aus der ersten Lesung, ist mir als allererster Bibeltext eingefallen, als ich über das Thema des Gottesdienstes nachgedacht haben. Denn: Ich finde das Hohelied einen richtig kühnen Text über die oder vielmehr von der Liebe. Ich finde es kühn, dass so ein Buch überhaupt zur Bibel gehört. Niemand hat es – trotz weit verbreiteter allegorischer, also quasi symbolischer Auslegung – wirklich geschafft, dieses Buch zu zähmen. Es bleibt selbst ganz und gar kühn, weil es nicht nur schöne Worte hat, sondern mit einer Leidenschaft spricht, die jemand brauchen kann, der kühn sein will. Jemand, der bereit ist, sich auszusetzen: Dem Risiko. Dem Blick der Liebsten. Dem klopfenden Herzen und dem Nicht-Ganz-Genau-Planen-Können, was geschieht, wenn ich sage: „Ich liebe dich. Meine Liebe geht hinaus, aus mir, bis zu dir. Sie kommt aus meinem Innersten und geht in deines hinein.“ Dem Nicht-Ganz-Genau-Planen-Können, was geschieht, wenn ich es tu: Lieben. Das ist richtig richtig kühn: Dennoch aus vollem Herzen zu spüren. Der Sache nachzugehen, auch das. Aus voller Seele. Manchmal gehört ein Brennen im Brustkorb dazu oder ein Ziehen bis in die Hände und Füße hinein. Loszulaufen, weil man nicht mehr sitzen kann und die Geliebte suchen. Für die Sache einzustehen. Für den anderen Menschen. Obwohl man vielleicht doch ein kleines bisschen zweifelt: Hat sie mich heute auch noch lieb? Kann ich das? Aus Liebe handeln? Bleib ich kühn dabei? Selbst wenn ich das Gefühl habe, ich mache mich ein bisschen lächerlich, weil so viel dagegen spricht, jetzt genau das zu tun? 

Am Ende wird etwas Großes daraus. Auch davon erzählt der kleine Abschnitt aus dem Hohenlied. Und das kann sich so anfühlen: 

„Lege mich wie ein Siegel auf dein Herz, wie ein Siegel auf deinen Arm. Denn Liebe ist stark wie der Tod und Leidenschaft unwiderstehlich wie das Totenreich. Ihre Glut ist feurig und eine gewaltige Flamme.“ 

Hoheslied 8,6
Bibel (Luther 2017)

Das geht über alle Verliebtheit hinaus. Ich stand schon am Grab und hab das gespürt. Dass die Liebe stark wie der Tod ist. Ich hab das gespürt. Nicht nur in meinem Dienst als Pfarrerin. Und es gab Momente im Leben, da hätte ich mir gewünscht, das Siegel würde weniger brennen auf der Haut. Aber ich hätte nicht weniger lieben wollen. Ich glaube: Auch das ist die Kühnheit der Liebe. Es trotzdem zu tun. In Verbindung zu bleiben. Die Verbindung zu spüren. Zu lieben allem Tod zum Trotz. Allem, was dagegen spricht, zum Trotz.

Die Kühnheit der Liebe aushalten

Ich glaube aber auch: Allein würd ich das gar nicht schaffen. Zu lieben allem Tod zum Trotz. Niemand von uns würde das selber schaffen. Grenzen mit der Liebe zu überwinden. Nicht nur die Grenzen des Lebens. All die anderen Grenzen, die wir ziehen, die gezogen werden um uns herum, die Grenzen, die ausgrenzen und die die Gnade aussperren und die die Gnade zähmen und klein machen und wir stecken manchmal mittendrin, in all diesen Zäunen und Mauern und manchmal gehen sie mitten durch unser Dorf, und deshalb weiß ich es: Ich würde das gar nicht alleine schaffen. Die Liebe in all ihrer Kühnheit auszuhalten. 

Kühnheit der Liebe: Der Timotheusbrief

Und damit sind wir beim zweiten Bibeltext, den wir vorhin gehört haben, beim 2. Timotheusbrief. Denn der erinnert uns daran: 

Christus Jesus ... (hat) dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht ... durch das Evangelium.

2. Timotheus 7,10
(Luther 2017)

Wir sind nicht allein. Niemand von uns ist allein:

Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

2. Timotheus 1,7
(Luther 2017)

Hier klingt die Liebe viel weniger nach Leidenschaft. Eher nach Beständigkeit. Nach innerer Stärke und nach Dableiben. Nach Verbundenheit, die auch die Ängste übersteht. Hartnäckig. Liebe, die bleibt, weil der Geist selbst uns verbindet. Und das ist doch auch ganz schön kühn. Auch daran zu glauben. Dass dieser Geist für uns da ist. All den Ängsten dieser Welt zum Trotz. Dass Gott ihn uns schickt. Den Geist "der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit".

Kühne Liebe in Gemeinschaft – eine Vision bis in die Ewigkeit

Jetzt habe ich die Kurve noch ganz schön gekriegt, oder? Vom kühnen Ritter über das Hohelied zum 2. Timotheusbrief. Vom Dorf im Schwabenland zu einer methodistischen Konferenz in Österreich. Nun müssen wir aber noch wieder beim Vision Statement ankommen. Eine letzte Kurve fehlt. Im Vision Statement ist das „Kühn lieben“ ja nicht nur auf Gott bezogen und auf seine Liebe. Oder auf meine eigene kühne Liebe. Im Vision Statement steht die Liebe in einer Gemeinschaft: „Kühn lieben“ heißt: „Gott leidenschaftlich lieben und sich wie Jesus den Menschen zuwenden, sie annehmen und sie mit einbeziehen. Also Menschen jeden Alters, jeder Nationalität und Herkunft, jeden Geschlechts und jeder Gesellschaftsschicht.“ „Kühn lieben“ überwindet Grenzen und schafft Verbindung. Zu all den Menschen, denen wir uns zuwenden. In der Wärmestube. Beim Pride Prayer. Oder in der Spattstraße. Oder in Albanien. Das Olivenöl in meinem Schrank erinnert mich manchmal daran. Und manchmal ist es einfach ein Lächeln im Bus. Oder ein „na, wie war dein Tag“. Egal, wo wir sind. Mittendrin. Und jetzt sage ich bewusst „wir“ und nicht „ich“. Weil die Gemeinschaft einen Unterschied macht. Weil unser Tun für die und in der Gemeinschaft einen Unterschied macht. Und die Gemeinschaft für unser Tun. Mein Sein. Unser aller Sein. In geschwisterlicher Liebe. Wir sagen zu dieser Gemeinschaft „Kirche“. Wir sind als diese Kirche gemeint: Gott hat nicht „mir“ den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit gegeben, sondern uns. … Er hat uns selig gemacht und berufen mit seinem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt. 

Das ist schon so. Und es wird noch sein. Denn es ist auch eine Vision.

Und es ist die letzte Kurve für heute. Sie geht bis in die Zukunft. Vielleicht sogar bis in die Ewigkeit. Diese Kurve wirft mich aus mir selbst hinein in das Uns, in die Gemeinschaft vor und mit Gott. Vom Individuum vor Gott in die communio. In diese Gemeinschaft hier. Ob das jetzt ein Wurf von Luther zu Wesley ist? Wenn ich das so behaupte, dann haltet ihr mich wahrscheinlich eher für tollkühn als für kühn. Macht nix. Kühn habe ich angefangen, kühn hören wir auf. Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. 

Amen

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