kühn lieben
Faith Impulse

Bishop UMC Central and Southern Europe

Hinführung
„Die Evangelisch-methodistische Kirche leitet Menschen dazu an, Jesus Christus nachzufolgen. Der Heilige Geist befähigt sie dazu, kühn zu lieben, bereitwillig zu dienen und entschlossen voranzugehen.“
An dieser Jährlichen Konferenz nahmen wir das Vision Statement der weltweiten EmK und besonders das erste Element „love boldly/kühn lieben“ in den Blick. Wir haben uns intensiv damit beschäftigt, in Berichten, im Plenumsaustausch, auf einem Spaziergang, in einem Podiumsgespräch am Freitagabend…
„Kühn lieben“ – „kühn“: entschlossen, mutig, unerschrocken, risikobereit waren Begriffe, mit denen wir „kühn“ umschrieben haben. Besonders gefällt mir risikobereit. Risikobereit lieben, nämlich Gott und die Menschen, d. h. Zeit haben für sie. Und von sich wegsehen, wenigstens eine Zeitlang, und den anderen – zuallererst Gott oder dann den Mitmenschen – sehen und ansehen, hören und wahrnehmen; es zu riskieren, sich selbst zu vergessen und da zu sein, ganz bei und mit dem anderen, sich an den anderen hinzugeben; ihre Freude und seine Trauer zu teilen, zuzupacken und seine Last mitzutragen, ihre Not lindern zu helfen...
Wir merken: Liebe ist nicht wie die Verliebtheit einfach ein Gefühl. Nein, die Liebe, zu der Gottes Geist uns befähigt, ist handfeste Liebe, konkret, praktisch, für die anderen sichtbar, hörbar, spürbar. Von solcher praktischen Liebe weiß auch der Prophet Micha zu reden.
Ich lade ein, ihm zuzuhören. Das Wort Liebe kommt zwar im folgenden Bibeltext nur an einer Stelle im letzten Vers vor. Aber die Sache ist unüberhörbar da, wenn Micha von Gottes Mitgehen mit dem geliebten Volk und vom Recht üben, Güte lieben und vom Mit-Gott-Gehen spricht.
1Hört doch, was der Herr spricht: Auf, führe einen Rechtsstreit vor den Bergen, und die Hügel sollen deine Stimme hören! 2Hört, ihr Berge, den Rechtsstreit des Herrn, und ihr Uralten, ihr Grundfesten der Erde! Denn der Herr hat einen Rechtsstreit mit seinem Volk, und mit Israel rechtet er.
3Mein Volk, was habe ich dir angetan? Und womit habe ich dich ermüdet? Sage gegen mich aus! 4Ich habe dich doch heraufgeführt aus dem Land Ägypten und dich erlöst aus einem Sklavenhaus! Und vor dir her habe ich Mose, Aaron und Mirjam gesandt.
5Mein Volk, erinnere dich doch, was Balak, der König von Moab, beschlossen und was Bileam, der Sohn von Beor, ihm geantwortet hat, was von Schittim bis Gilgal geschah, damit du die gerechten Taten des Herrn erkennst!
6Mit welcher Gabe soll ich vor den Herrn treten, mich beugen vor dem Gott der Höhe? Soll ich mit Brandopfern vor ihn treten, mit einjährigen Kälbern? 7Gefallen dem Herrn Tausende von Widdern, ungezählte Bäche von Öl? Soll ich meinen Erstgeborenen hingeben für mein Vergehen, die Frucht meines Leibes als Sündopfer für mein Leben?
8Er hat dir kundgetan, Mensch, was gut ist, und was der Herr von dir fordert: Nichts anderes, als Recht zu üben und Güte zu lieben und in Einsicht mit deinem Gott zu gehen.
I. Gottes kühne Liebe: Gott geht mit
Der Prophet Micha ist kein „Moralapostel“, seine Worte sind keine Moralpredigt; er verkündigt nicht eine erdrückende Moral. Vielmehr erinnert er seine Hörer*innen im Namen Gottes daran, dass der HERR immer schon mit ihnen ging und sie auf ihrem Weg mit Gutem segnete:
4Ich habe dich doch aus dem Lande Ägypten heraufgeführt, aus dem Sklavenhause habe ich dich befreit. Ich habe vor dir her gesandt Mose, Aaron und Mirjam. 5Mein Volk, gedenke doch, was Balak plante, der König von Moab, und was ihm Bileam entgegnete, der Sohn Beors! `Bedenke den Übergang` von Schittim nach Gilgal, damit du all das Gute erkennst, das der HERR getan hat!
Gott geht mit seinem Volk, mit seiner Kirche, mit uns mit und tut Gutes! Das ist seine Leidenschaft. Dafür schlägt sein Herz. Gott – ein mitgehender Gott. Die Israeliten haben es auf ihrem Weg heraus aus Ägypten in das versprochene Land vielfach und eindrücklich erfahren: Gott zwang den Pharao, sein Volk freizulassen, teilte das Schilfmeer und führte die Isrealiten hindurch in die Freiheit. Gott ging ihnen voran – am Tag in einer Wolkensäule, in der Nacht in einer Feuersäule. Als der Moabiterkönig Balak Israel verfluchen und verderben wollte, ließ Gott Israel durch den Seher Bileam segnen. Und beim Übergang über den Jordan, von Schittim nach Gilgal, erkannten sie Gottes Eingreifen erneut: Gott lässt sie wunderbar durch den Fluss ins versprochene Land ziehen.
Tut Gott nicht noch und noch Gutes? Der „Gott-mit-uns“, der „Immanuel“? Der mitgehende Gott? Das haben in ihrer Trauer und Enttäuschung, in ihrem Unverständnis auch die Emmaus-Jünger erfahren – auf dem Weg zurück an ihren Wohnort: „Als sie so miteinander sprachen und alles hin und her überlegten, kam Jesus selbst hinzu und ging mit ihnen“ (Lukas 24,15). Jesus, der menschgewordene Gott, ging mit ihnen. Dass der HERR ein Gott ist, der immer schon mitging – auch mit uns –, davon spricht eindrücklich das Gedicht „Spuren im Sand“ von Mary Stevenson, das vermutlich viele kennen:
Eines Nachts hatte ich einen Traum: Ich ging am Meer entlang mit meinem Herrn. Vor dem dunklen Nachthimmel erstrahlten, Streiflichtern gleich, Bilder aus meinem Leben. Und jedes Mal sah ich zwei Fußspuren im Sand, meine eigene und die meines Herrn. Als das letzte Bild an meinen Augen vorübergezogen war, blickte ich zurück. Ich erschrak, als ich entdeckte, dass an vielen Stellen meines Lebensweges nur eine Spur zu sehen war. Und das waren gerade die schwersten Zeiten meines Lebens. Besorgt fragte ich den Herrn: „Herr, als ich anfing, dir nachzufolgen, da hast du mir versprochen, auf allen Wegen bei mir zu sein. Aber jetzt entdecke ich, dass in den schwersten Zeiten meines Lebens nur eine Spur im Sand zu sehen ist. Warum hast du mich allein gelassen, als ich dich am meisten brauchte?“ Da antwortete er: „Mein liebes Kind, ich liebe dich und werde dich nie allein lassen, erst recht nicht in Nöten und Schwierigkeiten. Dort, wo du nur eine Spur gesehen hast, da habe ich dich getragen.
Gott ist ein mitgehender Gott. – Allerdings, dass die Menschen Gott mit sich gehen lassen, versteht sich nicht von selbst. Viele wollen keinen solchen Gott an ihrer Seite. Oder höchstens auf Distanz, für den Notfall, als Absicherung, wenn man selbst dann doch einmal nicht mehr weiterkommt.
Das war allerdings schon zur Zeit des Propheten Micha so. Deshalb ja der Prozess Gottes mit seinem Volk: „Mein Volk, was habe ich dir getan? Womit habe ich dich überfordert. Sage aus gegen mich!“
Und auch zur Zeit der Emmaus-Jünger war es nicht anders. Darum der Prozess gegen Jesus. ‚Einen Gott mit uns? Nein, den wollen wir nicht! Kreuzige ihn!‘
Und heute? Gott will ein „Gott-mit-dir“ sein, will mit dir gehen, will dein Gott, dein Weggefährte sein in jedem Moment und in allen Fragen des Lebens. Lässt du Gott am Sonntag und im Alltag mit dir gehen? Im persönlichen Leben und im Dienst der Kirche Lassen wir Gott mit uns gehen im Alltag unserer Gemeinden, unserer Kirche mit all ihren Fragen und Herausforderungen? Wieviel Raum geben wir ihm und seinem Heiligen Geist, seinem Wort, seiner Liebe, seinem Schalom, seiner Leitung?
II. Befähigt, kühn zu lieben: mitgehen mit Gott
Wir merken: Unser Text ist eine einzige große Einladung! Die Einladung nämlich, Gott mit uns gehen zu lassen, mit Gott als Weggefährten zu leben und all das Gute zu empfangen, das Gott uns unterwegs schenkt. Mit Gott als Weggefährte zu leben, heißt aber nichts anderes, als unsererseits mit Gott zu gehen, Gottes Spuren zu folgen, Christus nachzufolgen.
Darum ringt Gott, dass wir mit ihm gehen und das Gute aus seinen Händen annehmen und darin leben. Danach sehnt Gott sich, dass wir ‚in den guten Werken wandeln, die Gott vorbereitet hat‘. (Epheser 2,10) Damit ist auch die Frage von Vers 6 beantwortet, womit wir uns zu Gott vorwagen dürfen.
Mit leeren Händen! Wir müssen, ja wir können nichts mitbringen, auch nicht noch kühnere Liebe. Nichts – außer uns selbst, unser Herz und unsere Bereitschaft, mit ihm zu gehen. Das ist genau das, worum auch Paulus seine Leser*innen bittet: „Brüder und Schwestern, bei der Barmherzigkeit Gottes bitte ich euch: Stellt euer ganzes Leben Gott zur Verfügung. Es soll ein lebendiges und heiliges Opfer sein, das ihm gefällt.“ (Römer 12,1)
Denen, die das tun, verspricht Gott durch den Propheten Hesekiel eine wunderbare Verwandlung:
Dann gebe ich euch ein neues Herz und einen neuen Geist. Das tote Herz aus Stein nehme ich aus eurem Leib. An seiner Stelle gebe ich euch ein lebendiges Herz aus Fleisch. Meinen Geist gebe ich euch. Damit sorge ich dafür, dass ihr meine Anordnungen beachtet und meine Gebote bewahrt und befolgt.
Ein neues, lebendiges Herz, das schlägt, wie Gottes Herz schlägt, nämlich für das Gute für die Welt, für die Menschen, für das Leben, und das deshalb Gottes Wegweisungen beachtet. Gottes Wegweisungen, Anleitung für ein gelingendes Leben miteinander, fasst Micha in Vers 8 so zusammen: „Es wurde dir gesagt, Mensch, was gut ist und was der Herr von dir erwartet: Nichts anderes, als Recht zu üben und Güte zu lieben und bewusst den Weg mit deinem Gott zu gehen.“
Was „gut“ ist, kann an Gott abgelesen werden; daran, wie er mit seinem Volk unterwegs war. Denn „gut“ ist im Alten Testament ein Beziehungsbegriff. „Gut“ ist das Verhalten, das den Menschen guttut, das ihnen zum Segen dient, nicht was einengt, bedrückt, ermüdet.
Dazu gibt Gott seine Gebote. Wir halten sie dann richtig, wenn sie Beziehungen fördern – die Beziehung zu Gott und die Beziehungen zwischen den Menschen. Das ist das „Gute“, die Liebe, die Gott bei uns sucht.
Was also tut jemand, der mit Gott geht? Die erste Antwort: Er/sie „übt Recht“, d.h. er/sie orientiert sich an Gottes Ordnungen für die menschliche Gemeinschaft. Nicht der persönliche Vorteil steht im Zentrum, nicht das eigene Ansehen, nicht der eigene Gewinn, nicht die eigene Bequemlichkeit, nicht der persönliche Machtanspruch.
Wer mit Gott geht, fragt: ‚Was tut der Lebensgemeinschaft, zu der ich gehöre, gut – meiner Partnerschaft, meiner Familie, meiner Gemeinde, meiner Dorfgemeinschaft, der Gesellschaft unseres Landes, der Weltgemeinschaft? Wie kann ich mithelfen, die Bedingungen für das Zusammenleben zu verbessern? Was ordnet und bewahrt das Miteinander? Was lässt die Gemeinschaft und ihre Mitglieder aufblühen? Das sucht Gott bei uns, dass wir uns für ein Miteinander der Menschen, für eine Gesellschaft einsetzen, in der alle genug haben und ein menschenwürdiges Leben führen können.
Was tut jemand, der mit Gott geht? Die zweite Antwort: Sie „liebt Güte“. Statt mit „Güte“ könnte man präziser mit „Gemeinschaftssinn“ oder „Solidarität“ übersetzen. Mit anderen solidarisch zu sein, wie Gott mit uns solidarisch ist und zu uns steht und an seiner Beziehung zu uns festhält, ist gemeint. Mit anderen solidarisch zu sein, schafft Gemeinschaft, verbindet verfeindete Menschen, heilt kaputte Beziehungen. Das sucht Gott bei uns, dass wir unserem Gegner vergeben, Versöhnung suchen und üben, mit ihm solidarisch zu sein, wie Gott mit uns solidarisch ist.
Was tut jemand, der mit Gott geht? Die dritte Antwort: „Aufmerksam mitgehen mit seinem Gott“. Wachsam, besonnen, umsichtig mit Gott leben, der mit uns geht. Den Blick auf Gott gerichtet, der uns vorangeht, und auf seine Spuren. Bewusst und entschieden seinen Weg gehen, den Weg meines Gottes. Offen sein für das Reden und Wirken Gottes durch seinen Geist und für seine Gaben. Sich danach sehnen und ausstrecken – im Beten, im Bibelstudium, im Feiern, im Austausch mit anderen Christinnen und Christen…
Das sucht Gott bei uns, dass wir umsichtig und entschieden seinen Spuren folgen. Warum können wir das? Weil Gott mit uns geht! Ja, kühn liebender Gott, sei du unser Weggefährte, geh mit uns! Wir folgen dir. Wir gehen mit dir, unser Gott!
Amen.