Gottes Geist über­win­det Grenzen

Faith Impulse

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Esther Handschin

Pastorin, Erwachsenenbildung


Predigt zum Pfingstgeschehen nach Apostelgeschichte 2,1-13

Die Pfingstgeschichte erzählt in Bildern und Worten von Gottes Geist. Da ist vom Rauschen eines starken Windes die Rede. Er erfüllt das ganze Haus, in dem sich die Jünger in Jerusalem befinden. Und dennoch wird dieses Haus nicht zerstört. Wir hören von etwas wie züngelnden Flammen, die sich auf den versammelten Personen niederlassen. Aber es kommt niemand durch eine Verbrennung zu Schaden.

Schließlich gibt es noch ein weiteres Phänomen, das einem Wunder gleichkommt: Aufgrund des Wallfahrtsfestes, das in Jerusalem gefeiert wurde, sind fromme Juden aus der gesamten damaligen Welt in der Stadt. Plötzlich wird hörbar, wie diese Nachfolger Jesu, die bisher nur ihren galiläischen Dialekt gesprochen haben, die unterschiedlichsten Sprachen sprechen. Und das ohne Google translate oder deepL! Wie ist das möglich?

"Weil dort der Geist ist!"

Hätte man einen Christen im 1. Jahrhundert gefragt, was ihn zur Gemeinde hinzieht, so hätte er wohl geantwortet: „Weil dort der Geist ist!“ Und er hätte das wohl noch präzisiert und gesagt: „Wir kommen aus Persien, Medien und Elam. Wir stammen aus Mesopotamien, Judäa und Kappadozien, aus Pontus und der Provinz Asia, aus Phrygien und Pamphylien, aus Ägypten und Libyen und manchmal haben wir sogar Besuch aus Rom.“ (nach Apostelgeschichte 2,9-10)

Und vielleicht hätte uns dieser Christ noch ein Wort aus einem Brief des Apostels Paulus zitiert, der in seiner Gemeinde vorgelesen wurde: „Denn als wir getauft wurden, sind wir durch den einen Geist alle Teil eines einzigen Leibes geworden — egal ob wir Juden oder Griechen, Sklaven oder freie Menschen waren. Und wir sind alle von dem einen Heiligen Geist erfüllt worden.“ (1. Korinther 12,13)

Die Attraktivität der christlichen Gemeinden

Genau das hat die Attraktivität der urchristlichen Gemeinden ausgemacht. Menschen kamen sich näher als anderswo in der Gesellschaft. Sie haben durch die Erfahrung des Geistes erlebt, dass sich Juden und Nichtjuden an denselben Tisch setzen und miteinander essen, obwohl für die Juden gilt, dass sie das nicht tun sollen.

In christlichen Gemeinden kommen Sklaven und ihre Herren am selben Ort zusammen. Sie versammeln sich im selben Haus und gehen durch dieselbe Türe ein und aus. Normalerweise nehmen die Sklaven den Eingang für die Dienstboten und die Herren das herrschaftliche Tor. Da empfangen Arme und Reiche dasselbe Brot, trinken aus demselben Kelch, weil sie in Christus zusammengehören und ein Leib sind.

Da gibt es Frauen, die in den Versammlungen das Wort ergreifen, obwohl sich so etwas nicht schickt zu jener Zeit. Da gibt es scheue Personen, die sich zu sagen trauen, was sie erfahren, obwohl sie das an anderen Orten nie tun würden. Da hören Vielredner zu und Verbohrte akzeptieren eine andere Meinung, Hilfsbereite legen ihre Hände in den Schoß und Zaghafte werden mit Mut und Tatkraft beschenkt.

Und wie ist das bei uns? Weht in unserer Gemeinde, weht in unserer Kirche auch etwas von diesem urchristlichen Geist? Ich hoffe, dass in unserer Kirche Platz ist für ganz unterschiedliche Meinungen und Gedanken, sofern sie dem Willen Gottes und dem Geist von Jesus entsprechen.

Problemzone menschliches Herz

So stark der Wunsch da ist, dass Gottes Geist alle Grenzen überwindet und eine christliche Gemeinde ein Raum der Inklusion und des Verständnisses für alle Menschen ist, da gibt es ein Hindernis: das menschliche Herz. Es stellt sich gerne in die Quere, wenn es darum geht, Brücken zu bauen und Verständigung zu ermöglichen. Warum?

Was wir in unserem Herzen vernehmen, das ist nicht nur die Sehnsucht nach Gemeinschaft und Einheit. Manchmal kreisen unsere Gedanken auch so in uns selbst, dass wir uns in uns selbst einschließen. Die Gedankenspirale dreht sich und zieht uns mehr und mehr nach unten. Sie macht uns etwas frustriert oder aggressiv. Das eine Mal richten wir uns gegen uns selbst. Das andere Mal geht es gegen jemand anderen.

In sich selbst eingeschlossen sein

Oft wird das negative Gedankenspiel von einem konkreten Anlass ausgelöst, ein Wort, ein Gesichtsausdruck, eine soziale Interaktion. Und plötzlich wir werden dadurch in unsere eigene erlebte Vergangenheit zurückkatapultiert. Da kocht ein alter Konflikt in uns hoch und wir fühlen uns hilflos und klein wie damals. Wir protestieren gegen eine Ungerechtigkeit, die schon lange zurückliegt. Dabei verschließen wir uns gegen alle vernünftigen Argumente und wir finden keinen Ausweg aus unserem Kreislauf.

Wer dann in sich selbst hineinhorcht, hört längst nicht mehr diesen Geist, der alle und alles verbindet. Vielmehr tauchen Fragen in uns auf: Warum brauche ich diesen Geist Gottes, der Brücken baut? Was soll diese verbindende Kraft, Grenzen überwindet und mir die Anderen zu Vertrauten macht? Bin ich nicht selbst das Opfer und alle sollten Mitleid mit mir haben? Ich wünsche mir, dass sie Einfühlungsvermögen und Taktgefühl haben.

Mit allen in Beziehung sein wollen

Das Eingeschlossen sein in sich selbst ist die eine Seite. Es gibt noch eine andere Gefahr für unser Herz. Gott hat uns die Fähigkeit gegeben, Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen. Wir sind Menschen, die gerne mit anderen reden, sich austauschen, sich zuzwinkern. In der Kommunikation lautet ein Grundsatz: Man kann nicht Nicht-Kommunizieren. Wir Menschen sind darauf hin angelegt, mit anderen in Beziehung zu treten. Selbst unser Schweigen sagt etwas aus. Selbst ein gesenkter Blick und geschlossene Augen vermitteln etwas von unserer derzeitigen Befindlichkeit.

Auch das kann zur Überforderung werden. Unsere Kräfte sind begrenzt, ebenso wie unser Mitgefühl. Bei den einen ist dies schneller der Fall als bei anderen. Wir können nicht mit allen in Beziehung treten. Wir haben kein grenzenloses Mitgefühl. Wir sind Menschen und nicht Gott. So sehr wir es uns manchmal wünschen, dass wir uns mit allen Menschen verbinden, es kann unmöglich gelingen.

Was nun in dieser Situation? Was machen wir mit unserem Herzen, das hin und her wankt zwischen Eingeschlossen sein in sich selbst und dem Wunsch, allen Lebewesen mit Mitgefühl zu begegnen?

Sich Gottes Geist anvertrauen

Unsere Möglichkeiten, unser Geist ist begrenzt. Aber wir können uns Gottes Geist anvertrauen und uns mit ihm verbinden. Gott kann das, was wir nicht können: Er kann in jedem Einzelnen gegenwärtig sein. Er kann mit jeder Einzelnen mitfühlen, ja auch mitleiden. Er kann sich auch mit jedem Einzelnen freuen. Er kann jede Grenzen überwinden, die wir nicht überschreiten können.

Wir würden daran zerbrechen. Aber wenn wir darauf vertrauen, dass Gottes Geist alle Menschen hört, die zu ihm rufen oder schreien, dann sind wir mit ihnen verbunden. Gottes Geist ist in jedem und jeder von uns. Derselbe Geist, der mein Leben bewegt und bei mir wirkt, der wirkt auch bei jedem anderen Menschen.

Gottes Geist ist  der Geist Jesu Christi

Das klingt wie ein billiger Trost, höre ich mich selbst sagen. Gott soll sich um die anderen kümmern. Und ich bin dann fein raus und muss es nicht tun. Aber da unterschätze ich Gottes Geist. Denn Gottes Geist ist mit dem Leiden vertraut. Es ist der Geist Jesu Christi. Es ist der Geist eines Menschen, der selbst das menschliche Leiden erlebt und durchlebt hat, bis zum Tod.

Darum ist dieser Geist auch ein Geist, der in den Menschen wirkt, die sich gegen das Leiden auflehnen. Dieser Geist gibt uns den Auftrag, gegen Ungerechtigkeit und Unfrieden aufzustehen. Er ermutigt und stärkt uns, den eigenen Egoismus und die Trägheit zu überwinden. Es ist ein Geist der Gemeinschaft. Ein Geist, der Grenzen überwindet und Brücken baut.

Wo wir an unsere Grenzen stoßen, da dürfen wir auf Gottes Geist vertrauen, dass er weiterführt, wozu unsere Kraft zu klein ist.

Wo wir merken, dass die Gräben zu tief, die Distanzen und Unterschiede zu groß sind, da können wir uns diesem Geist anvertrauen, der Brücken baut, die wir nicht sehen.

Wo uns die Worte fehlen, wo wir die Sprache nicht beherrschen, da dürfen wir gewiss sein, dass Gottes Geist an unsere Stelle tritt, für uns spricht und unsere Anliegen verständlich macht.

Wo wir um diesen Geist bitten, da werden wir erfahren, dass er uns selbst verändert und dass Gottes Geist uns mehr und mehr durchläßig macht für sein Wirken.

Wir merken: Dieser Geist Gottes kommt aus einer anderen Welt, aber er wirkt mitten in unserem Leben. Amen.

PS: Gottes Geist kennt kein Copyright. Diese Predigt ist inspiriert von einer Predigt, die Gerd Theißen zu Pfingsten 1983 gehalten hat.

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