Euer Herz er­s­chrecke nicht!

Faith Impulse

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Antje Klein

Pastorin


Predigt am 3. Mai 2026 (5. Sonntag der Osterzeit) in der EmK Wien-Fünfhaus zu Johannes 14,1-14

Mein erschrockenes Herz

Na, wann hast du dich zum letzten Mal so richtig erschrocken? Erschrocken über dich selbst zum Beispiel: Hoffentlich nicht beim Blick in den Spiegel heute am Morgen. Hoffentlich hat dich heute morgen noch gar nichts erschreckt. 

"Euer Herz erschrecke nicht!" Damit fängt der Abschnitt aus dem Johannesevangelium, den wir heute in der Evangelien-Lesung gehört haben, an. "Euer Herz erschrecke nicht!", sagt Jesus da.

Denn ja, es gibt ja in der Tat vieles, das einen erschrecken lässt. Der Blick auf den Tag, wenn zu viel zu tun ist. Die Angst vor dem Morgen, von dem niemand weiß, wie es wird. Was wird. Manchmal erschreckt einen wirklich der Blick in den Spiegel. So viele Falten waren es doch gestern noch nicht, oder? Und hat man wirklich schon länger so schnaufen müssen beim Hinaufsteigen auf den Stiegen? Erschrecken: Beim Blick in das Innere. Die Wut, die einen schon wieder überfallen hat. Der Blick auf das, was man meistens gut verborgen hält und manchmal sieht man halt doch nicht mehr weg. Man zuckt zusammen und kann nicht glauben, dass es wirklich so ist.

Ein Herz, das sich erschreckt: Oft sind es die Nachrichten. Ich nehm es viel zu oft schon gar nicht mehr wahr. Das Erschrecken ist schon ganz schön abgestumpft. Aber dann und wann packt es mich, und dann erschrecke ich mich schon: Dass mich die Geschichte eines Wals mehr mitnimmt als die der vielen Menschen, die im Mittelmeer ihr Leben lassen. Ich erschrecke: Die Parolen, die wieder salonfähig sind und was ich als Jugendliche nie hätte denken können, ist an mancher Schule jetzt schon wieder normal. Oder aus manchem Politiker-Mund. Es ist erschreckend, wie Solidarität im Nebel des Blabla verschwindet, sobald sie etwas kostet. 

Mein Herz ist sehr erschrocken dann und wann. Dann zieht es sich zusammen und wird nicht nur kleiner, sondern vor allem starr und ein bisschen kalt. Dunkel fühlt es sich an und manchmal wie ein Loch. Und es traut sich kaum mehr, zu schlagen. Es ist, als ob es still und leise weint. Wenn überhaupt. Das Herz. Und ach. Ja, das erschreckt mich. 

Trostworte von Jesus

"Euer Herz erschrecke nicht", sagt Jesus. Und er sagt es nicht als Gebot. So als ob man niemals Angst haben dürfte, könnte, sollte. Er sagt es nicht in einen luftleeren Raum, sondern er sagt es in die Situation des Abschieds hinein. Jesus und seine Freundinnen und Freunde sind noch einmal zusammen: Wir sind zeitlich vor all dem, was wir in den letzten Wochen gefeiert haben. Jesus hat seinen Jüngern die Füße gewaschen. Er hat den Verrat durch Judas angekündigt. Er hat die Verleugnung des Petrus angekündigt. Was jetzt bevorsteht, ist zum Fürchten. Es ist zum Zusammenziehen des Herzens, und das wird kleiner und starr und ein bisschen kalt. Dunkel fühlt es sich an und wie ein Loch. Ein Loch, das eisekalt ist und das nach einem greift, weil es sich in einem drin auseinanderzieht. Es ist zum Weinen, nicht leise und stumm, sondern laut und mit Klage und Geschrei. Es ist zum Fürchten.

"Euer Herz erschrecke nicht", sagt Jesus. Er sagt es zu seinen Freundinnen und Freunden. Zu denen, die ihn kennen. Zu denen, die ahnen, was passieren wird. Und er sagt es nicht als Gebot. Er sagt es als Trost: "Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!" Und damit sagt er auch: Ich weiß schon, es gibt einiges, was dein, was euer Herz erschrecken lässt. Aber vertrau mir! Ich bin da.

Es ist manchmal nicht so einfach mit dem Nicht-Erschrecken. Es ist manchmal nicht so einfach mit der Angst. Mit der Traurigkeit und mit all dem. Obwohl sogar draußen die Sonne so schön scheint. Obwohl doch eigentlich alles gut ist. Bestens sogar. Obwohl niemand etwas gegen einen hat. Obwohl wir keine der Zwölf sind, die jetzt bei Jesus sind, und es geht bis hinauf ans Kreuz. Obwohl wir doch erst Ostern gefeiert haben und da hat der Engel nicht nur einmal gesagt: "Fürchtet euch nicht!" Sondern Jesus selbst hat es gesagt, der Auferstandene. Und ich weiß nicht, wie, aber manchmal kommen einem der Mut und die Freude doch wieder abhanden. 

Ich bin für dich da

"Euer Herz erschrecke nicht! Glaubt an Gott und glaubt an mich!" Das sagt Jesus als Trost. Und er fügt hinzu: "In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen." Vertrau mir, sagt Jesus. Ich bin da. Bei Gott ist ein Platz für dich. Lebensraum. Du bist eingeladen. Du erinnerst dich? "Ich bin die Tür." So hat es Jesus uns schon gesagt, letzte Woche (als wir zu Gast waren in der altkatholischen Heilandskirche). Vielleicht erinnert ihr euch. Vorhin (in der Kindergeschichte) haben wir es ja auch noch einmal gehört. "Ich bin der gute Hirte." "Ich bin das Licht der Welt." "Ich bin das Brot des Lebens." Ich gebe dir, was du brauchst. Ich bin, was du brauchst. Einmal hat Gott gesagt, am Dornbusch: "Ich werde sein, der ich sein werde." (2. Mose 3,14) Und vielleicht ist das mit den Bildworten im Johannesevangelium, mit diesen Ich-Bin-Worten ähnlich: Jesus wird für dich sein, der er sein wird. Der, den du brauchst. Das, was du brauchst. Das, was dir hilft, wenn dein Herz sehr erschrocken ist. Das, was dich ruhiger atmen lässt und es ist, als ob du noch einmal auf dem Schoß liegst und deine Mama, dein Papa, deine Oma streicht dir über den Kopf und flüstert: Alles wird gut. "In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen." Du hast bei mir einen Platz. Vielleicht ist es auch eine Bank in der Sonne. Oder ein Liegesessel im Schatten. Eine Decke auf dem warmen Sand. Und du atmest tief durch, und du wirst ganz ruhig. Dein ganzes Nervensystem beruhigt sich und du weißt: Hier bin ich sicher. Du atmest noch einmal ein. Du atmest aus. Du weinst noch ein bisschen. Aber dann hörst du auf. Der Trost hat dein Inneres berührt und dein Herz entspannt. Vertrau mir, sagt Jesus. Bei Gott gibt es einen solchen Platz für dich. "In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen. … Und wenn ich hingehe, euch die Stätte zu bereiten, will ich wiederkommen und euch zu mir nehmen, auf dass auch ihr seid, wo ich bin."

Aber der Thomas...

Alles wird gut. So wär’s jetzt eigentlich gut. Und damit könnte ich auch schon wieder aufhören. Aber der Thomas. Wir haben ihn am 1. Sonntag nach Ostern schon getroffen. Da hat er gesagt: Ich will auch sehen und fühlen. Ich kann das nicht glauben, das mit der Auferstehung, wenn es nicht so ist! Jetzt hat er schon wieder so eine Frage: "Herr, wir wissen nicht, wo du hingehst, wie können wir den Weg wissen?" Und ich versteh ihn, wieder kann ich ihn verstehen: "Die Stätte bereiten …" will Jesus. Und dann will er "wiederkommen und euch zu mir nehmen, auf dass auch ihr seid, wo ich bin." Thomas hat doch recht: "Das ist für uns Menschen alles weit weg, ein uns zu unbekanntes Gebiet. Den genauen Ort können wir nicht fassen, den Zeitraum, bis wann du uns holst und wie du uns holst, auch nicht. Bei all dem wissen wir den Weg eigentlich nicht. Und der Trost kommt mir dann irgendwie auch wieder abhanden in dieser ganzen Ungewissheit."

Wege, die wir wissen

Es gibt so viele Wege, die wir wissen: Beim Aufstehen führt der Weg jeden Morgen ins Bad. Später unter der Woche in die Arbeit. Oder in den Supermarkt. In die Schule. Die Kinder in den Kindergarten bringen. Am Sonntag in den Gottesdienst – schön, dass ihr den Weg hierher gefunden habt! Am Nachmittag vielleicht auf den Spielplatz. Oder wir machen einen Besuch. Am Abend führt der Weg wieder nach Hause. Am Abend führt der Weg ins Bett. Manchmal zu spät. Manchmal dauert es ein bisschen, bis der Schlaf einen findet, aber dennoch: Am Abend führt der Weg einen ins Bett. So viel ist klar. Jedenfalls an den meisten Tagen im Jahr. 

Wege, die wir nicht wissen

Es gibt so viele Wege, die wir nicht wissen: Welches Instrument soll mein Kind lernen? Und wird es daran Freude finden? Wird es uns zusammen gelingen, diese schwierige Phase zu überstehen? Welche Berufslaufbahn soll ich einschlagen? Ist der Job, den ich jetzt gerade mache, wirklich der, den ich in den nächsten Jahren auch noch machen will? Bin ich am richtigen Ort, oder soll ich weiterziehen? Und wenn ja, wohin eigentlich? Wird sich meine gesundheitliche Lage noch einmal verbessern? Oder werde ich meinen Weg mit Schmerzen gehen müssen? Werde ich den lieben Menschen nun auf dem Weg hinaus aus diesem Leben begleiten? Und wie wird mein letzter Weg sein?

"Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich", sagt Jesus.

Johannes 14,6
Bibel

Die Wegbeschreibung Jesu

Das sagt Jesus jetzt. Wie Thomas nun reagiert, ist nicht überliefert. Ich jedenfalls wollte eigentlich den Weg wissen, ich wollte wissen, ob ich linksherum oder rechtsherum gehen muss. Ich wollte wissen, welche Gefahren da genau kommen, um mich darauf vorzubereiten. Ich wollte genau wissen, auf welchen Wegweiser ich mich garantiert verlassen kann, ich wollte wissen, wo es hingeht … Jesus sagt: "Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich."

Die Wegbeschreibung von Jesus ist anderer Art: Sie sagt, auf wen ich mich verlassen könnte. Auf Gott mit seinen vielen Wohnungen. Auf Gott, der anschaulich wird im Leben von Jesus. In dessen Lebensweg, bis ans Kreuz und darüber hinaus und in der darin liegenden Wahrheit. Der Weg liegt in seinem Leben. Die Wahrheit liegt in seinem Leben. Das Leben für andere liegt in seinem Leben. 

Eine Klammerbemerkung an dieser Stelle: Es ist wichtig, dass wir die Antwort von Jesus nicht absolut verstehen. Jedenfalls nicht in dem Sinn, dass es eine Aussage über das Christentum an sich, das Christentum als Religion ist. "Niemand kommt zum Vater denn durch mich" ist kein Austeilen gegen Andersgläubige, gegen andere Religionen, gegen wen auch immer. Das können wir nicht. Ich sag: Das überlassen wir Gott. Wir können nur sagen, was wir glauben. Wir können nur sagen, wem wir vertrauen. Wir können nur wahrnehmen, was sich dadurch im eigenen Leben ändert. Was sich dadurch im eigenen Leben zeigt. Zum Beispiel der Trost. Zum Beispiel das Herz, das sich beruhigt, weil jemand ganz sanft zu ihm sagt: Schhhh. Erschrick nicht. Vertrau auf mich. Ich bin für dich da. In mir begegnest du Gott. So kannst du leben. Und so kannst du leben, dass es anderen dient. Dass es dem Leben dient, mit anderen zusammen, für andere. Und da geht gleichzeitig etwas vom Schrecken verloren. Setz dich ein für die, die dich brauchen. Tröste die Traurigen. Zieh die aus dem Wasser, die ertrinken. Sage laut Stopp zu denen, die ihre Parolen ausbreiten, die mit Liebe nichts zu tun haben. Tut solche Taten heute und an jedem neuen Tag:

"Amen, amen, das sage ich euch: Wer an mich glaubt, wird genau solche Taten vollbringen, wie ich sie vollbringe. Ja, er wird noch größere Taten vollbringen. Denn ich gehe zum Vater. Wenn ihr dann in meinem Namen um etwas bittet, werde ich eure Bitte erfüllen. So wird die Herrlichkeit des Vaters durch den Sohn sichtbar gemacht. Wenn ihr mich also in meinem Namen um etwas bittet, werde ich es tun."

Johannes 14,12-14
Bibel

Auf dem Weg bleiben – mit getröstetem Herzen gehen

Das sagt Jesus ganz am Ende unseres Abschnittes aus dem Johannesevangelium. Und damit schließe heute auch ich.  Es gäbe im Text noch einige Schätze zu bergen. Aber die lassen wir heute liegen. Ein paar Abzweigungen auf dem Weg heben wir uns für das nächste Mal auf. Bis dahin bleiben wir auf dem Weg, der uns verbindet. Bis dahin tun wir, was wir können, in Liebe und in Gemeinschaft. Bis dahin teilen wir Brot und Traubensaft. Bis dahin bleiben wir im Gespräch mit Gott und bitten ihn um das, was wir selbst nicht alleine können. Bis dahin hören wir auf Jesu Worte. Bis dahin erzählen wir einander, wie wir getröstet worden sind. Wie das war, als unser Herz sich entspannt hat und ganz ruhig geschlagen hat. Bis dahin bleiben wir mit Jesus verbunden. Bis dahin vertrauen wir, dass wir auf dem Weg des Lebens sind: 

"Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben, sagt Jesus. Niemand kommt zum Vater denn durch mich."

Amen

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