Von guten Mächten

Faith Impulse

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Esther Handschin

Pastorin, Erwachsenenbildung


Liedbetrachtung zu EM 99 und 100

Am 9. April gedenken wir des 75. Jahrestages der Hinrichtung von Dietrich Bonhoeffer (1906-1945), der im Alter von 39 Jahren im KZ Flossenbürg hingerichtet wurde. Der evangelische Pastor und Theologe hat mit seinem Gedicht „Von guten Mächten“ einen der wirkmächtigsten geistlichen Texte des 20. Jahrhunderts geschaffen. Bei der Aktion „Schick uns dein Lied“ erhielt es den ersten Platz und wird somit der Favorit für das neue evangelische Gesangbuch für Deutschland und Österreich sein, das im Jahr 2030 erscheinen soll.

 

Entstehungssituation des Liedes

Das Gedicht „Von guten Mächten“ legte Bonhoeffer dem Brief vom 19. Dezember 1944 an seine Verlobte Maria von Wedemeyer (1924-1977) bei. Es war der letzte Brief an sie und es war der letzte Brief, in dem er sich auch theologisch äußerte. Nach seiner Verhaftung am 5. April 1943 wurde Bonhoeffer eineinhalb Jahre später am 8. Oktober 1944 vom Tegeler Gefängnis ins Kellergefängnis des Reichssicherhauptamtes in der Prinz-Albrecht-Straße in Berlin verlegt. Am neuen Ort herrschten verschärfte Haftbedingungen. War es in Tegel möglich geworden, durch Beziehungen zum Wachpersonal Briefe an der Zensur vorbei zu schmuggeln, um sie seinem Freund Eberhard Bethge zukommen zu lassen, so mussten die wenigen Briefe aus der Prinz-Albrecht-Straße durch die Zensur. Der besagte Brief vom 19. Dezember ging an Maria und von ihr zu den Eltern, den Geschwistern und weiteren Verwandten. Die Gedichtzeilen waren als Weihnachtsgruß gedacht, aber auch im Wissen darum, dass Bonhoeffers Mutter Paula am 30. Dezember im Kreis der Familie ihren Geburtstag feiern würde.

 

Intimität und Öffentlichkeit

Es ist ein intimer Empfängerkreis, der im Gedicht angesprochen wird. Auf der einen Seite steht das „Ich“ – Bonhoeffer im Gefängnis, auf der anderen Seite das „Ihr“ – seine Verlobte, die Eltern und Geschwister, Schwägerinnen und Schwager, auch der Freund Bethge, der in die Familie eingeheiratet hatte. Sie bilden ein „Wir“, dem „der Herr“, das „Du“ gegenüber steht. Das „Wir“ lebt in der Ungewissheit des Wiedersehens. Alles in allem sind „Ich“ und „Ihr“, also das „Wir“ von den guten Mächten umgeben, behütet, getröstet und geborgen.

Die guten Mächte bilden den tröstenden Rahmen der ersten und der letzten Strophe, wo dazwischen, besonders aber in der 2. und 3. Strophe, auch das Schwere angesprochen wird: die Last böser Tage, die aufgeschreckten Seelen, der schwere Kelch des Leids.

Leid und Trost, Lebensfreude in der Abgeschiedenheit, Kerzen in der Dunkelheit: Die Stimmungslagen im Lied wechseln. Das ist eine der Schwierigkeiten, eine passende Melodie zu diesem Text zu schaffen. Über 50 Mal wurde es versucht. Die andere Schwierigkeit liegt darin, dass ein für die Intimität einer Familie entstandener Text mit der Übernahme in die Gesangbücher, bei Konzertauftritten und der Verbreitung im Internet in eine große Öffentlichkeit tritt. Welche Menschen brauchen solche Worte? Wie verändert sich ein Text, wenn er aus der Intimität in eine größere Öffentlichkeit gelangt?

 

Wer sind die guten Mächte?

Wie schon erwähnt, bilden die guten Mächte in den Strophen 1 und 7 den Rahmen, in den all das Schwere und der Schmerz der dazwischenliegenden Strophen eingebettet sind. Jürgen Henkys (1929-2015), der in seinem Buch „Geheimnis der Freiheit“ (2005) alle Gedichte Bonhoeffers, die er im Gefängnis geschrieben hat, aufschlüsselt, sieht in diesen Anfangsworten „Von guten Mächten“ den Erfolg zur breiten Rezeption dieses Textes. Denn diese Formulierung ist „offen, wahr, persönlich und einfach“. Es finden sich kirchlich gebundene Menschen ebenso darin wieder wie allgemein Religiöse, die wenig mit Bibel und Bekenntnis anfangen können. Die Offenheit der Formulierung „gute Mächte“ zeigt sich, wenn man sie durch „Gottes Güte“ ersetzt. Der Text erhält dadurch eine ganz andere Verortung.

Dass mit den guten Mächten nicht nur die Engel gemeint sein können, zeigt sich im Brief an die Verlobte Maria von Wedemeyer, dem der Text beigelegt war. Bonhoeffer erwähnt die Stille, die über die kommenden Weihnachtstage „in unseren Häusern“ Einzug halten wird. Dann formuliert er: „Es ist, als ob die Seele in der Einsamkeit Organe ausbildet, die wir im Alltag kaum kennen. So habe ich mich noch keinen Augenblick allein und verlassen gefühlt. Du und die Eltern, Ihr alle, die Freunde und Schüler im Feld, Ihr seid mir immer ganz gegenwärtig. Eure Gebete und guten Gedanken, Bibelworte, längst vergangene Gespräche, Musikstücke, Bücher bekommen Leben und Wirklichkeit wie nie zuvor. Es ist ein großes unsichtbares Reich, in dem man lebt und an dessen Realität man keinen Zweifel hat. Wenn es im alten Kinderlied von den Engeln heißt: ‚zweie, die mich decken, zweie, die mich wecken‘, so ist diese Bewahrung am Abend und am Morgen durch gute unsichtbare Mächte etwas, was wir Erwachsenen heute nicht weniger brauchen als die Kinder.“

Bonhoeffer lebte in den Tagen im Gefängnis sehr stark aus den Erinnerungen, dem Vergangenen, und dem Sprachschatz des christlichen Glaubens aus der Bibel und dem Gesangbuch.

 

Die mittleren Strophen

Diese Strophen bilden einen Weg des Glaubens ab, wo es gilt auch Schwieriges und das Leid in das eigenen Leben und die Beziehung zu Gott zu integrieren. Unter dem zeitlichen Vorbehalt „noch“ wird dies in Strophe 2 angesprochen und dem Leid das Heil gegenüber gestellt, „für das du uns geschaffen hast“.

Nicht unproblematisch in der Rezeption ist die dritte Strophe: Wer ist bereit, aus dem schweren Kelch den bitteren Trank zu trinken, so wie es Jesus im Garten Gethsemane anspricht? Wie kann dieses Leid zugleich aus der „guten und geliebten Hand“ Gottes kommen? Im Kontext der Briefe, die Dietrich an Maria geschrieben hat, ist das verständlich. Er schreibt er noch am 13. August 1944 aus dem Tegeler Gefängnis: „Meine geliebte Maria, laß uns nie an dem irre werden, was uns widerfährt; es kommt alles aus guten, guten Händen.“ Die beiden durch ihre Liebe Verbundenen waren sich in dieser Hinsicht einig, dass sie sowohl Gutes als auch Leid aus Gottes Hand zu nehmen bereit waren. Was aber bewirkt diese dritte Strophe bei Menschen, die die Güte Gottes nicht in dieser Weise kennengelernt haben? Werden diese Worte dann nicht zu einer schwarzen Pädagogik?

Die vierte Strophe spricht an, dass Bonhoeffer die Hoffnung nicht verloren hat, dass es vielleicht doch noch zu einer Wende kommen wird. Das einleitende „doch“ bietet die Chance, dass all das Leid doch nur das Vorletzte und nicht das Letzte gewesen ist „und dann gehört dir unser Leben ganz“. So spricht es die Dankbarkeit aus.

Mit der fünften und sechsten Strophe kehrt das Lied wieder zur Jahreszeit zurück, in der es entstanden ist. Mit den Kerzen wird die weihnachtliche Stimmung und die Hoffnung auf ein familiäres Zusammenkommen angesprochen. Doch dabei geht es nicht nur um die Mitglieder der Familie Bonhoeffer. Es gehören dazu auch Marias Vater und Bruder, die im Jahr 1943 im Krieg gefallen sind.

Die in diesen beiden Strophen angesprochenen Motive und Stichworte widerspiegeln die Atmosphäre und Themen, die in den Briefen zwischen den beiden Verlobten hin und her gegangen sind. Maria von Wedemeyer hat also genauso an diesem Lied mitgeschrieben wie Dietrich Bonhoeffer.

 

Die erste Melodie

Das Gedicht Bonhoeffers zirkulierte zunächst in einer maschinengeschriebenen Abschrift innerhalb der Familie Bonhoeffer. Später, in den 1950er Jahren tauchte die letzte Strophe in evangelischen Jugendgruppen der Jungen Gemeinde auf und wurde gerne zum Abschluss eines Treffens als Segen gebetet. Der Kirchenmusiker Theophil Rothenberg (1912-2004) forderte seinen Kollegen Otto Abel (1905-1977) auf, dazu eine Melodie und einen Singsatz zu schaffen. Aufgrund der Kürze dieser einen Strophe wiederholte er die letzten beiden Zeilen, wie in dieser Fassung, gesungen vom Chor pro musica in der Neuapostolischen Kirche von Völklingen:

Melodie und Satz dieser Fassung finden sich mit allen sieben Strophen im methodistischen Gesangbuch unter der Nummer 100.

 

Die Melodie mit der größten Bekanntheit

1970 schuf der von Bonhoeffers Text beeindruckte 24-jährige Siegfried Fietz (*1946) eine Melodie, die weit herum Verbreitung fand. Er nahm eine markante Veränderung vor, indem er die letzte Strophe zum Kehrvers machte, sodass die Stimmung der Geborgenheit regelmäßig wiederkehrt. Das führt zu mehr Vertrautheit, verändert aber den Duktus des Liedes erheblich. Das Sich Durchringen durch das Leid (Str. 2) und das Annehmen des Leids aus Gottes Hand (Str. 3) bis zum Wiederfinden der Freude (Str. 4) und dem Sich Gewiss machen von Gottes Licht (Str. 5) wird laufend unterbrochen. Außerdem wird dadurch das Lied um einiges länger, weswegen bei vielen Aufnahmen meist einige Strophen weggelassen werden, vorzugsweise die dritte und vierte Strophe. Hier mit einer kurzen Einführung des Melodieautors:

Nach dieser intimen Fassung noch eine Version vor großem Publikum im Wiener Stephansdom:

Auch für das methodistische Gesangbuch, Nr. 99 wurden zur Melodie Fietz die erste, die fünfte und die sechste Strophe ausgewählt.

 

Textüberlieferung und Original

Fietz übernahm die ihm 1970 vorliegende Textgestalt. Erst 1988 wurde erstmals der Autograph des Briefes zugänglich, elf Jahre nachdem Maria von Wedemeyer verstorben war. Es zeigten sich zwei markante Unterschiede zwischen dem überlieferten Text und dem Original. In der zweiten Strophe ist ursprünglich von „aufgeschreckten“ und nicht von „aufgescheuchten Seelen“ die Rede, für die das Heil „geschaffen ist“ und nicht „die zum Heil bereitet“ sind. Die andere Abweichung liegt in der letzten Strophe, die in der Fassung von Fietz zum Refrain geworden ist: Statt „Gott ist mit uns am Abend und am Morgen“, hieß es ursprünglich „Gott ist bei uns am Abend und am Morgen“. Dass nun sechs Mal ein „Gott mit uns“ erklingt, das zur Kriegsrhetorik des Ersten Weltkriegs gehörte, dürfte nicht im Sinne Bonhoeffers sein, dessen zweitältester Bruder Walter ein Opfer des Ersten Weltkriegs war.

 

Sicherheit im Rhythmus und schwierige Tempowahl

Eine der großen Schwierigkeiten, wenn man das Lied nach der Melodie von Siegfried Fietz singt, sind Rhythmus und Tempo gut zu treffen. Gelingt es bei einer Begleitung mit Gitarre nicht, den 6/8-Takt adäquat zu spielen, so wird bei manchen Schlagtechniken ein 4/4-Takt daraus und der leichte Walzer wird zum militärisch geprägten Marsch. Das schlägt sich mit der Entstehungssituation des Textes.

Wird das Tempo zu schnell gewählt, so wird der Charakter der Melodie zu leichtfüßig, sodass selbst bei einem Arrangement von Markus Geissbühler in Moll die Ernsthaftigkeit des Textes verloren geht mit dem Animato Chor und Orchester:

Überzeugt von den neueren Versuchen hat mich „Glashaus“: der wiegende Takt der Fietz-Version wird aufgenommen und musikalisch als Ballade gestaltet. Die Strophen folgen dem Gedicht Bonhoeffers in der ursprünglichen Abfolge und mit dem Text des Autographen:

Weitere Melodien

Das katholische Gotteslob 2013 hat im Stammteil, den alle deutschsprachigen Diözesen in Deutschland und Österreich übernommen haben, Bonhoeffers Text eine Melodie von Kurt Grahl (*1947) zugeordnet. Ob sich die leichtfüßige, in Dur gehaltene Melodie durchsetzen wird, wird sich zeigen. In Österreich wurde das Lied zur Sicherheit auch mit der Fietz-Melodie in den Regionalteil aufgenommen.

Fred Pratt Green (1903-2000), methodistischer Pastor und Superintendent in England, hat Bonhoeffers Text im Jahr 1972 ins Englische übersetzt. Er wurde dazu von Erik Routley (1917-1982) beauftragt, der dieses Lied mit fünf Strophen im ökumenischen Liederbuch „Cantate Domino“ (1974) stehen haben wollte. Dort ist es mit einer Melodie von Joseph Gelineau (1920-2008) veröffentlicht worden, die er extra dafür komponiert hatte. Diese Melodie ist weitestgehend unbekannt geblieben. Gelineau wurde vor allem bekannt durch seine neuen Formen der Psalmodie, wie z.B. zu Psalm 23 in englischer Sprache:

Auch Fred Pratt Green lag die überlieferte Textfassung und nicht das Original für seine Übersetzung vor. Für das Liederbuch „Cantate Domino“ wählte man die Strophen in der Reihenfolge 7.2.3.4.6 aus. Um den Übergang von Strophe 7 zu Strophe 2 besser zu gestalten, wurde eine kleine Änderung in der Schreibweise vorgenommen: statt „noch will das alte unsre Herzen quälen“ – wobei sich das „alt“ auf das zu Ende gehende Jahr bezog – schrieb man „das Alte“. Damit wurde das alte Jahr zum alten Feind, dem Teufel und so übersetzt Green: „Yet is this heart by its old foe tormented, still evil days bring burdens hard to bear …“ Trotz Hinweisen und der Bitte des Übersetzers, nur noch eine korrigierte Fassung zu verwenden, hat sich die problematische erste Fassung weiterverbreitet.

Für das United Methodist Hymnal hat das Lied mit Fred Pratt Greens Übersetzung die Melodie INTERCESSOR von Charles Hubert Haistings Parry (1848-1918) erhalten, die schon im Jahr 1904 entstanden ist. Sie passt überraschend gut zu diesem Text mit seinen wechselnden Stimmungslagen. Hier wird sie mit den vier Strophen aus dem United Methodist Hymnal von fünf Frauen aus der First Methodist Church in Chicago Temple gesungen:

Aus urheberrechtlichen Gründen können hier keine Texte aus dem Gesangbuch der Evangelisch-methodistischen Kirche 2002 abgedruckt werden. Dieses kann jedoch bei blessings4you bestellt werden.

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