Kreuz, auf das ich schaue

Faith Impulse

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Esther Handschin

Pastorin, Erwachsenenbildung


Liedbetrachtung zu EM 213

Ein Lied, bei dem das Kreuz direkt angesprochen, ist ungewöhnlich für einen evangelischen Textautor. Daher zunächst einige Hintergründe zum Kreuz als Symbol des christlichen Glaubens und dazu, wie es zur Verehrung des Kreuzes kam.
 

Die Ambivalenz des Kreuzes

Der Apostel Paulus schreibt: „Denn die Juden fordern Zeichen, und die Griechen fragen nach Weisheit, wir aber predigen den gekreuzigten Christus, den Juden ein Ärgernis, den Griechen eine Torheit; denen aber, die berufen sind, Juden und Griechen, predigen wir Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit.“ (1. Kor. 1,22-24) Der Tod Jesu am Kreuz war für die Nachfolger*innen Jesu und die frühen Christ*innen nicht leicht zu verstehen und zu deuten. Es dauerte seine Zeit, bis der Kreuzgalgen zu einem Zeichen des Heils geworden ist, ja sogar als Zeichen des Sieges verstanden werden konnte, wie es von Kaiser Konstantin (zwischen 270 und 288 bis 337) anlässlich der Schlacht an der Milvischen Brücke im Jahr 312 überliefert wird. Am Vorabend der Schlacht gegen Maxentius soll Konstantin ein Kreuz aus Licht gesehen und die Worte gelesen haben: „In diesem Zeichen siege.“ Daraufhin legte Konstantin eine christenfreundliche Politik an den Tag.

Die Kreuzigung, von der uns in den Evangelien berichtet wird, war eine typische Hinrichtungsart, die die römische Besatzungsmacht in der Provinz Judäa angewendet hat. Wäre Jesus nach jüdischem Recht hingerichtet worden, so hätte man ihn gesteinigt. Während bei heutigen Prozessionen zum Kreuzweg ein Kreuz mit Längs- und Querbalken mitgetragen wird, so musste Jesus vermutlich nur den Querbalken nach Golgatha tragen. Die Pfähle der Längsbalken standen schon an der Hinrichtungsstätte und die zum Tode Verurteilten wurden an die Querbalken gebunden oder genagelt und dann hochgezogen.

In der christlichen Kunst war man zunächst vorsichtig, Jesus als Gekreuzigten darzustellen. Das leere Kreuz wurde jedoch bald mit Edelsteinen verziert und geschmückt. So ist schon früh aus dem Folterwerkzeug ein Schmuckstück geworden, das bis heute gerne an einer Kette um den Hals getragen wird.

Ab etwa dem 11. Jahrhundert verändern sich die Darstellungen und die damit verbundene Frömmigkeit. Zunehmend werden das Leiden und die Schmerzen betont und entsprechend dargestellt. Bernhard von Clairvaux (um 1090-1153) beschreibt das Leiden Christi in Meditationen und lädt damit die Gläubigen zur „Compassio“, zum Mitleiden ein. Über verschiedene Stationen entsteht aus diesen Meditationen Clairvauxs ein Liedzyklus von Paul Gerhardt (1607-1676) über die sieben Wunden Christi, zu dem auch das Lied „O Haupt, voll Blut und Wunden“ (EM 206/207)gehört.

 

Ein besonderer Tag zur Verehrung des Kreuzes

Der Legende nach reiste Helena (248/250-330), die Mutter von Kaiser Konstantin, im Jahr 325 ins Heilige Land, um dort nach dem Kreuz Christi zu suchen. Dieses wurde tatsächlich gefunden und sie nahm ein Teil des Kreuzes in die Residenzstadt Konstantinopel mit, während der Rest in Jerusalem verblieb. An der Auffindungsstelle in Jerusalem ließ Kaiser Konstantin die Grabeskirche errichten. Es gibt auch noch weitere Legenden um das Kreuz Christi und wer durch eine Berührung mit diesem Kreuz geheilt oder wieder zum Leben erweckt worden sei.

Der 13. September etablierte sich im liturgischen Kalender als der Tag, an dem ab dem 4. Jahrhundert die Weihe der Grabeskirche gefeiert wurde. Am darauffolgenden Tag, am 14. September, wurde das Fest der Kreuzerhöhung gefeiert, d.h. dem gläubigen Volk wurde eine Reliquie des Kreuzes gezeigt und zur Verehrung angeboten. Zunächst wurde dieses Fest nur im Ostteil des Römischen Reiches gefeiert, ab dem 7. Jahrhundert wanderte das Fest in den Westen und wurde in den Festkalender übernommen.

 

Die Verehrung des Kreuzes in der katholischen Liturgie

Nebst dem eigenen Festtag zur Verehrung des Kreuzes am 14. September gibt es in der katholischen Liturgie zum Karfreitag einen Teil, wo das Kreuz im Mittelpunkt steht und als der besondere Ort verehrt wird, von dem das Heil für die Menschen ausgeht.

Zu dieser Verehrung gehören auch einige Lieder und Gesänge, die das Kreuz und das von ihm ausgehende Heil besingen. Den Auftakt dazu bildet der lateinische Hymnus „Vexilla regis prodeunt“ von Venantius Fortunatus (um 530-609). Anlass zur Entstehung dieses Hymnus war die Überführung eines Holzsplitters vom Kreuz Christi als Geschenk von Kaiser Justinian II. (668/669-711) an die thüringische Königstochter Radegunde (um 520-587), die – endlich einer unglücklichen Ehe mit dem Merowingerkönig Chlothar entronnen – ein Kloster in Poitiers gründete. Dieser Hymnus wird im klösterlichen Stundengebet in den Vespergebeten der Karwoche angestimmt oder eben am 14. September zum Fest der Kreuzerhöhung. Hier der kunstvolle gregorianische Gesang mit lateinischem Text und entsprechender Notation:

Und hier noch in einer von Anton Bruckner (1824-1896) vertonten Version mit dem Niederländischen Kammerchor:

Weitere Lieder zur Kreuzverehrung

Erst aus dem Beginn des 17. Jahrhunderts stammt das deutschsprachige „O du hochheilig Kreuze“. In der Fassung aus dem katholischen Gotteslob von 2013 mit der Melodie, die in Erfurt 1630 erstmals belegt ist, weist es sich als typisches Prozessionslied aus. Die letzte der drei Textzeilen wird wiederholt, sodass sie vom Volk mitgesungen werden kann, auch wenn dieses nicht alle Strophen auswendig kennt.

Die erste gedruckte Textfassung ist im Jahr 1600 in Konstanz mit sieben Strophen zu finden, vier Jahre später eine in München mit 14 Strophen. Die ersten drei Strophen beschreiben, was am Kreuz geschehen ist. Mit „mein Herr“ wird der Bezug zu Jesus hergestellt, dessen Leiden eine für den Menschen heilsame Wirkung entfaltet. In der dritten Strophe ist letztlich nicht klar, ob nun das Kreuz oder der Herr, der an diesem Kreuz gelitten hat, besungen wird. Diese drei Strophen bilden den Teil der Liturgie am Karfreitag ab, wo den Gläubigen das Kreuz gezeigt und dazu gesungen wird: „Ecce lignum crucis, in quo salus mundi perpendit. Venite adoremus. – Seht, das Holz des Kreuzes, an dem das Heil der Welt gehangen. Kommt, lasset uns anbeten.“

In weiteren sieben Strophen wird das Kreuz angerufen: „Du bist …“ und mit Bildern verglichen, die sich in allegorischer Weise auf Bilder und Geschichten der Bibel beziehen und die Bedeutung des Kreuzes für das Glaubensleben darstellen: „Du bist die sichere Leiter …, du bist die starke Brücke …, du bist das Siegeszeichen …, du bist der Stab der Pilger …, du bist des Himmels Schlüssel …,“. Wie bei Prozessionsliedern konnten an dieser Stelle weitere Strophen dazu gedichtet oder weggelassen werden, je nachdem was für den Verlauf der Prozession nötig war.

Das Lied schließt mit vier weiteren Strophen, von denen das Gotteslob noch zwei übernommen hat. Sie enthalten Gebetsbitten, die an Christus selbst und nicht mehr an das Kreuz gerichtet sind. Allerdings ist gerade diejenige Strophe, die diesen Wechsel anzeigt, bei der Kürzung entfallen: „Durch dein heiliges Kreuze / lass dich, o Herr, erbarmen / die große Not der Armen.“ Dass die darauf folgende Strophe über das „Wüten der Türken“ weggelassen wurde, macht das Lied auch in neueren Zeiten singbar, weist aber auf die damaligen Zeitumstände und die große Angst vor der „Türkengefahr“ des 17. Jahrhunderts hin.

Hier eine instrumentale Orgelfassung, die den Text aus dem Gotteslob wiedergibt:

Nochmals deutlich jünger ist das im Österreichteil des Gotteslob zu findende „Heilges Kreuz, sei hochverehret“. Wurde das Lied im Gotteslob von 1975 noch in Passau 1866 verortet, so konnte nun nachgewiesen werden, dass der Text schon 1854 in Steyr und 1857 in Wien zu belegen ist, während die Melodie sich in Graz 1855 und Salzburg 1878 findet.

Hier greifen die vier Strophen auf schon bekannte Bilder aus Liedern zur Kreuzverehrung zurück, unter anderem aus dem Hymnus „Vexilla regis prodeunt“: das Kreuz als Baum, an dem der Heiland hing (Str. 1); das Kreuz als Fahne, die den Weg im Kampf anleitet (Str. 2), das Kreuz als Denkmal der Leiden (Str. 3) oder als Siegeszeichen (Str. 4). Wiederum kann das Volk bei diesem Prozessionslied in den Refrain einstimmen, mit dem das Kreuz und damit Christus verehrt wird. Auch hier ist in den letzten beiden Zeilen nicht klar, wer oder was gemeint ist: „Einstmals sehn wir dich verkläret, strahlend gleich dem Morgenstern.“

Probleme in der Anrede

Die beiden schon genannten deutschsprachigen Lieder zeigen ein Problem auf, das sich auch beim Lied „Kreuz, auf das ich schaue“ zeigt. Wer oder was ist letztlich gemeint? Wer oder was wird besungen – das Kreuz oder der, der an diesem Kreuz gehangen ist?

Würde das Kreuz direkt angesprochen und diese Anrede durchgehalten, so müsste die zweite Zeile der ersten Strophe lauten: „stehst als Zeichen da“. Ebenso gibt es eine Unstimmigkeit in der dritten Strophe: Zunächst wird das Kreuz angesprochen, von dem ich weggehe, um dem neuen Tag entgegen zu gehen. Und dann erfolgt die Bitte: „Bleib in meiner Nähe.“ Ist damit nun das Kreuz gemeint, von dem man sich gerade entfernt? Oder wird Christus angesprochen, der uns mit seiner Auferstehung schon in den neuen Tag vorangegangen ist?

Es gehört wohl zum Charakter dieser Kreuz-Lieder, dass sie genau an dieser Stelle etwas ungenau sind. So wird das Kreuz zum Symbol, an dem beides erkennbar wird: der Gekreuzigte, der uns mit seinem Leiden nahe ist und das leere Kreuz, das der Auferstandene zurücklässt, weil er vom neuen Leben zeugt, das uns verheißen ist.

So lädt das Lied zur Betrachtung dieses Geheimnisses ein, wie es mit dieser Aufnahme erfahrbar wird:

Ein evangelisches Lied zur Kreuzverehrung?
Es ist mutig, wenn ein evangelischer Textautor sich an ein Lied wagt, bei dem das Kreuz im Mittelpunkt steht. Denn es war die reformatorische Kritik an der Reliquienverehrung, zum Beispiel der verschiedenen Holzsplitter des Kreuzes Christi, die im evangelischen Bereich den Liedern zur Kreuzverehrung den liturgischen Platz entzog und diese Liedgattung unnötig machte.

Eckart Bücken (*1943), evangelischer Diakon und Textautor, hat 1982 einen solchen Text geschrieben. Der Ausgangspunkt für sein Lied liegt allerdings nicht bei den Liedern zur Kreuzverehrung, sondern an einem ganz anderen Ort. Es lehnt sich an – und grenzt sich zugleich ab – vom Lied „Stern, auf den ich schaue“ (EM 374) von Cornelius Friedrich Adolf Krummacher (1824-1884).

Ähnlich wie bei den Mittelstrophen von „O du hochheilig Kreuze“ werden in diesem Lied in der ersten Strophe viele Metaphern für Jesus – oder ist mit „Herr“ Gott gemeint? – aneinandergereiht: Stern, Fels, Führer, Stab, Brot, Quelle, Ziel. Abschließend und zusammenfassend heißt es dann in der letzten Zeile: „Alles Herr, bist du.“ Damit schließt auch jede weitere Strophe.

In der zweiten Strophe führt jede Langzeile mit „Ohne dich …“ beginnend zu einer Frage, die zum Schluss einmündet in die Feststellung, dass im Glauben, Hoffen und Lieben ebenfalls überall der Herr zu finden ist: „alles, Herr, bist du.“

Schließlich wendet sich die dritte Strophe der Ewigkeit zu. Auf dem Weg dorthin, in die neue Heimat, befindet sich die singende Person. Dort wird ihr Lobgesang enden mit der Feststellung: „Nichts hab ich zu bringen, alles Herr, bist du.“

Wie diese Fülle von Metaphern aus der ersten Strophe wirkt, wenn einem die Bilder direkt vor Augen gemalt werden, zeigt diese Version:

Problematisch geworden ist dieses Lied in der Zeit des Nationalsozialismus und danach geworden, wo man die Liedzeile „Führer, dem ich traue“ nicht mehr einfach so singen konnte.

Bücken übernimmt das Versmaß von „Stern, auf den ich schaue“ und kürzt die Strophe jeweils um die Hälfte. In der ersten Zeile der ersten Strophe tauschte er nur den Stern durch das Kreuz aus. Auch das Reimwort auf „schauen“ bleibt mit „vertrauen“ fast gleich.

In der zweiten Strophe wird das Kreuz vom Orientierungspunkt zum Hoffnungsgeber: In Zeiten der Dunkelheit und der Angst, bricht durch das Kreuz Hoffnung auf. Die Hoffnung wird auch in Krummachers Lied in der zweiten Strophe angesprochen.

Die dritte Strophe blickt in die neue Zeit, die mit dem leer gewordenen Kreuz anbricht. Der neue Tag lässt – anders als die dritte Strophe von  „Stern, auf den ich schaue“ – auch eine Deutung im Diesseits zu. Auf den Wechsel der Anrede vom „Kreuz“ zu dem, der am Kreuz gehangen hat, wurde schon hingewiesen.

Hier noch einmal eine ruhige Version des Liedes mit einem Satz für Querflöte, Orgel und zwei Singstimmen des österreichischen Kirchenmusikers und Lautenisten Hermann Platzer (*1960) aus dem Jahr 2016:

Die Melodie stammt vom ostdeutschen Kirchenmusiker und Organisten Lothar Graap (*1933). Er gehört wie der Textautor zur Gruppe TAKT (Textautoren- und Komponisten-Tagung, Name seit 1997), die sich seit den 1950er Jahren sehr um die Entstehung von Neuen Geistlichen Liedern bemüht hat.

Die ruhige Melodie bewegt sich im Tonraum einer Septime. Das meditative Innehalten des Textes wird im zweitletzten Takt unterstrichen durch den Taktwechsel von Zweihalben auf Dreihalbe, sodass sich die letzten drei Silben einer Strophe verlangsamen.

Zum Abschluss noch einmal Lied und Text mit einer anschließenden Orgelimprovisation von Rainer Noll:

Aus urheberrechtlichen Gründen können hier keine Texte aus dem Gesangbuch der Evangelisch-methodistischen Kirche 2002 abgedruckt werden. Dieses kann jedoch bei blessings4you bestellt werden.

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