Gott bin ich und kein Mann

Faith Impulse

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Esther Handschin

Pastorin, Erwachsenenbildung


Predigt zu Hosea 11,1-11

Gott kann ganz schön emotional werden, besonders wenn es um Erziehungsfragen geht. So könnte man den Abschnitt der alttestamentlichen Lesung aus dem Buch des Propheten Hosea zusammenfassen. Und zugleich ruft sich Gott selbst zur Räson, um nicht von seinen Gefühlen und von seiner Leidenschaft übermannt zu werden. Denn bei allem, was da zwischen Gott und seinem Volk geschehen ist: Er will das Beste für dieses Volk, das er sich in sein Herz geliebt hat. Doch die Realität ist eine andere.

Abgelehnte Liebe und Fürsorge

Das Volk Israel erwidert Gottes Liebe nicht. Andere Götter sind interessanter. Die Israeliten bringen ihnen Opfer dar. Gleich in der Mehrzahl werden diese Götter „Baale“ genannt. Und das Volk schenkt anderen Königen sein Vertrauen. Nicht Jahwe ist König, wie es in so manchem Psalm heißt. Nein, dem König von Assur rennen sie nach. Sie wenden sich von ihrer ersten Liebe ab. Sie haben vergessen, wie Gott sie aus Ägypten herausgeführt und von der Knechtschaft und der Sklaverei befreit hat.

Verweigerte Erziehung, abgewiesene Fürsorge, verletzte Liebe. Nichts von all dem hat genützt, was Gott seinem Volk zukommen lassen wollte. Man gewinnt den Eindruck als hätte man einen Elternteil vor sich, der angesichts seines pubertierenden Teenagers völlig verzweifelt. Was muss ich denn noch tun, damit dieses Kind, das der Teenager noch ist – obwohl er sich schon so erwachsen vorkommt – was muss ich tun, damit er endlich kapiert, dass ich nur zu seinem Besten handle?

Bilder von Frau und Mann

Ich habe an dieser Stelle versucht, möglichst geschlechtsneutral zu formulieren. Denn die Verzweiflung über ein Kind, das zu einem Teenager geworden und so überhaupt nicht einsichtig ist, kann sowohl Mütter als auch Väter an ihre Grenzen bringen. Allerdings ist es in der deutschen Sprache mit dem Gebrauch der Artikel der / die / das gar nicht so einfach, so etwas wie Geschlechtsneutralität zu erreichen. Aber ihr fragt euch sicher, warum es ausgerechnet bei diesem Bibeltext um die Frage männlich oder weiblich gehen soll und welche Erziehungsstrategie erfolgreicher ist, Härte oder Nachgiebigkeit, Strenge oder Liebe.

Ich kenne keinen anderen Text der Bibel, wo die Frage der Übersetzung einzelner Wörter und welche Bilder sie von Gott in meinem Kopf produzieren, eine solche Rolle spielt wie gerade dieser hier. Bevor ich das an zwei Beispielen konkreter ausführe, möchte ich noch kurz darüber nachdenken, wie unsere eigenen Bilder von Mann und Frau, von männlich und weiblich geprägt werden.

Veränderungen in der Wahrnehmung des Geschlechts

Die letzten Jahre und Jahrzehnte haben in dieser Hinsicht einiges an Veränderungen und damit auch an Verunsicherung mit sich gebracht. So sehnen nicht wenige wieder diejenigen Zeiten herbei und fordern sie auch politisch ein, wo noch klar war, dass eine Familie aus Vater, Mutter und Kindern bestanden hat. Es ist noch nicht so lange her, dass Frauen Röcke und lange Haare zu tragen hatten. Und es gibt Länder auf dieser Erde, wo Männer Bärte tragen oder Muskeln trainieren müssen, damit sie echte Männer sind.

Ich gebe es zu: Auch ich bin irritiert, wenn mir auf der Straße jemand begegnet, den oder die ich nicht eindeutig als Mann oder als Frau identifizieren kann. Da muss ich genauer hinschauen, selbst wenn ich mich dafür noch einmal umdrehen muss. 

Etwas weniger nachvollziehen kann ich die Empörung darüber, dass in manchen Ländern der EU im schulischen Rahmen von Elternteil 1 und Elternteil 2 die Rede ist und nicht mehr von Vater und Mutter. Das Phänomen von unvollständigen oder anders zusammengesetzten Familien gab es in der Nachkriegszeit oft genug. Damals sind Kinder eher mit weiblichen Bezugspersonen groß geworden, weil die Väter und Großväter im Krieg gefallen sind.

Eindrücklich ist mir die Herbsttagung in Erinnerung wo wir gelernt haben, dass die geschlechtliche Identität eines Menschen ein sehr kompliziertes Konstrukt ist und sich aus mehreren Ebenen zusammengesetzt, die sich ganz unterschiedlich überlagern und damit jeden Menschen einzigartig machen. Da spielen die Gene mit, aber auch die Hormone, die Erziehung, aber auch das Umfeld, die Prägung durch Vorbilder und die Kultur, in der wir leben. Alles in allem: Die Zeit der einfachen Antworten und der klaren Systeme ist vorbei.

Und dennoch sind die Prägungen und Erwartungen so stark, dass Männer nach wie vor mehr Anerkennung und Bewunderung erhalten, wenn sie auf dem Kinderspielplatz sind. Und umgekehrt wird über Mütter und Frauen gelästert, wenn sie die sogenannte Care-Arbeit, das Sorgen für die Kinder, die Erziehungsaufgaben, die Pflege der Eltern oder die Führung des Haushalts mehrheitlich den Männern überlassen.

Gott bin ich und kein Mann?

Nun aber zurück zum Bibeltext. Welches Bild von Gott wird uns hier vorgezeichnet? Ist es männlich oder weiblich geprägt? Auf die Bereitschaft Gottes den eigenen Zorn über dieses missratene Kind namens „Volk Israel“ einzudämmen, folgt eine Begründung. Damit ruft sich Gott selbst zur Räson und sagt: „Denn ich bin Gott und nicht irgendwer, heilig in deiner Mitte.“ (V9b) So übersetzt – möglichst neutral – die Zürcherbibel. Die Lutherbibel übersetzt wie folgt und streicht damit den Unterschied zwischen Gott und Mensch heraus: „Denn Gott bin ich und nicht ein Mensch, heilig in deiner Mitte.“ Ähnlich die Basisbibel: „Denn ich bin Gott und kein Mensch. Ich bin der Heilige in deiner Mitte.“ Damit unterstreichen beide Übersetzungen: Gott ist anders als wir Menschen. Er ist heilig. Als der Schöpfer schafft er Leben und ist nicht bereit, dieses zu vernichten. Darum schränkt er seinen eigenen Zorn ein und lässt seiner Zerstörungswut nicht einfach so freien Lauf, wie wir Menschen es tun, wenn uns die Leidenschaft überkommt.

Ein Blick in den hebräischen Text und in die Übersetzung der Bibel-in-gerechter-Sprache zeigt allerdings ein etwas anderes Bild: Da wird nicht das Wort für „Mensch“ verwendet, sondern die geschlechtsspezifische Bezeichnung „Mann“: „Denn Gott bin ich nicht ein Mann, in deinem Zentrum eine heilige Größe.“ Wie ist das nun zu verstehen? Wenn Gott kein Mann ist, ist er dann eine Frau? Oder geht es darum, dass Männer ihren Zorn ausleben und Frauen jedoch nicht? Auch hier kann ich nur sagen: Einfache Antworten gibt es nicht. Gott bleibt immer geheimnisvoll und überraschend, ganz anders als ich es erwarte und doch so, dass ich dadurch etwas mehr über mich selbst und das Leben um mich herum erfahre.

Laufen lehren oder stillen?

Bei der anderen Textstelle wird uns ein sehr fürsorgliches Bild von Gott gezeichnet. Da heißt es in Vers 3: „Ich war es, der Efraim das Gehen beigebracht hat – er hob sie auf seine Arme – sie aber haben nicht erkannt, dass ich sie geheilt habe.“ Vor meinem inneren Auge entsteht hier ein anderes Bild. Ich sehe einen Vater mit seinem Kleinkind, das gerade gehen lernt. Es steht zwischen seinen Beinen, die Ärmchen in die Höhe gereckt. Die Fingerchen umklammern einen Finger des Vaters, sodass das Kleinkind seine ersten Schritte in Geborgenheit und geschützt vor Stürzen üben kann. Allerdings stellt sich an diesem Punkt die Frage: Stimmt das Bild mit dem Text überein? Lernt ein Kind das Gehen, wenn man es dann gleich wieder auf die Arme nimmt und trägt?

Auch hier geht es wieder um eine Übersetzungsfrage. Das hebräische Wort an dieser Stelle kommt nur hier vor. Es gibt zwei Möglichkeiten der Übersetzung: „laufen lehren“ oder „stillen“. Bei beiden sehen wir einen Elternteil mit dem Kleinkind, das eine Mal eher den Vater, der dem Kind das Gehen beibringt. Das andere Mal ist es die Mutter, die das Kind auf ihre Arme hebt und es stillt. An dieser Stelle haben sich alle Übersetzungen für das Gehen lernen entschieden. Gott als stillende Mutter war nicht denkbar, da dieses Bild zu ungewöhnlich schien für die biblische Zeit.

Die Kritik des Hosea

Doch so ungewöhnlich war es damals gar nicht. Ausgrabungen aus der Zeit, zu der Hosea gelebt hat, haben eine Fülle von Figürchen und Grabbeigaben zu Tage gefördert, die alle fürsorgliche und nährende Göttinnen darstellten. Zu jener Zeit wusste man um die Notwendigkeit der göttlichen Zuwendung zum Menschen, die sich in dem weiblichen Bild des Stillens und der Pflege von Kleinkindern zeigt. Wenn der Prophet Hosea nun genau dieses Bild aufgreift, so ist das eine Kritik an den Israeliten: Wenn euch die Fürsorge Gottes wichtig ist, dann müsst ihr euch nicht extra Figürchen von Göttinnen herstellen. Jahwe, der Gott Israels, sorgt ebenso treu und fürsorglich für euch. Und nicht erst hier im gelobten Land sorgt er für euch, sondern schon von euren Kindesbeinen an, also noch zu der Zeit, als ihr in Ägypten wart und kaum wusstet, wer dieser Gott Jahwe eigentlich ist.

Welche Bilder haben mich geprägt?

Die Fürsorge Gottes kann auf unterschiedliche Weise ausgedrückt werden, in für uns männlich oder weiblich geprägten Bildern. Gerade in dieser Hinsicht haben wir durch unsere Eltern und Bezugspersonen ganz verschiedene Erfahrungen gemacht. Bilder, die für die einen tröstend oder ermutigend sind, schrecken andere mit einem anderen Erfahrungshintergrund ab. Nicht jedes Bild hilft jedem Menschen in gleicher Weise weiter. Nicht jedes Bild kann das volle Potential entfalten. Wenn wir unsere Ohren und unsere Herzen verschließen, dann erreichen uns weder Worte noch Bilder, sodass sie uns zu Gott und seinem Geheimnis führen können. Es braucht eine bleibende Offenheit, sich immer wieder neu von Gott überraschen zu lassen, damit er zu uns sprechen kann. Amen.

Dieses Lied nimmt das Bild von Gott als der Frau auf, die den verlorenen Groschen sucht (Lukas 15,8-10) und lädt dazu ein, sich selbst als diesen Schatz zu erkennen, der von ihr gefunden wird.

Das Lied ist in "Voices Together", dem Gesangbuch der Mennoniten von USA und Kanada im Jahr 2020 publiziert. Die beiden Autorinnen, Katie Graber (Text) und Anneli Loepp Thiessen (Melodie), waren Mitglieder des Gesangbuchausschusses.

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