Gott ist Liebe. Liebe ist Gott.

Faith Impulse

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Stefan Schröckenfuchs

Pastor, Superintendent


Predigt zu 1. Johannes 4,7-21 „Lasst uns einander lieben.“
Hände formen Herzen

Zum Bibeltext 1. Johannes 4,7-21

Liebe Gemeinde, 

in meiner Kindheit hat meine Mutter oft ein Lied mit mir gesungen. Es geht so: 

„Gott ist die Liebe, lässt mich erlösen, Gott ist die Liebe, Er liebt auch mich. Drum sag ich noch einmal:  Gott ist die Liebe!Gott ist die Liebe, Er liebt auch mich.“ (Text August Diedrich Rische, 1852)

Es ist dieselbe Aussage, die wir auch in 1.Joh 4 gehört haben.Für mich, der ich mit diesem Lied aufgewachsen bin, ist diese Aussage irgendwie selbstverständlich. Spannend ist für mich darum, dass diese Aussage - so und in dieser Eindeutigkeit - nur hier im 1. Joh Brief zu finden ist. 

Wir finden in der Bibel zwar häufig die Aussage, dass Jesus uns als seine Freude liebt:

„Niemand hat größere Liebe als die, dass er sein Leben lässt für seine Freunde.“ in Johannes 15.

Wir finden auch die klare Aufforderung, dass wir Gott und die Mitmenschen lieben sollen. 

„Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all deinen Gedanken. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ in Matthäus 22,37.

Jesus selbst sagt aber nie, dass Gott Liebe ist.

1) Wie kommt Autor des 1. Johannesbriefes zur Aussage „Gott ist Liebe“?

Der 1. Johannesbrief ist relativ spät entstanden, ca. 100 nach Christus. Er blickt also aus einer schon größeren Distanz auf die Geschichte Jesu (70 Jahre). Und aus dieser Distanz stellt er die Frage: Was sagt die Geschichte Jesu über Gott aus?

Das Fazit dieses Nachdenkens ist: Gott ist Liebe. Gott liebt nicht nur (neben anderem). Er ist auch nicht einfach lieb und nett. Gott ist die Liebe selbst. Denn das zeigt sich daran, wie Gott in Jesus gehandelt hat. 

„So ist Gottes Liebe bei uns sichtbar geworden: Gott sandte seinen einzigen Sohn in die Welt, damit wir durch ihn das wahre Leben bekommen. Er hat seinen Sohn gesandt. Der hat unsere Schuld auf sich genommen und uns so mit Gott versöhnt.“

In der 4. Strophe des eingangs erwähnten Liedes heißt es ganz ähnlich: „Er sandte Jesus, den treuen Heiland, er sandte Jesus und macht mich los.“ In der Geschichte Jesu zeigt sich, dass Gott Liebe ist. 

Es zeigt sich daran, dass er uns das gibt, was für einen liebenden Vater das Kostbarste sein muss: seinen Sohn. Der Sohn ist im biblischen Denken allerdings nicht vom Vater zu trennen. Gott schickt nicht einfach jemanden anderen vor, weil er zu feig ist - sondern im Sohn gibt Gott alles, was er hat - er gibt sich damit gleichsam selbst. 

2) Gott schenkt sich uns im Sohn, damit wir „wahres Leben“ haben. 

Wahres Leben, das ist Leben, das gelingt. Leben, das nicht scheitert und nicht sinnlos ist. 

Es gelingt und scheitertet nicht, weil es aus der Gemeinschaft mit Gott gelebt ist. Es gelingt, weil es in der Kraft gelebt ist, die Gott schenkt. Und weil es in Bahnen verläuft, die Gott uns zeigt, verstricken und verheddern wir uns nicht selbst in Unsinnigkeiten.

V.a. ist es Leben, das gelingt, weil es auch mit menschlichem Scheitern und menschlicher Schuld zurecht kommt. Wer sich einmal verrannt hat, ist nicht darauf festgelegt, immer der Schuldige und der Sünder zu sein - mit Jesus  gibt es Wege der Befreiung und des Umgangs mit Schuld. 

So können wir versöhnt mit uns selbst, mit anderen, und auch mit Gott leben - weil das, was trennend im Weg steht, durch Gottes Gnade überwunden und aus dem Weg geräumt werden kann. So kann Leben gelingen. 

Gott ist Liebe. Das zeigt sich darin, dass Gott alles tut, damit unser Leben gelingt. Und Gott tut es von sich aus; ohne unser Zutun. Die Liebe besteht nicht darin, dass wir Gott (zuerst) geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat. Gottes Liebe geht unserer Liebe voraus. 

3) Wenn Gottes Liebe unser Herz erreicht, dann erreicht sie auch, dass wir uns nicht vor Gott fürchten. 

Sich vor Gott zu fürchten ist etwas anderes als Gottesfurcht. Gottesfurcht meint Ehrfurcht, meint Respekt, meint Bereitschaft auf Gott zu hören. 

Sich vor Gott zu fürchten ist etwas ganz anderes. Angst vor Gott steht nämlich einer vertrauensvollen Beziehung zu Gott im Weg. Doch das ist es, was Gott will: dass wir ihm vertrauen, und gern auf ihn hören. Gott will, dass auch wir Gott lieben. Seine Liebe geht unserer Liebe zu Gott voraus. Sie will aber unsere Liebe zu Gott wecken. 

Weil Gott uns liebt, können auch wir Gott lieben.

4) „Ihr Lieben, wir wollen einander lieben.“

Bei allem, was ich gesagt habe, könnte man meinen, es gehe bei alledem nur um die Beziehung zwischen Gott und mir. Meine Beziehung zum Mitmenschen kommt noch gar nicht vor. Gott ist die Liebe, er liebt auch mich - genügt ja auf den ersten Blick irgendwie, oder ? Ist doch auch nett!

Glaube ohne Imperativ? Nun, genau in diesem Punkt unterscheidet sich der 1. Joh. allerdings deutlich von dem Kinderlied. Wer gut hingehört hat, wird sich vielleicht noch erinnern, dass die Lesung mit den Worten begonnen hat: 

„Ihr Lieben, wir wollen einander lieben.“

Es ist interessant, dass die Liebe zum Nächsten hier nicht als Gebot oder mit  imperativ - wir sollen - formuliert ist. Sondern es heißt: wir wollen: 

„Ihr Lieben, wir wollen einander lieben. Denn die Liebe kommt von Gott. Und wer liebt, hat Gott zum Vater und kennt ihn.“

Dies ist nun der eigentlich spannende Punkt an diesem Text. Der 1. Joh argumentiert hier nicht: Gott hat euch geliebt. Also habt ihr gefälligst eure Mitmenschen auch zu lieben. Sondern erzielt auf etwas anderes ab. 

Er sagt: Gott ist die Liebe selbst. Dass das so ist, zeigt sich in der Geschichte von Jesus. Gott ist die Liebe selbst; er liebt uns, und er möchte geliebt werden.Die Liebe sehnt sich stets danach, geliebt zu werden.

Nun stellt sich aber für uns Menschen, die wir Gott nicht sehen können, die Frage, wie denn das geht? Wie liebe ich Gott? Wie kann ich lieben dich mein Gott? 

„Niemand hat Gott jemals gesehen. Aber wenn wir einander lieben, bleibt Gott mit uns verbunden.“ … „Gott ist Liebe. Und wer in der Liebe lebt, ist mit Gott verbunden, und Gott ist mit ihm verbunden.“

Die Liebe zum Mitmenschen ist hier nicht als moralische Forderung formuliert wie: „Sieh doch, was Gott alles für dich getan hat. Sogar seinen eigenen Sohn hat er für dich hergegeben. Da kannst du doch nicht so kleinlich sein und deinen Mitmenschen nicht mögen.“

Um Moral geht es hier nicht, jedenfalls nicht in erster Linie. Sonder es geht um die Frage, wie wir unsere Beziehung zu Gott pflegen. Wenn Gott Liebe ist, dann bin ich immer dann mit Gott in Beziehung, wenn ich selbst liebe. Nächstenliebe ist hier keine moralische Forderung, sondern es ist ein Gnadenmittel, durch das ich mit Gott in Beziehung treten kann. 

„Wenn wir einander lieben, bleibt Gott mit uns verbunden. Dann hat seine Liebe in uns ihr Ziel erreicht.“

5) Erst auf dieser Basis ergibt sich die Forderung zu lieben - und zwar für die, die für sich in Anspruch nehmen, Gott zu lieben: 

„Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat. Wer behauptet: »Ich liebe Gott!«, aber seinen Bruder und seine Schwester hasst, ist ein Lügner.

Denn wer seine Geschwister nicht liebt, die er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht. Dieses Gebot hat uns Gott gegeben: Wer ihn liebt, soll auch seine Geschwister lieben.“

„Wer liebt, hat Gott zum Vater und kennt ihn.“

Gott ist Liebe - das heißt auch: Liebe ist Gott. Liebe hat göttlichen Charakter, und für den, der Gott liebt, wird sie damit von selbst zum obersten Gebot.  Im Umkehrschluss heißt das aber wohl auch: 

6) Niemand, der auch nur einen Funken Liebe in sich trägt, ist gänzlich fern oder völlig getrennt von Gott. 

Wer auch nur einen Funken Liebe in sich trägt, der trägt auch einen Funken Gottes in sich. 

Je mehr wir lieben, desto näher kommen wir Gott. Und je mehr wir Gott in unsere Herzen lassen, desto fähiger werden, unsere Mitmenschen zu lieben. Beides hat miteinander zu tun - es sind zwei Seiten derselben Medaille. 

Darum lasst uns einander lieben. Damit wir Gott immer näher kommen.

Amen 

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