Gerechtigkeit und Frieden küssen sich

Faith Impulse

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Esther Handschin

Pastorin, Erwachsenenbildung


Predigt zu Psalm 85, gehalten in der Evangelischen Pfarrgemeinde Weisselgasse

Psalm 85 (Übersetzung von Erich Zenger)

1Für den Chorleiter. Von der Korachiten.

2Du hast Gefallen gefunden an deinem Land.

Du hast wiederhergestellt den Ur-Anfang Jakobs.

3Du hast vergeben die Schuld deines Volkes.

Du hast zugedeckt all ihre Sünde.

4Du hast zurückgezogen deinen Grimm.

Du hast dich abgewandt von der Glut deines Zorns.

5Stelle uns wieder her, Gott, unseres Heils,

und brich dein Zürnen mit uns.

6Ob du uns auf ewig zürnen willst,

hinziehen willst deinen Zorn von Geschlecht zu Geschlecht?

7Ob du uns nicht wieder beleben willst,

dass dein Volk sich freue an dir?

8Lass uns sehen, HERR, deine Güte

und dein Heil gib auf uns.

9Ich will hören, was Gott redet,

der HERR, fürwahr, er redet Frieden

zu seinem Volk und zu seinen Getreuen,

doch sie sollen nicht zurückkehren zur Torheit.

10»Wahrlich, nahe ist denen, die ihn fürchten, sein Heil,

dass die Herrlichkeit wohne in unserem Land.

11Güte und Treue/Wahrheit sind sich begegnet!

Gerechtigkeit und Frieden haben sich geküsst/bekämpft.

12Treue sprosst aus der Erde hervor,

und Gerechtigkeit schaut hernieder vom Himmel.

13Ja, der HERR gibt Gutes,

und unser Land gibt seinen Ertrag.

14Gerechtigkeit geht vor seinem Angesicht her.

Und Frieden folgt dem Weg seiner Schritte.«

 

Erinnerungen an früher

Seit diesem Sommer reden mein Mann und ich hin und wieder über das Älterwerden. Woran ist es erkennbar? Ja, sicher auch an den grauen Fäden, die sich durchs Haar ziehen und den Knochen, die in der Früh nicht in Schwung kommen wollen. Aber da sind auch noch einige jahreszeitliche Erinnerungen, die auf einmal von „früher“ ­– was auch immer das war – schwelgen lassen: Als am 31. Oktober noch der Reformationstag gefeiert wurde und nicht Halloween. Früher: als die Lebkuchen im November und nicht schon Ende August in den Regalen zu finden waren. Früher: als der Advent tatsächlich mit dem 1. Advent begann und nicht schon mit dem Aufbau der Weihnachtsmärkte Ende Oktober. Früher: als man am Heiligen Abend nicht schon gesättigt war von Weihnachtskeksen und Weihnachtsliedern, sondern sich von Herzen freuen konnte auf die weihnachtliche Freudenzeit.

Für manche unter uns mag das Erinnern an früher auch etwas kürzer zurück sein, aber doch Nostalgie hervorrufen. Vor Corona: als man sich zur Begrüßung noch die Hand gegeben und nicht Fäuste geballt oder Ellbogen gespitzt hat. Vor Corona: als man ohne Angst vor Infektionsgefahr in der Wärme beieinandersitzen konnte zum Kirchenkaffee. Vor Corona: als man im Gottesdienst noch ohne Masken sitzen, lauthals und frei heraus singen durfte. Vor Corona: als Kulturgenuss und Sportveranstaltungen noch ohne Kontrollen, Testen und Gurgeln möglich waren.

Für andere findet die Erinnerung an früher aber auch im Denken in größeren Zusammenhängen statt. Ein Sommer wie damals, das war ein Sommer mit ordentlicher Wärme, aber ohne Hitzewellen. Die Bäume standen voller Laub, ohne dass man ihnen den Mangel an Wasser angesehen hat. Und auch wenn die Insekten da und dort eine Plage waren, so wiesen sie uns doch auf die Vielfalt der Arten hin und nicht auf die zunehmende Ausrottung der Tiere.

Gott an früher erinnern

Damals: daran erinnern auch die Worte von Psalm 85. Eindringlich wird Gott an das erinnert, was er für das Land und sein Volk Israel getan hat:

            Du hast Gefallen gefunden an deinem Land.

            Du hast wiederhergestellt den Ur-Anfang Jakobs.

            Du hast vergeben die Schuld deines Volkes.

            Du hast zugedeckt all ihre Sünde.

            Du hast zurückgezogen deinen Grimm.

            Du hast dich abgewandt von der Glut deines Zorns.

Ist Gott so gedächtnis- und erinnerungslos, dass die Menschen ihm vortragen müssen, was er alles schon getan hat?

Der Abschnitt endet mit einer eindringlichen Aufforderung:

            Stelle uns wieder her, Gott, unseres Heils,

            und brich dein Zürnen mit uns.

Wer Gott so an sein Handeln zum Heil der Menschen erinnern muss, steckt in der Regel in einer sehr unheilvollen und bedrängenden Situation. Dazu gab es für das Volk Israel immer wieder Anlass. Die Bündnispolitik mit den Völkern in der Nachbarschaft führte dazu, dass Israel die politische Eigenständigkeit verlor und harte Steuern und Abgaben zahlen musste. Es führte auch zur Deportation nach Babylon, in die Fremde fern der Heimat. Kriege zogen über das Land und verwüsteten es. Das brachte Teuerung und Hunger mit sich. Und über die Jahrhunderte hinweg wird es auch Seuchen gegeben haben, wie wir gerade eine erleben. Es gab also genug Anlass sich von Gott verlassen und vernachlässigt zu erfahren oder wie es die Sprache der Bibel sagt: „dem Zorn Gottes ausgeliefert zu sein“.

Gottes Zorn

Kein Wunder also, dass im Psalm gerade dieser Zorn Gottes in Frage gestellt wird:

            Ob du uns auf ewig zürnen willst,

hinziehen willst deinen Zorn von Geschlecht zu Geschlecht?

            Ob du uns nicht wieder beleben willst,

            dass dein Volk sich freue an dir?

In diesen Fragen steckt die Suche nach anderen Möglichkeiten, die Beziehung zwischen Gott und seinem Volk zu gestalten. Es ist das Wissen darum, dass diese Beziehung auch anders gelebt werden kann, als sie gegenwärtig erfahren wird. Es ist die Sehnsucht, dass es auch wieder Momente der Freude und des Glücks geben möge. Und darum heißt es weiter:

            Lass uns sehen, HERR, deine Güte

            und dein Heil gib auf uns.

An dieser Stelle gilt es etwas zu sagen zu diesem biblischen Ausdruck des Zornes Gottes. Ich habe dies in einer Bibelstunde in Floridsdorf anhand eines Farbenspiels erläutert. Wenn ich dem Zorn eine Farbe geben würde, so wäre sie bestimmt rot. Und wenn ich der Liebe eine Farbe geben würde, so wäre sie auch rot. Die Farbe Rot zeigt uns etwas vom brennenden Herz Gottes für die Menschen, wie es Bischof Michael Chalupka gerne formuliert. Der Zorn Gottes, das ist nichts anderes als die Kehrseite der Liebe und die Leidenschaft Gottes für die Menschen. Es ist ihm nicht egal, dass wir Menschen auf seine Liebe nicht wiederum mit Liebe und Hingabe antworten. Es ist Gott nicht egal, dass wir Menschen lieber das Grau der Gleichgültigkeit und der Wurschtigkeit, wie man in Österreich gerne sagt, wählen. Was Gott möchte, das ist, dass wir mit ihm in Beziehung bleiben; dass wir auf seine Liebe antworten mit Lobpreis und Dank; dass wir unsere Hingabe zu ihm zeigen durch die Bereitschaft seine Gebote zu befolgen und seinen Willen zu tun.

Im Gebet an Gottes Handeln erinnern

An dieser Stelle möchte ich aber auch darauf eingehen, was ich vorhin die Gedächtnis- und Erinnerungslosigkeit Gottes genannt habe. Mir kommt es nicht so vor, als sei es Gott, der an Gedächtnisschwund leidet. Vielmehr wir es sind, die uns nicht daran erinnern können, was Gott schon alles getan hat und tut. Dazu eine Erfahrung meinerseits, die meine Art des Betens verändert hat. Oft habe ich an Gott einfach meine Appelle gerichtet: Tu dies, tu das. Ich habe ihm gesagt, was mich stört, was mich schmerzt, was mich belastet und beschwert, um wen ich mir Sorgen mache. Von jemand anderem habe ich ein anderes Beten gelernt. Er hat Gott daran erinnert, was er schon alles getan hat. Er hat Gott und sich selbst an die Geschichten der Bibel erinnert, wo Gott schon etwas getan hat. Und er hat die Erwartung ausgesprochen, dass Gott wieder so handeln wird. Steckt nicht im Anfang dieses Psalm eben gerade ein solches Erinnern an Gottes Wirken zum Heil von uns Menschen? Und verändert nicht ein solches Erinnern unsere Perspektive auf das, was uns belastet, schmerzt und was uns Sorgen macht? Denn wenn ich mich an Gottes Handeln in früherer Zeit erinnere, so stärkt es meine Gewissheit und mein Vertrauen auf Gottes Handeln auch in der Gegenwart. Und wenn ich es Gott zutraue, dass er auch in Zukunft handeln wird, so fängt die Zukunft an meine Gegenwart zu verändern. Das zeigt uns die Fortsetzung von Psalm 85.

Ein Blick in die Zukunft

Die Wende wird eingeleitet mit einer Aufforderung an sich selbst:

            Ich will hören, was Gott redet,

            der HERR, fürwahr, er redet Frieden

            zu seinem Volk und zu seinen Getreuen,

            doch sie sollen nicht zurückkehren zur Torheit.

Nun geht es nicht mehr um das Volk allgemein und wie es sein Ergehen erlebt. Jetzt kommt es auf den Einzelnen und die Einzelne an: „Ich will hören, was Gott redet.“

Die Rede Gottes, das ist ein prophetisches Bild, das entworfen wird, ein Bild, das einen Blick auf unsere Zukunft wirft. Es erzählt von vier Begriffen, die hier wie Gestalten genannt und dargestellt werden. Es sind das die Güte, die Treue oder – wie man auch sagen könnte – die Wahrheit, die Gerechtigkeit und der Frieden. In der hebräischen Sprache und dem damit verbundenen Denken haben diese vier Begriffe alle etwas zu tun mit einem guten und vertrauensvollen Zusammenleben. Es geht darum, wie eine Gesellschaft gut gestaltet werden kann. Damit sind nicht nur die Menschen gemeint. Gerade der Frieden, der biblische Schalom weist über die menschliche Welt hinaus auf das Zusammenleben mit den Tieren und auf die Schöpfung als gesamten Lebenszusammenhang hin. Und es ist wichtig, dass alle vier Begriffe vorkommen ohne dass einer fehlt. Denn was wäre Güte und Liebe ohne Wahrheit, was wäre Gerechtigkeit ohne Frieden und umgekehrt.

Güte und Treue, Gerechtigkeit und Frieden

Diese vier Gestalten sitzen nicht irgendwo herum und warten, bis sie sich breit machen können. Sie haben sich vielmehr zusammengetan, um als Wegbereiter und Begleiter Gottes unterwegs zu sein, um Gottes Heil für uns Menschen Wirklichkeit werden zu lassen:

            Wahrlich, nahe ist denen, die ihn fürchten, sein Heil,

            dass die Herrlichkeit wohne in unserem Land.

            Güte und Treue/Wahrheit sind sich begegnet!

            Gerechtigkeit und Frieden haben sich geküsst.

Zu letzterem ist zu sagen, dass man dieses Wort nicht nur mit „geküsst“, sondern auch mit „bekämpft“ übersetzen kann. Das sagt uns auch unsere menschliche Erfahrung: Nicht immer, wo wir uns für Gerechtigkeit einsetzen, geht es so leicht wie bei einem Kuss. Manchmal ist es ein Ringen und Kämpfen bis sich die Gerechtigkeit auch mit Frieden einstellt. Manchmal ist es anfangs ein Kampf und erst das Ende bringt den Kuss. Kämpfen, ringen, küssen: Sie gehören alle zum gleichen Vorgang, bezeichnen aber unterschiedliche Punkte dabei.

Erich Zenger, dessen Übersetzung des Psalms ich gefolgt bin, sagt es so: „Wo es echten Streit um die Wahrheit gibt, ohne dass daraus Krieg wird, ist das Heil Gottes im Kommen. Wo die Leidenschaft der Güte entbrennt, ohne dass darüber die Treue vergessen wird, ist das Heil Gottes im Kommen. Wo für Gerechtigkeit gekämpft wird, ohne dass die Barmherzigkeit auf der Strecke bleibt, ist das Heil Gottes im Kommen.“

Ringen um Gerechtigkeit und Frieden

Vielleicht merken wir es gerade in diesen Zeiten im Ringen um faire und gerechte Regeln für Geimpfte und Ungeimpfte, wie nötig wir das Zusammentreffen von Güte und Treue, Gerechtigkeit und Frieden haben. Und vielleicht merken wir es gerade in diesen Zeiten, wo die Weltpolitik um Maßnahmen für verträgliche Temperaturen auf dieser Erde ringt, dass Güte und Wahrheit, Gerechtigkeit und Frieden zusammen gehören.

Darum ist es gut und wichtig, auf den Schluss des Psalms zu hören:

            Treue sprosst aus der Erde hervor,

            und Gerechtigkeit schaut hernieder vom Himmel.

            Ja, der HERR gibt Gutes,

            und unser Land gibt seinen Ertrag.

            Gerechtigkeit geht vor seinem Angesicht her.

            Und Frieden folgt dem Weg seiner Schritte.

Wo Treue, Gerechtigkeit und Frieden in einer Gesellschaft Platz finden, da kann sich Güte entfalten, da kann das Land, da können die Menschen Gutes hervorbringen und der Segen Gottes wirkt sich aus. Amen.

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