Bildung verändert den Menschen

Faith Impulse

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Bernhard Lasser

Laienprediger


Predigt über den Schulanfang, und was Bildung mit den Menschen macht

Podcast

Hier können Sie die Predigt als Podcast anhören: 

Predigttext: Römerbrief 12,1–21

Liebe Gemeinde,

passend zum Schulanfangsgottesdienst möchte ich heute in der Predigt mit euch über Bildung und über unseren Auftrag als Kirche nachdenken. Unsere Kirche hat sich auch bei der letzten Jährlichen Konferenz, das ist die methodistische Synode, intensiv damit beschäftigt, eine aktuelle Grundlage für Pädagogik und Bildung in unserer Kirche zu entwickeln.

Bildung bedeutet eine Auseinandersetzung mit der Umwelt. Die Umwelt wird kennen gelernt, man findet sich darin immer besser zurecht. Man lernt die Umwelt zu verstehen, z.B. lernen die Kinder in Schule lesen und rechnen, womit sie sich wesentlich besser in der Welt zurechtfinden können. Sie können damit verstehen und nachvollziehen, was andere Menschen geschrieben oder berechnet haben. Für ein solches Lernen könnten auch noch viele weitere Beispiele angeführt werden. Bei der Bildung geht aber nicht nur darum, die Umwelt möglichst genau durch Lernen zu erfassen. In der Bildung stellt sich die Frage, was das Gelernte für den Menschen bedeutet. Was bedeutet es für den einzelnen Menschen, etwas gelernt zu haben? Wie wirkt es sich auf die Gestaltung des eigenen Lebens aus? Bildung verändert den Menschen. Der Mensch wird nicht nur von der Umwelt beeinflusst, er hat auch einen Einfluss auf die Umwelt. Letztendlich wird die Umwelt ja auch von Menschen gestaltet. Die Umwelt wirkt also auf den Menschen, der Mensch aber auch auf die Umwelt.

Paulus schreibt an die Gemeinde in Rom über seine Zeit: „Und passt euch nicht dieser Zeit an. Gebraucht vielmehr euren Verstand in einer neuen Weise und lasst euch dadurch verwandeln. Dann könnt ihr beurteilen, was dem Willen Gottes entspricht: Was gut ist, was Gott gefällt und was vollkommen ist.“[1] In einer anderen Übersetzung heißt es: „Gleicht euch nicht dieser Welt an […].“[2] Paulus' Maßstab ist, was Gott gefällt, nicht wie in der Welt und in seiner Zeit gehandelt wird. Es geht nicht darum, etwas unkritisch aus der Umwelt zu übernehmen. Für Paulus ist die Umwelt keine Richtschnur für das Handeln der Christinnen und Christen, wir sollen uns an Gott orientieren und nicht an den Zuständen in der Welt.

Paulus beginnt mit der Aufforderung sich an Gott und nicht an der Welt zu orientieren einen neuen Abschnitt in seinem Brief an die Gemeinde in Rom. Sich nicht der Welt anzupassen bedeutet Freiheit. Diese Freiheit befreit von weltlichen Maßstäben. Wir sind in der Welt, aber nicht von der Welt. Die Welt und ihre Kriterien wie Macht oder Herrschaft nicht zu übernehmen bedeutet eine Freiheit, das eigene Leben anders zu gestalten. Es ist eine Aufforderung, anders zu leben als das im Rom der damaligen Zeit üblich war. Diese Freiheit ist nicht einsam, sie bringt Menschen zusammen. Christen und Christinnen, Jüdinnen und Juden und verschiedene Völker. Der Umgang miteinander ist nicht orientiert am Umgang miteinander in der Welt. Der Maßstab ist die Liebe Gottes, die allen Menschen gilt.

Diese Veränderung des Lebens, sich nicht mehr der Welt anzupassen, hat Paulus selbst in der Begegnung mit Gott erfahren. Es handelt sich dabei um eine Erfahrung, die sein Leben komplett verändert hat. Sein früherer Name war Saulus. Er war ein Verfolger der frühen Christen und Christinnen, da sie sich für sein Verständnis nicht genau genug an die Gesetze hielten. So bekam er den Auftrag, auch in Damaskus diejenigen einzusperren, die den damals so genannten neuen Weg verfolgten. Auf dem Weg nach Damaskus umstrahlte ihn plötzlich ein starkes Licht und eine Stimme fragte ihn: „Saul, Saul, was verfolgst du mich?“[3] Auf Sauls Rückfrage erklärte die Stimme: „Ich bin Jesus, den du verfolgst.“[4] Saulus konnte danach drei Tage lang nichts sehen und auch nicht essen und trinken. Es war eine dramatische Erfahrung, die Saulus da machte. Aus dieser Erfahrung heraus gestaltete er sein ganzes Leben neu und anders. Dennoch blieb auch Paulus ein Mensch mit Ecken und Kanten.

Er hat erkannt, dass die richtige Ausrichtung für sein Leben die auf Gott ist. Es geht nicht darum, anderen Menschen zu folgen, als wären diese Götter, oder selbst wie Gott sein zu wollen. Die Ausrichtung des eigenen Lebens an Gott führt zur Anerkennung aller Menschen als seine Geschöpfe, seine Ebenbilder. In jedem Menschen konnte Paulus so das Ebenbild Gottes sehen, einen von Gott geliebten Menschen. Die Erfahrung, die Saulus zu Paulus gemacht hat, veränderte sein Denken zutiefst. Die Veränderung des Namens zeigt, wie drastisch sein Leben verändert wurde. Paulus ließ sich ein auf diese Veränderung, auf einen Weg mit Gott.

Das neue Denken konnte Paulus nicht aus sich heraus wirken, es kommt aus der Erfahrung Gottes, die verbunden ist mit Jesus. Diese Erfahrung, die Paulus gemacht hat, hat ihn stark verändert. Paulus ruft die Gemeinde in Rom zu einem neuen Denken und Handeln auf. Dieses ist davon bestimmt, dass die Menschen Gott und Jesus erfahren haben, und sei es nur durch Erzählungen.

Paulus gibt viele Anregungen, wie miteinander umgegangen werden soll. Sie spiegeln sein Verständnis eines Umganges miteinander, der von der Liebe Gottes zu den Menschen geprägt ist. Die Liebe Gottes soll also im Umgang miteinander in der Gemeinde und auch in die Welt hinaus sichtbar werden.

Zunächst soll der Umgang miteinander von aufrichtiger Liebe geprägt sein. Eine weitere Aufforderung von Paulus ist: „Seid jederzeit gastfreundlich.“ Oder: „Freut euch mit den Fröhlichen. Weint mit den Weinenden.“ „Vergeltet Böses nicht mit Bösem.“ „Lebt mit allen Menschen in Frieden – soweit das möglich ist […].“ Eine andere Aufforderung ist: Verzichtet auf Rache. Paulus beendet diese Reihe an Aufforderungen mit: „Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse durch das Gute!“[5]

Es handelt sich dabei um eine Mischung von Aufforderungen und Beschreibungen. Paulus verlangt nicht nur, wie Christen und Christinnen miteinander und mit weiteren Menschen umgehen sollen. Er beschreibt auch einen Umgang miteinander, den er kennen lernen durfte.

Helmut Gollwitzer hat darüber gepredigt: „Nur der Geliebte kann lieben, – so gründet unser Lieben im Evangelium von Gottes Liebe zu uns. […] Wir sind Geliebte, damit wir lieben; wir sind weltüberwindend geliebt, damit es zu einem weltverändernden Lieben kommt.“[6]

Paulus spricht meistens mehrere Menschen an. Es geht hier nicht um Ansprüche an den oder die Einzelne, sondern es geht um einen gemeinschaftlichen Umgang miteinander. Die Gemeinde ist eine neue Form des Zusammenlebens. Die Liebe untereinander wird beschrieben wie die von Geschwistern. Diese Liebe wird zum Maßstab um Gut und Böse voneinander unterscheiden zu können. Die Liebe untereinander ist das, was die Gemeinde von der römischen Gesellschaft unterscheidet.

Die Welt ist anders eingeteilt. In ihren Kriterien spielt eine geschwisterliche Liebe meistens keine Rolle. Die Welt, die Paulus kennt, ist eingeteilt in Herren und Sklaven, Männer und Frauen, arm und reich und verschiedene Religionen und Kulturen. In der Gemeinde sollen diese Kategorien der Welt unbedeutend werden. So schreibt Paulus im Galaterbrief: „Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus.“[7] Ein Umgang miteinander wie er in der römischen Welt üblich ist, ist somit nicht mehr möglich.

Wenn ich heute auf die Kirche schaue, dann löst der Brief des Paulus an die Gemeinde in Rom bei mir Verlegenheit, aber auch Hoffnung aus. Die Kirche ist Teil der Welt. Der Aufforderung von Paulus, sich der Welt nicht anzupassen, wird manchmal nachgekommen, oft aber auch nicht. Bei vielen Debatten, die heute in der Kirche geführt werden, wundere ich mich. Es wird viel argumentiert, aber von geschwisterlicher Liebe ist wenig zu erkennen. Auf der anderen Seite habe ich hier – z.B. beim Kirchenkaffee – einen Umgang miteinander erleben dürfen, der mich an die Liebe Gottes erinnert hat. Wo Menschen einander zuhören, einander zu verstehen versuchen und helfen, wo sie können. Wo mit den Lachenden gelacht und mit den Weinenden geweint wird. Mehrmals habe ich mich da auf diese Art und Weise angenommen gefühlt. Auch die Kinderwoche gibt mir da Hoffnung. An einem der Tage haben wir das Thema Nächstenliebe besprochen. Dabei haben mir die Kinder erklärt, dass jeder Mensch der oder die Nächste sein kann, die von Gott geliebt wird. Sie haben mir auch erklärt, dass Liebe bedeutet, wer anderer ist mir wichtiger als ich selbst. Es ist beeindruckend, was unsere Kinder wissen, und es ist schön, von ihnen lernen zu können. Wir können von den Kindern lernen und sie können von uns lernen. So können wir voneinander lernen, wir bilden eine Lerngemeinschaft. Und im Umgang miteinander – so wie die Kinder Liebe beschrieben haben – sind wir nicht der Welt und ihren Zuständen unterworfen, wir können uns stattdessen an der Liebe Gottes orientieren.

Amen.


 

Quellenangaben:

[1] Röm 12,2, Basisbibel.

[2] Röm 12,2 Einheitsübersetzung.

[3] Apg 9,4, Lutherbibel 1984.

[4] Apg 9,5, Lutherbibel 1984.

[5] Alle Zitate in diesem Abschnitt sind aus Röm 12,9–21, Basisbibel.

[6] Helmut Gollwitzer, Anfang einer neuen Gesellschaft. In: Ders.: Veränderung im Diesseits. Politische Predigten. München 1973, S. 130–138, hier: S. 132.

[7] Gal 3,28, Lutherbibel 1984.

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