Berühren und sich berühren lassen

Faith Impulse

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Esther Handschin

Pastorin, Erwachsenenbildung


Eine Predigt zu Markus 5,21-43

Zwei Frauen, miteinander verbunden

Das Schicksal zweier Frauen steht im Zentrum der Geschichte des heutigen Evangeliums. Ihre Lebensgeschichten werden in dieser Erzählung auf besondere Weise miteinander verknüpft und ineinander verwoben. Die eine der beiden Frauen ist noch sehr jung, ein Mädchen eigentlich und an der Schwelle, eine Frau zu werden. Die andere ist schon älter, wohl in der Lebensmitte und leidet seit zwölf Jahren an durchgehendem Blutfluss. Das ist gerade so lange, wie das Mädchen alt ist. In einer Gesellschaft, wo Menschen, die mit Blut in Berührung gekommen sind, vom Kontakt mit anderen Menschen ausgeschlossen werden, weil sie als unrein gelten, kommt eine solche Erkrankung dem sozialen Tod gleich. Denn mit wem sollte die Frau in der Lebensmitte zusammenkommen, ohne die religiösen Gebote zu übertreten? Das Gebot, das eigentlich dem Schutz der Frau gilt in den Tagen, wo sie sich besonders verletzlich fühlt und sich deshalb gerne zurückzieht, dieses Gebot hat die Frau in die Isolation geführt.

Noch etwa verbindet die beiden Frauen. Sie haben beide keinen Namen. Das Mädchen ist die Tochter des Jairus, des Synagogenvorstehers. Sie wird über ihren Vater definiert. So wie viele andere Frauen ihre Identität über einen Mann gewinnen: die Tochter von …, die Ehefrau von …, die Mutter von …

 Es ist selten in den Evangelien, dass die Schicksale zweier Menschen, die Jesus begegnen, so eng miteinander verbunden sind, dass die Heilung der einen und die damit verbundene zeitliche Verzögerung, den Tod der anderen bedeutet. Der Erleichterung des Lebens der einen Frau steht der Tod des Mädchens auf der anderen Seite gegenüber. Leben wird auf Kosten von anderem Leben gelebt. Das gibt der Geschichte eine besondere Dramatik und lässt uns noch einmal genauer hinschauen auf das, was den beiden Frauen gemeinsam ist.

Das Leben der einen gegen das Leben der anderen

Das Mädchen ist auf den Tod hin krank. Der Vater – als Synagogenvorsteher sicher ein angesehener Mann – begibt sich in letzter Hoffnung zu Jesus. Der wird doch seine Tochter heilen können. Unterwegs kommt es zur Begegnung mit der Frau in der Lebensmitte: Auch sie hat ihre Hoffnung auf Jesus gesetzt. Aber sie wagt es nicht, Jesus direkt anzusprechen. Nur von hinten nähert sie sich ihm. Die Begegnung geschieht im Verborgenen. Nur das Kleid möchte sie berühren, nicht Jesus als Person. Sie schämt sich und entschuldigt sich bei Jesus, als er ihr Handeln bemerkt. Durch diese Begegnung verzögert sich der Gang ins Haus des Synagogenvorstehers. Sie werden vom Klagegeschrei über den Tod des Mädchens empfangen. Zu spät, denken wir uns. Weil Jesus das Leben der einen Frau erleichtert und ihr hilft, muss die andere sterben. Das Leben der einen steht gegen das Leben der anderen.

Da wirkt die Auferweckung des Mädchens durch Jesus wie ein erlösendes Durchbrechen dieses Kreislaufs und wir atmen erleichtert auf: Beide Frauen dürfen leben. Beide Frauen erfahren Heilung und Heil. Beide Frauen kehren ins Leben und in die Lebensbeziehungen zurück.

Wer braucht Hilfe?

Jesus ist in dieser ganzen Geschichte ein gefragter Mensch. Der Synagogenvorsteher will etwas von ihm, die Volksmenge bedrängt ihn, die Frau mit dem Blutfluss kommt in seine Nähe, die Jünger sind auch noch da. Überall sind Menschen, bedürftig nach Begegnung und Zuwendung. Wie soll er ihnen allen gerecht werden? Wer hat ihn besonders nötig? Wer braucht ihn am dringendsten? Durch die Pandemie haben wir gelernt, was in jedem Erste-Hilfe-Kurs Thema ist: Wer braucht am dringendsten Hilfe? Auf wen muss ich den Blick richten, auch wenn er oder sie nicht am lautesten schreit?

Von da her überrascht es, dass Jesus sich der Frau in der Lebensmitte zuwendet. Nach unserem Ermessen wäre doch die Hilfe für ein sterbenskrankes Mädchen dringender. Einerseits liegt sie im Sterben, andererseits hat sie das Leben noch vor sich. Jesus aber wendet sich der Frau auf dem Weg zu, schenkt ihr Zeit und Begegnung. Er handelt nach dem Grundsatz, dass man einander nicht im Vorübergehen wahrnehmen kann. Im Eilschritt ist keine Begegnung möglich.

Aus Begegnung wird Beziehung

Die Begegnung, die Berührung, die sich zwischen den beiden ereignet, gleicht einem zarten Hauch und doch einem starken Sturm. Mitten in der Menge der Leute wagt es die Frau, das Gewand von Jesus zu berühren. Man müsste meinen, dass dies kaum wahrnehmbar wäre, ein Windhauch eben nur. Aber nein: Zwischen den beiden wirkt die heilende Kraft in einer Stärke, die Jesus genauso spürt wie die Frau. Es ist eine Kraft, die das Leben verändert. Aus einer Begegnung wird Beziehung: Jesus bleibt stehen. Er nimmt die Frau wahr. Ohne Aufforderung offenbart sie sich ihm: Ich habe dein Gewand berührt. Ich habe meine ganze Hoffnung auf dich gesetzt. Ich wollte geheilt werden von meiner Krankheit. Da wird deutlich, was ihr Beweggrund war: Der Glaube, ihr Vertrauen. Und so spricht es Jesus dann auch aus: Dein Glaube hat dich gesund gemacht. Die heilende Kraft liegt in dir. Es ist dein Glaube, dein Vertrauen, dass dich ein anderer retten kann.

Jesus macht die Beziehung deutlich in der Art wie er die Frau anspricht: Meine Tochter. Zu einer wildfremden Frau, von der er nicht einmal den Namen kennt, sagt Jesus: Meine Tochter. Damit gibt er der Frau zu verstehen: Du bist nicht irgendeine Frau, du bist nicht ein Fall von vielen Fällen. Nein, du gewinnst deine Identität durch mich. Als meine Tochter nehme ich mich deiner Sache an. Uns verbindet eine Beziehung, eine Geschichte, die wir miteinander erlebt haben. Damit holt Jesus diese Frau, die durch ihre Krankheit jahrelang ohne Kontakt zu anderen Menschen und in Beziehungslosigkeit leben musste, wieder hinein in die Gemeinschaft der Menschen. Er übt mit ihr ein, was sie in der Zeit der Krankheit nicht mehr pflegen konnte. Die Heilung umfasst mehr als das Gesundwerden des Körpers. Auch die Beziehungen zu den Menschen und zu Gott brauchen Heilung.

Auch was das Mädchen des Synagogenvorstehers betrifft, so geht es um eine Tochter. Die Geschichte bringt es mit sich, dass wir die Tochter als verloren glauben müssen. Die Krankheit hat gesiegt, der Tod hat Einzug gehalten, so teilen es die Verwandten, Nachbarn und Freunde dem Vater mit. Doch Jesus gibt sich damit nicht zufrieden. Er ermutigt den Vater: Fürchte dich nicht, glaube nur! Auch damit wächst eine Beziehung. Jesus betritt das Haus und schickt alle anderen bis auf die Eltern hinaus. Nur drei seiner Jünger nimmt er mit. Nicht in aller Öffentlichkeit wie bei der Frau soll seine Kraft wirken. Dieses Mal geschieht es im Verborgenen, innerhalb des engsten Familienkreises. Das Mädchen kann sich nicht mehr rühren. Dieses Mal geht die Berührung von Jesus aus. Er ergreift die Hand des Mädchens: Steh auf! Talita kum! Wende dich dem Leben zu. Kehre wieder zurück in die Gemeinschaft! Nimm deinen Platz ein im Kreis deiner Familie.

In beiden Geschichten geht es um Heilung in einem umfassenden Sinn. Was können wir darin entdecken für unsere Sehnsucht nach dem Heilsein? Es geht dabei ja um mehr als dass es nicht am einen oder anderen Ort weh tut. Wir sehnen uns ja nach Momenten, wo wir spüren, dass das Leben stimmt, so wie wir es leben. Und das schließt die Beziehungen zu anderen Menschen und zu Gott mit ein.

Was Heilwerden braucht

Jesus zeigt uns, dass Heilwerden Zeit braucht. Im Heilwerden von Beziehungen, im Heilwerden des ganzen Menschen, braucht es Begegnungen, die tiefer gehen als nur der kurze Moment auf der Straße. Stehen bleiben und sich wahrnehmen, das braucht Zeit. Das geht nicht im Vorübergehen. Und manchmal müssen wir dabei in Kauf nehmen, dass anderes Leben – wie das Leben der Tochter des Synagogenvorstehers – in dieser Zeit zurückstehen muss.

Begegnung besteht im Berühren und sich berühren lassen. Für die Frau mit dem Blutfluss war es das Berührendürfen, das die Kraft der Heilung in Gang gesetzt hat. Die Tochter des Jairus hatte nicht mehr die Kraft zu einer aktiven Berührung. Sie konnte sich nur noch berühren lassen, damit die Kraft der Auferstehung in ihr zur Wirkung kam. Ob Berühren oder Berühren lassen, ob konkret mit den Händen oder durch ein inneres Berührtwerden: Wo wir distanziert bleiben, kann weder Berührung noch Begegnung stattfinden. Ich hoffe, dass wir das nach Monaten der Distanzierung wieder lernen.

Zum Heilwerden gehören die Beziehungen zu den Menschen hinzu. Mit manchen Menschen muss man das auf beispielhafte Weise einüben. So spricht Jesus die Frau in der Lebensmitte als „meine Tochter“ an. Er bietet ihr eine Beziehung an und knüpft damit an ihre erste Beziehung an, nämlich Tochter ihrer Eltern zu sein. Beziehungsfähig zu bleiben, in Beziehung zu anderen Menschen zu stehen, das müssen wir immer wieder neu einüben, am besten da, wo wir schon einmal positive Erfahrungen gemacht haben. Wir sind nicht davor gefeit, im Üben von Beziehungen nicht auch wieder verletzt zu werden. Aber so wie die Muskeln trainiert werden müssen durch tägliche Übung, so ist es auch mit der Fähigkeit, in Beziehung zu leben und mit anderen Menschen im Kontakt zu sein.

Zum Heilwerden gehört für Jesus in selbstverständlicher Weise die Dimension des Glaubens dazu. So manche Menschen wissen es gar nicht, dass dies in ihrem Leben wichtig sein könnte. Jesus entdeckt in der Frau mit dem Blutfluss den Glauben und weist sie auf diese Kraft, die in ihr wirkt, extra hin: Dein Glaube hat dich gesund gemacht. Auch den Synagogenvorsteher muss er in der Verzweiflung über den Tod seiner Tochter darauf hinweisen: Fürchte dich nicht, glaube nur. Es gibt eine Kraft in deinem Leben, die über das hinausweist, was du gerade vor Augen hast. Nimm dich als einen glaubenden Menschen wahr und entdecke, wohin dich diese Kraft führt. Rechne damit, dass Gott in deinem Leben wirkt und dich zum Heilwerden führt, vielleicht gerade da, wo du dich nach Heilung sehnst, vielleicht aber auch an einem ganz anderen Punkt deines Lebens, wo für dich das Heilwerden eine Überraschung ist und du damit etwas Neues entdeckst: eine neue Fähigkeit, eine neue Beziehung, deinen Glauben, der schon immer in dir geschlummert hat. Amen.

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