Schatten und Mitgefühl in einem heißen Bezirk

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Ein Bericht über die Kälteoase in der EmK Wien-Fünfhaus von Sigmar Friedrich (EMK Schweiz): In Wiens ärmstem Bezirk bietet eine »Kälte-Oase« in der methodistischen Kirche an heißen Sommertagen einen kühlen Rückzugsort. Am 30. Juni kamen gleich 59 Gäste und suchten Schutz vor der Hitze.

Rudolfsheim-Fünfhaus, der 15. Wiener Gemeindebezirk, gilt als einer der am dichtesten besiedelten und einkommensschwächsten Stadtteile Wiens. Die Bevölkerung ist geprägt von einer großen sprachlichen und kulturellen Vielfalt; gleichzeitig ist der Bezirk Heimat für viele von Armut, Wohnungslosigkeit und Sucht betroffene Menschen.

In der Nähe des Westbahnhofs und der Gumpendorferstraße, einem bekannten Hotspot für Drogen und Alkohol, leben viele Menschen am Existenzminimum. Genau hier, inmitten von aufgeheiztem Asphalt und engen Altbauwohnungen, hat die methodistische Kirchengemeinde Wien-Fünfhaus am 30. Juni ein neues Hilfsangebot gestartet: die »Kälte-Oase«.

Schon beim ersten Termin strömten die Menschen in die kühle Kirche in der Sechshauserstraße. Projektleiterin Jutta Dietl und ihr ehrenamtliches Team wurden vom Ansturm regelrecht überwältigt: »Wir hatten 59 Besucherinnen und Besucher beim ersten Mal. Das ist enorm. Wir waren selbst überrascht, als wir die Tür aufgemacht haben und die Schlange kein Ende nehmen wollte.«

Vom Winter-Klassiker zur Sommeroase

Die Idee zur Kälte-Oase ist eng mit der traditionsreichen »Wärmestube« verknüpft, die die Methodist*innen gemeinsam mit der altkatholischen Nachbargemeinde und vielen Freiwilligen seit 13 Jahren im Winter betreibt. Während es in der kalten Jahreszeit um Speisen, heißen Tee und warme Kleidung geht, fordert der Sommer ganz andere Überlebensstrategien. In den oft schlecht isolierten Altbauten des Bezirks staut sich die Hitze unerträglich, und wohnungslose Menschen finden kaum schattige Ruheplätze.

»Die Caritas hatte schon vor einigen Jahren die Idee, nicht nur im Winter Wärme zu schenken – im doppelten Sinn von physischer Wärme und menschlicher Zuwendung –, sondern im Sommer auch Kälte anzubieten«, erklärt Dietl.

Ihr Team hatte im vergangenen Jahr die Idee einer »Begegnungsstube«, eines niederschwelligen Angebots für Gemeinschaft gehabt. Das Angebot wurde nur teilweise angenommen. Darum entschieden sich die Mitarbeiter*innen in diesem Jahr, eine »Kälte-Oase« zu wagen. Finanziell und materiell unterstützt wird das Projekt maßgeblich durch großzügige Spendenaktionen der Drogeriekette dm und die enge Kooperation mit der Caritas in Österreich, die auch die Bewerbung übernimmt.

Ein kühler Ort für Begegnung auf Augenhöhe

Das Konzept der Kälte-Oase ist bewusst niederschwellig gehalten. Je einmal an einem Dienstagnachmittag in den heißen Monaten von Juni bis August öffnet die Kirche ihre kühlen Räume. Es gibt frisches Obst, gekühlte Getränke, Kaffee, Spiele und Raum zum Ausruhen. Der Aufwand ist im Vergleich zur winterlichen Essensausgabe überschaubar, die Wirkung für die Gäste jedoch unbezahlbar.

Besonders wichtig ist Dietl dabei die Atmosphäre: »Es geht für uns einfach darum, dass wir uns auf Augenhöhe begegnen. Wir kontrollieren niemanden. Jeder, der kommt, bekommt etwas. Am Ende gehen alle mit einem guten Gefühl nach Hause – sowohl die Gäste als auch wir Ehrenamtlichen.«

Die Besucher*innen sind bunt gemischt: Männer und Frauen, Wiener*innen und Menschen aus Ungarn, Polen, Rumänien oder der Ukraine. Viele der Besucher*innen sind im Winter auch Gäste der Wärmestube. »Die Leute waren begeistert und haben sich gefreut, dass wir uns schon nach einem halben Jahr wiedersehen und nicht erst im nächsten Winter«, erzählt die Projektleiterin schmunzelnd.

Die Armut erreicht die Mitte der Gesellschaft

Die Arbeit in Wien-Fünfhaus macht auch gesellschaftliche Veränderungen schmerzhaft sichtbar. War die Klientel früher primär männlich und obdachlos, suchen heute zunehmend auch Frauen und ältere Menschen Unterstützung. Dietl beobachtet eine beunruhigende Entwicklung: »Vor zwei Jahren haben wir festgestellt, dass die Armut in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist. Da standen plötzlich typische Wiener Pensionist*innen vor uns, bei denen sich im Jahr zuvor finanziell noch alles knapp ausgegangen war. Sie sagen uns offen: ‹Wenn ich einmal die Woche zu euch komme und mir vielleicht noch etwas mitnehme, kann ich das gesparte Geld im Winter für die Heizung nutzen.›«

Blick in die Zukunft

Jutta Dietl, ehemals Krankenschwester und nun im Ruhestand, leitet das Projekt mit großer Leidenschaft. »Als ich in Pension gegangen bin, sagte ich mir: Da muss irgendwas weiter passieren, ich kann nicht so von 100 auf 0 gehen.« Seit drei Jahren leitet sie daher das Team für die Wärmestube – und nun auch für die Kälte-Oase. Sie achtet darauf, dass die Ehrenamtlichen, die meist über 60 Jahre alt sind, nicht überlastet werden. »Man muss auch immer an sich selbst denken. Sonst hast du nachher nicht die Kraft, an andere zu denken.«

Angesichts des überwältigenden Erfolgs der Premiere denkt das engagierte, wenn auch selbst bereits ältere Team um Jutta Dietl bereits an eine Ausweitung des Angebots im nächsten Jahr.

»Unsere älteste Mitarbeiterin ist 85 Jahre alt. Da muss man natürlich gut auf die Kräfte achten und Pausen einlegen. Aber nach diesem 30. Juni nehme ich stark an, dass wir nächstes Jahr auf zwei Termine pro Monat aufstocken werden.«

Die Kälte-Oase zeigt eindrücklich, wie kirchliches Engagement ganz nah an den Bedürfnissen der Menschen ansetzt – und an heißen Sommertagen ein echtes Stück Nächstenliebe und Abkühlung spendet. Am 28. Juli wird sich der Kirchenraum in der Sechshauserstraße das nächste Mal wieder in eine Kälte-Oase verwandeln.

Den Original-Bericht findet ihr hier.

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