Zeit­ge­noss*innen Christi sein. Bis zum 8. Tag.

Glaubensimpuls

Bild von Antje Klein
Antje Klein

Pastorin


Predigt zu Römer 6,1–11, gehalten am 21. Juni 2026 in der EmK in Graz.

Nichts Neues... 

Liebe Gemeinde, liebe Geschwister, 

Nichts Neues sage ich, wenn ich sage: Wir werden geboren und wir sterben. So ist das in dieser Welt. Wir werden geboren, und wir sterben. Dazwischen leben wir eine Weile in dieser Welt. Wir leben in ihrer Zeit. So gesehen sind wir wirklich Zeitgenossinnen und Zeitgenossen. Wir schauen auf die Uhr. Wir schauen in den Kalender. Unser Tag hat 24 Stunden, leider nicht mehr oder manchmal auch: zum Glück nicht mehr. Die Woche beginnt am Montag. Dann freuen wir uns meistens spätestens ab Mittwoch aufs Wochenende. Die Zeit schreitet voran, so sagt man das, und das Jahr wechselt pünktlich zu Silvester. So leben wir unser Leben mit allem, was so ist, von der Geburt bis zum Tod. Wenn ich das alles so sage, dann sage ich damit nichts Neues. 

... aber nur die halbe Wahrheit...

Ich sage nichts Neues. Aber ich sage nur die halbe Wahrheit. Jedenfalls wenn ich Paulus beim Wort nehme. Wir haben vorhin seine Worte gehört aus dem Römerbrief. Mit den Paulusbriefen ist es ja oft so eine Sache, wenn man sie in einer Lesung hört, zumindest mir geht es so. So richtig der Argumentation folgen ist nicht immer so leicht. Und dann war ja auch noch das Evangelium dazwischen. Aber einige Worte bleiben doch hängen. Große Worte. Taufe. Tod. Auferstehung. Leben. Auch so eine Abfolge. Und mit ihrer Größe aus der Zeit gefallen. Taufe. Tod. Auferstehung. Leben. Die Welt-Zeit ist nur die halbe Wahrheit. Die andere halbe Wahrheit ist die: Wir sind getauft. 

... und gleichzeitig die ganze.

Ich weiß nicht, wie das hier in eurer Gemeinde ist, wer getauft ist und wer noch nicht, wer noch auf dem Weg zur Taufe ist und vielleicht auch noch ganz bewusst wartet. In den Gemeinden, an die Paulus in Rom schreibt, da war das wahrscheinlich gar nicht so anders. Auch dort werden manche auf dem Weg zur Taufe gewesen sein. Wir sind ja mit dem Römerbrief ganz früh in der Geschichte des Christentums, wahrscheinlich im Frühjahr des Jahres 56 n.Chr. Da gab es noch keine ausgebildete Lehre, da war vieles ein Tasten, ein Ausprobieren, ein Durcheinander vielleicht sogar. Ein Überlegen: Wie ist das mit Jesus, dem Auferstandenen, was bedeutet das für uns, dass er gestorben und auferstanden ist? Wie leben wir jetzt, als seine Nachfolgerinnen und Nachfolger? Die Kindertaufe war jedenfalls noch kein Normalfall. Und in diese Situation hinein schreibt Paulus diese Worte über die Taufe, weil er überzeugt ist: Es macht eben einen Unterschied. Ob man getauft ist oder nicht. Wenn du getauft bist, dann ist die Welt-Zeit für dich nur die halbe Wahrheit. Denn wenn du getauft bist, dann lebst du in Christus. Du lebst als Zeitgenossen, als Zeitgenossin Christi. Das ist ein neues Leben, sagt Paulus. Da nützt der Blick in den Kalender nichts, und eine Uhr ist ein überflüssiges Accessoire. Ich leg sie deshalb im Gottesdienst eigentlich auch immer ab. Mal schauen, ob ich das heute auch getan habe… Die Zeit in Christus ist ewig. Die Zeit in Christus lässt sich nicht messen. Schon gar nicht mit der Stoppuhr. Und die Woche beginnt am Sonntag. Als Getaufte führen wir unser Leben von der Taufe bis zur Auferstehung. Und wenn ich sag, das ist die andere halbe Wahrheit, dann denke ich jetzt: Das ist doch viel zu wenig. Auch wenn es die andere halbe Wahrheit trotzdem gibt, so lange wir leben auf dieser Welt. Das Leben von der Taufe bis zur Auferstehung: Das ist trotzdem die ganze Wahrheit. 

Zeitgenossinnen und Zeitgenossen Christi sein

Zeitgenoss*innen der Welt und Zeitgenoss*innen Christi sind wir. Für Paulus war die Zeitgenossenschaft Christi alles. Für Paulus‘ Zeitgenossen war die Zeitgenossenschaft Christi alles. Denn für sie war das, was ich gerade auch für uns als „die ganze Wahrheit“ bezeichnet habe, auch äußerlich wirklich eine ganz neue Realität. Radikal neu wurde das Leben der ersten Christinnen und Christen durch die Taufe, auch äußerlich: Neue soziale Kontakte, neue Zeiten, die einzuhalten waren, Gottesdienste, Mahl des Herrn, Feste, Konflikte mit den Anderen, Verfolgungen sogar… Alles neu und anders. Gestorben und begraben das, was hinter einem lag. Gestorben und begraben der, der man gewesen war. Nicht mehr von dieser Welt. Wie in einem neuen Raum. Unter einer neuen Herrschaft: Im Galaterbrief sagt Paulus das so (Gal 3,28): "Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn ihr seid allesamt einer in Christus Jesus." In Christus ist ein neuer Raum. Und der hat ganz konkrete Auswirkungen für das Leben in dieser Welt. Wer gestorben ist, auf den hat die Sünde keinen Anspruch mehr. Gleichzeitig, und da komme ich wieder zurück zur anderen halben Wahrheit: Wir sind eben doch Bürgerinnen und Bürger mit (mindestens) zwei Pässen: Zeitgenossen Christi und Zeitgenossen der Welt. Unser neues Leben spielt irgendwo dazwischen. Denn auch wenn ich getauft bin, eins weiß ich genau: Dass ich keine Sünderin bin, das kann ich nicht behaupten. Dass mich der Tod nicht mehr betrifft, das ist nicht so. Uns alle trifft er, manchmal hart. "Wir sind nun also mit Christus gestorben. Darum glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden." (Röm 6, 8) Einmal wird das so sein. Aber jetzt ist es noch nicht so weit, in der Zeit dieser Welt.

Bis zum 8. Tag

Jetzt ist noch nicht das Ende der Zeit: In sieben Tagen hat Gott die Welt erschaffen. Sechs Tage hat er gearbeitet. Am 7. Tag hat er sich ausgeruht. So gehen die Wochen dahin, seit dieser Zeit ganz am Anfang der Welt. Einmal aber, am 8. Tag, ist alles anders. Am 8. Tag ist alles neu. Der Tod wird nicht mehr sein. Der Tod wird nicht mehr herrschen. Da gibt es keine Tränen mehr, keinen Schmerz, kein Geschrei. Keine Sehnsucht und kein Seufzen. Da erkenne ich von Angesicht zu Angesicht. In Glaube, in Hoffnung, in Liebe. Ganz und gar. Am 8. Tag ist alles gut. Endlich. Und unendlich. Ganz und gar wahr. Für immer und ewig, in Christus. Der ewige Morgen bricht an.

In vielen Kirchen sind die Taufsteine achteckig (schaut mal danach in der nächsten Zeit, ob das stimmt). Die achteckigen Taufsteine erinnern an den Beginn der Schöpfung: In sieben Tagen schuf Gott die Welt. Mit der achten Ecke weisen die Taufsteine darüber hinaus: Sie verweisen vom Anfang auf das Ziel, von der Zeit auf die Ewigkeit, vom neuen Leben in Christus durch die Taufe auf das ewige Leben. Die achte Ecke erinnert an den achten Tag: Neue Schöpfung, Ewiger Morgen. Jenseits von Uhr und Kalender. 

Und ich (und jetzt sag ich mal „ich“, weil ich es nicht für uns alle einfach behaupten kann), geboren in diese Welt mit ihren vielen Ecken und Kanten, bin bereits in Christus getauft. Ich gehe mit ihm auf die Auferstehung zu. Gestorben und begraben, am dritten Tage auferstanden von den Toten. Also bin auch ich mit ihm gestorben und begraben, und mit ihm… aber stop. So weit ist es noch nicht. Keine Auferstehung mit Christus. Vorerst nicht, sagt Paulus. Noch nicht. Es ist schon so: Ich wandle in einem neuen Leben. Doch das letzte Kapitel fehlt. Wir sind noch nicht am Ende. Es ist noch Zeit. Hier und jetzt.

Die Ewigkeit in der Zeit

Es ist noch Zeit. Mitten in dieser Zeit ahne ich die Ewigkeit. Ich ahne die Zeit, in der die Zeit keine Rolle mehr spielt. Ich ahne den achten Tag. Sein Licht fällt schon herein. Ich führe mein Leben im Anbruch der neuen Schöpfung. Wie das wohl geht, hier und jetzt, mitten in dieser Welt? 

Vielleicht so: 

Wenn die Ängste und Sorgen um mich und in mir sind, wenn sie an mir nagen, weil ich nicht weiß, was morgen kommt, wenn ich nicht mehr weiterweiß, weil ich die Hand nicht sehe vor Augen in meinem dunklen Loch, wenn ich dort unten sitze, die Hände über dem Kopf zusammengelegt und von nichts und niemandem etwas wissen will… dann kommt es mir in den Sinn, leise, ganz leise: „Ich bin doch getauft!“ Dann kommt es mir in mein Herz, leise, ganz leise, aber laut genug (Jes 43,1): "Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein." Ich bin nicht allein, auch nicht im dunklen Loch.

Vielleicht geht es so: Wenn ich am Grab stehe und nicht mehr aufhören kann zu weinen, weil der Tod mir das Liebste genommen hat, wenn ich wieder und wieder im Schmerz versinke, und ich verlassen bin von Gott und der Welt, wenn ich nicht weiß, was morgen kommen wird, weil ich die Tränen so satt habe, wenn ich keine Kraft mehr habe weiterzukämpfen, dann kommt es mir in den Sinn, leise, ganz leise: „Ich bin doch getauft!“ Und dann kommt es mir in mein Herz, leise, ganz leise, aber laut genug (Joh 11,25): "Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt. " Der Tod hat nicht das letzte Wort. Irgendwann wird alles neu.

Vielleicht geht es so: Wenn ich nicht weiß, wie das noch gehen soll mit der Welt und den Menschen und dem ganzen Hass und dem Krieg, der nicht aufhören will und die Zukunft der Kinder, die liegt so im Nebel, und von Klimagerechtigkeit trau ich mich schon gar nicht mehr zu reden, wenn ich Angst habe, was passieren könnte und mich frage, was kann ich schon tun… dann kommt es mir in den Sinn, leise, ganz leise: „Ich bin doch getauft!“ Und dann kommt es mir in mein Herz, leise, ganz leise, aber laut genug (Mt 10,29–31a; wurde als Evangelium im Gottesdienst gelesen): Kann man nicht zwei Spatzen für eine Kupfermünze kaufen? Und doch fällt keiner von ihnen auf die Erde, ohne dass euer Vater es zulässt. Aber bei euch ist sogar jedes Haar auf dem Kopf gezählt! Habt also keine Angst! Gott ist mit uns. Seine Liebe macht uns stark. Sogar für andere. Weil auch deren Haar auf dem Kopf gezählt ist.

Vielleicht geht es so: Wenn ich mich selber mal wieder nicht leiden kann, weil ich schon wieder so war, wie ich nicht sein sollte, weil ich die Kinder angeraunzt habe und die Frau, weil ich den Mann verflucht habe und mich selbst, wenn ich mich im Spiegel betrachte und das, was ich sehe, am liebsten ausradieren würde, löschen, um ganz neu anzufangen, wie ein weißes Blatt, unbeschrieben… dann kommt es mir in den Sinn, leise, ganz leise: „Ich bin doch getauft!“ Dann kommt es mir in mein Herz, leise, ganz leise, aber laut genug (2. Kor 5,17): "Wenn jemand zu Christus gehört, gehört er schon zur neuen Schöpfung. Das Alte ist vergangen, etwas Neues ist entstanden!" Ich bin mehr als ich von mir denke. Ich kann doch auch anders. Ich bin neu. Und ich werde es immer mehr. Immer mehr wachse ich mit Christus zusammen. „Heiligung“ nennt man diesen Prozess auch.

Leben aus der Taufe und im Anbruch der neuen Schöpfung

So geht es vielleicht. In dieser Zeit, all das: Leben im Anbruch der neuen Schöpfung. Und nicht nur für mich allein. Es ist ein Leben in Gemeinschaft. Mit euch, die ihr dazugehört. Die Herrschaft dieser Welt gilt zwischen uns nicht mehr. Dass die Unterschiede zwischen Geschlechtern, zwischen sozialen und hierarchischen Ebenen in dieser besonderen Gemeinschaft aufgehoben sind, das war zu Beginn des Christentums genau so wichtig wie heute. Und es ist heute anders revolutionär als damals, aber es ist immer noch radikal. Es stellt Machtverhältnisse in Frage und fragt die, die Macht ausüben, danach, wie sie das tun. Es fragt uns alle: Wie sind die Verhältnisse zwischen euch, ganz konkret? Und wie wollt ihr das leben: Das Leben im Machtbereich Gottes? Wie machen wir das zusammen: Immer mehr mit Christus zusammenwachsen? Wie leben wir so, dass wir in Christus anleben gegen das, was das Leben zerstört, was Bindungen verunmöglicht und was einsam macht wie der Tod? 

Ich werd euch diese Fragen jetzt nicht beantworten. Das wär jetzt ein bisschen zu einfach. Und ich glaube auch, das kann einem niemand sagen. Man es es miteinander entdecken. Und deshalb freue ich mich, mit euch und mit anderen weiter darüber im lebendigen Austausch zu sein. Mit allen, die zu dieser Gemeinschaft gehören: Hineingetauft in den Machtbereich Gottes oder auf dem Weg dort hinein. Jeden Tag wachsen wir mehr mit Christus zusammen. Gott verwandelt uns. An jedem neuen Tag. In dieser Zeit. Das ist mein Glaube. Und das bleibt meine Hoffnung. Bis ich die Uhr nie mehr brauche. Bis alles ganz neu ist. Jenseits dieser Zeit. Bis der achte Tag einmal kommt. Wir werden mit Christus leben.

Amen

(Die Predigt verdankt viel der Predigtmeditation von Martin Nicol, "Geschenkte Zeit", zum 6. Sonntag nach Trinitatis in den GPM 64/3, 2010, 317–323.)

 

1 Was sollen wir dazu sagen? Etwa: »Lasst uns in unserer Sünde bleiben,

damit die Gnade noch größer wird!«?

2 Auf keinen Fall! Für die Sünde sind wir ja tot.

Wie könnten wir da noch weiter in ihr leben?

3 Ihr wisst doch: Wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden,

sind einbezogen worden in seinen Tod.

4 Und weil wir bei der Taufe in seinen Tod mit einbezogen wurden, sind wir auch mit ihm begraben worden. Aber Christus wurde durch die Herrlichkeit des Vaters von den Toten auferweckt. 

So werden auch wir ein neues Leben führen.

5 Denn wenn wir ihm im Tod gleich geworden sind, werden wir es auch in der Auferstehung sein.

6 Wir wissen doch: Der alte Mensch, der wir früher waren, ist mit Christus am Kreuz gestorben. Dadurch wurde der Leib vernichtet, der im Dienst der Sünde stand. Jetzt sind wir ihr nicht mehr unterworfen.

7 Wer gestorben ist, auf den hat die Sünde keinen Anspruch mehr.

8 Wir sind nun also mit Christus gestorben.

Darum glauben wir, dass wir auch mit ihm leben werden.

9 Wir wissen doch: Christus wird nicht mehr sterben, nachdem er vom Tod auferweckt wurde. Der Tod hat keine Macht mehr über ihn.

10 Denn sein Sterben war ein Sterben für die Sünde – das ist ein für alle Mal geschehen. Aber das Leben, das er jetzt lebt, lebt er ganz für Gott.

11 Genau das sollt ihr auch von euch denken: Für die Sünde seid ihr tot.

Aber ihr lebt für Gott, weil ihr zu Christus Jesus gehört.

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