Vom Sauerteig
Glaubensimpuls

Pastorin, Erwachsenenbildung

Gleichnisse vom Reich Gottes
Im 13. Kapitel des Matthäusevangelium sind eine Reihe von Gleichnissen über das Himmelreich zusammengefasst. Die Gleichnisse über das Himmelreich – so nennt sie der Evangelist Matthäus – oder die Gleichnisse über das Reich Gottes – so nennt sie Lukas – erzählen in Bildern von Gottes Welt und Wirken. Hinter dem Begriff "Reich" steht das griechische Wort „basileia“. Er lässt sich auch mit „Herrschaft“ oder „Königtum“ übersetzen. Doch jede dieser Übersetzungen ins Deutsche bietet ihre Schwierigkeit. Denn wir leben inzwischen in einer Demokratie. Darum versuche ich die Wiedergabe von "basileia" mit einer umschreibenden Frage: Wie wird Gottes Wirken in dieser Welt sichtbar und wie kommt er zu seinem Ziel?
Die Verwendung von "Reich Gottes" oder "Herrschaft Gottes" führt gerne zu einer Verwechslung. Leicht passiert es, dass wir die Herrschaft Gottes mit der Kirche gleichsetzen. Wenn Gott wirkt, dann muss das doch in der Kirche so sein, dort, wo man diesen Gott verehrt. Doch die Kirche ist nicht Gottes Reich, wie es der Franzose Alfred Loisy im 19. Jh. ironisch zusammenfasst: „Jesus hat das Reich Gottes gepredigt, gekommen ist die Kirche.“
Die Kirche ist nicht das Reich Gottes
Die Kirche ist tatsächlich keine Gründung von Jesus. Er war auch nicht der erste Christ. Er war ein Jude. Wir als Christinnen und Christen stehen in der Nachfolge dieses Jesus. Wir rechnen damit, dass Gott besonders unter den Menschen und durch diejenigen Menschen wirkt, die sich nach seinem Willen ausrichten.
Wir beten darum und vertrauen darauf, dass diese Menschen gerade in einer Kirche zu finden sind und dass Gott eben auch durch und in der Kirche sein Reich baut. So wollen wir uns heute von den vergleichsweise kurzen Gleichnissen vom Senfkorn und vom Sauerteig inspirieren und ermutigen lassen.
Mut machende Gleichnisse
Das Gleichnis vom Senfkorn und vom Sauerteig, sie vermitteln uns beide etwas Ähnliches: Aus etwas Kleinem kann etwas Großes werden. In einem geringen Anfang steckt ein großes Ende. Was klein beginnt, muss nicht klein bleiben. Es kann wachsen, es kann werden und es wird viel bewirken.
Beide Gleichnisse wollen uns Mut machen. Mut in den Situationen, wo wir resignieren; Mut, wenn wir denken: Es bringt doch gar nichts, dass wir Gutes tun. Es bewirkt doch gar nichts, wenn wir uns für das Wohlergehen und die Achtung anderer Menschen einsetzen. Wenn wir uns damit entmutigen, indem wir denken: Das Leben wird nicht besser dadurch, dass ich Gott vertraue. Die Gleichnisse sollen Mut machen, wenn wir darunter leiden, dass es so wenig Menschen gibt, die nach Gott fragen, die in christlichem Sinn und Geist ihr Leben führen.
Der Sauerteig und seine Eigenschaften
Ich möchte heute weniger das Gleichnis vom Senfkorn betrachten als vielmehr dasjenige vom Sauerteig. Ich muss gestehen, ich bin keine große Bäckerin und schon gar nicht in Sachen Sauerteig. Mir schmeckt Brot mit Hefe gebacken besser.
So habe ich mir einiges über den Sauerteig erzählen lassen. Er macht das Brot haltbar und hält es schön feucht. Ein Brot, das mit Sauerteig gebacken ist, bleibt länger frisch. Der Sauerteig, er hat einige Merkmale, die mit Gottes Reich, die mit Gottes Wirken vergleichbar sind. Diese Merkmale sollen uns helfen, unseren Blick für Gottes Wirken zu schärfen und uns danach auszurichten.
Der Sauerteig wirkt in seiner Umgebung
Ein erstes Merkmal ist Folgendes: Wer mit Sauerteig sein Brot backt, rechnet damit, dass dieser Teig eine Wirkung entfaltet in seinem Umfeld. Wichtig ist es, den Sauerteig unter das Mehl zu mischen. Kommt er nicht mit dem Mehl in Verbindung, so kann er auch seine Wirkung nicht entfalten.
Der Sauerteig zeigt uns, wie wir als Christinnen und Christen in dieser Welt leben sollen. Solange wir uns nur mit uns selbst beschäftigen, bewirken wir nichts. Wenn der christliche Glaube seine Wirkung entfalten soll, dann muss er mit der Welt in Berührung kommen. Ein von der Welt zurückgezogenes oder ein der Welt enthobenes Leben wird kaum Frucht bringen.
Ein Christenleben, das sich nur um sich selbst dreht, entfaltet keine Wirkung. Nur wenn wir mit der Welt in Berührung sind, nur wenn wir im Kontakt sind mit den Menschen und ihren Nöten und Fragen, nur wenn wir mit ihnen den Schmerz und die Trauer aushalten, dann bringen wir die Menschen und die Welt mit Gottes heilsamem Wirken in Berührung. So wächst die Gewissheit, dass Gott gerade da in der Welt wirkt, wo wir mit dieser Welt in Berührung sind.
Der Sauerteig wirkt im Verborgenen
Ein weiteres Merkmal des Sauerteigs: So wie er wirkt, wirkt er im Verborgenen. Wir können bei einem Brot, das mit Sauerteig gebacken wird, nicht direkt sehen, wo der Sauerteig seine Wirkung entfaltet. Wir können nicht sagen: Schau, da wirkt er, dort verändert sich etwas. Erst im Nachhinein stellen wir fest: Er hat gewirkt, der Sauerteig. Das Brot ist schmackhaft geworden.
Was sagt uns das über das Reich Gottes? Wir können nicht direkt zuschauen, wie Gott in dieser Welt wirkt. Manches, ja sogar Vieles geschieht im Verborgenen. Wir erfahren es vielleicht erst nach vielen Jahren oder vielleicht gar nicht mehr in unserem Leben, dass sich etwas verändert hat.
Ich denke, dass jeder und jede von uns so eine Geschichte erzählen könnte, wie nach einigen oder vielen Jahren jemand kommt und sagt: So wie du damals entschieden hast, oder das, was du damals gesagt hast, das hat in meinem Leben Wirkung gezeigt. Es hat bei mir etwas ausgelöst, dadurch bin ich auf Gott aufmerksam geworden. Manchmal können wir selbst uns gar nicht daran erinnern, was wir da gesagt haben oder was da Besonderes hätte geschehen sollen. Wir stellen nur staunend fest: Es ist etwas geschehen. Er hat gewirkt, dieser Sauerteig. Da hat jemand Gottes Güte und seine Liebe geschmeckt.
Es folgen drei Beispiele, die nicht im Internet publiziert werden.
Der Sauerteig braucht Zeit
Und damit bin ich auch schon bei einem dritten Merkmal des Sauerteigs und seiner Wirkung: Er braucht seine Zeit. Man muss warten können. Es erfordert Geduld, ja manchmal Ausdauer und vor allem braucht es das Vertrauen, dass der Sauerteig wirkt.
Gerade dieses Merkmal des Sauerteigs ist in der heutigen Zeit schwer zu fassen. Wir werden darauf trainiert, etwas zu leisten, zu bewirken und zu erreichen. Wir werden dazu angeleitet, die Effizienz zu steigern, ein besseres Resultat zu erzielen, das Optimum auszuschöpfen, etwas vorweisen zu können.
Dann aber sagt uns das Bild vom Sauerteig etwas ganz anderes: Gib die Sache aus deiner Hand. Lege dein Anliegen in Gottes Hand. Lass ihn wirken. Vertraue ihm deine Sache an. Er wird es wohl machen. Er lässt es gelingen.
Das Bild vom Sauerteig mahnt uns: Du kannst nicht alles erzwingen und bewirken. Du kannst es nur geschehen lassen. Es braucht seine Zeit, bis etwas seine Wirkung entfaltet. Es braucht seine Zeit, bis etwas heranreift und ausgereift ist. Und wenn dann die Zeit gekommen ist, so kann geerntet werden. Der Teig ist fertig, das Brot kann gebacken und gegessen werden.
Der Sauerteig verwandelt Trockenes in Schmackhaftes
Somit bin ich bei einem letzten Merkmal, das für mich zum Gleichnisbild vom Sauerteig gehört. Der Sauerteig wirkt so, dass er Mehl, das sonst nur staubtrocken ist, so durchwirkt, dass es für uns zu gutem und schmackhaftem Brot wird. Brot, das uns nährt und stärkt. Brot, das uns Nahrungsmittel, ein Mittel zum Leben ist.
Das ist ein schönes Bild dafür, was Gottes Reich in unserem Leben bewirkt. Es stärkt und nährt uns. Es führt uns zum Leben. Es stillt unseren Lebenshunger. Es gibt uns immer wieder neue Hoffnung, wenn wir kleinmütig sind. Wir können uns daran aufrichten, wenn wir niedergeschlagen sind und resignieren.
Das Bild vom Sauerteig gibt uns zu verstehen, dass auch ein kleiner Anfang zu etwas Großem werden kann. Damit ist das Leben keine staubtrockene Angelegenheit. Mit dieser Verheißung dürfen wir getrost und gestärkt in die Zukunft schauen. Mit diesem Bild der Zukunft wird das Leben schmackhaft.
Small is beautiful, stimmt das?
Die Gleichnisse vom Senfkorn und vom Sauerteig wollen Mut machen. Sie sagen uns, dass es nicht auf die Größe ankommt. Sie zeigen uns, dass auch in Unscheinbarem und Geringem eine große Verheißung liegt.
Diese beiden Bilder sollen uns jedoch nicht zur Selbstgenügsamkeit verleiten. Wie schnell sind wir dabei zu sagen: Small is beautiful. Solange wir klein und überschaubar sind, solange wir uns alle untereinander kennen und bestens miteinander vertraut sind, solange fühlen wir uns wohl, solange sind wir wie Zuhause. Darum wollen wir gar nicht wachsen.
Wachstum, das bringt nur Unruhe und Veränderung mit sich. Wachstum ist anstrengend und erzeugt Reibung. Wir müssen damit rechnen, dass unser schönes Nest verloren geht.
Small mag ja beautiful sein. Klein zu sein, mag durchaus nett und schön sein. Aber ein Sauerteig, der unter das Mehl gemischt wird, der wirkt. Er zieht seine Kreise. Er verändert das Mehl. Er belässt es nicht beim Alten, Trockenen, sondern gibt ihm den Geschmack des Lebens.
Den guten Geschmack des Lebens verbreiten
Ist das nicht eine wichtige Botschaft für eine Kirche und Gemeinde? Die Kirche ist nicht mit dem Reich Gottes gleich zu setzen. Aber wir rechnen damit und wir vertrauen darauf, dass in der Kirche Gott wirkt wie ein Sauerteig. Dieser Sauerteig verändert und fordert die Kirche immer wieder heraus. Wir sollen auf das schauen, was zunächst unscheinbar und unbedeutend ist. Es trägt die Verheißung in sich, groß zu werden.
Der Sauerteig mahnt uns, mit dem in Berührung zu bleiben, was sich um uns herum und in der Welt verändert. Und er lehrt uns immer wieder neu, dass Gott selbst das geschehen lässt und zur Vollendung bringt, was von ihm her gesehen zur Reife kommen soll. Amen.