In welcher Welt wollen wir leben?
Glaubensimpuls

Pastor, Kinder- und Jugendwerk

Mythen
Ist die Welt gut, in der wir leben? Ist die Welt – trotz allem, was bedrohlich ist – trotzt allem, was uns Angst macht – trotz allem, was eindeutig schlecht läuft – gut? Ist sie von Anfang an gut erdacht und gut gemacht?
Liebe Geschwister, wir haben einen kurzen Abschnitt aus der Bibel gehört. Einen Ausschnitt aus dem Schöpfungsmythos, der ganz am Anfang der Bibel steht. Ich möchte heute dafür werben, dass wir diesen Schöpfungsmythos brauchen. Obwohl das Weltbild, das darin zu Tage tritt, aus naturwissenschaftlicher Sicht in vielen Punkten überholt ist.
Dennoch: In diesem alten Text stecken Wahrheiten, die wir uns heute zunutze machen können. Denn: Wir Menschen brauchen Mythen.
Ein Mythos ist ja eine Erzählung, hinter der immer die Beobachtung der Welt steht. Der Mythos deutet, erklärt und veranschaulicht unsere Lebenswelt; oder zumindest einen Ausschnitt daraus. Die Schöpfungsgeschichte wirft also Fragen auf:
Wie leben wir Menschen auf dieser Welt?
Und: Ist es gut, wie wir auf dieser Welt leben? Entspricht unser Lebensstil der natürlichen Ordnung - dem Willen Gottes?
Das sind Fragen, die Menschen sich immer schon gestellt haben. Und es sind Fragen, über die viele von uns heutzutage unweigerlich viel nachdenken.
Als Kirchen haben wir die Zeit von Anfang September bis zum 4. Oktober zur Ökumenischen Schöpfungszeit erklärt. Gemeinsam machen wir uns Gedanken darüber, was uns Gott anvertraut hat. Gemeinsam suchen wir nach Wegen in eine gute Zukunft.
Wir Menschen brauchen Mythen. Wir brauchen Deutungen unserer Welt, die wesentliche Fragen zur Sprache bringen; die uns die Gelegenheit geben, darüber nachzudenken:
Wie leben wir eigentlich? Und: Ist es gut, dass wir so leben? Auch: In welcher Welt würden wir eigentlich gerne leben?
Wir Menschen brauchen Mythen. Ich brauche die biblische Schöpfungsgeschichte. Weil mich dieser Mythos davor bewahrt, andere Mythen für wahr zu halten – Mythen vom so genannten „Fortschritt“. Diese Fortschrittsmythen tragen maßgeblich dazu bei, dass unser Planet derzeit zu Grunde gerichtet wird.
Was meine ich mit Fortschrittsmythen? Fortschrittsmythen sind Erzählungen, die Wahrheit beanspruchen, ohne einen Halt und Grund in der Wirklichkeit zu haben.
Einer der erfolgreichsten Mythen ist zum Beispiel: „Die Wirtschaft muss wachsen. Sonst gibt es kein gutes Leben.“
In den biblischen Erzählungen finde ich Ansätze, was ich und was wir angesichts des Zustands unserer Welt dazu beitragen können, dass eine andere Welt Wirklichkeit wird.
Also: Wie enttarnen wir Fortschrittsmythen, die uns eigentlich schaden? Und wie kommen wir dem guten Leben näher, das wir suchen?
Schöpfungsverantwortung
Dazu habe ich vergangene Woche spannende Anregungen von Ivan Illich und Petra Nagenkögel erhalten.
Ivan Illich war ein in Wien geborener Historiker, Philosoph, Theologe und römisch-katholischer Priester. Seine Schriften, die unser menschliches Zusammenleben auf der Erde analysieren und Fehlentwicklungen kritisieren, sind zwar zum Teil 60, 70 Jahre alt, aber hochaktuell. Vieles, woran die Welt heute krankt: Ivan Illich hat die Symptome schon lange beschrieben. Und Illich hat auch Vorschläge gemacht, was wir Menschen tun können, um gegenzusteuern, um zur Genesung unserer Welt beizutragen. Illich wäre vergangenen Freitag (4. September 2026) 100 Jahre alt geworden.
Die in Linz geborene Germanistin, Historikerin und Philosophin Petra Nagenkögel gestaltete aus diesem Anlass in der vergangenen Woche kurze Radio-Beiträge, in denen sie scharfsinnig an Illichs Gedanken anschließt und sie für unsere heutige Situation fruchtbar macht.
Ich empfehle euch diese „Gedanken für den Tag“ auf Ö1 herzlich.
Und ich frage – um auf unser Thema zurückzukommen – noch einmal: Wie enttarnen wir Fortschrittsmythen, die uns eigentlich schaden? Und wie kommen wir dem guten Leben näher, das wir suchen?
Ich denke: Vor allem dadurch, dass wir machen, was Menschen auch schon vor tausenden Jahren gemacht haben:
Hinaus in die Natur gehen und unsere Sinne benutzen. Die Natur beobachten. Uns selbst beobachten. Und entscheiden: Was brauche ich wirklich? Was tut mir wirklich gut? Und wo bin ich irgendwelchen Geschichten aufgesessen – wo hab ich mir weismachen lassen, dass ich dieses oder jenes brauche, damit mein Leben gut ist.
Und es hilft natürlich, wenn wir unsere Vernunft benutzen und unsere eigene Erfahrung abgleichen:
Mit den Erfahrungen Anderer. Aber auch mit den alten Mythen können wir unsere Wahrnehmung ins Gespräch bringen – weil in den alten Mythen menschliche Grunderfahrungen stecken und verdichtet sind.
Eine der Kernaussagen der biblischen Schöpfungsgeschichte ist: Die natürliche Welt ist schon gut. Dein Leben, Mensch, ist sogar sehr gut. Du musst nicht extra etwas dazu tun, damit es gut wird. Du bist gut!
Also bewahre, was du vorfindest. Damit entsprichst du deinem Wesen. Denn du bist ein Abbild Gottes – Gott ähnlich bist du geschaffen.
Gott ähnlich – das heißt natürlich auch: Du bist schöpferisch, kreativ gemacht. Du kannst selbst Gutes erfinden!
Gott sah alles an, was er gemacht hatte:
Es war sehr gut.
Fortschritt?
Aber genau hier ist der Knackpunkt: Nicht alles, was wir Menschen erfinden ist automatisch gut. Vieles ist zuerst einmal eher wertfrei – weder gut, noch schlecht.
Während wir die Natur beobachten, fallen uns einfach Dinge auf. Zum Beispiel: Wenn etwas rollt, bewegt es sich schnell voran.
Und wir überlegen: Wie könnte ich mir das zunutze machen? Und erfinden das Rad.
Ja, ein Fortschritt! Aber vom Rad bis zum Automobil mit Verbrennungsmotor scheint es manchmal eine unausweichliche Geschichte. Ein Schritt nach dem anderen eine logische Entwicklung.
Und hier haben wir die Möglichkeit anzusetzen: Wir können sehen, wohin die Erfindung des Rads geführt hat:
Derzeit sind 1,7 Milliarden Autos zugelassen. Ihr Gesamtgewicht übersteigt das Gewicht aller an Land lebenden Wildtiere um das Hundertfache.
Die 1,7 Milliarden Autos haben 31,7 Millionen an Straßenkilometern zur Verfügung. Viele Straßen, vor allem die Autobahnen und Schnellstraßen, sind sogar exklusiv für den motorisierten Verkehr reserviert. Die für Parkraum benötigte Fläche macht in Städten und Siedlungen zwischen 10 und 30 Prozent der Fläche aus.
Die Zahl der im Straßenverkehr getöteten Tiere wird allein für Europa jährlich auf 29 Millionen Säugetiere und 124 Millionen Vögel geschätzt.
Dazu kommen die Abhängigkeiten, die wir uns mit den Autos einkaufen. Abhängigkeiten von fossilen Energieträgern wie Erdöl und Erdgas. Um diese Rohstoffe zu bekommen, stützen wir in der ganzen Welt Tyrannen und Autokraten. Geben ihnen Geld, damit sie ihre eigenen Völker unterdrücken und gegen andere Völker Krieg führen.
All das ist kein Fortschritt mehr. Es ist völlig unverhältnismäßig und ungerecht.
Das Rad bleibt eine wunderbare Erfindung. Aber was wir daraus gemacht haben, wird heutzutage zurecht kritisiert. Ich bin froh, dass mehr und mehr Menschen sich fragen: Wollen wir nicht eigentlich anders leben? So, das Menschen Vorrang vor Autos und ungerechten Gewinnen haben?
Gestern war ich wieder einmal in meiner Geburtsstadt Wien. Was haben Menschen dort nicht schon alles in eine gute Richtung gelenkt! Ja, auch dort – in einer der lebenswertesten Städte der Welt – gibt es noch viel zu tun. Aber gestern bin ich mit hunderten anderen Menschen über die Mariahilfer Straße geschlendert. Auch Menschen auf Fahrrädern waren unterwegs. Und Kinder haben vergnügt auf einer Fläche gespielt, die ich in meiner Kindheit nur unter Lebensgefahr queren konnte.
Ich erinnere mich, wie erbittert die Konflikte damals waren, als die Straße umgestaltet wurde. Und ich erinnere mich auch, dass Fehler in der Planung und Umsetzung passiert sind. Im Sommer 2015 wurde die „Mahü“ dann als Fußgänger- und Begegnungszone eröffnet. Heute bezweifelt niemand mehr ernsthaft, dass diese Umgestaltung gut war.
Sie war gut, weil sie für viele Menschen gut ist. Weil sie die Unabhängigkeit, die Würde und die Gemeinschaft des Menschen fördern.
Ermutigung zur konvivialen Gesellschaft
Liebe Geschwister! Stellt euch vor, alle Bereiche unserer Gesellschaft wären so geordnet, dass Menschen freier Leben, dass ihre Würde geachtet wird und sie besser miteinander leben können!
Die Bibel ermutigt uns: Ihr dürft das wollen. Ihr dürft eine Welt fordern, in der ihr gerne lebt. In der alle Lebewesen gut leben können. Dieser Wunsch entspricht Gottes guter Schöpfung. Eine gute Welt, in der für Lebewesen alles lebenswichtige in Fülle vorhanden ist, war von Anfang an Gottes Idee.
Die Schöpfungsgeschichte soll uns Kraft geben bei den vielen Konflikten, die wir auf dem Weg zu einer lebenswerteren Zukunft noch auszukämpfen haben.
Lasst uns dem guten Leben vertrauen, das Gott für uns bereit hält. Lasst uns verstehen, dass jetzt die Zeit ist, zu handeln. Wie Jesus sagt: Wieso könnt ihr die Zeichen der Zeit nicht deuten? (vgl. Mt 16,3)
Jesus sagt: „Wieso könnt ihr die Zeichen der Zeit nicht deuten?“
Lasst uns dem Gott des Lebens vertrauen und mit unserem Leben Antwort geben auf das gute Leben, zu dem Gott uns ruft!
Oder – um mit der deutschen Punkrock-Band „Die Ärzte“ zu schließen: „Es ist nicht deine Schuld, dass die Welt ist, wie sie ist. Es wäre nur deine Schuld, wenn sie so bleibt.“
Zu den "Gedanken für den Tag" auf der Ö1 Website