Ich aber darf dein Angesicht schauen
Glaubensimpuls

Predigthelferin

Liebe Geschwister!
Im letzten Vers des Psalmes spricht David:
Ich aber darf dein Angesicht schauen. Und: ich will mich sattsehen an deinem Anblick.
Sofort fällt mir die Stelle aus Exodus ein, wo Gott zu Mose sagt: Du kannst mein Angesicht nicht sehen. Denn kein Mensch kann mich sehen und am Leben bleiben. (2. Mose 33,20)
Was ist es nun? Eine erschreckende Erfahrung, die man nicht überlebt? Oder eine Quelle von Freude, Kraft und Trost, die uns Menschen stärkt? Ein scheinbar unlösbarer Widerspruch.
Vielleicht sollen wir Fragen des Warum und Was beiseite stellen und uns konzentrieren auf das Wie.
Im Psalm 17 lesen wir mehrere Anregungen, wie wir Gottes Angesicht suchen können. Nicht nur im Gottesdienst am Sonntag, sondern die ganze Woche hindurch sollen wir aufmerksam sein auf Möglichkeiten, Gott zu sehen, ihn wahrzunehmen, jeden Tag. Das führt uns immer wieder zum Lob Gottes.
Geschieht das in der Stille? Im Rückzug aus der Geschäftigkeit, wenn wir uns extra Zeit nehmen für das Beten?
Ja sicher!
Doch Psalm 17 beschreibt auch andere Möglichkeiten. Es ist auffallend, wieviele Körperteile angesprochen werden in diesem Psalm: Ohren, Lippen, Herz, Füße, Augen, Mund.
Der Psalmist gründet uns im Körperlichen, wenn wir nach Gott rufen. Es ist ein Weg, durch den Gottes Angesicht erscheint.
Die Körperteile sind nicht statisch – Lippen sprechen, Augen sehen in verschiedene Richtungen, das Herz schlägt und wird bewegt, usw.
Die Suche nach Gottes Angesicht bringt uns in Bewegung. Z.B. Wenn wir im Gottesdienst Kinderlieder singen und uns dazu bewegen. Als Lehrerin weiß ich, dass entsprechende Bewegungen helfen, den Lernstoff besser aufzunehmen und im Gehirn zu verankern. Was für Kinder gut ist, schadet auch uns Erwachsenen nicht.
Die Suche nach Gottes Angesicht bedeutet, wir sind in Bewegung, sind aktiv, bemühen uns. Das ist nicht der alleinige Weg.
In Psalm 46 spricht Gott: Seid still und erkennt, dass ich Gott bin. Wie erkennt man den Willen Gottes für das eigene Leben? Manche sagen, ich habe gebetet, aber keine Antwort erhalten. Wie kann ich wissen, was Gott von mir will?Jede und jeder von uns hat bestimmte Erfahrungen gemacht im Leben, Erfahrungen, die uns Erkenntnisse gebracht haben, wie Gott wirkt in unserem Leben. Wichtig ist, dass wir auf dem Weg bleiben, uns bewegen, eine Richtung einschlagen.
Und wenn wir nach einiger Zeit erkennen, es passt nicht, dann ändern wir etwas. Kurskorrekturen können nur erfolgen, wenn wir uns bewegen.
„Öffne dein Ohr“ heißt: immer wieder beten, Gott ansprechen und ihm zuhören.
„Deine Augen sehen“ – wir halten Ausschau nach Gottes Wirken in unserer Welt.
In Vers 5: „Meine Schritte sind deiner Bahn gefolgt.“ Wir sind gegangen, so gut es uns möglich war, gegangen im Licht, das wir sehen konnten.
Alles das geschieht im Wissen, dass immer wieder Veränderungen notwendig sein werden und wir noch nicht angekommen sind.
Wir gehen, suchen, loben in allen Situationen, nicht erst, wenn wir uns ganz sicher fühlen. Die Psalmen lehren uns das. Unzählige Emotionen werden beschrieben: Freude, Wut, Trauer, Zuversicht, Hoffnung, Angst, Verzweiflung und noch viele mehr.
Doch fast jeder Psalm endet im Lobpreis für Gott und seine Hilfe.
Im Vers 15 lesen wir: Ich aber darf dein Angesicht schauen in Gerechtigkeit. Gerechtigkeit ist kein abstrakter Begriff. Gerechtigkeit erfordert Beziehung. Sie geschieht nicht im menschenleeren Raum. Gerechtigkeit wird geschaffen für Menschen. Sie kann nicht losgelöst sein von Beziehungen. Oder autoritär verfügt werden über die Köpfe der Menschen hinweg. Wir stehen in Beziehung mit Gott und unseren Mitmenschen, in der Gemeinde und außerhalb.
Jesus sagt: Wenn wir anderen dienen, dienen wir ihm. Wenn wir andere sehen, besonders jene, die in unserer Gesellschaft übersehen werden, dann sehen wir ihn.
Christen suchen das Antlitz Gottes und finden es in ihren Familien, Kirchenmitgliedern, Arbeitskollegen, Freunden und Verwandten (das ist für mich manchmal sehr schwer). In Menschen, denen wir auf der Straße begegnen, und noch an vielen anderen Orten.
Das Angesicht Gottes schauen ist mehr als eine Gebetspraxis. Es ist ein Glaubensschritt hin zu den Menschen. Wenn wir erwarten, dass wir Gott sehen in der Welt, dann werden wir Gottes Da-Sein wahrnehmen, in überraschenden Situationen und an vielen Orten.
Und natürlich auch in unseren stillen Zeiten und beim Beten.