Große und kleine Fische

Glaubensimpuls

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Esther Handschin

Pastorin, Erwachsenenbildung


Predigt zu Matthäus 18,21-35

Kleine und große Fische

„Die kleinen Fische werden geschnappt und die großen lässt man laufen.“ Das ist ein Satz, den man in der einen oder anderen Form in einem Wahlkampf hört. Es wird angeprangert, dass diejenigen, die die Macht haben, sich Dinge erlauben können, die für die sogenannt normalen Menschen verboten sind oder nicht in Frage kommen. Meist geht es um Geld oder Privilegien.

„Die kleinen Fische werden geschnappt und die großen lässt man laufen.“ Zu einem weiten Teil fasst die Geschichte vom sogenannten "Schalksknecht" zusammen: Dem großen Schuldner werden die Schulden erlassen, der kleine Mann und Mitverwalter wird zur Kasse gebeten, resp. ins Gefängnis geworfen, weil er seine Schulden nicht begleichen kann.

Schulden eintreiben

Würden wir nur den mittleren Abschnitt aus dieser Geschichte hören, so hielten wir sie vermutlich im Großen und Ganzen für normal. Da versucht der eine beim andern die Schulden einzutreiben. Der Betrag ist nicht übermäßig groß, dennoch greift er zu Mitteln, die befremdend wirken. Wegen einer Schuld von 100 Silberstücken braucht man niemanden an der Kehle zu packen und ihn deswegen auch noch ins Gefängnis zu werfen.

Aber wir kennen es aus dem Alltag: Wenn man nicht zu seinem Geld schaut und einfordert, was andere einem schulden, dann ist man das Geld bald einmal los. Wenn man nicht konsequent ist und gewisse Grenzen setzt, dann entgleitet einem die Sache. Strafe muss sein, sonst gibt es keinen Lerneffekt.

"Zuviel Vergebung fördert das Böse", so hat schon der Reformator Johannes Calvin diese Textstelle kommentiert. Es ist ein alter Grundsatz der Erziehung: Ein Kind braucht Grenzen. Man kann nicht alles zulassen. Zum richtigen Zeitpunkt Nein zu sagen ist wichtig. Zuviel Milde lässt das wachsen, was nicht gesund ist.

Die Vorgeschichte

Doch der biblische Text für den heutigen Sonntag besteht nicht nur aus dem mittleren Teil, der uns so vertraut ist. Es gibt auch eine Vorgeschichte und eine Nachgeschichte. Sie stellt das Alltagsgeschehen in einen neuen Zusammenhang und zwingt uns dazu, unser eigenes Verhalten im Alltag zu hinterfragen.

Wir erfahren zunächst etwas aus dem Vorleben des Verwalters, der seine Schulden eintreibt. Er ist selbst verschuldet und das in einem Maß, das in keinem Verhältnis zu dem Geldbetrag steht, den er einfordern möchte. Umgerechnet ist er 600.000 mal mehr schuldig. Das ist eine Summe von unvorstellbarer Größe. Aber die Schuld ist ihm erlassen worden. Auf sein Bitten und Drängen hin hatte sein Gläubiger – ein König – Mitleid und ließ ihm seine Schuld nach.

Als eben erst befreiter Mensch begegnet der Verwalter einem Mitverwalter, der ihm etwas schuldet und den er zur Kasse bittet. Dieser krasse Gegensatz löst in uns Empörung aus. Was ist das doch für ein uneinsichtiger Mensch, der nichts gelernt hat! Müsste er nicht das, was er selbst erfahren hat, dem anderen weitergeben? Müsste er nicht gütig und zuvorkommend sein und dem anderen die geringe Schuld erlassen?

Die Vorgeschichte dieses Menschen deckt auf, dass er mit zwei verschiedenen Maßstäben misst: Was für ihn selbst gilt, was ihm geschieht, wovon er profitiert, das gesteht er seinem Mitmenschen nicht zu und denen, die von ihm abhängig sind. Kurz gesagt: Ein solches Verhalten trägt deutliche Züge einer Doppelmoral.

Die Nachgeschichte

Es bleibt nicht nur bei dieser Vorgeschichte. Es gibt auch noch eine Nachgeschichte. Die übrigen Verwalter erfahren von dem ungerechten und unbarmherzigen Verhalten. Sie tragen die Geschichte weiter vor den Herrn und König und der zieht entsprechende Konsequenzen. Wer so unbarmherzig gegenüber seinem Mitverwalter ist, der soll die ganze Schuld bezahlen. Wer aus der ihm gewährten Güte nicht entsprechende Konsequenzen zieht und sein Verhalten ändert, den trifft die Härte des Gerichtes.

„Die kleinen Fische werden geschnappt und die großen lässt man laufen.“ Die Nachgeschichte widerlegt diesen Satz. Nun hat es den großen Fisch erwischt. Er geht ins Netz und muss die Strafe begleichen. Sein ungerechtes Verhalten wird bestraft und die Gerechtigkeit wird wieder hergestellt. Vor dem höchsten Richter gibt es kein Ausweichen mehr. Vor ihm müssen alle Rechenschaft ablegen.

Die Frage nach der Vergebung

Eine alltägliche Szene mit entsprechender Vor- und Nachgeschichte. Wir bekommen sie zu hören, weil Petrus wissen möchte, wie weit Vergebung zu gehen hat. Ist Vergebung unendlich? Gibt es nicht auch eine Grenze, wo man aufhören kann? Ist nicht siebenmal Vergeben genug?

Man müsste es meinen, aber die Antwort Jesu ist eindeutig. Er nennt die Zahl der Vollkommenheit: siebenundsiebzigmal. Vollkommen sollen wir dem Bruder oder der Schwester vergeben, die gegen uns gesündigt hat. Es gibt keine Grenze der Vergebung, wenn sie wirklich vergebend sein soll.

Uff, das ist ein starkes Stück, da entfährt einem ein Seufzer. Ist das nicht eine Überforderung für einen gewöhnlichen Menschen? Vergeben ohne Grenze, führt das nicht dazu, dass man ausgenützt und übers Ohr gehauen wird? Gerade so, wie es schon Johannes Calvin festgestellt hat.

Die Frage nach der Vergebung bleibt eine Herausforderung, gerade auch für unsere Alltagsgeschichten. Die Geschichte vom unbarmherzigen Gläubiger deckt verschiedene Dimensionen von Schuld und Vergebung auf. Ich habe fünf verschiedene Dimensionen entdeckt.

1. Schuld benennen

Es ist wichtig Schuld zu benennen und zur Kenntnis zu nehmen, sonst breitet sich ihre Wirkung immer weiter aus. Dann wird Schuld zur Sünde, die die Beziehungen belastet und Unheil bewirkt. Menschen, die schuldig geworden sind, suchen nach Vergebung. Sie wollen ihre Schuld nicht nur gegenüber sich selbst, sondern auch gegenüber anderen Menschen eingestehen.

Aber man nimmt sie nicht ernst, wenn man sie vertröstet und allzu schnell entschuldigt. Pauschalsätze wie: „Alle sind schuldig geworden und haben keinen Anteil mehr an Gottes Herrlichkeit.“ (Röm 3,23) „Die Liebe deckt viele Sünden zu.“ (1. Petr 4,8) stammen zwar aus der Bibel. Aber sie verhindern den Prozess der Wahrnehmung und Bearbeitung von Schuld. In unserer Geschichte hingegen wird benannt, wie es um den Gläubiger steht. Er weiß, was er schuldet. Er sieht der Tatsache ins Auge.

2. Auch ich lebe von Gottes Güte

In all meinen Alltagsgeschichten um Schuld und Vergebung gilt: Auch ich habe eine Vorgeschichte. So wie der große Schuldner die Barmherzigkeit des Königs erfahren durfte, so gilt mir Gottes Güte und Barmherzigkeit. Vor Gott ist mir meine Schuld vergeben, wie groß sie auch sei. Ich profitiere von seiner Güte und Barmherzigkeit, denn er ist nicht an meiner Leistung interessiert, sondern an mir als Person. Ich stehe in seiner Schuld und brauche ihm doch nichts zu zahlen, weil Christus für mich bezahlt hat. So gesehen gehöre ich zu den großen Fischen.

3. Ich bin Rechenschaft schuldig

So wie meine Geschichte eine Vorgeschichte hat, so hat sie auch eine Nachgeschichte. Ich bin über mein Handeln Rechenschaft schuldig. Das fordert mich heraus mein Verhalten im Alltag zu überprüfen und mich selbst zu fragen: Stimme ich mit ein in das Lied vom kleinen und vom großen Fisch? Jammere ich über das, was mir entgeht, wo ich mich benachteiligt fühle? Klage ich darüber, dass ich zu kurz komme?

Oder antworte ich auf Gottes große Güte? Lass ich mein Handeln bewegt sein von seiner Liebe und Barmherzigkeit? Ist mein Leben ein Lobgesang auf seine Liebe? Spiegelt sich darin die Güte und Barmherzigkeit, die ich von Gott empfangen habe?

4. Vergebung öffnet eine neue Zukunft

Vergebung eröffnet eine neue Zukunft. Das Einüben in ein neues Verhalten bietet neue Möglichkeiten des Handelns. Wer in einer Auseinandersetzung, in einem Konflikt geschehenes und benanntes Unrecht nicht vergeben kann, der kehrt immer wieder in die Vergangenheit zurück. Ständig kommt zur Sprache, was geschehen ist, was auch noch war, was einen verletzt hat und was einen am anderen nicht passt. Damit wird die alte Wunde stets genährt, sodass sie nicht heilen kann. Und man nimmt sich selbst und dem andern die Chance für einen Schritt in eine gemeinsame, neu gestaltete Zukunft. Diese Schritte in die Zukunft jedoch wollen eingeübt werden, vom Kleinen bis zum Großen.

5. Vergebung verwandelt

Vergebung birgt in sich die Kraft der Verwandlung. Wer sich dem Heiligen Geist öffnet und damit der Kraft, die in uns die Vergebung wirkt, wird erfahren, dass durch diese Kraft geschehenes Unrecht sich zu verwandeln beginnt. Eine erfahrene Verletzung in diesem Licht besehen führt dazu, dass ich Mitleid empfinde für den oder die, die mich verletzt hat. Denn ich lerne mit den Augen des anderen zu sehen und in seinen Schuhen zu gehen. Ich ahne, wo seine Ängste, sein versteckter Kummer, seine Gefühle von Unsicherheit und Scham sitzen und in mir wird das Erbarmen geweckt.

Wer sich der Kraft des Heiligen Geistes öffnet, dessen Gedächtnis wird gereinigt von den vielen schmerzhaften Erinnerungen, von der Last der Vergangenheit, die sich nachtragend immer wieder meldet. Wer sich dem Heiligen Geist mit ungeteiltem Herzen anbefiehlt, wird erleben, dass erfahrenes Unrecht und geschehene Schuld sich in Fürbitten verwandeln. Denn die Liebe, die durch den Heiligen Geist ausgegossen ist, sie lässt im vermeintlichen Gegner und Feind einen Menschen sehen, der genauso von Gottes Güte und Barmherzigkeit lebt wie ich.

Eine Weisheit

Aus dem Chassidismus, der Erweckungsbewegung des Judentums im 18. Jahrhundert, wird von Martin Buber Folgendes überliefert: Die große Schuld des Menschen sind nicht die Sünden, die er begeht – die Versuchung ist groß und die Kraft des Menschen ist klein. Die große Schuld des Menschen ist, dass er jederzeit umkehren kann und es nicht tut. Lassen wir den Heiligen Geist in uns wirken, damit er uns zur Umkehr bewegt und wir Schritte auf die Menschen zugehen, die unsere Vergebung brauchen. Amen.

Die große Schuld des Menschen ist,

dass er jederzeit umkehren kann und es nicht tut.

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