Ein heiliges und lebendiges Opfer
Glaubensimpuls

Pastorin, Erwachsenenbildung

In der ersten Abendmahlsliturgie, die im Gesangbuch der Evangelisch-methodistischen Kirche abgedruckt ist, kommt folgende Formulierung vor: „In Erinnerung an dein machtvolles Wirken in Jesus Christus bringen wir uns selbst dar in Lobpreis und Dank als ein heiliges und lebendiges Opfer. In Gemeinschaft mit seinem Opfer für uns verkünden wir das Geheimnis des Glaubens: Christus ist gestorben, Christus ist auferstanden, Christus wird wiederkommen.“
Ich erlebe es immer wieder, dass gerade evangelisch geprägte Christinnen und Christen bei diesen Worten innerlich zusammenzucken. War es nicht ein Anliegen des Reformators Martin Luther, die Vorstellung, dass bei der Messe das Opfer von Jesus wiederholt wird, aus allen liturgischen Texten des Gottesdienstes zu streichen? Ist nicht Christus ein für allemal für uns gestorben? Das Opfern brauchen wir daher nicht zu wiederholen.
Und hat nicht Jesus dem Opfern ein Ende gesetzt, wenn er den Propheten Hosea zitiert: „Barmherzigkeit will ich und keine Opfer.“? (Hosea 6,6, zitiert in Matthäus 9,13) Dann können wir den Gedanken, dass wir mit unseren Gottesdiensten und den dabei vollzogenen Handlungen ein Opfer für Gott darbringen, getrost aus unseren Köpfen verbannen.
Jesus oder Paulus?
In der Lesung aus dem Römerbrief haben wir jedoch das Wort des Paulus gehört, auf das das Zitat aus der Abendmahlsliturgie Bezug nimmt: „Stellt euer ganzes Leben Gott zur Verfügung. Es soll ein lebendiges und heiliges Opfer sein, das ihm gefällt.“ (Römer 12,1b) Was gilt jetzt? Die Worte Jesu oder die Erkenntnisse des Paulus? Wem sollen folgen?
Ihr wisst, dass ich euch an dieser Stelle keine einfache Antwort gebe. Ich sage euch nicht: Hört nur auf Jesus! Und ich sage euch nicht: Paulus hat die Wahrheit erfasst. Es gibt kein schwarz oder weiß, Ja oder Nein, Jesus oder Paulus, katholisches Messopfer oder evangelische Freiheit. So einfach ist es nicht.
Christliche Lebensführung als Hingabe
Schauen wir uns also den Text aus dem Römerbrief genauer an. Mit dem 12. Kapitel leitet Paulus den abschließenden Teil seines Schreibens ein, wo es um praktische Fragen geht: Wie soll ich mein Leben führen, wenn ich Jesus nachfolge und Gottes Willen erfüllen will? Wie gelingt das Zusammenleben in einer christlichen Gemeinde, wenn die Beteiligten so unterschiedlich sind?
Denn in der Hauptstadt des Römischen Reiches muss die christliche Gemeinde sehr bunt gewesen sein. Auf diese Vielfalt geht Paulus mit dem Bild vom Körper und seinen verschiedenen Gliedern in den Versen 4 bis 8 ein. Dieses Bild ist allgemein bekannt, und er hat es auch schon im 1. Korintherbrief verwendet.
Zuerst aber sagt Paulus etwas Grundsätzliches darüber, wie wir unser christliches Leben gestalten sollen. Es geht um die Hingabe des ganzen Lebens an Gott. Dieses soll ein lebendiges und heiliges Opfer sein. Meint Paulus damit, dass wir uns opfern sollen für Gott?
Opfer zur Zeit des Paulus
Was ein Opfer zur Zeit des Paulus war und wie wir das Wort Opfer heute gebrauchen, das sind zwei verschiedene Dinge. Zur Zeit des Paulus war es üblich, dass z.B. am Tempel in Jerusalem, aber auch an Tempeln, die anderen Göttern geweiht waren, täglich Tieropfer dargebracht wurden. Jeder Tempel war auch mit einem Schlachthaus verbunden.
Wenn schon ein Tier sein Leben lassen musste, damit die Menschen Fleisch essen konnten, dann sollte diese Tötung im Angesicht Gottes geschehen. So konnte man Gott um Vergebung dafür bitten, dass man ein Leben tötet, um das eigene Leben durch den Verzehr von Fleisch zu stärken.
Doch es ging nicht nur um den Verzehr von Fleisch. Dem getöteten Tier konnte auch eine Bedeutung gegeben werden: Ein Leben wird hingegeben und dafür werden andere Leben z.B. vor einem Unglück verschont. Ich gebe Gott etwas von dem, was mir ganz wichtig ist, und Gott bewahrt mich oder heilt mich und rettet damit mein Leben. Oder anders gesagt: Für Menschen der antiken Welt war ein Opfer der selbstverständliche Ausdruck dafür, mit Gott Gemeinschaft zu haben.
Ein lebendiges Opfer
Was schreibt nun Paulus vom Opfer? Das Überraschende bei dem Opfer, von dem Paulus schreibt, das ist, dass das Opfer nach seiner Hingabe nicht tot, sondern lebendig ist und dass es ein Opfer ist, das Gott gefällt. Das ist eigentlich ein Widerspruch in sich selbst: Ein Opfer ist nur ein Opfer, wenn es danach tot ist. Ein lebendiges Opfer kann es eigentlich nicht geben.
Paulus muss hier also von einer anderen Art des Opfers reden, als wir es uns vorstellen. Wieder einmal sind wir durch den Gebrauch der deutschen Sprache benachteiligt, um genau wahrzunehmen, um was es geht.
"Victim" und "Sacrifice"
Die deutsche Sprache kennt nur ein Wort, wenn es um das Opfer geht. Das Englische oder das Französische differenzieren hier genauer. Da gibt es auf der einen Seite „victim“, z.B. das Opfer eines Verkehrsunfalls oder auch eines Krieges. Dass Menschen in so einer Situation sterben müssen, ist überflüssig und oft auch sinnlos. Wenn Menschen so sterben, bleiben wir mit vielen Fragen zurück: Warum muss das sein? Hätte es nicht anders sein können? Warum wird uns gerade dieser Mensch genommen?
Im Englischen und Französischen gibt es noch ein weiteres Wort für Opfer: „sacrifice“. Wenn wir dieses Wort genauer ins Deutsche übertragen, so geht es um etwas, das „heilig gemacht wird“. Das Opfer bekommt eine Bedeutung. Es ist nicht mehr sinnlos, sondern es gibt einen Gewinn. Dafür dass jemand stirbt, kommt ein anderer mit dem Leben davon.
Hingabe des Lebens
Wir kennen z.B. das Zeugnis aus einem Konzentrationslager, wo ein Familienvater hätte hingerichtet werden sollen. Ein kinderloser Priester jedoch erklärt sich bereit, anstelle des Familienvaters in den Tod zu gehen. Hier macht es plötzlich Sinn, dass ein Mensch sein Leben für einen anderen hingibt, weil dieser andere dafür weiterleben kann.
Ich möchte damit nicht dafür werben, dass Menschen einfach so in den Tod gehen, um sich für andere hinzugeben. Aber manchmal hilft uns diese Differenzierung zwischen Victim und Sacrifice, den Tod eines Menschen besser zu verstehen oder zu akzeptieren.
Was wir von Paulus auf jeden Fall lernen können: Ihm geht es nicht darum, uns dazu aufzufordern, unser Leben unüberlegt wegzuschmeißen. Er hat meiner Meinung nach etwas anderes im Sinn: Wer sein ganzes Leben, mit allem was er hat und ist, in den Dienst Gottes stellt, wird erfahren, dass diese Hingabe nicht in den Tod, sondern ins Leben führt. Dies zu erfahren erfordert allerdings, dass man es einmal ausprobiert.
Begabungen einsetzen
Damit sind wir wieder beim Bild vom Körper und den verschiedenen Körperteilen. Jeder Teil hat eine andere Aufgabe und nur in der Verschiedenheit der Teile ist der ganze Organismus voll funktionsfähig. Im Römerbrief beschreibt Paulus die Aufgaben als Gaben, die uns durch Gottes Gnade geschenkt sind. Im 1. Korintherbrief verbindet er diese Gaben mit dem Heiligen Geist.
Die Liste der einzelnen Begabungen, die Paulus aufzählt, ist recht unterschiedlich. Prophetisch reden, ein Amt oder eine Aufgabe übernehmen, lehren, ermutigen, geben, fürsorglich sein, helfen. Jede Gabe ist mit einer Einladung verbunden, sie zu gebrauchen und zum Wohl der anderen einzusetzen.
- Prophetisch reden, sodass es mit dem Glauben übereinstimmt.
- Die Aufgabe der Leitung als einen Dienst verstehen.
- Lehren und Unterrichten nicht um Weisheit zu verbreiten, sondern um damit etwas zu bewirken.
- Ermahnungen so formulieren, dass sie ermutigen.
- Geben ohne jegliche Hintergedanken zu haben.
- Fürsorge mit Hingabe verbinden.
- Barmherzigkeit mit Freude geschehen lassen.
Vernünftiger Gottesdienst von Montag bis Samstag
In seiner Einleitung bezeichnet Paulus all das eine vernünftige Art Gott zu dienen. Er verwendet dafür den griechischen Ausdruck, den wir mit „Gottesdienst“ übersetzen können. Unser Gottesdienst besteht also nicht nur in dem, was wir tun, wenn wir am Sonntag zusammenkommen, um Gott zu loben, zu ihm zu beten auf sein Wort zu hören und miteinander das Mahl zu feiern.
Unser Gottesdienst findet auch von Montag bis Samstag statt, wenn wir unsere Begabungen dazu einsetzen, anderen Menschen zu helfen. Wer sich so in den Dienst von Gott stellt, wird dabei erfahren: Das ist für mich kein Opfer im Sinn von victim, das ins Leere läuft und im Tod endet.
Nein, wenn ich meine Begabungen so nütze, dass sie auf meine Mitmenschen ausgerichtet sind, dann dient das auch mir und meinem Leben. Es gibt mir einen Sinn für mein Leben und erfüllt mich selbst mit Leben. So wird meine Hingabe ein „sacrifice“ und macht mich selbst heilig und Gott angenehm.
Darum können wir uns ohne Scheu Gott als ein heiliges und lebendiges Opfer zur Verfügung stellen. Denn wir wissen: Das Opfer, das Jesus für uns vollbracht hat, in dem er für uns gestorben ist, das müssen wir nicht wiederholen. Wir bleiben bei unserer Hingabe des Lebens an Gott lebendig, ja, wir werden dadurch noch viel lebendiger. Amen.