Liebe, die zum Leben führt

Glaubensimpuls

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Gabi Rehbogen

Bezirkslaienführerin EmK Salzburg


Eine Predigt zu Johannes 3,1 – 17 und Römer 8,2 – 17 

Eine Expert*innen-Frage?

Die meisten Menschen setzen großes Vertrauen in Experten. Mediziner*innen, Jurist*innen, Bausachverständige, Finanzexpert*innen, Theolog*innen haben ihre Fachgebiete gründlich studiert und wissen bestens Bescheid. 
Aber: Irren ist menschlich! 

Das gilt auch für Expert*innen. Man kann sich also nicht zu 100% auf sie verlassen. 
Das gilt natürlich auch für Theolog*innen. Wenn also jemand etwas Verlässliches über Gott erfahren will, dann reicht es folglich nicht aus, Theolog*innen um Rat zu fragen. Daraus ergibt sich nun die Frage: Wie können wir etwas Verlässliches über Gott erfahren und wie können wir einen tragfähigen Glauben bekommen?

Der Pharisäer Nikodemus – ein Suchender und Fragender

Nikodemus hat sich mit dieser Frage auch auseinandergesetzt. Er hielt sich, obwohl er ein erfahrener, gut ausgebildeter Theologe / Pharisäer war, nicht für einen unfehlbaren theologischen Experten, sondern er war sich bewusst, dass er letztlich nur bruchstückhaft etwas über Gott weiß. Er gehörte zu einer Gemeinschaft, die äußerst gewissenhaft darum bemüht war, nach Gottes Willen zu leben. Trotzdem war Nikodemus in Glaubensdingen ein Suchender und Fragender, so wie wir das auch sind, sein sollten.

Nikodemus hatte, im Gegensatz zu uns, die Möglichkeit Jesus persönlich Fragen zu stellen, traute sich aber nicht offen und in Gegenwart anderer mit ihm zu sprechen. So wartete er die Nacht ab und begann das Gespräch mit einem Kompliment:

„Meister, wir wissen du bist ein Lehrer, von Gott gekommen, denn niemand kann diese Zeichen tun, die du tust, wenn nicht Gott mit ihm ist.“

Mit dieser Anrede ist Nikodemus ein gutes Vorbild für uns und für alle, die nach Gott fragen, denn sie zeigt: Er kommt in Demut zu Jesus.

Jesus hat große Wunder getan und unzählige Menschen geheilt. Diese Erkenntnis hat in Nikodemus Vertrauen geweckt und gestärkt, dass Jesus der ist, der seine Fragen nach Gott beantworten kann.

Warum stellte Nikodemus die Frage nach Gott? 

Wahrscheinlich, weil er, wie wir alle ein gutes Leben leben möchte. Die Voraussetzung für gutes Leben ist aber, dass der Mensch im Reinen mit sich selbst ist, mit den Mitmenschen und mit der Umwelt. Für Nikodemus war es selbstverständlich, dass dieses Ziel nur dann erreicht werden kann, wenn jemand auch mit Gott im Reinen ist. 

Ein Beispiel aus der Philosophie

An dieser Stelle möchte ich gerne Ariadne von Schirach zitieren, eine Philosophin und Autorin, die an verschiedenen Hochschulen Philosophie und chinesisches Denken unterrichtet:

Aristoteles sagt, wenn du ein glücklicher Mensch sein willst,

ein gutes Leben führen möchtest, dann musst du das Gute tun. 
Was ist das Gute ? 
So wie ich das verstehe, stärkt das, was wir „Gutes“ nennen,

die Verbundenheit, schenkt uns Vertrauen und Hoffnung. 
Es lässt den Anderen aber auch anders sein –

es erhöht die Möglichkeiten des Anderen und damit auch die eigenen. 
Denn wenn wir das Leben nähren, nährt es uns.

Ariadne von Schirach
Philosophin

Wir, als Christ*innen, vertrauen also darauf, dass, wenn wir zu Gottes Reich gehören, seine Kinder und damit Erben sind, dann kommt in unserem Leben alles in Ordnung, weil wir in Verbundenheit mit Gottes Kraft und Lebendigkeit gespeist werden.

Jesus kommt also zur Sache und sagt zu Nikodemus: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: Es ist denn, dass jemand von neuem geboren werde, so kann er das Reich GOTTES nicht sehen.“

Der Begriff „von neuem“ ist im griechischen Originaltext doppeldeutig: man kann ihn auch mit „von oben her“ übersetzen. 

Da erfahren wir aus zuverlässiger Quelle:  Die Welt hat kein Mittel gegen Sünde und Gottesferne zu bieten!

Nur wenn Gott selbst also, von ober her, eingreift und einem Menschen zum zweiten Mal das Leben schenkt, kann es besser mit ihm werden – nur dann kann er zu Gott finden. Menschen schaffen nur Menschliches – Gottes Kraft ist nötig um Göttliches zu erreichen.

Da kommt wieder Frau von Schirach ins Spiel – sie sagt:

Es ist nicht leicht ein Mensch zu sein.

Der übliche Irrtum besteht darin, die Welt, so wie sie ist,

für notwendig zu halten.

Doch die Welt wird von Menschen gemacht

und wir machen alle erst einmal mit. Das ist der Zeitgeist. 

Wenn wir anfangen zu fragen, wie könnten wir sein, wie wollen wir sein, kommen wir vom Ego zum Ich. Dieses Hinterfragen, was ist,

ist letztlich die Aufgabe aller Menschen. 

Ariadne von Schirach
Philosophin

Ein Mensch zu sein bedeutet Geist zu besitzen. Aber weil wir das alle immer wieder vergessen, müssen wir uns immer wieder daran erinnern – und das geschieht z.B. zu Pfingsten! Das Fest erinnert uns daran, dass wir Menschen mehr gemeinsam haben, als uns trennt, weil wir im Inneren die gleiche Sprache sprechen!

Ähnliche Gedanken bei Paulus

Mit diesen Gedanken lande ich im Römerbrief von Paulus! Im heutigen Abschnitt aus Kapitel 8,12-17 lesen wir von Freiheit und Unfreiheit, von müssen und wollen – der Mensch zwischen „Fleisch“ und „Geist“.

„Fleisch“ ist hier von Paulus nicht nur als menschlicher Leib, sondern auch alles, was ich mir in meinem Leben nicht ausgesucht habe; wie meine Begierden und Bedürfnisse. Sozusagen die Haut in der ich stecke! Die Gewohnheiten und Schwächen, die mich so oft selber nerven. Die Ansprüche, die andere an mich stellen. Die Welt, so wie sie nun mal ist. Wenn das „Fleisch“ dein Leben bestimmt, sagt Paulus, dann bist du schon so gut wie tot. 

Christliches Leben, Leben als Christ*in, bedeutet für Paulus, ein Gefühl von Freiheit zu erfahren, das sich über alle Begrenzungen erhebt. Ein Gefühl, das sein innerster Antrieb ist, das ihm Kraft gibt. Er entwirft ein Bild von Freiheit, das er im Alltag ansiedelt. Für ihn besteht Freiheit nicht in der Ungebundenheit, sondern in der Beziehung – einer ganz besonderen Beziehung. Diese Beziehung besteht zwischen Gottes Geist und unserem „Geist“; bzw. zwischen der Lebendigkeit Gottes und unserem inneren Leben, unserem Denken und Fühlen. Diese Beziehung, die für Paulus bei der Taufe entsteht, ist geprägt durch ein kindliches Vertrauen. Und dieses Vertrauen macht den Menschen wahrhaft frei. Warum? 

Was ist denn Freiheit?

Weil das Gegenteil von Freiheit nicht Bindung ist, sondern Angst.

Die Lebensangst ist es, die die Menschen wirklich knechtet. Die Angst zu versagen, nicht zu genügen, das Leben irgendwie zu verpassen. Das, was Paulus das „Fleisch“ nennt, führt uns in solche Angst und macht uns zu angstgetriebenen Menschen und die Angst ist der Tod im Kopf! Wer vertrauen kann, ist dagegen wirklich frei!

Wenn wir wissen, dass es nichts gibt, was uns wertlos oder unwürdig macht, wenn wir wissen, dass wir unter allen Umständen geliebte Kinder sind, dann können wir uns frei, befreit fühlen.

Der Geist Gottes, so beschreibt es Paulus, schafft in uns ein Vertrauen, wie Kinder es zu einem liebevollen geduldigen Vater, einer liebevollen geduldigen Mutter haben.

Und wo können wir unter anderem so eine Freiheitserfahrung konkret erleben?

Freiheit im Gebet

Paulus gibt hier einen spezifischen Ort oder vielleicht einen Ausgangspunkt an – das Gebet. Das Gebet ist ein Augenblick von Freiheit mitten im Alltag! Wer betet, segelt innerlich aufs Meer hinaus, steigt auf den höchsten Gipfel und sagt dort „du“. 
Das Gebet ist Abstand und Beziehung zugleich. 

Es hilft uns vom „Fleisch“ – dem Druck der Welt – zu distanzieren, und es verbindet uns zugleich mit dem „Geist“, der Lebendigkeit Gottes. 
Das Gebet übt uns immer wieder neu ein in das Vertrauen. So sind wir verbunden mit dem was uns Kraft gibt, mit Dem, der / die  uns Kraft gibt:  „Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“

Was ist die "neue Geburt"?

Nikodemus versteht nicht, was Jesus mit diesem erneuten Geborenwerden meint. Er fragt: „Wie kann ein Mensch neu geboren werden, wenn er alt ist?“

Es ist tröstlich, dass Nikodemus das fragt. Er zeigt damit:  selbst ein begabter, gelehrter Theologe versteht vieles von Gottes Willen nicht auf Anhieb, sondern erst nach und nach. Auch darin ist uns Nikodemus ein Vorbild: Wir müssen Geduld haben, wenn wir Gott besser kennenlernen wollen!

Geduld aber bedeutet in diesem Fall nachfragen und weiter aufmerksam zuhören.

Jesus erklärt weiter: Eine zweite leibliche Geburt wäre sinnlos. Nur wenn Gott selbst ihm / uns neues Leben schenkt durch seinen Geist, dann wird ein Mensch befreit und erhält geistliches Leben. Dies geschieht in Verbindung mit Wasser – nämlich mit dem Wasser der Taufe.

Diese Botschaft geht vom himmlischen Vater selbst aus, ist durch Gottes Sohn Jesus Christus in die Welt gekommen und wird durch den heiligen Geist allen zuteil, die die Wiedergeburt / Neugeburt aus Wasser und Geist erfahren. Hier erkennen wir auch die richtige Vorstellung von Gott:

Ihn erkennen als den drei-einen, den Gott, der sich uns als Vater, Sohn und Heiliger Geist offenbart hat.

Gott ist trinitarisch

Tja und diese Erkenntnis passt auch genau zu diesem, heutigen Sonntag, dem Sonntag Trinitatis! Unser Glaube ist also von Grund auf trinitarisch geprägt und zeigt, dass wir uns Gott nicht als einen in sich verschlossenen mächtigen Block, als einen von allem entfernten, entrückten Allherrscher vorstellen sollen, sondern als ein zutiefst liebendes Wesen der Beziehung, des Lebens.

Dieser drei-eine Gott ist keine nachträgliche Erfindung kluger Theolog*innen, sondern ist vielfach durch die Heilige Schrift bezeugt. 

Dafür sind die Lesung aus dem Römerbrief – „Ihr habt den Geist der Kindschaft empfangen“  – und vor allem die letzten Verse des Matthäusevangeliums mit ihrem universalen Sendungsauftrag eindrucksvolle Aussagen: „Geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“

Zugleich verheißt Christus, der Auferstandene, an dieser Stelle uns allen seine bleibende Nähe.

Der Heilige Geist ist das Unterpfand, die Garantie für die immerwährende Anwesenheit Gottes und die stets ausgestreckte heilende und rettende Hand Christi.

Die Trinität ist aber natürlich nicht zu sehen oder wissenschaftlich zu beweisen. Wir können sie nur in kindlichem Vertrauen von Gott annehmen. Für den menschlichen Verstand ist der Heilige Geist unsichtbar, lediglich die von ihm bewirkten Folgen sind wahrnehmbar. Jesus hat das mit einem Vergleich erklärt, wobei er die Tatsache aufgreift, dass das Wort für „Geist“ zugleich „Windhauch“ heißt. Jesus sagt: „Der Wind bläst, wo er will und du hörst sein Sausen wohl; aber du weißt nicht woher er kommt und wohin er fährt. So ist es bei jedem, der aus dem GEIST geboren ist.“

Nikodemus fragt weiter – demütig, vertrauensvoll, geduldig: „Wie kann dies geschehen?“ Jesus fragt zurück: „Bist du Israels Lehrer und weißt das nicht?“ Über die Wirkweise des Heiligen Geistes müsste Nikodemus Bescheid wissen, denn davon steht bereits viel im Alten Testament. Allerdings kann man es erst im Lichte Jesu ganz verstehen. 

Darum bezeugt Jesus dem Nikodemus und uns: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir: wir reden, was wir wissen und bezeugen, was wir gesehen haben; ihr aber nehmt unser Zeugnis nicht an. … Und niemand ist gen Himmel aufgefahren außer dem, der vom Himmel herabgekommen ist, nämlich der Menschensohn.“

Eine schwierige Antwort! 

Aber eines wird uns mit dieser Antwort klar  

Wer Gott besser kennelernen möchte, kann das durch Jesus!

Aus Liebe zur Welt hat Gott Jesus in die Welt gesandt, damit die Welt durch ihn gerettet werde. Gottes Liebe für die Welt ist das Geheimnis, das zwischen Richten und Rettung unterscheidet. Darin dürfen wir uns wiederfinden und uns in der geliebten Welt wiedererkennen.

Gottes Liebe führt zur Rettung. Wir leben „das ewige Leben“, das heißt „Leben in Fülle“. Gott beabsichtigt ein unbegrenztes Leben in Liebe.

Weil Gottes Absicht Rettung statt Gericht ist, beruft Gott eine Mission ein – er schickt seinen Sohn los, dass die Welt nicht gerichtet wird, sondern gerettet.

Jesus führt zum Leben

Die Mission, für die Jesus bereit ist zu sterben , ist, uns zum Leben zu führen. Wir leben das „ewige Leben“, wenn wir lernen in unseren Gedanken offen und liebevoll mit Menschen zu kommunizieren, wenn wir angebotene Vergebung annehmen, wenn wir uns immer wieder auf die Beziehung zu Jesus und Gott einlassen. Wir können zuhören, wir können auch weghören, das ist unsere Freiheit, die uns gegeben ist – Gott lässt uns entscheiden, welches Leben wir führen möchten.

Doch, Gottes Liebe, die eine Welt aus dem Gericht ins Leben führt – damit dürfen wir rechnen, wenn wir uns für die Kindschaft entscheiden !

Voll Vertrauen dürfen wir einen tragfähigen Glauben erhoffen, der unseren Geist mit Gottes Geist erfüllt, uns stärkt und befreit.

„Schaffe in mir Gott ein reines Herz und gib mir einen neuen gewissen, beständigen Geist.“  (Psalm 51,12), Das lesen wir, damit wir durch Gottes Wort, lebendig werden und bleiben und durch dieses Erkennen einen tragfähigen Glauben bekommen!

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