Unsere Gemeinden sind die Hoffnung der Welt

Glaubensimpuls

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Frank Moritz-Jauk

Pastor, Öffentlichkeitsarbeit


Predigt von Pastor Frank Moritz-Jauk / available in english

Unsere Gemeinden sind die Hoffnung der Welt.

"Nein, Tatsache ist, dass Gott hier nicht mehr wohnt. Ich glaube nicht, dass Freude möglich ist, dass es sich in Gemeinschaft besser lebt, dass wir einander radikal lieben sollen. Die Wahrheit ist, dass unsre Gemeinden kurz vor dem Aus stehen. Ich weigere mich zu glauben, dass wir Teil von etwas sind, das über uns selbst hinausreicht, und dass wir verändert wurden, um zu verändern. Es ist doch ganz klar, dass Armut zu übermächtig ist, dass Rassismus nicht zu überwinden ist. Dass das Böse niemals zu besiegen sein wird. Ich kann nicht glauben, dass Dinge sich in der Zukunft zum Besseren wenden. Es wird sich herausstellen, dass Gott nicht helfen kann, und du liegst falsch, wenn du glaubst, Gott kann. Ich bin davon überzeugt: Man kann Dinge nicht verändern. Es wäre eine Lüge, würde ich sagen: Gott kümmert sich!"

Zum Jahresende bin ich über diesen Text, über diese Stellen gestolpert. Und ich war beim ersten Mal lesen ein wenig hin und her gerissen: Ist das jetzt zu extrem oder ist da nicht auch ein Teil wahr oder zumindest ernst zu nehmen?

Manchmal, wenn ich als Pastor so über meine Gemeinde nachdenke oder gerade auf der Suche nach geeigneten Personen Ausschau halte, die die eine oder andere Aufgabe übernehmen könnten, dann frage ich mich: Sind unsere Gemeinden noch groß genug? Oder ist da ein Fünkchen Wahrheit auch bei uns als Evangelisch-methodistische Kirche in Österreich dran, dass unsere Gemeinden, vielleicht nicht kurz vor dem Aus, aber gefährdet sind? Wie war das in St.Pölten, wie ist das in Ried?

Nähern wir uns auch dieser kritischen Größe an, wo man bald nicht mehr von Kirche sprechen kann? Mit sieben Gemeinden in Österreich? Wird man auch in diesen Gemeinden bald nicht mehr von Kirche, sondern bestenfalls von einer christlichen Versammlung sprechen?
Ich kann mich erinnern, dass ich einen Sonntag in Graz hatte, ich glaube es war während der Sommerferien, an dem vielleicht 8-10 Leute im Gottesdienst waren. 8-10 Leute von denen dann zwei für die Lesungen eingeteilt waren und natürlich eine Person am Klavier saß – aber ich fand das schockierend.

Oder wie ist das, wenn ich über den Krieg in der Ukraine nachdenke? Hat es schon jemals irgendwo in der Menschheitsgeschichte einen Krieg gegeben, bei dem nicht die Zivilgesellschaft in Mitleidenschaft gezogen wurde? Einen Krieg in dem keine Frauen vergewaltigt wurden? Wo es keine absichtlich herbeigeführten Kollateralschäden gegeben hätte? Ist es dann nicht wahr, wenn es heißt, das Böse wird niemals zu besiegen sein?

Ist es nicht fürchterlich zu beobachten, dass wir uns als Menschen nicht entwickeln, dass wir nicht dazu lernen, dass wir uns immer noch gegenseitig umbringen müssen? Wer heute in den Osten der Ukraine schaut, der sieht den Ersten Weltkrieg, nur eben hundert Jahre später. Schützengräben. Keine Gebietsgewinne. Stellungskrieg. Menschen denen die Füße abfaulen. Die vom Artilleriebeschuss zermalmt werden. Was haben wir in den vergangenen 100 Jahren nicht alles erfunden? Vom Auto über den Farbfernseher, das Handy, das jetzt ein Smartphone ist und der sprachgesteuerten Alexis, die die Musik abspielt. Aber Kriege, ganz normale brutale Kriege, haben wir immer noch. Trotz der UNO, trotz den Menschenrechten, was will man da sagen?

Und wie ist das jetzt mit der Klimakrise und den Maßnahmen, die wir dazu erleben? Muss man da nicht sagen: „Ich kann nicht glauben, dass Dinge sich in der Zukunft zum Besseren wenden.“ Verbunden mit der ewigen Frage: Warum greift Gott nicht ein? Warum lässt Gott das zu? Warum diese Ungerechtigkeit?

Also auch wenn ich nicht die ganze Radikalität dieses Textes annehme – wie gehe ich mit diesen Fragen um? Und was bedeutet das dann in der letzten Konsequenz für mich als Mensch? Was bedeutet es für mich als Christ? Was bedeutet es für mich als Pastor?Was bitte soll ich euch denn hier und heute noch predigen?

Ich bin nach wie vor der Ansicht, dass es viel wichtiger ist, die richtigen Fragen zu stellen, als die richtigen Antworten darauf zu geben.

Aber heute möchte ich einmal von dieser Grundregel abweichen. 

Ich glaube – und das kann ich jetzt zunächst einmal nur für mich selbst sagen und für keinen anderen Menschen sonst auf dieser Welt – ich glaube, dass es manchmal nicht reicht, die sogenannten „richtigen“ Fragen zu stellen.

Manchmal muss man sich aktiv für etwas entscheiden. 
Entscheiden für das Leben. Entscheiden für die Hoffnung. Entscheiden für Gott und den Glauben an Jesus Christus.

Entscheiden für eine Sicht auf das Leben, die ich ja immer selbst wähle oder selbst wählen kann. Der alte Spruch vom halbleeren oder halbvollen Glas – ich glaube, er ist wahr.

Und so hat es neben all dem Bösen, neben all dem Jahrtausende alten Versagen, neben jeder Unzulänglichkeit der Menschen immer auch das Gute gegeben. Neben all dem Bösen hat es immer auch das Gute gegeben.

Und handelt die Urgeschichte vom Paradies nicht von dieser ständigen, lebensentscheidenden Frage der Entscheidung? Der Entscheidung zwischen Gut und Böse?

Wenn ich an die Kriege denke: Hat es nicht auch schon immer Menschen gegeben, die dagegen waren? Die geholfen haben, die die Verwundeten verbunden haben. Die gesagt haben: „Wer zum Schwert greift, soll durch das Schwert umkommen.“ (Matthäus 26,52) Hat nicht derjenige, der das gesagt hat, selbst den Beweis angetreten, dass man Gewalt nicht mit Gewalt beantworten kann. Ist er nicht am Kreuz gestorben und trotzdem auferstanden?

Und wenn ich an die Klimakrise in all ihren Auswirkungen denke und mich deshalb zu Tode fürchte, wer bitteschön soll davon denn profitieren? Hat Jammern schon jemals etwas zum Guten bewirkt? Oder Menschen motiviert, ihr Leben zu ändern? Oder dazu geführt, dass man tut was man kann und das Unmögliche Gott anvertraut?

Heißt es nicht stattdessen: Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. (2. Timotheus 1,7)

Wenn wir als Christinnen und Christen die Hoffnung verlieren, dass das Gute genauso lebendig ist wie das Böse, wenn wir aufhören, an die Überwindung von Leiden und Not zu glauben, wenn wir resignieren und aufhören mit Gottes Wirken zu rechnen, dann ist es wirklich zum Fürchten.

Ich aber und mein Haus, wir wollen dem HERRN dienen. (Josua 24,15) Hat Josua einmal gesagt. Und ich schließe mich ihm an. Das will ich auch.

Und das wirklich Allerletzte, das ich will, ist die Hoffnung zu verlieren. Die Hoffnung, dass bei Gott nichts unmöglich ist. Und dass hinter allem ein guter, gnädiger Gott steht, der mich sieht. Der mich hört. Und dem ich vertrauen kann, weil er mich liebt.

Es ist eine Entscheidung. Eine Entscheidung, wie ich das Leben sehen möchte. Es ist eine Frage der Perspektive.

Und so lade ich uns alle ein – diesen Text aus der Perspektive Gottes zu lesen. Nicht von oben nach unten wie wir das gewohnt sind. Die Mächtigen zeigen den Ohnmächtigen wie es geht, nein! Sondern aus der Perspektive des Kindes im Stall, dass sich selbst hingegeben hat. Hingegeben hat damit wir leben.

Gott kümmert sich!
Es wäre eine Lüge, würde ich sagen: Man kann Dinge nicht verändern. Gott kann. Und du liegst falsch, wenn du glaubst, dass Gott nicht helfen kann. Es wird sich herausstellen, dass Dinge sich in der Zukunft zum Besseren wenden. Ich kann nicht glauben, dass das Böse niemals zu besiegen ist, dass Rassismus nicht zu überwinden ist, dass Armut zu übermächtig ist. Es ist doch ganz klar, dass wir verändert wurden, um zu verändern. Und dass wir Teil von etwas sind, das über uns selbst hinausreicht. Ich weigere mich zu glauben, dass unsre Gemeinden kurz vor dem Aus stehen. Die Wahrheit ist, dass wir einander radikal lieben sollen. Dass es sich in Gemeinschaft besser lebt, dass Freude möglich ist. Ich glaube nicht, dass Gott hier nicht mehr wohnt. Nein, Tatsache ist: 
Unsere Gemeinden sind sie Hoffnung der Welt. 
Und das seid ihr!

Amen. 

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