Amazing Grace – die Ge­schich­te einer be­we­gen­den Berufung

Glaubensimpuls

Bild von Manfred Schwarz
Manfred Schwarz

Pastor i.R., EmK Salzburg


Eine Predigt zu Jesaja 49,1-7, Johannes 1,29-42 und natürlich: "Amazing Grace"

Berührende Momente:

Manche Stunden haben es in sich. Sie bleiben in Erinnerung: die Jahreszeit, das Wetter, die Umgebung, der Ort, die Mitmenschen damals. Vor allem aber bleibt ein tiefes Erlebnis, eine innere Erfahrung, eine seelische Betroffenheit im Bewusstsein.

Von solcher Betroffenheit berichten die für heute vorgesehenen Lesungen: 

Johannes  1,29-42

Zwei junge Männer hatten sich Johannes, dem Täufer, angeschlossen. Und der macht sie aufmerksam auf einen anderen Mann:

  1. Schaut einmal – 

der da ist das ‚Lamm Gottes‘!

Johannes 1,36 
Die Bibel, frei übersetzt

Wahrscheinlich haben die beiden gewusst, was dieser Titel da bedeuten sollte: "Der Gottesknecht. Der Verheißene." 
Also, neugierig wurden sie schon. 

Und da erlebten sie etwas, was sie nie vergessen sollten. Da war der Ort: Betanien, wo Johannes taufte. Und zwar nach dem Tauftag, als Johannes taufte. Ja, sogar die Uhrzeit der Begegnung mit diesem Menschen blieb haften: denn es war bereits „die zehnte Stunde“, also nachmittags gegen 16 Uhr.

Dabei war es eine belanglose Begegnung. Sie kannten ja den Unbekannten nicht. Sie wussten nur von Johannes, dass dieser wichtiger als er selbst war, und eben das „Lamm Gottes“ sei. 

Also gingen sie hinter ihm her. Aber da kam es. Er drehte sich um und fragte sie: „Was wollt ihr? Was sucht ihr?“ 
War es der Blick dieses Mannes? Seine Ausstrahlung? Fast benommen fragten sie: „Rabbi, wo wohnst du?“ Und der gab zur Antwort: „Kommt, und seht selbst!“

Das muss sie so beeindruckt haben, dass sie beschlossen, bei ihm zu bleiben.

Einer der beiden, Andreas, erzählte es tags darauf seinem Bruder Simon. „Du, stell dir vor: Wir haben den Messias getroffen!“ Für Simon war das wohl interessant. Darum ging er mit – zu dem Unbekannten. Und der gab ihm einen neuen Namen: „Kephas, Petros, Felsenmann!“

Diese Begegnungen sind für sie lebenslange Berufungen geworden. Sie haben bewirkt, dass diese jungen Leute bei Jesus blieben. 

Jesaja 49,1-7

Ganz anders die Berufung des Knechtes Gottes, beim Propheten Jesaja: 
Der Text spricht davon, dass der Gottesknecht schon im Mutterleibe erwählt und berufen gewesen sei. Und dass ihm später ein ganz besonderer Auftrag gegeben ward, nämlich: „Ich mache dich zu einem Licht für die Völker. Bis ans Ende der Erde reicht meine Rettung.“

Die Evangelien vermitteln, dass diese Berufung wohl auf Jesus zugetroffen hat, und wohl noch immer zutrifft: der Knecht Gottes, Licht für alle Welt!

Die Berufung des John Newton

Eine dritte Berufung möchte ich heute beschreiben. Die ganz anders abgelaufen ist. Von ihr erzählt das bekannte Lied „Amazing Grace“.

Am 1. Jänner 1773, also vor genau 250 Jahren, wurde dieses Lied das erste Mal  in einem Gottesdienst gesungen.
Der Text stammt von einem Engländer, der der Sohn eines Schiffkapitäns war, John Newton.

An dieser Stelle möchte ich euch kurz das Leben von John Newton schildern, vor allem seine unglaubliche Bekehrung, ja seine Berufung! 

Biografisches

John Newton wurde 1725 in London geboren. Sein Vater war Kommandant auf einem Handelsschiff, das die Häfen am Mittelmeer anlief. 
Als John 11 Jahre alt war, begann er mit seinem Vater zur See zu fahren. 

Inzwischen war er 19 Jahre alt geworden, da griff ihn eine Militärstreife auf und zwang ihn zum Dienst als Seemann auf einem Kriegsschiff. Durch Vermittlung seines Vaters bekam er den Posten eines Leutnants zur See angeboten. Die Mannschaft auf dem Schiff aber war ein übler Haufen.

In kürzester Zeit übernahm John Newton von den fluchenden Matrosen alles Schmutzige und Verdorbene. Jegliches Empfinden in seinem Gewissen war abgestorben.  Er kannte keine Gottesliebe mehr, er spottete nur über Religion, so dass er sogar den Spitznamen „Gotteslästerer“ bekam. 

Bei einer ihm günstig scheinenden Gelegenheit desertierte er, wurde aber später von einer Marinestreife aufgegriffen, aufs Schiff gebracht, degradiert und ausgepeitscht und schließlich auf ein anderes Schiff versetzt. 

Mittellos, wie er war, wurde er an der afrikanischen Küste abgesetzt und wurde selbst Sklave bei einer afrikanischen Herrin. Dort wurde er schlecht behandelt, er wurde krank, bekam nur Abfall zu essen, magerte ab. So haderte er mit seinem Schicksal, verfluchte alles, spottete über Gott und Bibel. 

Ein englischer Kaufmann kaufte ihn von dort los, stellte ihn bei sich an und half ihm so auf die Beine. 
Da legte ein Handelsschiff am dortigen Hafen an und der Kapitän erkundigte sich, ob es hier vielleicht einen ‚John Newton‘ gebe. Sein Vater würde ihn auf allen Schiffsrouten ausgeschrieben haben. 
So fuhr John, inzwischen 22-jährig, mit dem Schiff „Greyhound“ in Richtung England. 

Die Nacht, die seinen Glauben veränderte

Vor Irland geriet das Schiff in einen schweren Sturm. Es war der 10. Mai 1748. Das Unwetter wütete beinahe zwei Tage und brachte die „Greyhound“ fast zum Sinken. Sie war ein steuerloses Wrack geworden, ein Großteil von der Ladung und den Nahrungsmitteln waren im Meer verschwunden. In der entsetzlichen Nacht rief der Verzweifelnde aus: „Lord, have mercy upon us.“ „Herr, hab Gnade für uns!“

Der Sturm legte sich. Aber eine Strömung zog das Schiff fort vom Land. Erst vier Wochen später trieb ein günstiger Wind das Wrack an die irische Küste. 

Entkräftet, ausgehungert – aber gerettet. Doch die Nacht des 10. Mai würde John nie mehr vergessen. Er hat gespürt, dass Gottes Gnade sie gerettet hatte. Damals hat er zu glauben begonnen.

Später wurde John Newton selbst Kapitän eines Schiffs, eines Sklavenschiffs. Seine Aufgabe bestand darin, die Fracht gut nach Amerika zu bringen. Aber es erschütterte ihn, wie diese armen, angeketteten Menschen schlimmer wie Tiere behandelt wurden.
Nein, nie wieder! – Er gab diese Art zu leben auf.

Interesse für die Theologie

Zurückgekehrt nach England heiratete er und nahm in Liverpool einen Posten als Zollinspektor bei den Hafenbehörden an. Hier begegnete er dem bekannten Methodisten George Whitefield, Mitprediger von John und Charles Wesley. John Newton wurde sein begeisterter Schüler.

Durch ihn ermutigt, begann John Newton Theologie zu studieren. Im Alter von 40 Jahren ordinierte ihn der Bischof von Lincoln als anglikanischen Pfarrer.

1764 wurde er zunächst Hilfsprediger und dann Pfarrer in Olney. Bald wurde die Kapelle zu klein für die vielen Zuhörer. Immer wieder brachte er in seinen Predigten seine erschütternden Erlebnisse ein.

Etwa in dieser Zeit könnte der Text von „Amazing Grace“ entstanden sein.

Nachdem er 16 Jahre in Olney gewirkt hatte, berief man ihn als Rektor nach London, wo er noch 28 Jahre Dienst tat. 

Gegen Sklaverei – Newton trifft Wilberforce

Da geschah etwas Besonderes: In einem dramatischen Nachtgespräch beschwor Newton dort einen jungen, ehrgeizigen Parlamentarier, William Wilberforce, den Kampf gegen das schreckliche Verbrechen der Sklaverei aufzunehmen. Dieser zögerte anfangs, weil dies das Ende seiner Karriere hätte bedeuten können. John aber ließ nicht locker, bis dieser junge Mann endlich überzeugt und dazu bereit war.

Wilberforce schrieb nach diesem Nachtgespräch in sein Tagebuch: „Der allmächtige Gott hat mir zwei Ziele gesetzt: Die Unterdrückung des Sklavenhandels und die Änderung der Sitten in unserem Land.“ – Ganz im Sinn der methodistischen Prediger.

Auf Einladung von Wilberforce trat John Newton sogar im englischen Parlament auf – und konnte den ahnungslosen Abgeordneten vom grauenvollen Schicksal der Sklaven berichten. 

Bis ins 82. Lebensjahr hinein predigte John Newton unermüdlich weiter, obwohl er fast erblindet war. Er sagte: „Mein Gedächtnis wird immer schlechter, aber das weiß ich, dass ich ein großer Sünder bin und Jesus ein großer Retter ist.“

"Amazing Grace" – Gnade berührt

Wenn wir das Lied „Amazing Grace“ singen, können wir nachspüren, was dahinter steht: eine Bekehrung, eine Berufung! Eine Erkenntnis, die ähnlich wohl viele Leute schon gemacht haben: Die Gnade Gottes kann ich erfahren.
Ja, Gottes wunderbare Gnade kann ich erfahren.

Nein, das muss nicht immer so dramatisch sein. Manchmal erfährt man sie leise flüsternd, manchmal durch Worte, bei denen man spürt: ‚Ja, wirklich, das stimmt!‘ Manchmal ist es ein Blick, oder eine Berührung. Und oftmals erfährt man Gottes Gnade ganz unerwartet. Plötzlich. Da war doch was! Ich spür das in meinem Inneren. Mir geht auf einmal ein Licht auf, ein Bibelwort trifft mich. Ja, mir gilt diese Botschaft. Du, Gott, meinst mich. Wirklich mich! Mich?

Welch „unglaubliche“ Gnade, „amazing grace“, die ausgerechnet mich berührt hat. Wer bin ich denn? „That saved a wretch like me!“ Die Gnade, die solch einen Zweifler wie mich gerettet hat. 

Blind war ich für Deine Gnade, Gott, doch auf einmal sehe ich, erkenne ich, „I was blind but now I see!“ Ja, ein Licht ist mir aufgegangen!

Nein, diese Stunde werde ich nie vergessen, wo ich dich zum ersten Mal gespürt habe! „The hour I first belive!“

„Amazing Grace!“

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