Vater, dein Reich komme

Glaubensimpuls

7 min lesen
Bild von Manfred Schwarz
Manfred Schwarz

Pastor i.R., EmK Salzburg


Predigt zu Lukas 11,2

Vater, dein Reich komme!

Predigt zu Lk 11,1-4

“Und es begab sich, dass er an einem Ort war und betete. Als er aufgehört hatte, sprach einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger lehrte. Er aber sprach zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht:

Vater!
Dein Name werde geheiligt.
Dein Reich komme.
Gib uns unser täglich Brot Tag für Tag
und vergib uns unsre Sünden;
denn auch wir vergeben jedem, der an uns schuldig wird.
Und führe uns nicht in Versuchung.

Ich vermute, dass Euch beim Hören / Lesen des Evangeliums etwas aufgefallen ist: Da hat doch was gefehlt!   

Wir sprechen doch „Unser Vater“ oder „Vater unser“! Doch hier haben wir nur gehört „Vater“ als Anrede. Wo ist da das „unser“? Ja, auch die Worte „Dein Wille geschehe!“ sind mir abgegangen.

Und überhaupt, der Abschluss „Denn Dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit“ fehlt gänzlich.

Vielleicht sagt ihr jetzt: Stimmt, da hat ja tatsächlich etwas gefehlt! Aber einiges ist gleich. Parallel! Dem also möchte ich heute in der Predigt einmal nachgehen. Ob das für uns etwas zu bedeuten hat? 

Unser gewohntes „Unser Vater“, wie wir es beten, steht ja im Matthäusevangelium, aber so nicht im Lukasevangelium. Bei Lukas ist eine kürzere Form wiedergegeben. Und den Anhang „Denn dein ist das Reich und die Kraft…“ findet man im Matthäusevangelium erst in späteren Handschriften. Also weder bei den ältesten Evangeliumstexten des Matthäus, noch im Lukasevangelium. Dieser Text ist erst später hinzugefügt worden.

So fragen wir völlig zu Recht:Ja, was hat nun Jesus wirklich den Jüngern zu beten gelehrt? Und wir können nur ehrlich sagen: Den Wortlaut dessen, was Jesus wortwörtlich gesagt hat, kennen wir nicht. Im Markusevangelium, das früher geschrieben wurde, fehlt der "UnserVater-Text" überhaupt. Woher also haben die Evangelisten das Vater-Unser?

Es müssen demnach schon vorher schriftliche Aufzeichnungen oder mündliche Überlieferungen vorhanden gewesen sein, von denen die Evangelisten ihre Jesusworte niedergeschrieben haben. Eine Quelle, die wir nicht haben, aber nachvollziehen können.   

So ist es für uns auf einmal verständlich, dass wir bei den Evangelisten unterschiedliche Aussprüche von Jesus zum gleichen Thema vorfinden. Das heißt: Das „Vater unser“ in der einen oder anderen Form geht jedenfalls auf Jesus zurück, auch wenn die beiden Texte nicht identisch übereinstimmen. 

Wie gesagt: Den Wortlaut dessen, was Jesus wortwörtlich gesagt hat, kennen wir nicht. Was wir aber kennen ist, wie die ersten Christen Jesus verstanden haben, was sie von ihm weitererzählt haben und vor allem: was sie gebetet hatten.

Wenn wir also „Unser Vater“ beten, dann sprechen wir den Text im Sinn von dem, wie es Jesus gewollt hat. Und das muss gar nicht wortwörtlich sein, denn schon in den Übertragungen vom Aramäischen ins Griechische und später ins Lateinische und ins Deutsche hat sich so manches leicht verschoben. Jesus hat ja Aramäisch gesprochen. Er hat selbst nichts aufgeschrieben und das taten auch nicht einmal seine Jünger zu Jesu Lebzeiten. Denn die Evangelien sind ja erst später geschrieben worden.

Was heißt das nun für uns, die wir in der Bibel lesen? Sollen wir alle Jesuszitate in Frage stellen? An was kann ich mich dann halten? Und hier müssen wir ehrlich sein, wir müssen wahrhaftig bleiben. Wir müssen akzeptieren, dass die Bücher der Bibel verschiedene Sichtweisen von ein und demselben Glauben haben.

Ein wunderbares Bild hierfür habe ich von Albert Höfer, einem erblindeten, schon verstorbenen Religionspädagogen, gehört. Er hat gesagt:  

„Stellt euch vor, ihr geht in einem großen Saal eines Schlosses von Fenster zu Fenster und blickt in den Schlosspark. Ihr seht immer denselben Garten, aber jedes Mal von einem anderen Blickwinkel aus. Und so ist es auch mit den biblischen Schriften. Es ist dieselbe Botschaft, aber stets aus einer anderen Sicht.“

Interessanterweise hat schon John Wesley ähnlich gedacht, wenn er schreibt: „Dann suche und überdenke ich parallele Stellen der Schrift… Mit dem Einsatz meines ganzen Verstandes tue ich dies aufmerksam und ernsthaft!“ Und wir kennen seinen Rat, nicht an einem Bibelvers sich zu versteifen, sondern jene Aussagen ernst zu nehmen, die öfters in den Schriften stehen.  

Ja, und damit frage ich: Was ist im „Unser-Vater-Gebet“ wohl das tiefe Anliegen Jesu. Worum geht es Jesus, dass wir so beten sollen? 

Das steht gleich am Anfang nach der Anrede: Vater, geheiligt ist dein Name! Und jetzt kommt’s:

  • „DEIN REICH SOLL KOMMEN!“

Und alles andere ordnet sich dem unter: 

  • Gottes Reich komme – wie es Gottes Wille ist.
  • Um Reich Gottes zu verwirklichen brauchen wir Nahrung, das tägliche Brot.
  • Gott verzeihe uns, wenn wir zu wenig Reich Gottes leben,
  • Und er möge uns vor Versuchungen zum Bösen behüten, die uns vom Anliegen Jesu abhalten.
  • DENN GOTTES REICH SOLL KOMMEN

Kommt dieses Anliegen Jesu  in vielen Schriftstellen vor? Dann ist es von großer Bedeutung. Also schauen wir nach und wir finden es: gleich zu Beginn von Jesu Lehrtätigkeit!

Seine ersten Worte im Markusevangelium lauten: „Die Zeit ist erfüllt. Das Reich Gottes ist nahe gekommen!“

Seine ersten Predigtworte im Matthäusevangelium beginnen mit: „Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe gekommen!“

Und dann heißt es auch gerade in der Bergpredigt: „Suchet zuerst das Reich Gottes, alles andere wird euch gegeben werden!“

Die Gleichnisse fangen an mit: „Das Himmelreich gleicht…
einem Sämann, 
gleicht einem Senfkorn, 
einem Schatz im Acker, 
einem Fischnetz…“ 

Also, wir können feststellen: Ja, tatsächlich, das „Reich Gottes“ ist das große Anliegen Jesu. – Das ist es, was der Vater will. Hier auf Erden soll das Reich Gottes verwirklicht werden. 

Dafür braucht Jesus aber Mitarbeiter, Mitarbeiterinnen, Nachfolger und Nachfolgerinnen, die das Reich Gottes errichten. Denn das Reich Gottes kommt nicht wie ein Tuch von oben herab und deckt alles zu. Es kommt auch nicht erst am Ende der Welt, wenn Christus erscheint – und dann erst wäre es da. Nein, es ist „mitten unter euch!“ sagt Jesus im Lukasevangelium (17,21), und es wächst und wächst.

Und worin besteht dieses Reich Gottes? Das Reich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens?

Es besteht darin, dass die Menschen in Liebe und Eintracht zusammen leben, Gott dankbar sind für seine Schöpfung, dass sie einander dienen, miteinander heilend, segnend und achtsam umgehen, voll Freude und liebevoll, und dass sie einander vergeben … 

Wichtig für uns aber ist es auch, dass das Reich Gottes nicht „die Kirche“ ist, auch nicht „die Kirchen“ sind. Und worin besteht dann die Aufgabe der Kirchen? Was sind unsere Aufgaben als kirchliche Mitglieder? 

Dafür bring ich eine Art Gleichnis:

Da haben ein paar Pädagogen sich zusammengeschlossen, um eine besonders wertvolle Schule zu errichten, damit dort frohe, tüchtige, kreative Menschen sich entwickeln können. Sie bemühen sich, setzen sich ein, bauen, erarbeiten Lehrpläne,,, Ihnen geht es darum, wertvolle Menschen heranzubilden. Aber es geht nicht darum, möglichst viele der Schüler in den eigenen Pädagogenkreis aufzunehmen. 

So ist es mit unserer Kirche: Kirchen bauen mit Jesus an der Errichtung des Gottesreiches. Ja, wir helfen, dass möglichst viele Menschen im Namen Gottes in Gerechtigkeit, in Liebe und in Frieden leben. Wir dienen ihnen, damit sie im Reich Gottes leben, Sie müssen aber nicht Mitglieder unserer Kirche sein.  

Und schließlich die Frage: Wie werden wir selbst solche Mitarbeiter, Mitabeiterinnen des Gottesreiches?

Meine Antwort: das Anliegen Jesu zu unserem Anliegen zu machen. 

Überlegen wir uns einmal:

Was ist also mein größtes Anliegen in meinem Leben?

 Viele werden sagen: „Es ist meine Familie!“

Andere sagen wohl: „Es ist meine Firma!“, „Mein Beruf!“

Oder „Mein größtes Anliegen im Leben ist mein Hobby, ist mein Sport, ist mein soziales Engagement,  meine Tätigkeit in der Politik! ...“

Das ist alles gut und schön. Aber es ist noch nicht das Anliegen Jesu, dass Gottes Reich kommen möge. 

Ja, was dann? 

Mir ist da ein guter Gedanke gekommen.

Überlegt einmal mit mir, wie das für euch klingen mag:

„Mein Anliegen ist das Reich Gottes in meiner Familie!“ --- ein anderer sagt:

„Mein Anliegen ist, das Anliegen Jesu in meiner Firma zu verwirklichen.“------ oder

„Mein Anliegen ist, das Reich Gottes in meinem Beruf zu leben.“------ Andere sagen vielleicht:

„Mein größtes Anliegen im Leben ist das Reich Gottes bei meinem Hobby! Bei meiner Sportausübung!“------  oder

„Bei meinem sozialen Engagement suche ich zuerst das Reich Gottes!“-------

„In meiner Tätigkeit in der Politik will ich Gottes Reich als Hauptanliegen sehen!“------

 

Ja, so hat sich auch John Wesley das Reich Gottes vorgestellt und nannte es: „Heiligkeit im Lande zu verbreiten!“ 

Und so beten wir voller Überzeugung:

Vater, dein Reich komme!!!

Amen

Your browser is out of date!

Update your browser to view this website correctly. Update my browser now