Ihr werdet meine Zeugen sein

Glaubensimpuls

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Esther Handschin

Pastorin, Erwachsenenbildung


Predigt zu Christi Himmelfahrt, Apostelgeschichte 1,3-11

In der Zeit nach Ostern ist Jesus den Jüngern verschiedentlich erschienen und hat in ihnen die Hoffnung geweckt, dass seine Mission weitergehen wird. Die Jünger sprechen ihn direkt darauf hin an: „Herr, stellst du in dieser Zeit das Reich für Israel wieder her?“ (Apg 1,6) Sie fragen also: Werden wir es noch in unserem Leben erfahren, dass du endgültig die Macht in dieser Welt übernehmen wirst? Doch die Zeit dafür ist noch nicht reif, der Zeitpunkt liegt allein in Gottes Hand, sagt ihnen Jesus. Ja, zunächst einmal müssen die Jünger mit einem Verlust fertig werden. Jesus verlässt sie endgültig und nimmt seinen Platz im Himmel ein.

So schauen sie mit Sehnsucht zum Himmel empor. Weg ist der, von dem sie sich erhofften, an seiner Seite zu sein und an seinem Reich teilhaben zu können. Aber in ihren Ohren – und hoffentlich auch in unseren Ohren – klingen eine Verheißung und ein Auftrag weiter: „Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch herabkommen wird; und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde.“ (Apg 1,8) So lautet die Zusage und die Aufgabe, die Jesus den Jüngern mit auf den Weg gibt. Auch uns ist das aufgetragen. Und so gehe ich in der heutigen Predigt der Frage nach, was es heißt ein Zeuge oder eine Zeugin Jesu Christi zu sein.

Zeugen bei Gericht

In unserer Sprache kennen wir das Wort „Zeuge“ aus dem juristischen Bereich. Ein Zeuge tritt in den Zeugenstand, um das zu berichten, was er von einer kriminellen Tat oder einer daran beteiligten Person gesehen oder beobachtet hat. Wichtig ist vor allem eine wahrheitsgetreue und präzise Schilderung dessen, was geschehen ist. Darum wird ein Zeuge vereidigt. Der Richter, die Richterin sind auf den Zeugen und was er sagt angewiesen. Nur so können sie die Sachlage einschätzen und ein gerechtes Urteil sprechen.

Das Wichtigste aber ist, dass ein Zeuge überhaupt bereit ist zu sprechen. Solange es keine Zeugen gibt, die z.B. den Hergang eines Unfalls beschreiben, gibt es keine Aufklärung. Was sagt uns dies in Bezug auf Jesus Christus? Solange wir schweigen, können wir nicht bezeugen, was durch ihn geschehen ist. Solange wir diese Wahrheit für uns behalten, als unser Privateigentum betrachten und sie wie einen vielleicht schönen, aber wohl gehüteten Schatz verbergen, kann sie nicht ans Licht treten. Es fällt uns sicher nicht immer und überall leicht davon zu erzählen. Uns fehlen manchmal die Worte, die richtige Sprache und wir empfinden Scham über unser Unvermögen. Doch solange wir den Mund nicht auftun, wird uns auch niemand hören können.

Bezeugen, was mich zutiefst berührt

So ganz lässt sich ein Zeuge vor Gericht nicht auf das Zeugnis über Jesus Christus übertragen. Ein Zeuge vor Gericht erzählt von dem, was er gesehen hat. Wir aber haben Jesus nicht gesehen. Wir können nicht direkt ­– quasi live – davon berichten, was er getan hat. Aber was wir bezeugen, das kommt nicht erst aus zweiter und dritter Hand. Wir machen unsere eigenen Erfahrungen mit Jesus Christus. Und so gewinnt „Zeuge sein“ oder „bezeugen“ eine tiefere Bedeutung. Es geht nicht nur darum, davon zu berichten, was man gesehen hat. Bezeugen kann man auch das, was einem zuinnerst berührt und betroffen macht und was so zu einer Wahrheit für einem selbst geworden ist. Das trifft umso mehr darauf zu, wenn wir es mit Jesus Christus zu tun haben. Indem wir erzählen, was wir durch ihn erfahren haben, bezeugen wir die Wahrheit, die wir gefunden haben und die für uns Wirklichkeit ist. Wenn wir davon erzählen, dann werden auch andere Herzen berührt und bewegt. Als Zeugen können wir miteinander teilen, was wir mit Gott erlebt haben.

Der Zeuge im Zeugenstand zeigt uns noch etwas anderes auf. Was er sagt, ist wichtig zu einer gerechten Urteilsfindung. Doch das Urteil selbst, es wird durch den Richter gesprochen. Der Zeuge hat damit nichts zu tun. Wenn ich eine Zeugin oder ein Zeuge Jesu Christi bin, so ist es nicht meine Aufgabe darüber zu befinden, wie brauchbar oder nichtig, wie falsch oder richtig, wie unrelevant oder wichtig mein Zeugnis ist. Es ist auch nicht meine Aufgabe schon im vornherein darüber zu urteilen, wer mein Zeugnis verstehen kann und es deshalb auch hören darf oder wer zu den Unverständigen gehört und die Botschaft nicht wird aufnehmen können. Diese Art von Selbstzensur verhindert, dass Gottes Wirken in dieser Welt zum Vorschein kommt.

Zeugen braucht Gottvertrauen

Das Wort „zeugen“ hat noch eine weitere Bedeutung. Es gibt nicht nur Wahrheiten, von denen „gezeugt“ wird, es gibt auch Kinder, die „gezeugt“ werden. Ein Kind zeugen: das heißt doch, etwas Neuem, etwas Lebendigem einen neuen Anfang geben. Ein Kind zu zeugen zeigt noch mehr, wie wenig ich den Erfolg oder das beabsichtigte Resultat des Zeugens in der Hand habe. Ich bin darauf angewiesen, dass noch ein anderer, nämlich der Schöpfer des Lebens, seine Hand mit im Spiel hat.

Was heißt das, wenn ich ein Zeuge, eine Zeugin Jesu Christi bin? Indem ich das bezeuge, was ich in Jesus Christus erfahren habe und wer er für mich ist, ermögliche ich, dass daraus etwas Neues, etwas Lebendiges entstehen kann. Es heißt aber auch, dass ich die Entstehung des Neuen nicht einfach in der Hand habe oder dass das machbar wäre. Es gibt dazu kein garantiertes Erfolgsrezept, dass ein Zeugnis in einer bestimmten Art sicher zum Ziel führen wird. Ich muss vielmehr darauf vertrauen, dass Gott durch mich wirkt.

Wo fange ich an?

Kehren wir noch einmal zum biblischen Text zurück. Lukas nennt als Verfasser der Apostelgeschichte drei verschiedene Bereiche, in denen die Jünger Zeugen sein sollen: in Jerusalem, in ganz Judäa und Samarien und als letztes „bis an die Grenzen der Erde“ (Apg 1,8). Diese drei Bereiche sind angeordnet wie drei konzentrische Kreise. Zentrum und Mittelpunkt des Bezeugens ist zunächst die Stadt Jerusalem, der Ort, an dem sie sich befinden.

Es ist naheliegend an dem Ort mit dem Zeugnis zu beginnen, wo man zu Hause ist. Es ist naheliegend sich zunächst einmal den Menschen zuzuwenden, deren Sprache und Kultur einem vertraut sind. Doch die Botschaft des Evangeliums soll auch weiter getragen werden. Judäa und Samarien stehen für zwei Gebiete mit unterschiedlichen Kulturen und Bevölkerungen, die abwehrend oder einander feindlich gegenüberstehen. Solche Gegenden gehören zu den Orten, wo das Zeugnis von Jesus Christus besonders Verbreitung finden soll. Und schließlich ist kein Ort von von der frohen Botschaft ausgeschlossen. Der Horizont reicht bis an die Grenzen der Erde. Die ausgedehnten Reisen des Paulus, von denen die Apostelgeschichte berichtet, sind das beste Beispiel dafür.

Mich berührt immer wieder, wie viel Verantwortung zur Weitergabe des Evangeliums in unsere Hände gelegt wird. Damit die Botschaft Jesu Christi ihren Lauf nehmen kann, hat der Meister selbst zwar einen Anstoß gegeben und er wird sein Werk zum gegebenen Zeitpunkt auch vollenden. Das gilt nicht nur für die Zeit und die Erfahrungen der ersten Christen, wie sie uns in der Apostelgeschichte überliefert sind. Dieser kostbare Schatz ist auch uns anvertraut und wir sind damit beauftragt in Jesu Namen tätig zu werden. Trotz unserer Mängel und unseres Fehlverhaltens, trotz unseres Unvermögens und unserer Hindernisse: Wir sind dazu berufen und herausgefordert, Seelen zu retten und Heiligung über die Lande zu verbreiten, wie es John Wesley formulierte. Kommt darin nicht die ungeheure Wertschätzung zum Vorschein, die jedem einzelnen Menschen gilt und zugesprochen ist?

Rote, grüne und weiße Märtyrer

Das griechische Wort für Zeuge „martyres“ gibt uns einen Hinweis, was Zeuge sein bedeutet. Wer für das Evangelium von Jesus Christus einsteht, muss damit rechnen, dass er oder sie zum Märtyrer wird. In der frühen Zeit des Christentums hieß das, dass jemand für das Bezeugen seines Glaubens bereit war zu sterben. So hat man das auch das „rote Martyrium“ genannt. Damit wir uns richtig verstehen: Martyrium gehört nicht zwingend und unabdingbar zum Christsein. Aber Botschafter der Versöhnung zu sein, das gelingt manchmal nur, wenn man sich selbst verletzbar macht und seine verwundbare Seite zeigt. Botschafterin der Versöhnung zu sein, das heißt, den Mut zum ersten Schritt zu wagen. So zeichnen wir den Weg nach, den Gott selbst gewählt hat, um uns Menschen mit sich zu versöhnen: Auch er hat sich selbst verletzbar und verwundbar gemacht.

Bei einem ökumenischen Symposium über Märtyrer habe ich nebst dem „roten Martyrium“ auch noch das „grüne“ und das „weiße“ Martyrium kennengelernt. Nach den Zeiten der Christenverfolgungen in den ersten Jahrhunderten unserer Zeit, gab es weiterhin Christen, die als Zeugen bereit waren, etwas von ihrem manchmal bequemen und sicherlich auch gewohnten Leben aufzugeben. Besonders in Irland gab es im 5. und 6. Jahrhundert eifrige Christen, die eine neue Art des Zeugendienstes als Märtyrer suchten. „Grüne Märtyrer“ waren bereit, irgendwohin in die Einsamkeit zu aufzubrechen, um dort als Einsiedler zu leben. „Weiße Märtyrer“ gingen sogar soweit, die eigene Heimat, d.h. die Insel zu verlassen und in einer völlig fremden Umgebung auf dem europäischen Festland den christlichen Glauben zu leben und der damals noch heidnischen Bevölkerung zu bezeugen. So habe ich bei diesem Symposium erkannt, dass ich – was die Bereitschaft, die eigene Heimat zu verlassen betrifft – auch so etwas wie eine weiße Märtyrerin bin.

Gottes Geist befähigt uns dazu

Zum Schluss noch eine Sache, die eigentlich ganz an den Anfang gehört: Eine Zeugin, ein Zeuge Jesu Christi sein, das liegt vor allem und zuerst in der Kraft des Heiligen Geistes begründet. Dieser Geist befähigt uns dazu, den ersten Schritt zu wagen, wenn die Situation verfahren ist. Durch diesen Geist erfahren wir, welche Achtung und Wertschätzung Gott uns und unserem Handeln entgegenbringt. Gottes Geist ist die Energie, die uns dazu antreibt, räumliche, sprachliche und kulturelle Grenzen zu überwinden. Durch diesen Geist wächst in uns die Fantasie und Kreativität zu Neuem und Lebendigem. Gottes Geist hilft uns das richtige Augenmaß für das zu finden, was wir reden und tun. Und letztlich ist es dieser Geist, dieser heilige Atem, der uns den Mund und die Lippen öffnet, um das zu bezeugen, was Gott an uns getan hat.

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