Gefangene der Hoffnung werden

Glaubensimpuls

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Esther Handschin

Pastorin, Erwachsenenbildung


Predigt zu Philipper 2,1-13

Am Eingang zur Karwoche, wo wir als Christinnen und Christen den Weg Jesu bedenken, den Weg ans Kreuz, in den Tod und durch den Tod hindurch in das Licht von Ostern hinein, da hören wir auf die Worte eines alten Liedes, das Paulus in seinem Brief an die Philipper zitiert. Dieses Lied hat zwei Strophen. Die erste Strophe erzählt uns von Jesus, wie er Mensch geworden ist und dieses Menschsein ausgehalten hat bis zu seinem Tod. Und die zweite Strophe erzählt uns von seinem weiteren Weg nach dem Ende seines irdischen Weges: dass Gott ihn erhöht und zum Herrn gemacht hat, den alle Geschöpfe anerkennen müssen. In der heutigen Lesung haben wir aber noch die Verse um dieses Lied herum gehört, also den Kontext, in den Paulus das Lied stellt: Die Frage, wie wir als Menschen einer christlichen Gemeinde miteinander umgehen sollen, eine Frage, die auch schon die junge Gemeinde in Philippi beschäftigt hat.

Ich möchte die heutige Predigt in drei Kreisen entfalten, die alle die gleiche Mitte haben. Der erste Kreis befasst sich mit dem Lied, das Paulus in seinem Brief aufgreift. Mit dem zweiten Kreis hören wir auf den Zusammenhang, in den der Apostel dieses Lied in seinem Brief stellt und mit dem dritten Kreis lassen wir uns von der konkreten Lebenssituation berühren, in der Paulus gerade steht.

Ein altes Lied mit zwei Strophen

Im Zentrum dieses Liedes der ersten Christen steht der Weg Jesu Christi, der zwei ganz verschiedene Seiten an sich hat, so wie eine Medaille zwei Seiten hat, eine Vorder- und eine Rückseite. Von der einen Seite singt die erste Strophe des Liedes. Es ist ein Weg der Demut und der Erniedrigung, den Jesus gegangen ist. Darum gleicht die erste Strophe eher einer unansehnlichen Rückseite. Der Gottessohn wird uns dargestellt als einer, der nichts hält auf seine Göttlichkeit. Vielleicht müsste man auch sagen: Gott selbst interessiert seine Göttlichkeit nicht mehr, sondern die Hingabe an die Menschen ist ihm wichtiger. Er steigt vom Himmel herab auf die Erde und wird Mensch. Und dieses Menschsein kostet er aus bis zum Äußersten, bis zum Tod.

Die zweite Strophe des Liedes wird in der Regel lieber gesungen und gerne nach vorne gekehrt, weil sie so herrlich glänzt. Sie erzählt uns, dass es nicht beim Tod am Kreuz geblieben ist. Das Ende auf Golgatha war nicht das Letzte, das Jesus erlebt hat, sondern nur das Vorletzte. Gott, der Schöpfer der Welt, hat seinen Sohn nicht im Stich gelassen. Er hat ihn sich gleich gestellt, damit alle Geschöpfe Jesus die gleiche Ehre geben wie Gott selbst.

Zwei Strophen eines Liedes, zwei Seiten einer Medaille. Die helle, glänzende Seite vom Triumph Gottes am Kreuz durch Jesu Auferstehung. Und die dunkle Seite seines Leidens, seines Erlebens auch der tiefsten Tiefen unseres Menschseins: Schmerzen, Spott, Hohn und sogar den Tod. Nichts hat er ausgelassen. Immer wieder fällt es uns schwer, beide Seiten bei Gott zu sehen und beides beieinander zu lassen. Aber wie das bei einer Medaille ist: Sie hat immer zwei Seiten, beides gehört zusammen.

Mit Christus im Einklang sein

Ich komme zum zweiten Kreis, zum Kontext, in dem Paulus dieses urchristliche Lied zitiert. Der einleitende Vers weist uns darauf hin: „Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht.“ (Phil 2,5) Und wenig zuvor mahnt Paulus: „Macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid.“ (Phil 2,2) Es geht ums Zusammenleben der Christen. Es geht um ganz prosaische Dinge, um das Alltagsgeschäft. Wie geschieht ein gutes Miteinander im christlichen Sinn? Werden alle Beteiligten in Würde geachtet und können sie in gleicher Weise mitbestimmen? Wie geht man mit Macht um? Schwingen sich die einen über die anderen auf? Gibt es gegenseitige Provokationen? Und wie wird mit Geschwätz und Tratscherei umgegangen?

Paulus stellt fest, dass die Christinnen und Christen in Philippi schon weit fortgeschritten sind auf dem Weg der Heiligung. Sie sind einander in herzlicher Liebe zugetan. Barmherzigkeit prägt den Umgang miteinander und der Geist einer starken Gemeinschaft ist spürbar. Darüber hinaus ermahnt er seine Schwestern und Brüder zu Demut und Dienst aneinander, so wie es eben der Weg Jesu vorzeichnet, der ein Weg des Dienstes und der Demut an uns Menschen war.

Mit den Christinnen und Christen in Philippi sind auch wir aufgefordert, unser Leben in Dienst und Demut christusgemäß zu gestalten. Auch bei uns geht es zunächst einmal um das ganz normale, um das prosaische Miteinander, um die Grundregeln des Zusammenlebens. Doch was mir beachtenswert scheint: Mitten in diesen Verhaltensfragen und Anweisungen, stimmt der Apostel Paulus ein Lied an. Er beginnt zu singen, von dem, was Gott für uns getan hat. Er singt das Lied vom Weg Jesu mit seinen beiden Seiten. Aus der Prosa wird plötzlich Poesie. Wir sollen gesinnt sein wie Christus Jesus gesinnt ist, oder übersetzt in die Sprache der Musik: Wir sollen im Einklang sein mit Christus, in einem Klang, der das Lied der Liebe erklingen lässt. Das Lied der Liebe, die sich nicht zu schade ist, in Demut dem Nächsten und der Nächsten zu dienen.

Sich zum Schwingen bringen lassen

Es geht allerdings nicht darum, dieses Lied möglichst noten- und buchstabengetreu nachzusingen. Da merken wir bald einmal, dass wir uns selbst überfordern würden. Denn der Weg Jesu, wie er ihn gegangen ist, das ist eine einmalige Sache. Wir können nicht Fuß um Fuß in seine Fußstapfen treten und wir müssen das auch gar nicht. Vielleicht ist es eher wie bei einem Musikinstrument. Es geht darum, dass ich einen Meister darauf spielen lasse. Er versteht es, totes Holz und ein bisschen Metall zum Klingen zu bringen. Ohne jemand, der ihre Saiten in Schwingung versetzt, bleibt jede Geige stumm. Ohne jemand, der Luft in eine Flöte bläst, hören wir keine Melodie. Ohne jemand der in die Tasten greift, hören wir nie ein Klavierkonzert. Vielleicht ist es wie bei diesem Lied mit seinen zwei Strophen. Es singt von der Liebe Gottes und von dem, was diese Liebe zu bewirken vermag. Wenn wir uns von diesem Lied bewegen lassen, wenn wir mit einstimmen, dieses Lied zu singen, dann werden wir selbst in Schwingung versetzt und in uns beginnt das Lied der Liebe zu klingen.

Von daher dürfen wir ruhig einmal überlegen, welche Lieder wir singen. Sind es Lieder, die uns kalt lassen oder sind es Lieder, die uns in Schwingung versetzen und das zum Klingen bringen, was wir glauben? Oder anders gesagt: Hat unser Lebensalltag etwas mit dem zu tun, was wir sonntags in der Kirche singen?

Gefangene der Hoffnung werden

Damit bin ich beim dritten Kreis meiner Predigt. Wenn wir uns die Lebenssituation vor Augen halten, in der Paulus diesen Brief an die Gemeinde in Philippi geschrieben und das Christuslied zitiert hat, dann ist es mehr als erstaunlich. Paulus sitzt nämlich im Gefängnis. Er sitzt im Gefängnis und singt. Und er schreibt den Schwestern und Brüder, dass – obwohl er in seinem Dienst für Christus durch die Gefangenschaft behindert wird –, dennoch das Evangelium, die frohe Botschaft laut verkündet wird. Denn andere haben den Mut gefunden, das zu tun, was er bisher getan hat. Sie sind in die Lücke gesprungen und entdecken auf einmal ihre Fähigkeiten. Und andere wiederum, die ihm eigentlich schaden wollen, verkünden gerade dadurch die frohe Botschaft. Und so kann Paulus nur sagen: Egal wie und auf welche Weise, Hauptsache ist, dass Christus verkündet wird.

Es ist vielleicht nicht erstaunlich, aber eine bedenkenswerte Tatsache, dass diese Situation vom Gefängnis und die Erfahrung, dass Menschen auch in Gefangenschaft und schwierigen Bedingungen frei sein können, immer wieder in den Liedern von Charles Wesley eine Rolle spielen. Er schreibt vom Gefängnis der Sünde, in dem wir sitzen, von den Fesseln eines alten Lebens, das wir hinter uns gelassen haben, aber auch von der Gefangenschaft der Hoffnung. Denn wer sein Leben Christus hingibt und sich von seiner Liebe zu uns in Schwingung versetzen lässt, der ist nicht mehr ein Gefangener der Sünde, sondern ein Gefangener, eine Gefangene der Liebe und der Hoffnung.

Wenn die Prosa des Lebens zur Poesie wird

Wir wissen, dass die Brüder Wesley in ihrer Studentenzeit in Oxford – und auch später immer wieder – Gefangene besucht haben. Sie wussten, wie es hinter den Mauern aussieht. Sie waren zwar nicht wie Paulus selbst hinter diesen Mauern eingesperrt, aber sie erlebten mit, wie sich die Perspektive und das Leben von Menschen verändert hat, die von Gefangenen der Sünde zu Gefangenen der Hoffnung geworden sind. Wovon Charles Wesley schreibt, das ist durchsetzt von seinem Erleben. Prosa und Poesie sind nicht mehr getrennte Bereiche, sie gehen ineinander über und beeinflussen sich gegenseitig. Bei ihm kommt das zusammen, was er im Alltag erlebt und was er mit seinem Glauben singt.

Wir sind keine Poeten wie Charles Wesley. Kaum einer von uns hat die Gabe, sein eigenes Erleben so gekonnt in Verse zu fassen. Aber wir können diese Lieder singen. Wir können diese Poesie auf unser Leben wirken und unser Leben dadurch verändern lassen, sodass unser prosaisches Leben ein Lied von Gottes Liebe wird. Wir können von Gottes Liebe singen, die sich uns Menschen zugeneigt hat, die in Jesus Christus ein menschliches Gesicht bekommen hat und wir gewinnen dadurch selbst den Mut, uns anderen Menschen hinzuneigen und ihnen ein menschliches Gesicht, unser Gesicht zu zeigen. So gesehen ist es nicht unwesentlich, welche Lieder wir singen. Denn was wir singen, das versetzt unser Leben in Schwingung und prägt uns. Mögen es Lieder sein, die der Gesinnung von Christus entsprechen. Amen.

Gefangen lag schon lang mein Geist,

gebunden in der Sünde Nacht.

Du blickst mich an – die Nacht zerreißt,

Licht leuchtet auf. Ich bin erwacht.

Die Fessel fällt, mein Herz ist frei.

Ich stehe auf und komm herbei.

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