Berufung, Bewahrung und Begegnung

Glaubensimpuls

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Frank Moritz-Jauk

Pastor, Öffentlichkeitsarbeit


Predigt zu Pfingsten mit Bezug auf Römerbrief 8,14-17 – also available in english (switch language to get access)

Liebe Gemeinde, wir feiern heute Pfingsten und ich feiere ein kleines Jubiläum: Nach meinen Aufzeichnungen ist dies heute meine 200te Predigt! Möge sie auf fruchtbaren Boden fallen, das möchte ich mir und uns wünschen.

Wir haben bis zum jetzigen Zeitpunkt – und damit meine ich den Zeitpunkt der Predigt – schon viel über Pfingsten und den Heiligen Geist gehört und gesungen. Alles zusammen beschreibt das Geschehen von Pfingsten. Und es beschreibt den Heiligen Geist, also wie wir uns den Geist Gottes vorstellen können. Und dennoch habe ich mich gefragt: Reicht das?
Reicht all das, was wir gehört und gesungen haben, damit wir in unserem Leben, in unserer Praxis, etwas mit dem Heiligen Geist anfangen können?

Ich weiß nicht wie es euch geht, aber ich bete fast nie zum Heiligen Geist. Ich bitte Gott oder Jesus um den Heiligen Geist damit mir etwas Vernünftiges für die Predigt einfällt oder dass ein Gespräch gut verläuft oder dass eine Sitzung Sinn ergibt. Aber so, wie wir es beim Eingangsgebet gesungen haben, „Heiliger Geist, rühr mein Herz an“, so bete ich eigentlich nie.

Woran liegt das, habe ich mich gefragt?

Meine erste Antwort liegt glaube ich auf der Hand, aber meine zweite Antwort möchte ich in dieser Predigt etwas weiter ausführen. Meine erste Antwort ist, dass der Heilige Geist oder die Heilige Geistkraft in meiner Vorstellung keinen Körper hat. Ihm oder ihr fehlt damit das Personenhafte und damit erkenne ich im Heiligen Geist kein echtes Gegenüber, mit dem ich sprechen kann oder will. 

Aber die zweite Antwort finde ich spannender und die lautet: Ich glaube, ich unterschätze den Heiligen Geist oder die Heilige Geistkraft. Was ich damit meine, möchte ich an drei griffigen Stichworten festmachen: Berufung, Bewahrung und Begegnung.

Berufung

Zunächst einmal möchte ich unter dem Stichwort Berufung festhalten, dass die wohl wichtigste Wirkung des Heiligen Geistes eben jene Berufung ist, die wir in der Lesung aus dem Römerbrief gehört haben: „Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Gottes Kinder sind.“

Damit wird nichts Geringeres ausgesagt, als dass wir nur deshalb an Gott glauben können, weil Gott selbst diesen Glauben in uns bewirkt. 

Ich habe schon vor ein paar Wochen in meiner Predigt zur Trinität gesagt, dass nur Gott Gott erkennen kann. Ohne das Wirken des Heiligen Geistes kann niemand glauben. Und auch den Umkehrschluss sollen wir hören, denn ich finde auch diesen wirklich wichtig: Wer glaubt, hat den Heiligen Geist erfahren. Nur weil jemand nicht in Zungen reden kann oder bei seiner Bekehrung nicht umgefallen ist oder von keinem einschneidenden Erlebnis berichten kann, heißt eben nicht, dass sie oder er den Heiligen Geist nicht erfahren hat. 

Und so wahr es ist, dass wir keinen Glauben machen oder bewirken können – weder in uns selbst noch in anderen Menschen – so wahr ist eben auch, dass die Geschichte Gottes mit der Welt keine Unterwerfungsgeschichte, sondern eine Berufungsgeschichte ist. Wenn man so will dann ist das die leidvolle Geschichte von Gottes Liebe, denn wir Menschen haben die Macht unsere Berufung zu verwerfen.

Aber gerade darin wird auch die Liebe Gottes überdeutlich: Würde Gott unsere Berufung erzwingen, so hätte er nicht nur das Gegenüber seiner Liebe, sondern zugleich die Liebe selbst zerstört. Die Liebe des Geliebten kann durch nichts ersetzt werden.

Das möchte ich also zum Thema Unterschätzung des Heiligen Geistes und dem Stichwort Berufung festhalten: Der Urgrund meines Glaubens, der erste Anfang, wurde durch die Heilige Geistkraft gewirkt. Alle Tage meines Glaubenslebens bis zum heutigen Tag haben ihr Fundament im Heiligen Geist, der meinem Geist bezeugt, dass ich ein Kind Gottes bin.

Bewahrung

Damit komme ich zum zweiten Stichwort und das ist das Stichwort Bewahrung.

Immer wieder höre ich von Menschen, dass sie nicht an einen liebenden Gott glauben können, weil Gott dieses immense Leid in der Welt zulässt. Warum greift Gott nicht ein und verhindert, dass Kinder verhungern? Oder warum greift Gott nicht ein und beendet diesen Krieg? Kann er nicht oder will er nicht?

So interessant oder aufwühlend bis hin zu anklagend diese Fragen auch sein mögen:

Ich persönlich glaube mittlerweile, dass die letzte Frage „Kann er nicht oder will er nicht?“ der Schlüssel zu meinem Verständnis von Gott ist: Ich kann die Frage nach dem „Warum?“ nicht beantworten. Es steht mir schlicht und ergreifend nicht zu, Aussagen über Gott und seinen Willen oder seine Entscheidungen zu tätigen. 

Manchmal habe ich in Gesprächen noch versucht, zwischen von Menschen verursachtem und eben nicht von Menschen verursachtem Leid zu unterscheiden. Es ändert aber nichts an der Tatsache, dass kein Mensch unverursachtes Leid erklären kann.

Deshalb wurde das Buch Hiob geschrieben und ich finde mich vollinhaltlich darin wieder: Ich kann das Leid in der Welt nicht erklären.

Aber ich glaube auch, dass wir das Wirken Gottes durch seinen Heiligen Geist massiv unterschätzen, wenn wir unsere Augen nicht auch für die Bewahrung öffnen. Schnell wird gefragt, warum Gott nicht eingreift. Selten wird wahrgenommen wo Gott eingegriffen hat, indem er Unheil verhindert hat. Ein paar ganz simple Beispiele: Unsere Gesundheit ist so lange selbstverständlich bis wir krank werden. An die Bewahrung im Straßenverkehr verschwenden wir keinen Gedanken bis zum Unfall. Der Segen einer geregelten Arbeitsstelle wird erst mit der Kündigung wahrgenommen.

Wie können wir also der Unterschätzung des Heiligen Geistes in Bezug auf die Bewahrung entgegenwirken? Ich meine durch Dankbarkeit. Indem wir lieber einmal zu viel als zu wenig DANKE sagen.

Begegnung

Mein letztes Stichwort im Zusammenhang mit der Unterschätzung des Heiligen Geistes ist die Begegnung. 
Jeder Mensch, der sich schon einmal mit den Grundlagen von Kommunikation beschäftigt hat, wird wissen, wie schwierig es eigentlich ist, dass zwei Menschen sich verständigen können. Ein sehr bekanntes Modell dazu hat Friedemann Schulz von Thun entwickelt: Wir Menschen sprechen einen Satz und damit werden vier Informationen gleichzeitig gesendet und mit vier unterschiedlichen Ohren gehört. Man unterscheidet zwischen der Sachebene, der Selbstkundgabe, der Beziehungsebene und der Appellebene. Klingt kompliziert, aber es gibt dazu ein sehr bekanntes Beispiel: 

Ein Mann sitzt auf dem Beifahrersitz während seine Frau das Auto fährt. Sie stehen an der Ampel. Als die Ampel auf Grün umspringt, sagt er: „Die Ampel ist grün.“ 

Sachebene: Die Ampel ist grün. Selbstkundgabe: Ich habe es eilig. Beziehungsebene: Schau, ich helfe dir. Appellebene: Fahr los!

Wenn man sich diesen Wahnsinn vor Augen hält, dann müssen wir doch ständig dem Heiligen Geist die Ehre geben für jedes gelungene Gespräch! Es ist ein ähnlicher Ansatz wie beim Stichwort Bewahrung: Aber ist nicht jedes gelungene Gespräch eigentlich ein Wunder?

Und natürlich meine ich hier gelungene Gespräche, die über den Smalltalk oder die belanglosen Höflichkeiten in unserem menschlichen Austausch hinausgehen.

Jede gelungene Begegnung ist ein Geschenk und wir Menschen leben aus der Begegnung. Ich habe dazu ein schönes Zitat von Fulbert Steffensky gefunden, mit dem ich diese Predigt beenden möchte. Fulbert Steffensky schreibt zur Begegnung:

„Wie alt muss man werden, um zu erkennen, dass die Beschäftigung mit sich selbst, die Verwirklichung seiner selbst nichts abwirft, wovon man leben kann? Ich brauche Brüder und Schwestern und Väter und Mütter und Lehrer und Lehrerinnen und Bücher und Theorien und Geschichten, mit denen ich aushandle, was die Wahrheit ist und was die Wahrheit verlangt. Erwachsenwerden und Altwerden heißt, sich eingestehen können, dass man selbst und aus sich heraus nicht so viel hat, wovon man sich ernähren kann. Die Hoffnung, die wir aus uns selbst schöpfen, ist zu gering. Der Mut, den wir allein aufbringen, reicht nicht. Die Träume unseres eigenen Herzens sind zu banal und zu kurzfristig. Wir sind Bettler. Wir können uns nicht alleine ernähren, trösten und ermutigen.“

Ich wünsche uns, dass wir die Tragkraft des Heiligen Geistes oder der Heiligen Geistkraft ernst nehmen in unserem Leben. Damit wir uns an unserer Berufung freuen, unsere Bewahrung dankbar annehmen und unsere Begegnungen feiern können.

Amen. 

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