Wir sind wunderbar gemacht – als Menschen und als Kirche

Glaubensimpuls

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Martin Obermeir-Siegrist

Pastor, Kinder- und Jugendwerk


Predigt zu Psalm 139 „Wunderbar gemacht“

Foto: Diözese Linz / Haijes

Kurzpredigt in der Ökumenischen Vesper zur Eröffnung der Langen Nacht der Kirchen 2021 im Linzer Mariendom

Zum Bibeltext: Psalm 139

 

Wunderbar gemacht   #Freude

Liebe Schwestern und Brüder!

Am Abend sitze ich meistens im hell erleuchteten Wohnzimmer oder im noch heller erleuchteten Büro, während mein Sohn schon im dunklen Schlafzimmer schläft. Meistens schläft er, Gott sei Dank, gut. Aber manchmal träumt er schlecht, oder die Zähne tun ihm weh. Ich höre ihn weinen und gehe zügig ins Schlafzimmer und sehe … zunächst nichts. Aber dann, nach einigen Momenten beginnen sich meine Augen zu gewöhnen und mehr und mehr nehme ich wahr: Das Zimmer ist nicht stockdunkel, wie ich es im ersten Moment erlebt habe. Ich sehe zuerst nur Umrisse, aber dann immer mehr Details und plötzlich haben sich meine Augen soweit an die Lichtverhältnisse gewöhnt, dass ich mit dem wenigen Licht im Zimmer sehr deutlich sehe. Die Finsternis ist nicht mehr finster. Ich halte meinen Sohn und kann nur staunen, was meine Augen können; und wie wundervoll der kleine Mensch in meinem Arm gemacht ist.

Gott, ich danke dir, dass ich so staunenswert und wunderbar gestaltet bin!

Diese Erkenntnis aus dem 139. Psalm stimmt: Der menschliche Körper ist ein Wunder, für das wir dankbar sein können. Wie gut alles zusammenspielt! Körper und Geist! Oft wird uns erst wenn Krankheit uns trifft – wenn das wunderbare Zusammenspiel der faszinierenden Prozesse in unserem Inneren gestört ist – bewusst, wie staunenswert und komplex wir eigentlich gestaltet sind.

Wunderbar sind wir gestaltet! Welch ein Grund für Freude und Dankbarkeit!

Dunkelheiten   #Trauer

Und doch sind da auch Dunkelheiten: Wie schnell passiert es, dass wir Menschen uns völlig auf unsere eigenen Fähigkeiten verlassen und dann nur schwer mit Erfahrungen des Scheiterns zurechtkommen? Wie oft leiden wir unter dem Erwartungsdruck, die beste Version unserer selbst sein zu sollen? Wie leicht passiert es, dass wir uns auch an ungesunde Gegebenheiten und Lebensverhältnisse anpassen?

Mich macht es traurig, wenn ich daran denke, welche unglaublichen Möglichkeiten Gott uns Menschen schenkt und wie wenig wir als Menschheitsfamilie daraus machen. Wo Gott Frieden geboten hat, führen die Völker Krieg. Wo Gott gerechten Umgang miteinander geboten hat, nutzen die einen die anderen aus. Wo Gott verantwortungsvollen Umgang mit seiner Schöpfung geboten hat, plündern wir den Planeten.

Die Dunkelheiten des menschlichen Daseins strahlen manchmal eine solche Finsternis und Aussichtslosigkeit aus, dass wir denken: Hier ist nichts mehr zu retten.

Der nahe Gott   #Sehnsucht

Den Dunkelheiten dieser Welt sind wir aber nicht allein ausgeliefert. Der Psalm, ja die ganze Bibel, bezeugt Gott, der uns Menschen und das ganze Universum wunderbar gestaltet hat, als einen Gott, der dir und mir ganz nahe ist und der mitgeht in die Dunkelheiten. Gott kennt dich von Anfang an, kennt deine Entwicklungsmöglichkeiten und deine Grenzen; kennt deine Gefühle und deine Abgründe; kennt deine Feigheiten und deinen Mut. Für diesen Gott, der aus dem Nichts Wunderbares erschaffen hat, ist es nicht schwerer deine Schwächen zum Guten zu nutzen, als deine vermeintlichen Stärken. 

Und dieser Gott ist dir liebevoll zugewandt: Wie eine mitfühlende Mutter und wie ein zärtlicher Vater. Wie eine unterstützende Freundin und ein verlässlicher Freund will Gott das Beste für dich und für seine ganze Schöpfung. Gott ist da, an hellen Tagen und in dunklen Zeiten. So hat Gott sich Menschen schon vor Jahrtausenden zu erkennen gegeben: Als liebevoller Begleiter; als inspirierende Kraft. Gott hat den Menschen zu allen wunderbaren Möglichkeiten auch sein Wort und seine Weisung gegeben, um sich im Leben zurechtzufinden.

Gottes Liebe verkörpern   #Kirche

Liebe Schwestern und Brüder! Am Anfang der Langen Nacht der Kirchen feiern wir gemeinsam diese Vesper und erinnern uns daran, dass wir nicht alleine unterwegs sind. Als Gemeinschaft der Glieder am Leib Christi sind wir verbunden. Zu jeder Zeit.

Keine und keiner von uns muss allein Licht in der Dunkelheit sein. Gott hat uns als Kirche zu einem wunderbaren Körper gestaltet und gemeinsam beauftragt.

Was für den einzelnen Menschen gilt, gilt auch für den Leib Christi: Staunenswert und wunderbar hat Gott uns gestaltet. Wie viele Menschen aus den verschiedensten Ländern und Kulturen bilden diesen einen Leib! Gemeinsam sind wir gerufen Gottes Liebe in der Welt zu verkörpern.

Darum wollen, müssen und können wir, wo wir Weinen hören, in die Dunkelheiten gehen und dort mit den Weinenden ausharren.  Wir tun es im Vertrauen auf den Gott, bei dem selbst Finsternis nicht finster ist und der uns selbst aus dem Stockdunklen noch Wege weist. So werden wir einander Licht und bezeugen das Strahlen Gottes in diese Welt; bis einst die Herrlichkeit Gottes selbst alles erhellt. Amen.

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