Wo ist Papa?

Glaubensimpuls

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Esther Handschin

Pastorin, Erwachsenenbildung


Predigt von Pastorin Esther Handschin zu Markus 3,31-35

„Wo ist Papa?“ Das ist eine Frage, die sich in unserer Gesellschaft immer wieder stellt. Die Statistik Austria gibt für das Jahr 2020 242.000 Haushalte an, wo die Mutter eines oder mehrere Kinder allein großzieht. Allerdings hat – über 35 Jahre hinweg gesehen – der prozentuelle Anteil an Ein-Eltern-Familien seit 1985 etwas abgenommen, von 13,1% auf 11,7%. Und dazu gehörten 2020 auf 47.000 Väter, die allein für ihre Kinder verantwortlich sind. Doch selbst in den Familien, die auf dem Papier sogenannt „intakt“ sind, sind die Väter oft abwesend, weil sie viel arbeiten, auf Montage sind, im Ausland arbeiten usw.

So ist zu fragen: Wie beeinflussen fehlende Rollenvorbilder die Entwicklung der Kinder? Es ist ja nicht nur so, dass die Väter fehlen. So mancher Bub, der bei seiner Mutter aufwächst, bekommt frühestens in oder erst nach der Mittelschule mit einem männlichen Vorbild in Berührung. Das ist reichlich spät, wie ich meine. Allerdings: Das Fehlen der Väter und der männlichen Vorbilder ist nicht neu. Nach dem Zweiten Weltkrieg war dies in ähnlicher Weise der Fall. Viele Väter sind gefallen, blieben vermisst oder kamen erst nach einigen Jahren aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Oder nach dem Ersten Weltkrieg waren viele Männer aufgrund von Kriegsverletzungen physisch oder psychisch massiv beeinträchtigt, was sich auch auf ihren Selbstwert und damit auf ihre Kinder ausgewirkt hat.

Brauchen Kinder zwingend einen Vater und eine Mutter, um stabil und gut aufwachsen zu können? Die neuere Forschung sagt in einer breit angelegten Studie dazu: Verlässlichkeit und die Fähigkeit, seine Gefühle ausdrücken zu können sind bedeutsamer als das Geschlecht einer Erziehungsperson. Und aus vielen Beispielen wissen wir, dass auch eine Oma oder eine Tante, ein präsenter Patenonkel und manchmal auch ein Scheidungspapa, der stets pünktlich und verlässlich war, die emotionale Stabilität eines Kindes gestärkt hat. Es besteht also Hoffnung auch für unsere Zeiten.

Eine Familie ohne Vater?

„Wo ist Papa?“ Diese Frage stellt sich einem auch beim heutigen Evangelium. Die Verwandtschaft Jesu meldet sich bei diesem jungen Mann, der seine Familie verlassen hat. Sie lassen ihn rufen. Einige Verse zuvor im Markusevangelium geben sie eine Beurteilung seines Verhaltens ab: „Er ist von Sinnen.“ (Mk 3,21) Er ist nicht ganz bei Trost. Kein Wunder also, dass die Familie versucht, Jesus zu sich zurückzuholen. Nicht auszurechnen, was passieren wird, wenn er andere provoziert und sich nicht zu benehmen weiß.

Allerdings: Im ganzen Abschnitt ist nie vom Vater die Rede. Wir erfahren von Jesu Mutter und seinen Brüdern, auch von seinen Schwestern, aber der Vater fehlt. Stammt auch Jesus aus einer Familie mit einer allein erziehenden Mutter? Die Leerstelle hier ist auffällig. Der Vater ist nicht vorhanden. Das lässt sich nur so erklären: Wenn einer so konsequent vom himmlischen Vater redet wie Jesus, dann ist der irdische Vater daneben verblasst. So dürfen wir uns also nicht darüber wundern, dass an dieser Stelle nur die Mutter, die Brüder und die Schwestern Jesu Erwähnung finden.

Familie ist, wer Gottes Wille tut

Der Dialog zwischen Jesus und seinen Angehörigen nimmt eine interessante Wendung. Eigentlich wäre zu erwarten, dass Jesus seine Familie erkennt, dem Wunsch Folge leistet und nach Hause zurückkehrt. Doch das wird in Frage gestellt. Jesus fragt: „Wer sind meine Mutter und meine Brüder?“ – Er gibt selbst die Antwort dazu: Es sind nicht die, die nach ihm rufen, sondern die, die um ihn herum sitzen. Er zählt zu seiner Familie nicht die Blutsverwandten. Jesus weitet den Begriff von Familie vielmehr aus und sagt: „Wer den Willen Gottes tut, der ist mein Bruder und meine Schwester und meine Mutter.“ Wer nach Gott fragt und nach seinen Vorgaben handelt, der gehört zur Familie Jesu. Damit entwirft Jesus das Bild von Familie anders und schafft einen neuen Familientyp, der die unterschiedlichsten Menschen miteinander verbindet.

Was macht die Familie Gottes aus? Was ist dieser Wille Gottes? Und wie ist er zu erfüllen? Wir kennen Gebot, das Jesus als das höchste bezeichnet hat. Es ist das Gebot der Gottes- und der Nächstenliebe: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und von allem deinen Kräften. Das andre ist dies: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ (Mk 12,30-31)

Wie ist dieses Gebot in den Kontext der Familie zu übertragen? Muss ich alle Familienmitglieder innig und heiß lieben? Wir wissen, wie schwer das ist. Denn es sind gerade diejenigen, die uns am nächsten stehen, die wir am meisten verletzen und von denen wir am meisten verletzt werden.

Familiensolidarität

Was aber macht einen guten Zusammenhalt in der Familie aus? Ich möchte diese Fragen am Begriff der Solidarität entfalten. Es geht um die Bereitschaft, füreinander da zu sein und sich – gerade bei Schwierigkeiten – füreinander einzusetzen. Die Nächstenliebe gebietet aber mehr. Es geht nicht nur um Solidarität in der Familie, in der eigenen Sippe, im eigenen Land. Nächstenliebe ist auch Solidarität für die Schwachen. Die Nächstenliebe ergreift Partei: für Arme, für Schwache, für Menschen ohne Obdach und für Menschen auf der Flucht, für Menschen, die manchmal nicht die nächsten sind, sondern auch ganz fern sein können. Solidarität macht deren Anliegen zu meinem, sodass ich meine Stimme laut werden lasse und mich für sie einsetze.

Wie sieht es aus mit der Solidarität in unserer Gesellschaft? Nicht wenige haben vor einem guten Jahr sehr viel Solidarität gespürt. Es war die Phase des ersten Lockdown. Es wurde auf Menschen in der Nachbarschaft geachtet. Für ältere Menschen wurde eingekauft. Man hat einander angerufen und sich nach dem Ergehen erkundigt. Endlich kamen einmal diejenigen Berufsgruppen in den Blick, die viel für die sogenannte Systemerhaltung tun, aber wenig Anerkennung dafür bekommen: Berufstätige in der Pflege, Personal in Schulen und Kindergärten, Mitarbeiterinnen im Supermarkt. Dann kam der Sommer, wo viele Freiheiten genossen wurden. Im zweiten Lockdown sah es dann anders aus. Mehr danach wie wir es aus unserer Zeit gewöhnt sind: Jeder ist sich selbst der Nächste. Jede schaut nur auf sich. Und wenn ich auf die Verteilung der Impfstoffe schaue, dann wird erkennbar, dass es mit der Solidarität weit her ist. Die reichen Länder sind schon weit mit Durchimpfen und in vielen armen Ländern sind noch nicht einmal diejenigen im Gesundheitswesen geimpft.

Weltweite Solidarität

Es ist nicht nur die Pandemie, die ist bewusst macht, dass wir gemeinsam auf einem Planeten leben und aufeinander angewiesen sind. Auch die Veränderung des Weltklimas sollte uns nachdenklich machen. Was bedeutet unsere Reiselust mit Flugzeug und Auto für diejenigen, die auf einer Südseeinsel sitzen? Wie gibt es Gerechtigkeit für alle, auch für diejenigen auf anderen Kontinenten? Gerade in diesen Monaten und bis zum nächsten Klimagipfel im kommenden November in Glasgow läuft eine Kampagne des Weltrates Methodistischer Kirchen und den damit verbundenen Jugendorganisationen. In einem eindrücklichen Video schildern Menschen aus einem Dorf auf den Fiji-Inseln, was es für sie bedeutet, dass sie ihre Dorfgemeinschaft vom Strand ins Innere der Insel verlegen mussten. Denn der Meeresspiegel steigt beständig. Die Brandung zerstört die Hafenmauer und das Salzwasser macht den Boden, wo sie bisher ihr Gemüse angebaut haben, unfruchtbar.

Familie heißt: Füreinander da sein

Gerade anhand der Familie Gottes können wir uns bewusst machen: Da gehören mehr Menschen dazu als meine Eltern und leiblichen Geschwister. Die Familie Gottes beginnt bei meiner allein erziehenden Nachbarin, den Kindern mit Migrationshintergrund in der Schulklasse meiner Kinder, bei der alten Frau im Haus, die es gerade noch schafft, ihren Haushalt zu bestreiten, beim Arbeitskollegen, den es nach der Scheidung aus der Bahn wirft. Die Familie Gottes beginnt da, wo Menschen dringend auf ein Netz der Solidarität angewiesen sind, damit sie nicht durch die Maschen der Gesellschaft rutschen. Und die Familie Gottes geht weiter zu denen, die entfernt leben, aber dennoch auf unsere Solidarität und Unterstützung angewiesen sind.

Ich habe es immer als eine Stärke unserer Kirche erlebt, dass sie weltweit organisiert ist. So erfahren wir oft aus erster Hand von Menschen, die mit uns in unserer Kirche verbunden sind, was die ungerechte Verteilung von Wohlstand und Armut für sie bedeutet. Wir hören z.B. von den Schwierigkeiten, die die Gier nach den Bodenschätzen im Kongo hervorruft und was es für Frauen in dieser unruhigen Weltgegend bedeutet, immer wieder Gewalt ausgesetzt zu sein. Als Frauennetzwerk der EmK Österreich haben wir uns über ein Projekt informieren lassen, das wir in den nächsten Jahren unterstützen werden: „Mit Frauen ist Frieden möglich“.

Solidarität leben, für andere da zu sein, den Blick auf das Ganze der Gesellschaft richten und nicht nur auf die eigenen Bedürfnisse, das kann in vielfacher Weise geschehen. In der nächsten Nachbarschaft und durch die Unterstützung von Projekten. Als Menschen des Glaubens steht uns noch eine weitere Möglichkeit offen, Menschen in die Familie Gottes hereinzuholen und sie zu begleiten. Es ist die Solidarität des Gebets und des Interesses füreinander. Wo wir einander etwas bedeuten, da teilen wir miteinander nicht nur die Freuden und die besonderen Momente. Wo wir einander etwas bedeuten, da nehmen wir auch Anteil, wenn es schwierig wird. Wir hören aufeinander, wo der Schuh drückt, wo es Sorgen gibt. Und wir ermutigen uns gegenseitig, die jeweilige Berufung zu leben und so nach Gottes Willen zu leben. Amen.

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