Gottes Liebe und Gottes Ge­rech­tig­keit - wie geht das zusammen?

Glaubensimpuls

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Frank Moritz-Jauk

Pastor, Öffentlichkeitsarbeit


Predigt zu folgendem Einwand: "Gott ist nicht nur lieb, sondern auch gerecht!"
Matthäus 25 und Jesaja 25 – ein interessanter Vergleich.
(Matthäus 25,37-43 und Jesaja 25,6-8)

Liebe Gemeinde, Gott sei Dank gibt es im Leben immer wieder Momente, wo einem ein Licht aufgeht. Wo man etwas begreift, das man lange Zeit nicht verstanden hat. Und einen solchen Moment des Verstehens möchte ich heute mit euch teilen. Bisher war der Text, den wir aus dem Matthäusevangelium gehört haben, das sogenannte Gericht über die Völker, doch ein Text, der ein gewisses Unbehagen in mir ausgelöst hat. Selbst wenn ich meine Hoffnung auf Jesus setze und mich damit eher bei den „Guten“ sehe, so bleibt doch die Frage: Was ist eigentlich mit den Verdammten? Was ist mit denen, die ins ewige Feuer gehen müssen? Wie passt das zu einem Gott der Liebe?

Denn das ist doch das Grundcredo unseres Glaubens: Gott ist Liebe.

Die kürzest mögliche Zusammenfassung des christlichen Glaubens ist dieser kurze aber treffsichere Satz: Gott ist Liebe oder das Wesen Gottes ist die Liebe. Die Liebe kann man nie ganz erfassen, sie bleibt ein Geheimnis. Aber das schönste Geheimnis, das es gibt. Und weil Gott die Liebe ist, ist auch Gott das schönste Geheimnis, das es gibt. Und diesen Satz verdanken wir Jesus. Warum? Weil er die einfachste Beschreibung des Gesamteindruckes ist, den uns Jesus vermacht hat. Wie Jesus gelebt und gesprochen hat, wie er den Menschen zugewandt war und sich auch durch den Tod am Kreuz nicht hat abschrecken lassen bis ans Ende zu lieben. Was sagt Jesus kurz vor seinem Tod: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht was sie tun." (Lukas 23,34) Bis zum Ende bleibt Jesus bei der Liebe. Also wissen wir: Gott ist die Liebe.

Und jetzt kommt an dieser Stelle ein Einwurf, der oft mit besagtem Text aus dem Matthäusevangelium zusammen geht und den ich heute in meinem Heimatdialekt wiedergeben möchte:

„Jetzt muss i ehna aber scho amol was saga, Herr Pastor, Gott isch net immer nur lieb, sondern Gott isch au gerecht.“

Gott ist schon Liebe, ja so steht es ja auch in Bibel, aber nur von Liebe zu sprechen oder zu predigen, das geht nicht. Gott ist nicht immer nur lieb – sondern – SONDERN – auch gerecht.

Und jetzt kommt der Punkt, wo mir persönlich erstmalig ein Licht aufgegangen ist. Nämlich bei folgender Erkenntnis, die ich so nie reflektiert hatte. Wir alle – oder sagen wir es vorsichtiger – sehr viele von uns haben so wie die christlichen Kirchen unabhängig von ihrer Konfession, jahrhundertelang die griechisch-römische Vorstellung von Gerechtigkeit inhaliert: Justitia. Lateinisch für Gerechtigkeit. 

Und diese Gerechtigkeit wird in der Regel in Form einer Frau dargestellt, die eine Binde vor den Augen trägt. In der linken Hand hält sie eine Waage und in der rechten Hand ein Schwert. Und – ihr könnt einmal mit wachen Augen schauen – diese Justitia findet sich vor hunderten oder tausenden von Gerichten in ganz Europa. Diese Darstellung der Gerechtigkeit hat sich tief in unser europäisches Bewusstsein eingegraben. So stellen wir uns Gerechtigkeit vor. Die Augen verbunden, um möglichst objektiv und ohne Ansehen der Person urteilen zu können. Eine Waage in der linken Hand, mit der man ganz genau, aber wirklich ganz genau, messen kann. Und dieses Messen, dieses Wort, finden wir ja auch noch heute in unserer juristischen Sprache wieder: Da ist vom Strafmaß die Rede.

Und einem Schwert in der rechten Hand, das steht für die Strafe, die jemand zu erwarten hat, der ein Gesetz übertreten hat. Das Schwert schneidet. Bis hin zur Todesstrafe, also Kopf ab, schneidet dieses Schwert. Hat es geschnitten, aber es ist nicht so lange her wie man glaubt. 1949 hat man in Deutschland noch Menschen enthauptet.

Die Symbole der Justitia, also Binde vor den Augen, Waage in der linken und Schwert in der rechten Hand, haben die christliche Vorstellung von Gerechtigkeit unhinterfragt dominiert. Also natürlich auch die Vorstellung des Gerichts über die Völker entscheidend geprägt.

Und als ob das nicht genug wäre, können wir auch der zweiten Wurzel unseres abendländischen Denkens nachgehen. Der griechische Philosoph Platon sagt: Die Gerechtigkeit sieht alles. Und in der griechischen Mythologie finden wir dann die Tochter des Zeus – Dike – die erst für die Gerechtigkeit stand, weniger später aber auch für die Strafe. Diese Dike schickt Zeus auf die Erde, um die Menschen zu beobachten. Erst einmal ganz genau beobachten, aufzeichnen, damit ihr nichts, auch nicht die kleinste oder verborgenste Missetat entgeht und dann erst soll Dike sich ihr Urteil bilden. 

Und dieser Zusammenhang zwischen Gerechtigkeit und Strafe hat unser Denken geprägt. Ganz entscheidend und fatal geprägt. Dass wir Gerechtigkeit als strafende Gerechtigkeit verinnerlicht haben. Dabei haben wir übersehen, dass diese Vorstellung in der griechisch-römischen Welt ihren Ursprung hat. Nicht aber in der Bibel.

Aristoteles lehrt: Ein Richter soll nicht lieb sein, sondern gerecht. Nicht gut, im Sinne von gütig, sondern gerecht. Wenn ein Richter Gefühle hat, dann ist er befangen, dann gehört er ausgetauscht. Denn die Gerechtigkeit ist sorgfältig, sachlich und neutral. Es kann schon einmal Gnade vor Recht gehen. Aber das ist die Ausnahme, nicht der Regelfall.

Kann eine Waage Gefühle haben? Eher nicht, sie ist ja sorgfältig. Kann eine Waage betroffen sein? Oder erschüttert? Oder zutiefst gerührt? Wohl auch eher nicht, oder?

Und ich glaube ihr spürt schon, was ich jetzt als nächstes sagen werde: Wie passt so eine Gerechtigkeit dann zu einem Gott, dessen Wesen Liebe ist?

Die Christenheit hat lange Zeit, und verschiedene Strömungen tun das bis heute, die Liebe gegen die Gerechtigkeit gestellt. Aus Gründen der Moral. Damit die Menschen etwas zum fürchten haben und sich ordentlich verhalten. Und dabei ist dieser folgenschwere Denkfehler passiert. Gott ist schon lieb und Jesus war auch lieb, als er auf der Erde war, aber jetzt im Gericht – jetzt ist Schluss mit lustig. Denn Gott ist auch gerecht. Die Liebe allein, das ist unheimlich, denn die Liebe kennt ja kein Maß. Die Liebe ist irgendwie chaotisch und braucht als Gegengewicht diese sorgfältige, ordentliche und neutrale Gerechtigkeit. Nur, wie soll das gehen? Fällt dann die Gerechtigkeit plötzlich der Liebe in den Arm so mit den Worten, jetzt übertreib mal nicht Liebe, jetzt ist es genug?

Und dann gibt es Menschen, die sagen: Gott muss gerecht sein, weil er ja auch heilig ist. Oder: Gott kann nicht nur verzeihen, er muss doch das Unrecht sühnen. Manchmal kommt dann noch Jesus ins Spiel als derjenige, der unsere Schuld gesühnt hat oder der als Mittler auftritt zwischen uns sündigen Menschen und dem heiligen Gott. Aber noch viel aufmerksamer gedacht sollte uns doch allein bei den verwendeten Wörtern die Alarmglocken ringen: 

Was soll das heißen, Gott muss? Oder Gott kann nicht? Über wen reden wir gerade? 

Und ist Gott schizophren, wenn er einerseits gerecht und anderseits lieb ist?

Die Antwort ist sehr einfach. Sie ist sehr einfach und sie lautet: Nein. 

Denn Gott hat nur ein Wesen und das ist die Liebe. Gott ist Liebe und sonst gar nichts. In der Bibel zum Beispiel im 1. Johannesbrief, Kapitel 4,16 steht „Gott ist die Liebe.“ Ich wüsste nicht, wo so ein Satz mit den anderen Eigenschaften Gottes zu finden ist, also Gott ist Gerechtigkeit oder Gott ist Heiligkeit. Das ist nämlich der Unterscheid: Das eine ist das Wesen Gottes, das andere sind seine vielen Eigenschaften. Also Gott ist barmherzig, gütig und gnädig, genauso wie Gott gerecht, heilig oder zornig ist. Aber in allem ist Gott die Liebe. Also ist Gott genauso lieb, wenn er gerecht ist, wie wenn er gnädig ist. Oder genauso lieb, wenn er barmherzig ist, wie wenn er zornig ist. Denn alle Eigenschaften Gottes sind ein Ausdruck seiner Liebe. Das verstehen wir Menschen manchmal nur schwer, aber bleiben wir jetzt für diese Predigt noch einmal bei der biblischen Gerechtigkeit, nicht der lateinischen Justitia.

Die biblische Gerechtigkeit ist eine wiederherstellende, eine integrierende Gerechtigkeit, keine strafende Gerechtigkeit. Die biblische Gerechtigkeit – Zedaka – (zö-te ka) sagt zu den Aussortierten, den Ausgeschlossenen, den Abgewerteten: Ich hole dich zurück in die Gemeinschaft. Die Gesellschaft ignoriert dein Elend – ich aber nicht, sagt Gott. Du giltst als gering bei den Menschen – nicht aber bei mir. Man hat dich abgewertet und du warst versucht, das von dir selbst zu glauben – nun, dann werte ich dich wieder auf, denn ich liebe dich, ich gehe dir nach und suche dich. So erweist sich die Gerechtigkeit Gottes als eine Form seiner umfassenden Liebe.

Und ein Letztes noch, damit auch der wunderschöne Text aus Jesaja 25 etwas leuchten darf: Natürlich ist der Text über das Gericht der Völker biblisch. Er steht so in der Bibel und die moderne Bibelwissenschaft geht davon aus, dass Jesus ihn auch so gelehrt hat. Aber das Gleiche gilt auch für die universale Heilshoffnung, die wir bei Jesaja oder in vielen Psalmen finden. Auch das ist ein biblischer Text. Hört sich nicht wie eine Henkersmahlzeit an, wenn hier von den feinsten Speisen und erlesenen, reinen Weinen die Rede ist, oder? Ein Festmahl für alle Völker. Bei diesem Festmahl wird sichtbar werden, wer Gott ist. Und Gott wird die Tränen von jedem Gesicht abwischen. Was ist das für eine Verheißung!

Oder was ist mit der großen Verheißung an Abraham, die im Neuen Testament zig Mal zitiert wird: „Durch dich sollen gesegnet werden alle Völker der Erde.“

Ich möchte jetzt nicht Bibelstelle gegen Bibelstelle stellen oder zählen und sagen von diesem Wort gibt es mehr und von dieser Aussage weniger Bibelstellen, geschweige denn, mich zu einer Wertung verleiten zu lassen. Nur eines möchte ich sagen: Gott ist Liebe.

Liebe und sonst gar nichts.

Diese Liebe ist die Grundlage von jedem biblischen Wort, sie durchdringt alle Aussagen und muss immer und überall mitgedacht werden. Muss – sie darf überall mitgedacht werden.

Lassen wir das „SONDERN“ einfach weg: Gott isch net nur lieb er isch – auch und vor allem – gerecht!

Amen.

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