Gott ist da für mich. Gott bleibt da für mich. Immer.

Glaubensimpuls

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Martin Obermeir-Siegrist

Pastor, Kinder- und Jugendwerk


Predigt zu Numeri/4. Mose 21,4-9 „Paul und die Giftschlangen“
Mutter mit Kind voller Leichtigkeit auf einer Veranda

Zum Bibeltext Numeri/4. Mose 21,4-9

Giftschlangen – Teil 1

Liebe Schwestern und Brüder!

Giftschlangen – so haben wir aus dem 4. Buch Mose, Kapitel 21 gehört – Giftschlangen schickt Gott dem erschöpft murrenden Volk Israel. Die Giftschlangen beißen. Viele Menschen sterben.

Immer wieder gibt es so herausfordernde biblische Geschichten. Und im 4. Buch Mose, auch Numeri genannt, mangelt es an diesen Geschichten wahrlich nicht. Wer also Herausforderungen mag, dem lege ich die Lektüre des ganzen Buchs sehr ans Herz – am besten mit einem guten Bibelkommentar und einer theologisch geschulten Gesprächspartnerin an der Seite.

Wenn man die Geschichten im Zusammenhang liest, dann fällt auf, wie sehr sich hier Gott und sein Volk aneinander reiben. 

Beständig bemüht sich Gott, Israel mehr und mehr in die Selbstständigkeit zu führen, die das Volk brauchen wird, wenn es einen Neuanfang im Gelobten Land schaffen soll. Gott versorgt sein Volk und gibt ihm Regeln für die verschiedensten Lebensbereiche mit auf den Weg.

Und das Volk murrt immer wieder, sehnt sich zurück nach schlechten Sicherheiten, weil es mit der neuen Situation von mehr Freiheit und Verantwortung offenbar noch nicht zurecht kommt.

Mich erinnern diese Geschichten an Reifungsprozesse, die wir Menschen alle durchmachen. Denkt daran, wie beschwerlich, wie mühsam zum Beispiel die Pubertät für alle Beteiligten sein kann.

Aber schon viel früher im Leben jedes Menschen gibt es solche Entwicklungsphasen, die mit Schmerz und Mühe einhergehen, die aber enorm wichtige Zeiten des Reifens sind. 

Damit dieser Gedanke etwas anschaulicher wird, möchte ich euch Paul vorstellen:

Paul

Paul ist fast drei Jahre alt. Er liegt gerade im Supermarkt vor dem Regal mit Süßigkeiten, hämmert mit den Fäusten auf den Kunststoffboden und schreit: „Neeeeeeeeein! Ich will nicht nach Hause gehen! Ich will Schokolade!“

Paul ist erschöpft, auch wenn er das gerade selbst gar nicht so wahrnimmt. Paul erlebt zum ersten Mal seine Gefühle und seinen eigenen Willen so stark, dass er kaum weiß, wie er sich noch verhalten soll. Und so probiert er aus, was ihm einfällt. 

Es wird noch einige Zeit des Ausprobierens nötig sein, bis er seine Gefühle besser einordnen kann. Und es wird einiges an Geduld kosten. Ihm selbst, genau wie seiner Mutter.

Aber den eigenen Willen zu entdecken und mit den eigenen Gefühlen umzugehen, ist ein ganz wesentlicher Schritt hin zu mehr Unabhängigkeit und Selbstständigkeit.

Die Erwachsenen sagen: „Paul ist in der Trotzphase.“ Aber das bringt Paul nichts. Was ihm etwas bringt, ist seine Mama, die für ihn da ist; die auch jetzt im Supermarkt neben ihm kniet. Sie ist zwar genervt und ärgert sich über die Szene, die Paul in der Öffentlichkeit macht, aber das ist schon in Ordnung. Paul weiß nämlich, dass sie ihn nie im Stich lässt. Auch wenn sie manchmal genervt und erschöpft und überfordert ist. Mama ist und bleibt da für mich. Immer. All das kann Paul noch nicht so formulieren. Aber er spürt es ganz deutlich. Er weiß es so sicher, wie nur irgendetwas auf dieser Welt sicher sein kann.

Trotz

Paul also ein Kind in der Trotzphase?

Und das Gottesvolk Israel auch wieder einmal trotzig gegenüber seinem Gott?

Was ist Trotz überhaupt?

Der Duden definiert Trotz als hartnäckigen oder eigensinnigen Widerstand gegen eine Autorität aus dem Gefühl heraus, im Recht zu sein.

Immer wieder wurde und wird von „trotzigen Kindern“ oder vom „trotzigen Gottesvolk“ gesprochen.

Aber wir können es uns, sowohl bei Kindern und Jugendlichen als auch beim Gottesvolk, getrost abgewöhnen, von Trotz zu sprechen. Trotz ist kein passender Begriff, denn es geht um natürliche Reifungsprozesse:

Menschen müssen lernen, ihre eigenen Vorstellungen vom Leben umzusetzen oder dies zumindest zu probieren. Oft ist es dabei gerade für jüngere Kinder, die noch nicht so viel Gelegenheit hatten, ein gutes Einfühlungsvermögen zu entwickeln, ganz überraschend, wie die Erwachsenen reagieren.

Mein 16 Monate alter Sohn hat diese Woche zum Beispiel im Hof einen Aschenbecher gefunden, der sich mit Wasser gefüllt hatte. Für ihn schaute das nach einer wunderbaren Plantsch-Möglichkeit aus. Er was sehr überrascht, dass ich – der sonst gern bei einem schönen Plantschen dabei ist – in diesem Fall nicht wollte, dass er seine Hände in die Zigarettensuppe taucht.

Reifen und Wachsen braucht aber eben genau diese Reibungserfahrungen. Kinder müssen erfahren, wo bei anderen Menschen Grenzen erreicht sind. Und auch das Gottesvolk Israel musste in seiner Wüstenzeit viel darüber lernen, wie sie sich ihrem Gott gegenüber aber auch untereinander so verhalten, dass ein segensreiches Miteinander möglich wird.

Und dabei kann ich mir gut vorstellen, dass es Israel unter Gottes Führung oft wie einem Kind gegangen ist, das eben nicht ganz frei selbst bestimmen kann, wohin es geht, sondern der Führung seiner Eltern ein Stück weit ausgeliefert ist.

Giftschlangen – Teil 2

Liebe Schwestern und Brüder!

Ich möchte den Vergleich von Reifungs- und Reibungsprozessen noch weiterführen und noch einmal auf die Giftschlangen zu sprechen kommen: 

Diejenigen von euch, die Kinder haben oder die sonst Menschen in ihrer Entwicklung begleiten, haben wahrscheinlich auch diese Erfahrung gemacht: 

Ich reagiere nicht immer so, wie es gerade pädagogisch wünschenswert ist. Es gelingt mir nicht immer, ruhig zu bleiben und auf mein Gegenüber so einzugehen, wie es gerade hilfreich wäre. Manchmal reagiere ich giftig und beiße – freilich im übertragenen Sinn. 

Auch das ist – genau wie Reifungs- und Reibungsprozesse an sich – ganz natürlich. Denn wir alle sind Menschen. Das heißt auch: Wir haben Grenzen. Manchmal geht es uns nicht gut. Manchmal sind wir nicht ausreichend auf eine Situation vorbereitet. Manchmal sind wir einfach erschöpft und reagieren harsch. Und hinterher tut es uns leid.

Man kann das durchaus für anstößig halten aber so spricht die Bibel von Gott: Als einem Gott, der Gefühle hat. Als einem Gott, der giftig reagiert, wenn die Menschen wieder einmal nur die eigene Perspektive sehen und dabei völlig vergessen, was Gott alles für sie getan hat; mit welcher Hingabe und Liebe Gott die Menschen begleitet, mit denen er einen Weg begonnen hat.

Schlussfolgerungen

Wenn wir zum Schluss danach fragen, was dieser alte Text für unser Leben zu sagen hat, möchte ich dreierlei festhalten:

Zunächst: Gewöhnen wir uns Abwertungen ab, die niemandem etwas bringen, weil sie am Wesentlichen vorbeigehen. Es geht in dieser Geschichte und im Buch Numeri, ja im ganzen Alten Testament überhaupt, weder um einen strafenden Gott, noch um ein trotziges Volk. 

Es geht um ein Volk, das reift und wächst und um einen Gott, der da ist und bleibt. Das Volk lernt immer mehr über Gott – das Gottesbild entwickelt sich. Und Gott lässt das Volk nicht im Stich, wenn es mühsam wird. Zugegeben, manchmal reagiert er nicht unbedingt so, wie wir Menschen es uns wünschen würden. Aber genau wie Paul weiß, dass seine Mutter – soweit es in ihrer Macht steht – immer für ihn da sein wird, solange er sie braucht, weiß das Volk Israel bis heute: Unser Gott erinnert sich an den Bund, den er mit uns geschlossen hat.

Dieses da sein und da bleiben Gottes, also Gottes Treue zu seinem Bund ist Grundlage und Ausgangspunkt dafür, dass Menschen Lernerfahrungen machen können und sich eine vertrauensvolle Beziehung zwischen Gott und Mensch entwickeln kann. 

Weiters: Durch Jesus sind wir Christ*innen gewiss, dass der Bund Gottes mit seinem Volk auch uns gilt. Durch Jesus sind wir zu den Lern-, Wachstums- und Reifungsprozessen eingeladen, die Gott mit seinem Volk Israel begonnen hat. Wir sind hineingenommen in eine Lern- und Beziehungsgemeinschaft, die wir Kirche nennen und in die wir aufgefordert sind, durch unser Lebenszeugnis weitere Menschen einzuladen. 

Auch in dieser Lerngemeinschaft sind Reibungs- und Reifungsprozesse ganz natürlich. Das betrifft die Beziehung zu unserem himmlischen Vater, aber auch die Beziehungen zu unseren irdischen Geschwistern. Wenn wir also an manchen Spannungen im Verhältnis der Kirchen zueinander oder an Spannungen in unserer eigenen Kirche leiden, dann mag es uns ein Trost sein, dass Reibungspunkte eben auch zu geschwisterlichen Beziehungen dazugehören.

Schließlich: So wie das Volk Israel damals, sind auch heute viele Menschen erschöpft. Auch wenn uns hoffentlich keine weiteren 40 Jahre Corona-Wüste bevorstehen – das dauernde Mantra: „Die kommenden Wochen werden entscheidend sein“, ermüdet. Es ist mühsam, sich an Regeln zu halten, die unangenehm sind und die eigene Freiheit einschränken. So wie Israel in der Wüste, müssen auch wir in dieser Zeit mit jeder neuen Station, jeder neuen Herausforderung umgehen lernen.

In all diesen mühsamen Entwicklungen gilt aber die Verheißung: Gott ist mit uns. Nicht als Kampf-Parole gegenüber anderen, sondern als Mittelpunkt, auf den wir zu schauen haben, wenn wir leben wollen.

Gott gab damals dem Volk durch Mose die Schlange aus Bronze auf dem Stab. Im Evangelium (Johannes 3,14-21) haben wir gehört: Christ*innen haben schon früh eine Parallele zwischen dieser Geschichte und Gottes Heilshandeln in Jesus Christus erkannt: Christus ist unsere Mitte. Das heißt: Solange wir uns an Jesu Liebe und Einfühlungsvermögen orientieren, werden wir Leben und Lernen und Reifen und Wachsen, bis wir ganz eins sind mit Gott, der selbst die Liebe ist. Und um im Bild der Geschichte zu bleiben: Es geht nicht darum, in dieser Liebe selbst schon vollkommen zu sein. Es geht lediglich darum, hinzuschauen und von Gott her Leben in Fülle zu erwarten.

Nehmen wir uns also ein Beispiel am fast dreijährigen Paul: Denn so sicher, wie nur irgendetwas auf dieser Welt sicher sein kann: Gott ist für uns da. Und Gott bleibt da. 

Amen.

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