Gott beschenkt uns reich mit Gaben

Glaubensimpuls

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Esther Handschin

Pastorin, Erwachsenenbildung


Liedbetrachtung zu Nr. 115 aus dem methodistischen Gesangbuch

Dieses Erntedanklied wurde neu ins Gesangbuch aufgenommen, war aber schon im Liederheft für die Glaubenskonferenz in Hollabrunn von 1992 zu finden, damals unter dem Titel „Für der Schöpfung reiche Gaben“. Es hat sich mit seiner einprägsamen Melodie nach dem musikalischen Schema der Barform (AABA) rasch in die Herzen gesungen.

Das bäuerliche Umfeld

Jede der drei Strophen greift ein Thema auf. An erster Stelle steht der Dank, unterstrichen durch das dreimalige „Dank sei dir, Gott!“ Strophe 1 erinnert daran, welche Mühen zu bewältigen sind, bis wir ein Brot anschneiden und essen können. Der Boden dafür muss bearbeitet und gepflügt werden, die Saat ist auszustreuen. Aber dann geschieht das Geheimnis des Wachstums: „Still verborgen wächst schon heut das Brot für morgen.“ Mit der Fortführung „Schaffen, schlafen ohne Sorgen“ erinnern die erwähnten Bilder an das Gleichnis der selbstwachsenden Saat aus Markus 4,26-29: Von selbst geht der Same auf, der Mensch weiß nicht wie, aber am Ende kann geerntet werden und die Ernte ist reichlich. So ist es auch mit dem Reich Gottes.

Gerechtigkeit für Arbeiter:innen

Die zweite Strophe verlässt die bäuerliche Welt und gibt Einblick in die Not der Arbeiterschaft. Oft entspricht die Entlohnung nicht der erbrachten Leistung. Daher wird an Gottes Gebote erinnert: „So will es Gott.“ Zur Gerechtigkeit kommt die Nächstenliebe hinzu, die nicht nur in der unmittelbaren Nähe geschehen soll, wo wir wohnen. In der heutigen globalisierten Welt werden die Lebensmittel auf dem Weltmarkt gehandelt. Die dort gemachten Preise können den Hunger fördern oder lindern. So sitzt die weite Welt auch an unserem Tisch. Ein Text, der vor fünfzig Jahren geschrieben wurde, spiegelt unsere aktuellen Probleme und zeigt uns unsere Mitverantwortung auf für das, was auf anderen Kontinenten geschieht.

"Der Mensch lebt nicht vom Brot allein"

Das Lied bleibt aber nicht beim Appell stehen. Die dritte Strophe führt wieder zurück zum Dank. Es ist aber nicht der Dank an Gott für das, was die Natur uns schenkt. „Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Mund Gottes geht“, so zitiert Jesus in Matthäus 4,4 eine Textstelle aus 5. Mose 8,3 und entgegnet so dem Widersacher, der ihn versuchen will. Zunächst wird an dieses Wort Gottes eher allgemein erinnert: Gottes Vorsehung liegt in seiner Leitung und wird in seiner Güte erwähnt. Dann aber wird es biblisch konkreter. Es wird das Wunder der Speisung angesprochen, wie wir es aus der Geschichte von der Speisung der 4.000 oder 5.000 in den Evangelien kennen, aber auch von der Speisung mit Manna und Wachteln aus 2. Mose 16 und weiteren Speisungswundern aus dem Alten Testament (2. Könige 4). Es geht weiter mit dem Zuspruch der Seligpreisungen (Matthäus 5) und führt schließlich zum Heiligen Geist, der uns führt und leitet.

Der Übersetzer

Die Übersetzung dieses Liedes stammt von Günter Balders (*1942), einem baptistischen Hymnologen und Liedübersetzer, der mit seinen Arbeiten eine Reihe von Liedern aus dem englischsprachigen Raum zugänglich gemacht hat. Dazu gehört unter anderem das Lied „Für alle Heilgen in der Herrlichkeit“ (For all the saints, who from their labors rest), das sich als Nr. 548 in der Rubrik „Heilige“ im Gotteslob aus dem Jahr 2013 findet.

Änderungen der ersten Zeile

Die erste Übersetzung von Günter Balders aus dem Jahr 1983 bleibt zunächst enger am englischen Text: „Für der Schöpfung reiche Gaben / sei Gott gedankt.“ Er nimmt damit das „For the fruits of this creation“, wie es im United Methodist Hymnal #97 heißt, auf. Aber gerade diese Liedzeile zeigt, wie stark das Dichten von Liedern im Fluss sein kann. Ursprünglich hieß es an dieser Stelle: „For the fruits of his creation, thanks be to God“. Gott wird für die Früchte seiner Schöpfung gedankt. Das ursprüngliche „his“ lässt an einen männlichen Gott denken, darum wurde es in vielen englischsprachigen Gesangbüchern auf „this“ geändert: Für die Früchte dieser Schöpfung sei Gott gedankt. Damit wird aber die Rückbindung an Gott gelockert. Also wurde erneut geändert: „For the fruits of all creation“. Auch damit wandert der Sinn wieder etwas weiter. Nun geht es um die Ergebnisse alles dessen, was geschaffen wurde, auch dessen, was von Menschen geschaffen worden ist. Und so stimmt der von Günter Balders im Jahr 1999 noch einmal bearbeitete Text wieder besser: „Gott beschenkt uns reich mit Gaben.“ Das lässt auch an die Begabungen denken, aus denen heraus Menschen etwas schaffen.

An dieser Stelle eine Liedfassung mit dem englischen Text:

Der englische Text der zweiten Strophe bindet sich in seiner Formulierung „God’s will is done“ noch etwas enger an die dritte Bitte des Vaterunsers an: „thy will be done“, als es in der deutschen Übersetzung möglich ist: „so will es Gott“. Allerdings weist schon der englische Text darauf hin, dass Gottes Wille dadurch geschieht, dass wir uns danach ausrichten und ihn verwirklichen und tun. Während der englische Text der zweiten Strophe mit dem Wort „despairing – Verzweifelnden“ nebst den Hungernden auf weitere Notleidende hinweist, bringt uns die deutsche Übersetzung schon ins Handeln: „teilen, tragen und begleiten.“

Der zweite Teil der dritten Strophe bietet in der deutschen Übersetzung mehr Anklänge an die biblische Tradition als die englische Vorlage. Die letzte Zeile führt im Englischen zu einer Verdichtung und zeigt die methodistische Theologie ihres Autors an: „most of all, that love has found us, thanks be to God“. Fred Pratt Green (1903-2000) erinnert uns damit an die Aussage von John Wesley: „Das Beste von allem ist, dass Gott mit uns ist.“ sowie an manche Lieder von Charles Wesley, in denen das Wort „Liebe“ ebensogut für „Gott“ stehen kann (Nr. 87,6 „Liebe, die das Leben schenkt“) oder wo die Formulierung wichtig ist, dass wir Menschen von Gott gefunden und berührt werden (Nr. 269,3 „geht am Geringsten nicht vorbei, hat so auch mich berührt“).

Der Autor des englischen Textes

Fred Pratt Green war methodistischer Pastor in England. Er entschied sich unter anderem für diesen Dienst bei den Methodisten und nicht bei einer anderen Kirche, weil ihm das von den Methodisten gepflegte offene Abendmahl, bei dem alle Menschen willkommen sind, zugesagt hat. Von 1928 bis 1969 diente er auf sehr unterschiedlichen Gemeindebezirken im Norden und Süden Englands. Seine literarische Tätigkeit begann zunächst mit Texten für Theaterstücke und mit Liedtexten. Aber erst nach seiner Pensionierung wurde sein Liedschaffen wirklich fruchtbar, sodass etwa 300 Texte entstanden sind, die in vielen Konfessionen und Denominationen gesungen werden. Eines der bekannteren seiner Lied ist „Christ is the world’s light“ / „Christus, das Licht der Welt“ (Nr. 128). Außerdem hat er Dietrich Bonhoeffers „Von guten Mächten“ ins Englische übersetzt als „By gracious powers so wonderfully sheltered“ (UMH #517).

Typisch für die Lieder von Fred Pratt Green ist die Verbindung von Glaube und sozialem Engagement. Dass er in einem Erntedanklied nicht nur die bäuerliche Atmosphäre von Pflügen, Säen und Ernten beschreibt, sondern auch eine gerechte Entlohnung einmahnt, passt zu seinem Denken und Handeln in methodistischer Tradition. Er hat seinen Text erstmals im August 1970 im „Methodist Recorder“ veröffentlicht, der wöchentlichen Zeitung der Methodistenkirche in Großbritannien. Auf diesem Weg hat sich der neue Liedtext rasch verbreitet.

Die eine Melodie

Der Text wurde auf eine ganz bestimmte Melodie geschrieben, die den Namen EAST ACKLAM trägt. Das ist das Dorf, in dem Schöpfer der Melodie, der Organist Francis Jackson (*1917), zu dieser Zeit gelebt hat. Es ist bezeichnend, dass in der letzten Zeile der dritten Strophe der höchste Ton mit dem Wort „love“ zusammenfällt. Das scheint dem Textautor wichtig gewesen zu sein.

Hier eine Version der Melodie EAST ACKLAM, die aus der beliebten BBC-Sendung „Songs of Praise“ stammt, die seit 60 Jahren produziert wird:

Die andere Melodie

EAST ACKLAM ist wiederum eine alternative Melodie zum Abendlied „God, that madest earth and heaven“, das zur traditionellen walisischen Melodie AR HYD Y NOS aus dem 18. Jahrhundert gesungen wird. AR HYD Y NOS bedeutet so viel wie „durch die ganze Nacht hindurch“ und nimmt eine Textzeile dieses Volksliedes auf. Hier eine Fassung für Männerchor in walisischer Sprache, wo man den walisischen Text und die englische Übersetzung mitlesen kann:

Der Text des Erntedankliedes ist allerdings auch zur Volksliedmelodie von AR HYD Y NOS gesungen worden. Hier noch ein Arrangement von Mark Hayes mit einer Oberstimme für die letzte Strophe, wie das in der englischen Tradition üblich ist:

Aus urheberrechtlichen Gründen können hier keine Texte aus dem Gesangbuch der Evangelisch-methodistischen Kirche 2002 abgedruckt werden. Dieses kann jedoch bei blessings4you bestellt werden.

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