Der per­so­ni­fi­zier­te Gott

Glaubensimpuls

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Frank Moritz-Jauk

Pastor, Öffentlichkeitsarbeit


Die Begegnung des Menschen mit Jesus ist jene Krise, in der unabänderlich und unwiderruflich die Entscheidung über sein Leben fällt.

Der personifizierte Gott     Johannes 6, 35 und 41-51

Liebe Gemeinde, in meiner heutigen Predigt beziehe ich mich auf die Stelle vom Brot des Lebens die wir aus dem Johannesevangelium gehört haben. Und anstatt auf die diversen Brotmetaphern einzugehen, also was das Brot alles ist oder nicht ist, möchte ich euch gleich zu Beginn sagen, was mich an der heutigen Stelle besonders fasziniert: Es ist die Klarheit rund um die Person Jesu Christi.

Sonja Herler hat letzten Sonntag schon eine sehr gute Einleitung in das Johannesevangelium gegeben und gemeint, dass sich hier Gott am direktesten zeigt. Sonja hat auch darauf hingewiesen, dass das ganze Auftreten von Jesus, seine Rede und seine Antworten, die Leute wohl ziemlich vor den Kopf gestossen haben muss. Das ist, wenn wir uns in die beschriebene Situation hineindenken wollen, ohne Zweifel der Fall. Wenn ich mir vorstelle, ich wäre einer der historischen Zuhörer gewesen und Jesus hätte so zu mir gesprochen, dann hätte mich das wahrscheinlich genau so wie beschreiben überfordert. Ich hätte wohl auch gefragt: „Ist das nicht Jesus, der Sohn von Josef? Wie kann er da behaupten er sei vom Himmel herab gekommen?“

Ich weiß nicht, wie es euch gegangen ist, als ihr die heutige Lesung gehört habt. Aber nach mehrmaligem Lesen hatte ich den Eindruck, die Leute, die Juden, haben doch überhaupt keine Chance. Das kann man nicht begreifen, im Sinne von verstehen, was Jesus sagt. Und im Fortgang der Geschichte wird es ja nicht einfacher, sondern schwieriger. Erst ist Jesus das Brot des Lebens und dann soll man sogar das Fleisch von Jesus essen? Wie soll denn das gehen? Irgendwie bekommt man den Eindruck, Jesus will gar nicht verstanden werden. Wo ist hier das Mitgefühl das wir aus anderen Evangelien kennen? Warum tut Jesus das?

Ich denke, jedes Evangelium hat seine Stärken und Schwächen. Es ist wirklich gut, dass wir unsere vier Evangelien haben. Was mir persönlich geholfen hat, die Schroffheit der Worte Jesu anders zu hören, ist das Bewusstsein gewesen, wann, von wem und für wen diese Worte in erster Absicht geschrieben wurden.

Wenn ich bedenke, dass wir hier einen Text vor uns haben, der wahrscheinlich von Menschen geschrieben wurde, die von Juden verfolgt wurden oder aus den Synagogen ausgeschlossen wurden, dann hilft mir das. Wenn ich weiter bedenke, dass dies einer der spätesten Texte ist, entstanden wahrscheinlich so um das Jahr 100, dann hilft mir das. Wenn ich mir klarmache, dass hier schon die nachösterliche Erfahrung verarbeitet wurde, dann ist das einfach hilfreich.

Wenn ich mir vor Augen halte, dass ich hier einen Text vor mir habe, den Menschen geschrieben haben und lesen, die gerade dabei sind eine eigenständige Religion zu begründen, dann kann ich mich besser auf die Stärken dieses Textes und dieses Evangeliums konzentrieren.

Für uns heute ist es keine nennenswerte Schwierigkeit, im Brot und Fleisch von Jesus die Grundlagen des Abendmahls zu erkennen. Aus unserer Perspektive schauen wir mit einer ungeheuren zeitlichen Distanz auf den Tod von Jesus am Kreuz und auf eine lange kirchliche Geschichte. Für uns ist manches vielleicht schon zu selbstverständlich geworden.

Wie gesagt, das sehe ich als große Stärke des heutigen Textes, dass er uns einlädt, die Klarheit rund um die Person Jesu Christi wahrzunehmen.

Auch das hat Sonja Herler schon letzten Sonntag angesprochen: Es geht hier wirklich um die Person von Jesus. Jesus hat auf die Frage, Was müssen wir denn tun, um Gottes Willen zu erfüllen? nicht gesagt, dass ihr dem glaubt, den er gesandt hat, sondern, dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat. Das ist eine feine aber wichtige Unterscheidung: Es geht nicht um die Botschaft, sondern um die Person.

Und in der Folge geht es um dich und mich. Wie verhalte ich mich zu dieser Person? Wie verhalte ich mich zu Jesus?

Der Theologe Jürgen Roloff schreibt in seinen Erläuterungen zum Johannesevangelium: „Die Begegnung des Menschen mit Jesus, ist jene Krise, in der unabänderlich und unwiderruflich die Entscheidung über sein Leben fällt.“

Und damit niemand an dem Wort Krise hängenbleibt: Ich glaube Roloff meint hier die Phase der Entscheidung. Also Krise als Beschreibung des Zustands wo ich noch überlege, wie ich mich zu Jesus verhalten werde.

Das ist schon eine sehr ernste Formulierung die Roloff hier tätigt aber ich persönlich glaube, dass sie wahr ist. Das sie richtig ist. Wenn ich Christ sein will, dann hängt alles an diesem Verständnis von Christus. Wer ist Jesus für mich.

Am Freitag vor 9 Tagen waren unsere Nachbarn bei uns zu Besuch. Und der neue Lebensgefährte unserer Nachbarin, ich glaube er ist Rechtsanwalt, jedenfalls kommt er aus Deutschland, hat mich in bewährter deutscher Direktheit einige Fragen zum Glauben und zu meiner Person gefragt. Was ich denn so mache, als Pastor und was denn die Methodisten so glauben würden. 

Ja, auch wenn wir das als Vision für das Jahr 2036 formuliert hatten, noch ist es nicht so, dass wir uns als Methodisten nicht erst einmal grundsätzlich und geschichtlich ausgreifend erklären müssten. 

Interessant - und deshalb erzähle ich euch die Geschichte jetzt hier im Rahmen dieser Predigt - war die Aussage: „Ja, also an einen persönlichen Gott glaube er nicht, also damit bräuchte ich ihm jetzt nicht kommen, da kommen wir nicht ins Geschäft.“ Worauf ich geantwortet habe: „Dann kommen wir eben nicht ins Geschäft. Denn ich glaube an einen persönlichen Gott.“

Das Erstaunliche war, dass dies nicht zu einem sofortigen Abbruch des Gesprächs geführt hat. Er hat dann noch einige andere Dinge gefragt, um dann irgendwann festzuhalten, dass „das aber schon bewunderswert sei, wenn man so glauben kann. Welche Sicherheit man dadurch spüren könne.“

Klarheit.

Ich glaube, was man an dieser Geschichte oder Begegnung sehen kann und wofür ich Gott auch danke ist die Klarheit, die es manchmal braucht, damit wir uns selbst und unserem Glauben treu sein können.

Ich glaube an einen persönlichen Gott und das ist nicht verhandelbar.

Niemand sagt, dass ich das ständig vor mir hertragen und alle Leute wissen lassen muss. 

Aber wenn wir diese innere Klarheit für uns gewinnen, dann wird sich das in unserem Reden und Handeln zeigen. So habe ich diese Begegnung erlebt.

Und das ist meine Hoffnung an der ich festhalten möchte, dass sich mein Glaube von jeder guten Begegnung nährt und all das Gute und Wertvolle, dass ich erfahre, Auswirkungen hat.

Dieses Aufnehmen, Verinnerlichen und dann Ausstrahlen habe ich bei der letzten Jährlichen Konferenz einmal den Flamingo Effekt genannt. Flamingos - das sind große rosa Vögel die im Wasser waten und in sehr großen Höhen in Chile auch mal über Nacht festfrieren können - sind nicht von Natur aus rosa. Ihr Federkleid färbt sich über die Nahrung, die sie zu sich nehmen. Es sind die kleinen roten Krebse, die sie fressen die dazu führen, dass Flamingos rosa sind.

Das trifft auch auf uns Christinnen und Christen zu - wir werden das ausstrahlen, was wir verinnerlicht haben.

Bevor ich schließe möchte ich noch auf die Äußerung von Jesus eingehen, wonach niemand von sich selbst aus zu ihm kommen könne. Der Vater, der mich gesandt hat, muss ihn zu mir ziehen, sagt Jesus. Das, liebe Geschwister, könnte man als Prädestination hören, also als Vorherbestimmung wer zu Jesus kommen kann und wer nicht. Da wäre es dann einfach, sich entweder als Gesegneter oder Verfluchter zu sehen. Als hilfloser Mensch, der entweder an Jesus glauben kann oder eben nicht. Nur - das glaube ich nicht.

Ich verstehe diese Aussage einzig und ausschließlich im Kontext der Juden also im Kontext des von Gott erwählten Volkes. Ich bin der Ansicht, dass zwischen Gott und seinem auserwählten Volk eine ganz besondere Beziehung besteht und bin der Meinung, dass Jüdinnen und Juden nicht missioniert werden müssen.

Für alle anderen Menschen gilt, dass das Heil nur in Christus zu finden ist. „Denn es ist uns Menschen kein anderer Name unter dem Himmel gegeben, durch den wir gerettet werden sollen.“ heißt es in der Apostelgeschichte. (Apg 4,12) Und von dieser Rettung haben wir ganz zum Schluss unserer heutigen Lesung gehört: „Dieses Brot, dass ich ihm geben werde ist mein Fleisch; ich gebe es hin für das Leben der Welt.“ Die Welt, das sind definitiv alle Menschen und dieses rettende Brot ist für alle da.

Damit komme ich zum Schluß und möchte als Kurzzusammenfassung nochmal Folgendes festhalten:

  • Im Johannesevangelium zeigt sich Jesus in einer beispiellosen Klarheit als der Mensch gewordene Gottessohn durch den die Welt gerettet wird.
  • Wie ich in Beziehung zu diesem Person gewordenen Gott stehe ist von entscheidender Bedeutung für mein Leben.
  • Mit dem Glauben an Jesus ist damit aber auch alles gesagt und getan: Durch ihn, durch Christus, bin ich gerechtfertigt und werde das ewige Leben empfangen.
  • Wenn wir das verinnerlichen, dann führt das zu einer Klarheit, die unser Leben verändert und die nicht ohne Auswirkungen bleiben wird.

Amen.

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