Am 10. März 2016 feiert Altbischof Franz Schäfer seinen 95. Geburtstag. Er hat 23 Jahre lang — von 1966 bis 1989 — als aktiver Bischof der Evangelisch-methodistischen Kirche für Mittel- und Südeuropa gedient und lebt heute in Zürich-Wollishofen. Sein Nachfolger, Bischof i.R. Heinrich Bolleter, blickt in der folgenden Würdigung zurück.

In unserer Zeit ist es wenig gefragt, sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen. Das ist auch in der Evangelisch-methodistischen Kirche nicht anders. Dennoch: Wir wollen es nicht versäumen, der Segensspur, welche einzelne Zeitzeugen hinterlassen haben, nachzugehen, um sie nicht zu vergessen.

Es gibt viele Erinnerungen, welche beim Schreiben dieser kurzen Würdigung wieder lebendig werden. Als junger Pfarrer hatte ich im Gespräch mit Bischof Dr. Franz Schäfer gelernt, im Umbruch der Zeiten nicht nur nach der neuen «Tagesordnung der Welt» zu fragen, sondern zuerst und zuletzt die «Tagesordnung Gottes» ins Zentrum des Dienstes der Kirche zu stellen. Die Tagesordnung Gottes führt uns zu den wahren Bedürfnissen der Menschen in Kirche und Gesellschaft.

Bischof Schäfer charakterisierte seine Zeit als aktiver Bischof einmal so: «In der Zeit zwischen 1966 bis zum Frühjahr 1989, in der ich als Bischof der Evangelisch-methodistischen Kirche die Gemeinden und Konferenzen in zwei westeuropäischen und sechs osteuropäischen Ländern verantwortlich begleitete, waren Ost- und Westeuropa ideologisch klar getrennt. Aber nicht nur das, mein Dienst fiel auch in die Zeit der härtesten Auseinandersetzung des geteilten Kontinents. Es war die Zeit des Kalten Krieges, der sich täglich steigernden atomaren Bedrohung, der ideologischen Verhärtung, die ein wachsendes Misstrauen zwischen Ost und West bewirkte. Wir wussten im Westen, wo der ‚Teufel’ sitzt, und wie wir uns seiner erwehren mussten. Die östlichen Machthaber aber wussten dies auch — mit vertauschten Rollen natürlich! War es in jener Zeit möglich, in West und Ost für kirchliche Aktivitäten Mitverantwortung zu übernehmen, ohne ideologisch Kompromisse einzugehen und damit die eigene Glaubwürdigkeit in Frage zu stellen? Professor Jan Milic Lochmann aus Prag schrieb später, dass mein Sprengel ein ökumenisches Unikum sei. Er verlange den Dienst an Kirchen und Gemeinden in West und Ost – das Ausüben dieses Amtes mache den Mann zum Grenzgänger zwischen zwei recht verschiedenen gesellschaftlichen und weltanschaulichen Systemen. Es sei eine heikle Sache. Sehr schnell könne man zum Beispiel von westlicher Erfahrung und Gewohnheit geprägt, die Lage der Kirche im Osten entweder patronisierend betrachten, sicher wohlwollend, aber kaum solidarisch; oder auch ins Gegenteil verfallen und das Geschick der Menschen im Osten falsch idealisieren»

Bischof Schäfer war also ein Grenzgänger. Er selber sah es so: «Ich versuchte, mich frei zu machen von der Angst vor Strukturen, Systemen und Ideologien. Sie sind Gefässe, als solche wichtig, aber nur solange als sie den Menschen dienen, ihre Aufgaben zu erfüllen. Das ist in der Kirche so, aber auch im Staat und in der Gesellschaft. Es war oft schwer, hinter den verhärteten Schutzmauern der Ideologien dem Menschen zu begegnen. Wo dies aber gelang, wurde jede Begegnung zu einem Erlebnis.»

Die Vereinigung der Methodistenkirche und der Evangelischen Gemeinschaft zur Evangelisch-methodistischen Kirche erforderte in der Schweiz und in Frankreich zu Beginn der Amtszeit von Bischof Schäfer seinen vollen Einsatz, viel Verständnis und Vertrauen zu den für die Vereinigung verantwortlichen kirchlichen Instanzen. Es war eine arbeitsintensive Zeit, die nicht nur das Denken, sondern auch die Emotionen der kirchlichen Mitarbeiter sehr beanspruchte, sodass für sie zu jenem Zeitpunkt viele Fragen, welche die anderen Länder der Zentralkonferenz betrafen, nicht oder noch nicht an erster Stelle standen.

Bischof Schäfer suchte immer die Menschen und war selbst bereit, ehrlich, freundlich und voll Respekt und Wertschätzung jedem Menschen zu begegnen – in der Gemeinde, in anderen Kirchen, in der Welt, in der Politik. Das hat über die Zeit Früchte gebracht. 1985 überreichte ihm die Comenius-Fakultät der Universität Prag den Titel eines Ehrendoktors der Theologie. Diese Auszeichnung ist eine Anerkennung für einen langjährigen Dienst am Aufbau der Kirche in Ost und West und für die ökumenische Zusammenarbeit der Kirchen in Osteuropa.

Der Beitrag von Bischof Schäfer im Bereich der weltweiten Kirchenfamilie der Methodisten (World Methodist Council) und in der Ökumene wurde bisher kaum beschrieben. Er war seinerzeit einer der Präsidenten des Weltrates Methodistischer Kirchen. In der Missionsbehörde der weltweiten United Methodist Church (General Board of Global Ministries) arbeitete er an den Fragen nach einem neuen Missionsverständnis mit. In Europa wurde damals auf Initiative Schäfers zur Koordination der Mission die ECOM (European Commission on Mission) gegründet. Diese Kommission präsidierte er während 20 Jahren.

Dankbarkeit ist angesagt, wenn wir an das lange Leben und den Dienst von Bischof Franz Schäfer denken. Wir wünschen ihm weiterhin die Erfahrung von Gottes gnädiger Gegenwart.

Quelle: Bischof i.R. Heinrich Bolleter / www.emk-schweiz.ch

Anmerkung: An der Tagung der Exekutive der Zentralkonferenz von Mittel- und Südeuropa im März 2006 wurde Professor Helmut Nausner angefragt, aus Anlass des 85. Geburtstags von Bischof Dr. Franz Schäfer, ein Büchlein zu schreiben. Es trägt den Titel «Ein Zeuge unkonventioneller Menschlichkeit — Bischof Dr. Franz W. Schäfer» und ist im Sekretariat des Bischofs in Zürich erhältlich.