Die Erfahrung mit Gott ist ein wichtiger Bestandteil des methodistischen Glaubensverständnisses. Die dabei gewonnenen Einsichten sind zwangsläufig von Mensch zu Mensch unterschiedlich und können nicht absolut gesetzt werden, wie der Theologe Michael Nausner betont. Vielmehr dürfen wir im Austausch mit anderen entdecken, wie Gott in allem, was uns umgibt, präsent ist.

Seit über vierzig Jahren leben wir in der weltweiten Evangelisch-methodistischen Kirche mit einem speziellen Modell, das uns dabei helfen soll, unser Leben in der Nachfolge zu gestalten. Es war Albert C. Outler, der entscheidend dazu beigetragen hat, das sogenannte Quadrilateral zu einer Richtschnur methodistischen Glaubenslebens zu machen. Er empfiehlt, unser auf das biblische Zeugnis gegründete Leben nach den Kriterien von Tradition, Vernunft und Erfahrung zu gestalten.

Die drei Grundbegriffe Bibel-Tradition-Vernunft haben wir als Methodisten von der Kirche von England geerbt. Wenn wir als Methodisten die Erfahrung hinzufügen, dann verbinde ich damit eine Betonung auf die existentielle Tiefe des christlichen Glaubens. Was unser Leben als Christen und Methodisten ausmacht, ist nicht nur das, was wir mit dem Kopf verstehen und mit den Händen tun, sondern nicht zuletzt auch das, was wir in unseren Herzen erfahren. Was uns sinnvollerweise zusammenhält, sind nicht in erster Linie intellektuelle Überzeugungen bezüglich der christlichen Lehre. Es sind auch nicht eindeutig identifizierbare Aktivitäten. Vielmehr ist es die Kraft der verändernden Gnade Gottes, die die ganze Schöpfung durchdringt und im Herzen erfahrbar werden kann.

Erfahrung verwandelt

Der Glaube in seiner konkret verwandelnden Form beginnt mit der spürbaren Erfahrung der Liebe und Gnade Gottes. Diese Betonung der Erfahrung hat der junge John Wesley von den Herrnhutern gelernt und bis zu seinem Lebensende hochgehalten – auch wenn sein Verständnis dessen, wie sich eine solche Erfahrung konkret ausdrückt, allmählich verändert hat. Unter dem Einfluss der Herrnhuter hatten sowohl er als auch – eine Woche vor ihm – sein Bruder Charles im Mai 1738 Durchbrucherfahrungen in ihrem Glauben. Sie wussten sich von da an in ihrem Herzen von Gott bedingungslos geliebt.

Was wir als Methodistinnen und Methodisten mit der Betonung auf die Erfahrung meinen, will jedoch immer wieder neu bedacht werden. In der methodistischen Bewegung wurde bisweilen versucht festzuschreiben, was rechte Erfahrung zu sein hat. Dabei besteht unweigerlich die Gefahr, dass Menschen zu einer ganz bestimmten Art der Erfahrung gedrängt werden. Viele Menschen haben sich vom christlichen Glauben abgewandt, weil sie sich zu einer Erfahrung gedrängt fühlten, die ihnen nicht entsprach. Lebensfremd erschien sie ihnen und zu sehr auf das eigene Seelenheil fokussiert.

Die Weite des Glaubens

Es erscheint mir wichtig, die Erfahrung des Glaubens/der Gläubigen immer wieder von Neuem in einem weiteren Zusammenhang zu sehen. Ich bin überzeugt davon, dass ursprüngliche christliche Glaubenserfahrung in doppelter Hinsicht von einer grundlegenden Weite geprägt ist: Erstens lässt sie sich nie vom konkreten Zusammenhang trennen – sie ist nie ganz privat –, und zweitens ist sie immer auch ein Teil des göttlichen Wirkens in der gesamten Schöpfung – sie ist nie ausschließlich innerlich.

Dass wir an etwas teilhaben, das über uns als Individuen hinausgeht, scheint mir von entscheidender Bedeutung zu sein. Glaubenserfahrungen sind also nie ganz subjektiv oder objektiv. Vielmehr sind sie geprägt von einem Hin und Her zwischen Erfahrenden und Erfahrenem. Glaubenserfahrung zeugt von einer Beziehung und ist so gesehen auch veränderlich. Eine solche beziehungshafte Beschreibung der Glaubenserfahrung begegnet uns bei dem Theologen Theodor Runyon. Für ihn spielt die dynamische Dimension religiöser Erfahrung eine entscheidende Rolle, wenn er darauf hinweist, dass solche Erfahrung über das Subjekt hinausgeht, es verändert, mit anderen in Verbindung bringt und nur in seinem gemeinschaftlichen Kontext verständlich wird (T. Runyon, Die neue Schöpfung, 176f.).

Mein Versuch einer Kurzdefinition christlicher Glaubenserfahrung wäre deshalb folgender: Es ist eine Erfahrung der bewussten und spürbar verändernden Teilhabe an Gottes neu-schaffendem Wirken in der Welt. Eine solche Erfahrung als bewusste Teilhabe ist zudem immer auch eingebettet in eine konkrete Gemeinschaft des Glaubens, die in der Tradition des biblischen Zeugnisses und biblischer Sprache steht.

Wenn Gott jedoch verändernd in der Welt wirkt, kann ich bei der Behandlung der Erfahrung die Frage nicht ausblenden, welche Rolle die alltägliche Erfahrung konkreter Menschen und Gemeinschaften für eine methodistische Theologie spielen mag. Auf den ersten Blick hat sie ja nichts mit dem christlichen Glauben zu tun. Hellhörig werde ich deshalb beim Lesen des Abschnitts über Erfahrung in der Kirchenordnung der Evangelisch-methodistischen Kirche, der von den alltäglichen Erfahrungen der Menschen spricht.

Hier werden auch diejenigen »Aspekte menschlicher Erfahrung« als relevant angesehen, die »unser theologisches Verstehen auf eine harte Probe« stellen. Zu diesen harten Aspekten gehört einerseits die Tatsache menschlichen Leids, dass nämlich »viele Glieder des Volkes Gottes (…) unter Terror, Hunger, Einsamkeit und Erniedrigung« leiden. Nicht zuletzt gehören dazu aber auch »alltägliche Erfahrungen von Geburt und Tod, Wachsen und Leben in der geschaffenen Welt sowie das Wachsein für größere soziale Zusammenhänge«, die »auch in ernsthafte theologische Überlegungen einzubeziehen« sind.

Offenheit für die Erfahrungen anderer

Demnach wollen also nicht nur die als Glaubens- oder Bekehrungserfahrungen erkannten Erfahrungen, sondern »auch« die alltäglichen und allgemein menschlichen Erfahrungen in unserem Glaubensleben bedacht werden. Dieses »Auch« ruft nach theologischer Konkretisierung und nach einer fortwährenden Reflexion darüber, welche Rolle menschliche Erfahrung im weitesten Sinne für unseren Glauben spielen mag. Ich verstehe dieses »Auch« als einen Auftrag, bei aller Betonung religiöser Erfahrung auch eine Offenheit und ein Verständnis für die Bedeutung allgemein menschlicher Erfahrung zu bewahren.

Dieses »Auch« ermutigt einerseits zu einer grundlegenden Skepsis gegenüber jeglichen Absolutheitsansprüchen, die sich auf Glaubenserfahrungen berufen. Andererseits fordert es zu kontinuierlicher Aufmerksamkeit für sogenannte weltliche Erfahrungen heraus. Denn letztlich kann die ganze Schöpfung mit all ihren Widersprüchlichkeiten und Geheimnissen zu einem erfahrbaren Sakrament göttlicher Liebe werden.

John Wesley hat die universale Erfahrbarkeit Gottes in Predigt 23 seiner Lehrpredigten so ausgedrückt: Die reines Herzens sind, sehen Gott »durch den Glauben (…) selbst in Seinen geringsten Werken, in allem, was sie umgibt, in allem, was Gott geschaffen und gemacht hat. Sie sehen Ihn droben in der Höhe und drunten in der Tiefe; sie sehen Ihn alles völlig durchdringen. Die reines Herzens sind, sehen alles erfüllt von Gott«.

In diesen fast mystisch anmutenden Zeilen sehe ich eine Herausforderung, in der Reflexion über die Rolle der Erfahrung im christlichen Leben Heiliges und Profanes miteinander verbunden zu halten und die Möglichkeit der Erfahrung Gottes nicht auf gewisse Orte oder Augenblicke einzuschränken. Gerade das scheinbar Alltäglichste kann zu einem Ort und Medium einer heiligen Erfahrung werden.

Michael Nausner
Professor für Systematische Theologie und
Prorektor an der Theologischen Hochschule Reutlingen

Foto: CC-Vison/Atelier Arnold
Quelle: emk.de