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Schuld bewältigen in der GemeindeGehalten am 4.9.2011 im Gottesdienst in St. Pölten Predigttext: Matthäus 18,15-22 Sündigt aber dein Bruder an dir, so geh hin und a weise ihn zurecht zwischen dir und ihm allein. Hört er auf dich, so hast du deinen Bruder gewonnen. Hört er nicht auf dich, so nimm noch einen oder zwei zu dir, damit jede Sache durch den Mund von zwei oder drei Zeugen bestätigt werde. Hört er auf die nicht, so sage es der Gemeinde. Hört er auch auf die Gemeinde nicht, so sei er für dich wie ein Heide und Zöllner. Wahrlich, ich sage euch: Was ihr auf Erden binden werdet, soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel gelöst sein. Wahrlich, ich sage euch auch: Wenn zwei unter euch eins werden auf Erden, worum sie bitten wollen, so soll es ihnen widerfahren von meinem Vater im Himmel. Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich mitten unter ihnen. Da trat Petrus zu ihm und fragte: Herr, wie oft muss ich denn meinem Bruder, der an mir sündigt, vergeben? Genügt es siebenmal? Jesus sprach zu ihm: Ich sage dir: nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal. Liebe Schwestern und Brüder! 1. Jesus rührt hier ein heißes Eisen an. Es ist, als ob Matthäus Jesus in eine Gemeinde um das Jahr 80 oder 90 versetzt hätte. Ja, es kommt einem so vor, als würde Matthäus Jesus herausfordern, indem er ihn mit der Situation der Kirche am Ende des 1.Jhdts konfrontiert: »So Jesus, jetzt schau her. Das ist deine Gemeinde, deine Kirche. Das ist aus deinen Jüngern und Jüngerinnen geworden. Hättest du dir das gedacht? Schau dir doch die sog. »Christen« an. Sieh doch, wie sie miteinander umgehen: sie streiten sich; sie reden lieblos übereinander; sie streben nach Macht und Ehre; statt zu dienen herrschen sie über andere; sie lügen und betrügen; in der Welt geht es auch nicht anders zu als in der Gemeinde. Was soll man also mit dieser Kirche tun? Soll man sie nicht am besten gleich zusperren und zugeben, dass das Experiment misslungen ist? Die Menschen sind halt einfach so, wie sie sind. Sie werden immer so bleiben. Die Christen und Christinnen sind auch nicht anders.« Ich weiß nicht, ob diese Gedanken den Matthäus beschäftigt haben, als er sein Evangelium niedergeschrieben hat, aber ich kann es mir gut vorstellen. Ich glaube, er hat sich Sorgen gemacht über den Zustand der Kirche zu seiner Zeit. Er musste es selbst erleben, wie aus den begeisterten Anfängen inzwischen eine ziemlich etablierte Kirche geworden ist mit allen Mängeln und Schwächen, die es halt gibt, wenn Menschen zusammen sind. 2. Und als Matthäus so nachdenkt über die Gemeindesituation zu seiner Zeit, da fallen ihm bestimmte Jesusworte ein, die auf diese Situation zuzutreffen scheinen. So erinnert er sich, wie Jesus gesagt hat: »Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen«. Matthäus beginnt zu begreifen: Kirche ist nicht da, wo alle sich nur liebhaben und kein böses Wort fällt; nein, Kirche ist da, wo Jesus ist. Und wenn nur zwei oder drei Menschen sich in seinem Namen versammeln, dann ist da Kirche. Kirche ist nicht von der Qualität der Menschen abhängig, die zu ihr gehören; Kirche ist allein davon abhängig, dass Jesus in ihr gegenwärtig ist. Kirche ist also nicht ein Stück heile Welt, wo nichts Böses passiert und alles nur eitel Wonne ist. Nein, in der Kirche mag es u.U. auch drunter und drüber gehen; wenn Jesus gegenwärtig ist, dann ist auch mitten unter unvollkommenen, fehlerhaften und schuldigen Menschen Kirche. Christinnen und Christen sind nicht daran zu erkennen, dass sie keine Fehler mehr machen; dass sie sündlos und schuldlos mit einem Heiligenschein durch die Welt laufen. Nein, wir müssen es zugeben, dass wir Christinnen und Christen oft um keinen Deut besser sind als Menschen, die diesen Glauben nicht haben. Was uns zu Christen und Christinnen macht, sind nicht unsere guten Taten, ist nicht unsere weiße Weste, ist nicht unsere Güte und Liebenswürdigkeit; was uns zu Christen und Christinnen macht, ist die Güte und Liebenswürdigkeit Gottes, die wir an Jesus sehen können. Gott hat uns so angenommen wie wir sind. Und weil wir das glauben dürfen, sind wir Christ und Christin. Allein der Glaube an die unverdiente Güte Gottes macht uns dazu; nichts sonst. Auch die Kirche lebt von dieser Zuwendung Gottes. Wo zwei oder drei sich versammeln, da ist Jesus mitten unter ihnen – und zwar ohne jede Bedingung. Diese zwei oder drei sind eben auch zwei oder drei Sünder. Jesus hat, als er über diese Erde ging, mit Sündern an einen Tisch gesessen und mit Sündern gegessen. Und auch heute geniert sich Jesus nicht, mit Sündern zusammen zu sein und mit Sündern das Brot zu brechen. 3. Und als Matthäus so nachdenkt über seine Gemeindesituation, da kommt ihm noch ein Jesuswort in den Sinn. Auf die Frage des Petrus, wie oft man seinem Bruder vergeben muss und ob siebenmal – also wirklich siebenmal – genug sei, antwortet Jesus: Nein, nicht siebenmal sondern siebzig mal siebenmal. Was praktisch soviel bedeutet, wie: ohne Ende. Das Thema Vergebung ist also gerade in der Gemeinde, zwischen Schwestern und Brüder, ein wichtiges Thema. Den Fremden gegenüber ist es vielleicht gar nicht so schwer zu vergeben. Ich lebe ja mit ihnen nicht zusammen. Ich treffe sie nicht jeden Sonntag. Ich kann ihnen aus dem Weg gehen. Aber in der Gemeinde oder in der Familie und im Bekanntenkreis ist die Vergebung u.U. eine Zumutung und Herausforderung für mich. Wie gehen wir also praktisch mit unserem Sündersein und mit dem Gegenseitigen Vergeben und Annehmen in der Gemeinde um? Matthäus sucht nach einer Regel, einem Art Verhaltenskodex, wie Christen und Christinnen untereinander mit Schuld und Vergebung umgehen können und sollen. Matthäus ist überzeugt – und er hat bestimmt Recht – Schuld muss in einer Gemeinschaft ausgesprochen und bewältigt werden. Sie aus lauter Toleranz oder aus falsch verstandener Menschenfreundlichkeit zu übergehen, bringt nichts. Unbewältigte Schuld vergiftet meistens eine Gemeinschaft. Das beginnt schon in der Familie. Und wie Matthäus so nachdenkt, kommen ihm wieder bestimmte Worte Jesu in den Sinn, die er auf seine Gemeindesituation anwendet. Er weiß, Jesus ist auf Sünder zugegangen. Jesus hat die Sünde angesprochen, aber ohne den Menschen deshalb zu demütigen. Und so formuliert Matthäus jetzt im Geist Jesu für seine Gemeindesituation: »Wenn dein Bruder sündigt, dann geh zu ihm und weise ihn unter vier Augen zurecht. Und wenn deine Schwester sündigt, dann geh zu ihr und weise sie unter vier Augen zurecht. Hören sie auf dich, so hast du deinen Bruder, deine Schwester zurück gewonnen.« Das ist ein gutgemeinter Rat, kein Kirchengesetz. Wir hätten wahrscheinlich weniger Probleme im Umgang miteinander, wenn wir uns an diesen Rat halten würden. Meistens geschieht das ja nicht, dass ich mit dem Betroffenen unter vier Augen rede. Viel häufiger kommt es vor, dass ich den anderen und die andere vernadere oder hintenherum über ihn oder sie tratsche, die Person aber nicht direkt darauf anspreche, was mir an ihr missfallen hat. Oder aber ich schlage Kapital daraus, dass ich vom anderen etwas weiß, was ihn vor der Gemeinschaft in Misskredit bringen könnte. Damit habe ich Macht über ihn. »Gehe hin zu deinem Bruder, deiner Schwester und rede mit ihm, mit ihr« – so soll es unter Christinnen und Christen sein. Schlage also keinen Vorteil aus dem, was du über einen anderen Schlimmes weißt oder zu wissen glaubst, sondern geh zu demjenigen und rede mit ihm! Von Angesicht zu Angesicht! Von Bruder zu Bruder, von Schwester zu Schwester! Sag zu keinem Dritten etwas, bevor du nicht mit dem Betroffenen gesprochen hast. Hänge es also nicht an die große Glocke; schreibe es nicht aufs schwarze Brett; bringe es nicht in die Presse! Stelle deinen Bruder oder deine Schwester nicht in aller Öffentlichkeit bloß, was immer er oder sie auch getan haben mag. Wie gesagt, sehr oft geht es anders zu in der Welt und auch in der Kirche. Man schlägt dann Kapital aus dem Fehlverhalten der anderen. Man tritt die Schuld der anderen in aller Öffentlichkeit breit. Man schreibt offene Briefe, die in der Zeitung veröffentlicht werden, usw. Die Welt macht Schlagzeilen mit der Sünde. Christsein, meine ich, beginnt damit, dass wir so etwas wie eine Schuld–Kultur entwickeln, also einen menschenwürdigen und anständigen Umgang mit Schuld und Sünde. Als Christen und Christinnen sollen wir einander helfen, Schuld zu bewältigen, Schuld zu vergeben und nicht den Schuldigen in pharisäischer Art öffentlich an den Pranger zu stellen. 4. Freilich gilt es noch etwas zu beachten. Wenn ich zu meinem Bruder oder meiner Schwester gehe und mit ihm oder ihr rede, dann gehe ich selbst als ein begnadeter Sünder. Ich gehe in dem Bewusstsein, dass ich auch nicht besser bin als der oder die andere. Das ist eine wesentliche Voraussetzung für ein fruchtbares Gespräch. Ohne diese Voraussetzung ist mein Verhalten der Person gegenüber, die in meinen Augen Böses getan hat, reine Anmaßung. Es ist arrogant und besserwisserisch. Ich komme dann als Richter oder als Pharisäer, der moralisch über dem oder der anderen steht. Über dieses heuchlerische Verhalten hat Jesus in der Bergpredigt ausführlich gesprochen und es scharf verurteilt. Das ist die Gefahr bei diesem gutgemeinten Rat, dass er in ein kaltes, überhebliches Pharisäertum abgleitet, und damit noch mehr Unheil stiftet. Das ist auch die Gefahr, wenn man aus solchen gutgemeinten Ratschlägen Kirchengesetze macht, die dann dem Buchstaben nach angewandt werden. Jesus hatte bestimmt nicht im Sinn, die Instanzen für ein Kirchenzuchtverfahren zu beschreiben. So geht es also nicht. Wenn ich mit einem anderen über seine Schuld rede, spreche ich selbst als ein Sünder. Mir selbst ist Schuld ja nicht unbekannt. Wenn ich an der Stelle des anderen gewesen wäre, vielleicht hätte ich ganz gleich gehandelt wie er. Wer weiß es schon? Ich versuche also den anderen zu verstehen. Schuld ist ja nicht einfach Schuld. Hauptsache der andere hat es zugegeben. Schuld hat eine Geschichte. Wie ist es dazu gekommen? Was für Gründe und Umstände haben eine Rolle gespielt? Ich werde so lange mit dem anderen sprechen, bis ich wirklich verstehe, was in ihm vorgeht. Erst wirkliches Verstehen führt zu Vergebung und Versöhnung. Es gilt überdies zu bedenken, dass es nicht immer so einfach ist zu sagen, was ist wirklich falsch und was ist richtig; was ist Sünde und was ist der Wille Gottes. Die Dinge liegen oft nicht so eindeutig und klar. Ich muss also ungemein vorsichtig sein in meinem Urteil über einen anderen Menschen. Ich muss mir klar sein, dass ich mit meinem Denken und mit meinen Vorstellungen ihm höchstwahrscheinlich nicht wirklich gerecht werden kann. Was weiß ich denn schon über das Leben, Fühlen und Denken eines oder einer anderen? 5. In der Lesung aus dem Römerbrief haben wir den schönen Satz des Apostel Paulus gehört: „Die Liebe ist des Gesetzes Erfüllung.“ Das kann auch ein ganz gutes Leitwort sein für eine solche Gemeindeordnung, wie sie Matthäus beschreibt. Die Liebe sucht nach einem Weg des kreativen Umgangs mit Schuld und Vergebung. Es wäre nicht die Liebe alles zu tolerieren und einander gewähren zu lassen. Es wäre nicht die Liebe, einfach nur wegzuschauen und alles zu verharmlosen. Es wäre nicht die Liebe, um alles in der Welt den Konflikt zu vermeiden und freundlich zu tun. Nein, die Liebe sucht nach einem Weg der Versöhnung. Und der muss konkret sein. Und einen solchen Weg versucht Matthäus im Sinne Jesu aufzuzeigen: »Gehe hin zu deinem Bruder, deiner Schwester und rede mit ihm, mit ihr«. Ich denke, soweit können wir Matthäus durchaus folgen. Etwas Mühe macht dann schon die Fortsetzung dieser Regel, die einen klaren Instanzenweg schildert. Wenn das Gespräch unter vier Augen nichts nützt, soll ein weiteres Gespräch vor ein oder zwei Zeugen stattfinden. Bekennt sich der oder die Betroffene nicht schuldig, wird die Sache vor der ganzen Gemeinde aufgerollt. Ist der oder die Betroffene noch immer uneinsichtig, was in diesem Fall fast als sicher anzunehmen ist, folgt der Ausschluss. Wie gesagt, Matthäus hat bei diesen Überlegungen seine eigene Gemeinde im Blick und ich weiß nicht, wie es in dieser Gemeinde zugegangen ist. Die Regel ist geprägt durch die damaligen Umstände und den damaligen Zeitgeist. Es hat auch den Anschein wegen der juristischen Sprache, die hier gebraucht wird, dass sie gedacht ist – um es salopp zu sagen – für die Vereinsstatuten jener Gemeinde, an die Matthäus hier denkt. Auf heutige Verhältnisse lässt sich das nur schwer anwenden. Wir müssen heute wahrscheinlich unsere eigene Form finden, in der wir diese Regel verpacken. Zum Abschluss versuche ich einmal eine solche Formulierung für uns heute: »Wenn du etwas an einem deiner Mitchristen oder Mitchristinnen siehst, das dich entsetzt, aufregt oder empört, gerade auch deshalb, weil dir etwas am Bruder, an der Schwester liegt, dann versuche nicht, darüber hinwegzusehen, nimm die Sache ernst und sprich mit ihm oder ihr unter vier Augen. Denke daran, dass das, was dir am Bruder oder an der Schwester missfallen hat, nur ein Symptom ist und noch nicht die ganze Wirklichkeit. Kein Mensch sündigt einfach so, aus bloßer Laune, sondern meistens steckt viel mehr dahinter. Hüte dich deshalb von vorschnellen Urteilen. Und sei dir bewusst, ein solches Gespräch hat auch Folgen für dich. Ein solches Gespräch wird in der Regel nicht in 15 Minuten abgehandelt sein. Gesagt, getan, ad acta gelegt. So nicht. Gespräche um die Menschlichkeit brauchen viel Zeit, viel Geduld, einen langen Atem. Sie sind mitunter wie ein Ringkampf. Dein eigener Standpunkt könnte dabei ins Wanken geraten. Ja, am Ende wirst du bei einer solchen Aussprache selbst am meisten profitieren und dazulernen.« Ja, es stimmt, wo ein Mensch ehrlich zum anderen findet im Ringen um Wahrheit, Güte und Menschlichkeit, da ist Gott anwesend. Wenn auch nur zwei Menschen auf diese Art einander seelisch anrühren, da geschieht Kirche, da ist Jesus Christus wahrhaft in unserer Mitte. Amen. Superintendent Lothar Pöll « zurück zum Predigtarchiv |