Der Gott des Lebens | 1. Kön. 17, 8-24 und Lk 7, 11-17


Predigttext: 1. Kön. 17, 8-24 und Lk 7, 11-17

Liebe Gemeinde!

An welchen Gott glauben wir? An welchen Gott glauben Sie? Diese Frage bekommen wir durch die heutigen Lesungen, durch die Schicksale der beiden Witwen, gestellt. Es ist eine wichtige Frage, an deren Beantwortung auch hängt, mit welchem Gottesverständnis wir durchs Leben gehen. Ich möchte Sie heute einladen, mit mir anhand der beiden Geschichten ein wenig darüber nachzudenken.

1. Die Witwe zu Nain
Jesus kommt mit seinen Jüngerinnen und Jüngern und vielen anderen Menschen, die ihm folgten, in die Stadt Nain. Am Stadttor wird ein Toter hinausgetragen. Es muss also später Nachmittag sein, denn dann fanden Beerdigungen statt. Wo so ein Zug auftaucht, da brechen die Gespräche ab, das Lachen verstummt. Es hat etwas Lähmendes, Bleierndes, wenn ein Mensch zu Grabe getragen wird.
Der Zug vor dem Stadttor geleitet einen toten jungen Mann zu seiner letzten Ruhestätte. Es ist der Sohn einer Witwe, vermutlich Stolz und Stütze für sie. Die Frau, die ihm das Leben gab, verliert nicht nur ihr einziges Kind, sie verliert auch ihren Ernährer, den Menschen, auf den sie als völlig rechtlose Frau im Patriarchat völlig angewiesen ist. Eine Witwe, deren einziger Sohn stirbt, hat nur noch die Wahl, in ihre Herkunftsfamilie zurückzukehren und dort lebendig-tot nach einer Rolle zu suchen, die ihr dort bleibt. Angewiesen auf die Gnade und das Wohlwollen der Verwandten. Diese Frau ist am Ende. Ihr bleiben nur noch Trauer und Weinen. Auch um ihr eigenes Leben. Dieser Zug ist so gesehen ein Leichenzug mit zwei Toten: Sohn und Mutter. Sie muss alle Hoffnungen begraben. Kann kein eigenständiges Leben führen. Für wen soll sie noch leben? Von was soll sie leben? Zwei Tote verlassen Nain. Und Jesus trifft sie. Er hält diesen Zug des Todes an, er hält die Beerdigung auf. Warum? Lk schreibt, dass Jesus Mitleid mit der Frau hat. Er hat nicht Mitleid mit dem toten Sohn. Der hat ja alles hinter sich. Nein, er hat Mitleid mit der Frau, der zweiten Toten in diesem Leichenzug. „Weine nicht“ sagt er zu ihr. Jesus berührt die Totenbahre - für ihn gelten keine Reinheitsgebote bzw. ignoriert er sie, weil für ihn das, was Leben bringt und fördert, über allen Geboten und Gesetzen steht. Und dann spricht er mit dem Toten. Mit einem Befehlswort bringt er ihn ins Leben zurück. Um der Mutter willen. Ihretwegen gibt er dem Sohn das Leben zurück. Er gibt ihr, der alle Würde genommen wurde, ihre Würde zurück. Nun ist sie, die durch den Tod des Sohnes weniger als ein Nichts wurde, wieder eingegliedert in die Gesellschaft, die diese Regeln hat.
So gesehen gibt es nicht nur zwei Tote in der Geschichte, sondern auch zwei Totenerweckungen, zwei Rückholungen ins Leben. Auch die Witwe von Nain wird zum Leben erweckt. Jesus gibt ihr Würde und Wert. Im Namen des Gottes des Lebens holt er sie zurück ins Leben.

Eine schöne Geschichte, könnten wir jetzt sagen. Eine mit Happy End. Wir freuen uns mit der Witwe aus Nain, die samt Sohn ins Leben zurückkehrt, eine Kehrtwende auf dem Weg des Todes zurück ins Leben.

Aber was ist mit den vielen Situationen in denen Jesus heute nicht mehr kommt und alles augenscheinlich wendet? Wo Eltern ihre Kinder verlieren und Jesus sie ihnen nicht mehr wiederbringt. Jesus kam nur einmal zu diesem Sohn. Er rettete ihn nicht ein zweites Mal vom Tod. Auch in der Zeit, in der Lukas dieses Evangelium schrieb, riss der Tod Menschen auseinander, die sich liebten. Und nicht dauernd erstanden Menschen vom Tod. Das war auch nicht zu Lebzeiten Jesu so.
Lukas will uns etwas anderes damit sagen, lange nach Jesu Tod und Auferstehung. Er schreibt aus der Gewissheit heraus, dass die letzte Macht des Todes gebrochen ist. Gott, das Leben selbst, ist größer als der Tod. An Jesus sehen wir das.

Vor kurzem sprach ich mit einem Vater, der seinen 18jährigen Sohn durch einen Sekundentod verloren hat. Er sagte mir, dass sie getröstet sind. In allem Schmerz. Sie wissen den Sohn nun bei Gott. Dort lebt er weiter. Er fehlt ihnen in jeder Sekunde und der Schmerz über den Verlust ist groß. Doch bei Gott ginge es ihm nun gut. Es sei egoistisch, ihn zurückzuwünschen. So wollen sie ihn loslassen. Wissend, dass er in Gottes liebenden Armen ist. Und darauf vertrauend, dass Gott ihnen hilft, diesen Verlust zu verkraften.

Lk hat diese Geschichte wohl weitererzählt, weil sie daran erinnert, dass mit Jesus etwas eingebrochen ist in unsere Welt, das auch vom Tod nicht zerstört werden kann. Das Leben geht nach dem Tod weiter und das Leben beginnt schon hier. Ein Versprechen, eine grenzenlose Zusage, die auch im Angesicht des Todes nicht zurückgenommen wird: In Jesus wendet Gott selbst sich uns Menschen zu - gerade dort, wo wir blind sind vor Tränen - und sagt auch zu uns „Weine nicht!“, „Hab Vertrauen!“. Der Tod ist noch nicht weg aus unserer Welt - auch Jesus musste sterben. Aber die Zuwendung, die Liebe Gottes - sie macht nicht halt an der Grenze des Todes, sie gilt sogar über den Tod hinaus. Gott ist ein Gott der Lebenden, auch wenn sie gestorben sind! Und tröstet die Trauernden, die Weinenden, die Verzagten. Gott ist ein Gott der Hoffnung, des Trostes, der Liebe - des Lebens selbst!

Ist das ein Trost für all die, die trauern? Deren Welt zerbrochen ist durch den Tod eines geliebten Menschen? Deren Augen nicht mehr trocknen, so viele Tränen werden geweint? Die vor einem abgrundtiefen Schmerz stehen und nicht wissen, wie sie ihn bewältigen sollen? Vielleicht ist es ein Trost, wenn wir sie nicht allein lassen, wenn sie in uns Menschen finden, die sie etwas spüren lassen von der Liebe Gottes, wenn sie durch uns erfahren dürfen, was Menschen vor 2000 Jahren direkt bei Jesus erlebt haben: eine Nähe, die den Schmerz mit aushält, die mitweint und die Mut macht zum Leben. Gott ermächtigt uns dazu und wirkt in seiner Kraft auch durch uns. Aus uns selber heraus können wir das nicht. Doch die Kraft des Gottes, der das Leben will und die Liebe selbst ist, wirkt auch durch uns.

2. Die Witwe von Sarepta
Wenden wir uns der zweiten Geschichte zu.

Der Prophet Amos erzählt ein frustrierendes Gleichnis. Da flieht jemand vor einem Löwen - und trifft auf einen Bären! Wieder gelingt ihm die Flucht. Zu Hause atemlos angekommen, stützt er seine Hand gegen die Wand - da beißt ihn die Schlange. (vgl Am5,19)

Wir haben heute von noch einer Witwe gehört, die ihren einzigen Sohn verliert. Die Witwe von Sarepta. Vielleicht hat sie sich ähnlich gefühlt, wie Amos es beschrieben hat. Erst verliert sie ihren Mann und steht als alleinerziehende Mutter ohne jede soziale Sicherung da. Kaum scheint sie diese Situation zu meistern, fällt die vom Propheten Elija angekündigte Dürre über das Land herein. Die Vorräte sind irgendwann erschöpft. Sie sieht für sich und ihren Sohn keine Überlebenschance. Da kommt Elija zu ihr und sorgt dafür, dass ihr Mehlkrug und Ölvorrat nicht versiegen. Jetzt scheinen die Witwe und der Sohn aufatmen zu können - da überfällt den Sohn eine tödliche Krankheit. Muss es dieser Frau nicht so vorkommen, als sei Gott letztendlich die zubeißende Schlange? Diesen Gott will sie nicht! Nichts anderes verbirgt sich hinter der schroffen, abweisenden und grimmigen Anrede, die sie Elija entgegenschleudert: „Was habe ich mit dir zu schaffen, Mann Gottes?“. Die Witwe stellt Gott in Frage. Sie hat Zweifel und ist verzweifelt. Durch ihre große existentielle und seelische Not ist sie in die Ecke getrieben und sieht keinen Ausweg mehr. Und sie stellt Gott in Frage. Vielleicht ist dieses In-Frage-Stellen ihre letzte Brücke zu Gott.
Eine wörtlichere Übersetzungen lautet: „Was ist mir und dir gemeinsam, Mann Gottes?“. Vom Ende des Textes her kann sie vielleicht so verstanden werden: „Meinen wir beide eigentlich den selben Gott?“. Am Schluss formuliert sie: „Jetzt weiß ich, dass du ein Mann Gottes bist.“ Dh, sie zweifelte am Anfang, dass Elija wirklich ein Mann Gottes sei. Der Tod ihres einzigen Sohnes lässt sie keinen anderen Schluss ziehen. Sie ist am Ende. Allein, unversorgt, verzweifelt. Was sie braucht, ist ein Gott des Lebens. Elija´s Gott scheint ein Gott des Todes zu sein. Damit wird sie Elija nicht gerecht. Doch sie kann nach all diesen Schicksalsschlägen keinen klaren und objektiven Gedanken mehr fassen. So sagt sie zu ihm: „Sicherlich willst du mich an meine Sünden erinnern.“ Sie fürchtet wohl in ihm der Art jener Theologen zu begegnen, wie sie auch Hiobs Freunde waren. Sie versuchten, dem im Leid Unterzugehenden dieses Leid noch als selbst verschuldet zu erklären. Doch Gott sagt ihnen: „Ihr habt nicht recht von mir geredet.“
Die Witwe von Sarepta, die eigentlich auf einen Gott des Lebens hofft und in Elija aber das Gegenteil zu sehen meint, wird nicht zurechtgewiesen, sondern erfährt durch die Rettung des Kindes, dass sie und Elija an denselben Gott glauben und zwar an den Gott des Lebens.
Elija nimmt ihre Klage und bringt sie vor Gott. Gott schenkt ihrem Sohn Heilung und ihr wird ein neuer Blick auf Gott möglich: Gott ist zuverlässig und Elija steht für keinen anderen als für diesen Gott des Lebens.

Beide Witwen erfahren ein Wunder, das ihrem Leben wieder eine Kehrtwende gibt. Das stärkt ihren Glauben.

3. Was trägt uns im Leben?
Beide Geschichten wollen uns darauf verweisen, dass Gott ein Gott des Lebens ist. Und fordern uns heraus zu glauben und auf Gott zu vertrauen. Auch wenn kein Wunder geschieht. Es geht um einen Glauben, der sich auf das Vertrauen auf den Gott des Lebens aufbaut. Auf Christus, in dem wir Gott sehen können, der in die Tiefen menschlicher Not und Verzweiflung hinabgestiegen ist, sie kennt und uns versteht. Und der uns so überwinden helfen kann, wenn uns Nöte, Schicksalsschläge, Ausweglosigkeiten treffen. Die Frage ist, ob wir an diesen Gott glauben können, von dem die beiden Witwen - auch und gerade durch Not und Verzweiflung - erfahren haben: Gott ist treu.
Wir sehen in vielen Geschichten und auch in den beiden von heute, dass Gott ein Herz für die Menschen hat. Ein so großes, liebendes Herz. Und das Leben will. Auch für uns.

Die Geschichten fragen auch unseren Glauben an: wer ist dieser Jesus, wer ist Gott für uns? Welche Beziehung haben wir zu beiden? Und welche Konsequenzen hat das für mein Leben? Es ist im Grunde wieder die Frage, worauf ich mein Leben gründe, was mich trägt und hält.

Eine Geschichte erzählt folgendes:
Eines schönen Morgens glitt vom hohen Baum am festen Faden die Spinne herab. Unten im Gebüsch baute sie ihr Netz, das sie im Laufe des Tages immer großartiger entwickelte und mit dem sie reiche Beute fing.
Als es Abend geworden war, lief sie ihr Netz nocheinmal ab und fand es herrlich.
Da entdeckte sie auch wieder den Faden nach oben, den sie über ihrer betriebsamen Geschäftigkeit ganz vergessen hatte. Doch verstand sie nicht mehr, wozu er diene, hielt ihn für überflüssig und biss ihn kurzerhand ab. Sofort fiel das Netz über ihr zusammen, wickelte sich um sie wie ein nasser Lappen und erstickte sie. (nach Jörgensen)

Es kann lebensgefährlich sein, wenn wir die Verbindung zu dem, was uns trägt, kappen.
Wir können tief und haltlos fallen. Gott ist auch in der tiefsten Tiefe da, doch manche Menschen wollen nicht aufgefangen werden. Den einzigen tragenden Faden, der mich mit dem Himmel verbindet, zu kappen, kann ungeahnte Konsequenzen haben. Sie müssen nicht unbedingt lebensgefährlich sein, doch vermutlich auf jeden Fall unangenehm auf die Länge gesehen. 
Ich möchte die Geschichte jetzt nicht überstrapazieren, doch zeigt sie mir auf gewisse Weise schon, dass wir uns immer wieder fragen müssen, was unser Leben ausmacht, was es schön macht und wo wir Halt finden. Und wem wir alles zu verdanken haben, was unser Leben schön und reich macht. Wer uns trägt, wenn alles zusammenfällt. Es ist wichtig, den Faden, an dem unser ganzes Leben hängt und der uns mit Gott verbindet, zu pflegen und bewusst zu nutzen.

Ich möchte das Bild vom Lebenskoffer aufgreifen, um noch etwas tiefer in dieser Frage zu gehen. Was haben wir so in unseren Lebenskoffer gepackt? Was glauben wir, sollte unbedingt drin sein und was ist entbehrlich? Immer wieder ist es gut, wieder reinzuschauen, ob wir die wichtigen Dinge dabei haben und wie viel Unnötiges sich angesammelt hat. Ich mache einmal ein paar Vorschläge, was so wichtig wäre, drin zu haben: Liebe zu Gott, zu sich selbst und zu den Mitmenschen, gelebter Glaube, Einsatz für andere Menschen, Einsatz für die Gemeinde, Wertschätzung von sozialen Beziehungen wie Familie, Partnerschaft und Freundschaft, Gemeinde, Unterstützung der Schwachen, Umweltbewusstsein. Sicher gibt es noch andere Dinge und wir alle würden noch verschiedenes dazupacken. Eben auch Details. Was wir aber beantworten müssen, bevor wir den Lebenskoffer packen ist die Frage: „Wer ist Gott für mich?“, denn entsprechend unserer Antwort wird sich das Gepäck verändern. Von der Beantwortung dieser Frage hängt ab, was für unser Leben wichtig ist und welchen Inhalt wir einpacken.

Jede Verbindung, die wir eingehen, muss gepflegt werden. So auch die zu Gott. Sonst wissen wir irgendwann nicht mehr, an welchem Faden unser Netz hängt, wo der Lebensfaden hinführt, der uns hält und trägt und kappen ihn aus Unwissenheit und Vergesslichkeit. Es ist wichtig bei allem, was wir sonst auch noch machen und unser Leben ausfüllt, den Glauben als tragenden Grund, als Verbindung zu Gott, die uns Halt gibt, bewusst zu gestalten. Denn das hält und trägt uns und unser ganzes Leben. Und trägt uns auch durch Zweifel hindurch, bis wir wieder den Gott des Lebens und der Liebe sehen können und den Faden, der uns hält, der direkt von Gott zu uns führt.

Wir leben nicht für uns allein. Weil Gott ein Gott des Lebens ist, setzt Gott sich immer für das Leben ein. Und wir sollen es genauso tun. Dazu brauchen wir die ständige Verbindung zu Gott, um auf dem Laufenden zu bleiben und ständig unser Wissen zu erweitern, was es heißt, mit einem Gott des Lebens unterwegs zu sein. Unsere Geschichten heute zeigen uns, wer und wie Gott ist: das Leben selbst, die vollkommene Liebe. Gott sagt Ja zu uns, und wenn wir dieses Ja erwidern, bleibt unser Leben nicht an der Oberfläche. Es gewinnt an Tiefe und Schönheit, Wahrheit und Echtheit. Nichts wird uns schrecken müssen, denn nirgends werden wir allein sein. In Christus hat Gott alle Tiefen des menschlichen Lebens ausgelotet und erlitten. In Christus sehen wir, dass Gottes Kraft den Tod besiegt und das Leben das letzte Wort hat.
Der Gott des Lebens gibt allen Menschen Würde und wenn wir diese Würde für uns angenommen haben, bleibt es unsere Aufgabe, sie auch alle spüren zu lassen, denen wir begegnen. Damit machen wir Mut zum Leben.
Dag Hammarskjöld formuliert es so:

Du, der über uns ist,
Du, der einer von uns ist,
Du, der ist -
auch in uns;
dass alle dich sehen - auch in mir,
dass ich den Weg bereite für dich,
dass ich danke für alles, was mir widerfuhr.
Dass ich dabei nicht vergesse der anderen Not.
Behalte mich in deiner Liebe,
so wie du willst,
dass andere bleiben in der meinen.
Möchte sich alles in diesem meinem Wesen
zu deiner Ehre wenden,
und möchte ich nie verzweifeln.
Denn ich bin unter deiner Hand,
und Kraft und Güte sind in dir.

Möge der Gott des Lebens und der Liebe uns segnen, egal, wo wir uns gerade auf unserem Lebensweg befinden. Möge der Gott des Lebens uns in seiner Liebe bewahren, sodass wir bedingungslos vertrauen lernen und immer mehr den Gott des Lebens allüberall entdecken können.
Amen.

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