Strömender Regen begrüßte uns bei der Ankunft, aber ein warmes Haus und fröhliche Menschen – voller Vorfreude auf die kommenden Tage. Und wir wurden nicht enttäuscht – sowohl was den Weg durch die Glaubenserfahrungen betraf wie auch die Wege durch die großartige herbstliche Landschaft und natürlich die Wege in den Speisesaal. Das Vorbereitungsteam aus Linz und Ried mit Helene Bindl, Gottfried und Meike Fux sowie Maria Huber hatte zusammen mit Pastorin Esther Handschin eine stimmiges Programm vorbereitet. Schon im Einladungsfolder hatte Esther Handschin formuliert: „Wie bin ich unterwegs in meinem Glauben? Allein? In Gemeinschaft? Schon lange? Erst seit Kurzem? Mit gutem Schuhwerk? Oder auf eher wackligen Beinen? Wie fühlt sich der (Glaubens)weg unter meinen Füßen an? Steinig? Hart? Mit bunten Blumen am Wegrand? Bin ich gerade unter-wegs wie auf der Autobahn? Stehe ich an einer Wegkreuzung und muss mich entscheiden, wo es lang gehen soll?“

Genau darum ging es schon am ersten Abend. Wir stellten uns sozusagen damit vor, aber nicht allein mit trockenen Worten, sondern angeregt von einem „Fototeppich“. Helene Bindl hatte die Bilder aus ihrem „Foto-Schatz“ zur Verfügung gestellt. Das ging vom Kampf um Vertrauen bis zu steilen und anspruchsvollen Aufstiegen, Straßen in weite Ferne, Brücken über Schwierigkeiten, Riesendünen und gemeinsamen Wanderungen und Reisen – und es war von Anfang an persönlich, vertrauensvoll und fröhlich – so wie die ganze weitere Tagung. Die strahlende Sonne, die uns am Samstag erwartete, wäre für die Stimmung wahrscheinlich gar nicht nötig gewesen. Aber der Blick auf die Berge, in die Natur im Farbenrausch des Herbstes und über den strahlend blauen See, das war ein zusätzliches Geschenk – atemberaubend schön.

Beim Einführungsvortrag am Vormittag ging es dann gleich „in medias res“: Die Allgemeinen Regeln von John Wesley standen auf dem Programm. Eigentlich sind die keineswegs jedermanns Sache – ebenso wenig wie der Verfasser selbst, wie sich herausstellte. Und was mich betrifft: Ich hatte mich schon des Öfteren damit beschäftigt, auch im Hauskreis, und hatte überlegt, ob ich überhaupt teilnehmen sollte – was konnte ich Neues erfahren? Es war die Vorfreude auf die Gemeinschaft gewesen, die mich motiviert hatte, und da wurde ich nicht enttäuscht. Aber die Vorträge von Prof. Pastor Helmut Nausner überraschten mich dann doch. Vor allem die Fragen gleich am Vormittag: „Will ich wirklich mit Gott in Beziehung treten?“ Da geht es ans Eingemachte. Und „Bin ich bereit, mich zu disziplinieren“ (Was für ein schreckliches Wort!) „und in allen Dingen Gott den Vorrang zu geben?“ Denn ich soll ja „stets“ mein Verlangen nach Seligkeit beweisen, indem ich das Böse meide und das Gute tue, barmherzig bin usw. Und mit stets ist gemeint, so wie atmen oder essen. Das ist sicher ein „Problem“, mit dem sich einige von uns noch länger beschäftigen werden. Immerhin hat Wesley dazugefügt „...soweit die Kräfte reichen“. Die äußere „Form der Gottseligkeit“ (2.Tim.3,5/Wesley) kann ich ja vielleicht haben oder lernen, aber die Kraft kann ich nicht organisieren, denn die liegt in Gottes Hand. (Aber ich frage mich, ob es das leichter macht?) Ein Mittel gegen religiöse Langeweile wäre das, meinte Helmut. Nun, das dürfte auf jeden Fall stimmen.

Und die Gnadenmittel sollen wir gebrauchen – aber das ist eine andere Geschichte, die vom Nachmittag. Da ging es ins Detail: Öffentlicher Gottesdienst, der dann eigentlich schon den zweiten Punkt beinhaltet: Gottes Wort hören – gelesen und ausgelegt, dazu kommen Abendmahl, Beten - auch zuhause, Forschen in der Schrift und dann noch Fasten und Enthaltsamkeit. Das Wichtigste dabei: Gott ist frei und braucht keine Mittel, er kann auch ohne sie Seine Gnade gewähren. Die Mittel an sich haben keine Kraft ohne Gott! Auch wenn ich alle Gnadenmittel gebrauche, muss ich mir klar sein, dass ohne Gott eben gar nichts geht. Das einzige Ziel dabei ist: Ich suche Gott allein! Es geht nicht um Werke an sich, sie sind auch keine gute Tat oder etwas, auf das ich mir etwas einbilden kann. Trotzdem soll ich alle Gnadenmittel fleißig gebrauchen, keines auslassen und dabei erwarten, Gott zu begegnen – aber auch weitermachen, wenn „nichts passiert“.

Also ehrlich – ganz klar und logisch kommt mir das alles nicht vor. Auch wenn ich gut fand, was Helmut über Wesley postuliert hat: „Wo ein Mensch Wahrheiten formuliert, werden diese Texte nicht alt. Was wahr ist, kann Form und Gestalt verändern, wird aber nicht alt (so wie die Bibel). Die Einsichten John Wesleys gelten nicht, weil er sie gesagt hat, sondern weil sie wahr sind.“ Helmut meint das persönlich ganz ernst. Seine Antwort auf die Frage nach einem ab-schließenden Wunsch an uns lautete am Abend: Er wünscht uns eine Öffnung für das, was Gott für uns tun will. Und dass wir die Gnadenmittel gebrauchen.

Aber ich greife vor - und reiche auch gleich nach: Die letzte Frage am Vormittag war gewesen: „Bin ich bereit, neuen oder auch fremden Menschen, die Gott suchen, Anteil zu geben an meinem Leben mit Gott?“ Helmut ist da mit gutem Beispiel vorangegangen. Denn das, was da als „Kamingespräch“ am Abend angekündigt worden war, war zum größeren Teil eine Art „Interview“ mit Helmut: Über sein Leben, wann ihm John Wesley so wichtig geworden war und dass er keineswegs die einzige wichtige Persönlichkeit für ihn sei. Er hatte ja schon am Vormittag betont, dass schon Wesley das Lesen empfohlen hatte – und keineswegs nur christliche Literatur. Wesley war selbst außerordentlich gebildet. Das Überraschendste: Schon mit fünf Jahren hatte Helmut sich entschieden, Pastor zu werden. Seine Jugend verlief dann abenteuerlich, nicht aber sein Leben als Erwachsener – worüber manche sehr enttäuscht waren. Keine wundersamen Rettungen also z.B., sondern „Ich habe mich immer von Gott getragen gefühlt“. Aber ist das etwas Selbstverständliches oder Gewöhnliches? Von den vielen Tätigkeiten, die Helmut Nausner auch jetzt noch ausübt, wollte er nur wenig erzählen. Und auf die Frage nach „Memoiren“ sagte er nur trocken: „Da müsste ich mich ja mit mir selbst beschäftigen, und dafür habe ich keine Zeit.“ Überraschend eben – und beeindruckend.

In seiner Predigt am Sonntag sprach er einleitend davon, dass er durch das jahrzehntelange tägliche Lesen der Bibel eine große Nähe zu den Verfassern erlebt: „Es ist mir, als würde ich mit ihnen reden“, z.B. mit Paulus, der in 1. Thess. 1,1-10 von den Werken im Glauben, der Arbeit in der Liebe und der Geduld in der Hoffnung spricht. Und Helmut stellt zum Glauben die Frage: Wollen wir ein Herz, das ungeteilt Gott gehört? Denn nur dann geschieht etwas zwischen Gott und uns. Was die „Arbeit“ in der Liebe betrifft, da ist mühevolles Handeln gemeint. Es gibt Lie-besbeziehungen, die Mühe machen. Die Art der Liebe, die Gott möglich macht, ist aber die Liebe, die nicht stirbt. Er gibt Kraft, diese mühevolle Liebe auszuhalten. Helmut erlebt das gerade auf eine besonders berührende Weise persönlich, wenn seine demente Frau z.B. plötzlich sagt: „Ich bin so froh, wenn du in meiner Nähe bist.“ Die Liebe, die Gott gibt, bleibt.

Die „Geduld in Hoffnung“, also die ganz konkrete Hoffnung auf das baldige Kommen Jesu Christi, können wir heute nicht so beschreiben wie Paulus, aber wir wissen: Das letzte Wort werden nicht Präsidenten in Ost oder West haben und auch keine Terrorgruppen, sondern Gott! Und dieses letzte Wort wird nicht so sehr das eines Gerichtes sein, sondern das der Liebe. Der gleiche Herr, der schon zu Paulus gesprochen hat, der lebt und handelt auch heute an uns, an jedem einzelnen. „Sind wir bereit, Gott an uns wirken zu lassen?“, fragt Helmut zum Schluss, „Denn so machen wir neue Erfahrungen mit Gott!“

Und ich schließe diesen Bericht über eine aufrüttelnde, aber auch überaus bereichernde Tagung mit den Worten, die Helene Bindl bei ihrer Abendandacht an uns gerichtet hat: Religion als eine Art Versicherung, das funktioniert nicht. Und: Gott greift nicht von außen ein – er ist schon im Boot! Wir können also unbedingt darauf vertrauen, dass er nahe ist, wenn wir uns auf den Weg zu ihm machen. Wir sind nie allein unterwegs.

Ruth Armeanu