Herbsttagung 2018

„Und Gott schuf sie als Mann und Frau“ – so beschreibt die Bibel die Unterschiedlichkeit und gleichzeitig die Zusammengehörigkeit der Geschlechter. Von 19. bis 21.10. haben sich die Teilnehmer/innen der diesjährigen Herbsttagung im Chandlerhaus auf die Suche begeben: Wie eindeutig sind die Unterschiede überhaupt? Wie emanzipiert sind die Frauen, wie verunsichert die Männer? Das Vorbereitungsteam aus Wien gab dazu einen angemessenen Rahmen vor, wofür ihnen herzlich gedankt sei.

Der erste Abend diente dazu, die eigene Position zu reflektieren und dem „anderen“ Geschlecht zu „erklären“. Während sich bei den Männern trotz aller Unterschiede rasch auch Gemeinsamkeiten erkennen ließen, vor allem rund um den Begriff „Leistung“, kamen die Frauen zu dem Schluss, dass bei ihnen die Unterschiedlichkeit überwiegt, u.a. abhängig von den jeweiligen Entfaltungsmöglichkeiten, die stark durch das Umfeld und die Familie geprägt, oft auch behindert wurden.

Ein Ereignis war der Referent des zweiten Tages, Dr. Erich Lehner, Theologe, Pädagoge, Psychologe, Psychotherapeut und Männerforscher. Mit erstaunlicher wissenschaftlicher Kompetenz und erfrischender Leichtigkeit (zumindest nach Übersetzung einiger Fachausdrücke) entzauberte er so manche Mythen, die abwechselnd den Genen, den Hormonen, der Erziehung oder der Sexualität alle „Schuld“ an der Entwicklung der Geschlechter geben. Vielmehr ließ er die Teilnehmer/innen eintauchen in das vielfältige und spannende Wechselspiel vieler Faktoren, die zu einer ebensolchen Vielfalt der geschlechtlichen Prägungen führen. Jeder ist einzigartig, ob Mann, ob Frau, oder ob – öfter als man glauben mag – etwas dazwischen.

Was es vor allem heute für Kinder braucht sind Vorbilder, wobei es z.B. noch mehr als den Vater, der etwas mit den Kindern „unternimmt“, den Vater braucht, der mit den Kindern kocht, putzt und wäscht. Am Nachmittag gab es Workshops zu den Themen Mann und Frau in der Bibel, Rollenbilder im Alter sowie in der Erziehung und am Abend den Film „Die göttliche Ordnung“ über den Kampf für das Frauenwahlrecht in der Schweiz, unterhaltend und lehrreich – nicht nur für Schweizer/innen.

Pastorin Esther Handschin predigte dann am Sonntag über einen widersprüchlichen Text, 1 Kor 11,2-16 über die (angebliche) Kopftuchpflicht von Frauen im Gottesdienst. Sie scheute sich nicht, festzustellen, dass dem Paulus an dieser Stelle offenkundig die Argumente ausgegangen sind und er sich am Schluss nur mehr auf die „Üblichkeit“ berufen kann, allerdings auf die Üblichkeit in einem anderen Kulturkreis. Ein sehr gutes Beispiel dafür, dass man (angeblich) biologisch Vorgegebenes, kulturell Geprägtes und „göttlich Geordnetes“ nicht wahllos durcheinander würfeln darf und so Vielfalt in Liebe möglich ist. Gut methodistisch.

Wolfgang Grabensteiner

Foto: Ben Nausner