Herr Schröckenfuchs, Sie sind der Superintendent der Evangelisch-methodistischen Kirche in Österreich und fahren als Delegierter zur außerordentlichen Generalkonferenz in die USA. Was genau wird denn auf dieser Generalkonferenz entschieden?

Die Generalkonferenz ist grundsätzlich für alle Fragen der Kirchenordnung zuständig. Anders als in anderen Evangelischen Kirchen ist in der EmK diese Kirchenordnung in der ganzen weltweit verbreiteten UMC gültig. Da unsere Kirche in Amerika, Afrika, Asien und Europa vertreten ist und somit in völlig unterschiedlichen Kontexten arbeitet, ist es nicht immer leicht, mit einer gemeinsamen Ordnung allen gerecht zu werden. Genau um dieses Problem geht es im Grunde auch bei der jetzt stattfindenden außerordentlichen Generalkonferenz; und es entzündet sich insbesondere an der Frage des Umgangs mit Homosexualität oder mit anderen sexuellen Orientierungen. Dürfen Homosexuelle in den pastoralen Dienst ordiniert werden? Dürfen gleichgeschlechtliche Paare getraut werden? Und vor allem: kann man diese Frage für alle weltweit gleich regeln - oder muss man nicht gerade in Fragen wie diesen den regionalen Background und die geistliche Prägung der Methodist*innen an den verschiedenen Orten ernst nehmen?

 

Wenn man das hört, dann fragt man sich unweigerlich, warum die Frage der Sexualität so eine Brisanz erhalten konnte, um eine ganze Generalkonferenz in Anspruch zu nehmen. Wie sehen Sie das, ist die sexuelle Orientierung wirklich so entscheidend für die christliche Verkündigung?

Von einem biblischen Standpunkt aus betrachtet, kann ich das nur schwer nachvollziehen. Sexualität an sich ist etwas, das in der Bibel nicht ausgeblendet wird. Vor allem im Alten Testament ist sie durchaus positiv belegt, z.B. im Hohelied. Eine weniger positive Grundstimmung findet man dagegen z.B. beim Apostel Paulus. Insgesamt ist das Thema der Sexualität aber aus meiner Sicht kein biblische Kernthema. Kernanliegen der Bibel sind Fragen wie die nach Gerechtigkeit, Güterverteilung, Umgang mit Minderheiten, Versöhnung oder Vertrauen. Grundfragen eben, wie menschliches Zusammenleben gelingen kann - auch angesichts der Realität von Sünde und Schuld. Viele biblische Aussagen zur Ehe sind genau in diesem Licht zu sehen: Wie wird das Zusammenleben auch in Fragen der Partnerschaft und der Sexualität so geregelt, dass niemand auf der Strecke bleibt? Und zwar immer in einem konkreten Kontext, der die Lebensumstände der Menschen an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit berücksichtigt. Dass die Frage nach dem Umgang mit Homosexualität nun mehr oder weniger in den Status Confessions erhoben wurde, liegt aus meiner Sicht also nicht darin begründet, dass das Thema biblisch gesehen so wichtig wäre. Sondern wohl viel mehr daran, dass es über Jahrzehnte nicht gelungen ist, Meinungsverschiedenheiten in dieser Frage konstruktiv zu klären. Nun hat sich an manchen Orten - nicht in Österreich - der Konflikt zu sehr verhärtet.

 

Ich habe gehört, dass Sie sich in der Vorbereitung auf die außerordentliche Generalkonferenz mit ihren europäischen Kolleg*innen aus den anderen Evangelisch-methodistischen Kirchen getroffen haben. Wie ist denn hier die Stimmungslage, sind sich die Europäer*innen einig, wie sie mit diesen Fragen umgehen wollen?

Die Meinungen sind so divers, wie auch die europäischen Länder und die Kontexte innerhalb dieser Länder divers sind. Im Moment stehen wir in Europa daher vor der Herausforderung, dass wir wissen, dass keine Lösung in Aussicht ist, die für alle Beteiligten befriedigend wäre. Jede Entscheidung, die einem Teil entgegen käme, hat das Potential, für einen anderen Teil zum Problem zu werden. Dennoch glaube ich, dass wir in Europa einen entscheidenden Schritt weiter sind als viele Teile unserer Kirche weltweit. Wir sind den Umgang mit Diversität gewöhnt. Ja, wir sehen darin sogar einen Teil unserer Kernidentität. Die Bereitschaft zu Kompromissen ist größer. Es herrscht nicht die Kultur von „Gewinnen oder Verlieren“, sondern des „Leben und Leben lassen.“ Weil uns die internationale Zusammenarbeit gerade in der Diversität so wichtig ist, habe ich die Hoffnung, dass wir auch nach der Generalkonferenz gute Wege der Zusammenarbeit finden werden - ganz unabhängig davon, was die Generalkonferenz nun entscheidet.

 

Anknüpfend an die europäische Frage: Wie würden Sie denn die Stimmungslage in Ihrer eigenen Kirche hier in Österreich beschreiben? Ist man sich hier weitgehend einig oder geht das Lagerdenken auch hier bis in den letzten Winkel jeder einzelnen Gemeinde?

Ich kann in unserer Kirche in Österreich beim besten Willen kein Lagerdenken erkennen. Ich bin zwar sicher, dass auch in unseren Gemeinden Menschen mit unterschiedlichen Meinungen sind. Die Fragen, die die Weltkirche umtreiben, werden in unseren Gemeinden aber nicht mit Leidenschaft diskutiert. Vielleicht auch deshalb, weil viele dieser Diskussionen schon vor Jahren stattgefunden haben. Und wohl auch deshalb, weil auch gesellschaftlich gesehen Homosexualität kein großes Erregungsthema mehr ist. Ich gehe daher davon aus, dass in Österreich der große Teil der Methodist*innen auf ein Ende der „Verbotskultur“ hofft, die derzeit unsere Kirchenordnung in diesen Fragen prägt. Denn letztlich geht es ja nicht um ein Phänomen im Allgemeinen, sondern immer um konkrete Menschen, denen wir persönlich begegnen. Und diesen Menschen sollten wir individuell gerecht werden können.

 

Wenn Sie sich etwas wünschen könnten oder wenn Sie beten und im Gespräch mit Gott sind, was wäre ein gutes und was wäre ein optimales, wunderbares und zukunftsträchtiges Ergebnis der außerordentlichen Generalkonferenz?

Dass es gelingt, sich gegenseitig zuzuhören und dass verlorenes Vertrauen wieder wächst. Nur dann kann man wirklich auf eine gute gemeinsame Zukunft hin arbeiten.

 

Und welche Entwicklungsprozesse würden Sie in ihrer eigenen Kirche hier in Österreich starten, wenn sich ihr „worst case“ Szenario bewahrheiten würde?

Der „worst case“ weltweit wäre womöglich, dass gar nichts entschieden wird. Im Blick auf Österreich mache ich mir aber wenig Sorgen. Wir werden in jedem Fall Wege finden, wie wir mit den Entscheidungen umgehen können. Einfach, weil innerhalb unserer Kirche ein Klima des Vertrauens herrscht. Spannender wird die Frage sein, wie sich die Entscheidungen auf die europäische Zusammenarbeit auswirken. Aber auch hier habe ich die Hoffnung, dass der Wille zur Zusammenarbeit so groß ist, dass die Zusammenarbeit auch dann fortgeführt werden würde, wenn sie im Rahmen anderer Strukturen geschehen müsste.

 

Herr Superintendent, ich danke für unser Gespräch. Ich darf Sie hoffentlich wieder kontaktieren, wenn Sie aus den USA zurück sind und wir wissen, wie die außerordentliche Generalkonferenz verlaufen ist und welche Ergebnisse dann vorliegen werden.

 

Das Interview führte Frank Moritz-Jauk, Vorsitzende der Kommission für Öffentlichkeitsarbeit der Evangelisch-methodistischen Kirche in Österreich und Lokalpastor in Graz