Herr Schröckenfuchs, Sie sind zurück aus den USA und das Ergebnis ist denkbar knapp ausgefallen. Bevor wir auf die möglichen Auswirkungen zu sprechen kommen: Wie würden Sie den Verlauf beschreiben?

Die Generalkonferenz ist ein parlamentarischer Prozess, der nach strikten Regeln geführt wird. Als einer von 864 Delegierten hat man nur wenig Chancen, tatsächlich einmal zu Wort zu kommen. So bleibt meist nur die Möglichkeit, auf Ja oder Nein zu drücken - und die Mehrheit bestimmt. Leider ist dies ein System, das Gewinner und Verlierer schafft. Entsprechend war am Ende auch die Stimmung. Freude auf der einen Seite - Enttäuschungen auf der anderen. Ich selbst war am Ende der Konferenz ernüchtert und enttäuscht. Und es ist für mich klar, dass wir nach dieser Konferenz nicht einfach zur Tagesordnung übergehen können.

Hatten Sie den Eindruck, dass es ein ergebnisoffener Prozess war?

Es ist bereits im ersten Wahlgang eine Mehrheit von ca. 54 % für das traditionelle Modell sichtbar geworden. Daran hat sich bis zum Schluss nichts geändert. Im wesentlichen setzt sich diese Mehrheit aus zwei Gruppen zusammen: Delegierte aus Ländern, in denen Homosexualität gesellschaftlich und politisch ein absolutes No-Go ist, bis hin zur Todesstrafe. Dass Delegierte aus diesen Ländern gegen eine Öffnung sind, kann ich gut verstehen. Dazu kommt ein kleinerer Teil der US-Delegierten, die aus anderen Gründen eine konservative Linie vertreten.

Warum wurde das Votum der Bischöf*innen zugunsten des „One Church Plan“ nicht gehört?

Nach der Generalkonferenz 2016 wurde vom Bischofsrat die „Commission on a Way Forward“ ins Leben gerufen. Diese Kommission hat ursprünglich nur zwei Vorschläge ausgearbeitet: den „One Church Plan“, der die Entscheidung über Umgang mit Homosexualität von der globalen auf eine regionale Ebene verschoben hätte. Und den „Connectional Conference Plan“, der im Grunde mehrere „Zweige“ innerhalb der UMC vorgeschlagen hätte - traditionellere und progressivere - die unter einem gemeinsamen Dach immer noch die UMC bilden sollten.

Erst recht spät wurde - ich weiß nicht genau von wem - noch darauf bestanden, dass auch ein Modell ausgearbeitet werden soll, das die bestehende Ordnung verteidigen soll. Dieses späte Modell hat dann alle ursprünglichen Überlegungen auf den Kopf gestellt, weil so der „One Church Plan“ auf einmal als ein „liberales“ Modell hingestellt werden konnte - obwohl er eigentlich nur einen Minimalkonsens vorgesehen hätte. Für viele traditionell denkende Delegierte war der One Church Plan damit ein No-Go - obwohl dieser von der Mehrheit der Bischöf*innen unterstützt wurde. Was diese Delegierten aus meiner Sicht aber übersehen haben ist, dass der Traditional Plan nicht einfach den Status Quo festhält. Sondern er besteht im Kern aus einer Reihe von gravierenden Verschärfungen.

Wie wird es nun weitergehen?

Rein rechtlich ändert sich im Moment zunächst gar nichts. Im April tagt der Rechtsrat (Judicial Council) unserer weltweiten Kirche, der darüber urteilen muss, welche der getroffenen Entscheidungen überhaupt in Kraft gehen können. Schon jetzt weiß man, dass etwa die Hälfte der getroffenen Entscheidungen nicht in Kraft gehen kann, weil sie der Verfassung unserer Kirche widersprechen. Die nächste reguläre Generalkonferenz ist dann schon in einem Jahr. Die könnte theoretisch alle Entscheidungen von 2019 wieder zurücknehmen.

Für uns in Österreich ist schließlich überhaupt erst das Jahr 2021 entscheidend. Dann wird unsere Zentralkonferenz tagen, die die für uns gültige deutsche Übersetzung der Kirchenordnung beschließt und in Kraft setzt. In manchen Bereichen könnte es auch hier noch zu Änderungen gegenüber der englischsprachigen Fassung kommen.

Allerdings kann ich mir nach dieser Konferenz nicht vorstellen, abzuwarten und zur Tagesordnung überzugehen.

Was wünschen Sie sich ganz konkret für ihre Kirche hier in Österreich?

Meine Vision von Kirche ist, dass in ihr ganz verschiedene Menschen Platz haben. Meine Vision von Kirche ist, dass wir in einer Haltung der Offenheit und des Vertrauen und im Gespräch unsere Entscheidungen treffen. Und meine Vision von Kirche ist, dass in ihr die Liebe Christi regiert, und wir nicht mit dem Buchstaben des Gesetzes über einander zu herrschen versuchen.

Zunächst einmal möchte ich schauen, wie die Lage innerhalb unserer Zentralkonferenz in Mittel- und Südeuropa ist. Auch hier gehen die Meinungen auseinander. Die Gelegenheit dazu habe ich schon nächstes Wochenende beim Exekutivkomitee unserer ZK in Makedonien.

Und unmittelbar danach sollten wir beginnen, uns innerhalb unserer eigenen Jährlichen Konferenz in Österreich darüber zu unterhalten, wie wir Kirche sein wollen. Es kann dabei nicht nur um die Frage gehen, wie wir Homosexualität beurteilen - sondern ich möchte auch ganz grundsätzlich darüber reden: Wie betreiben wir Theologie? Wie kommen wir zu ethischen Urteilen? Wie treffen wir Entscheidungen? Nur auf diesem Fundament können wir ein gutes Haus bauen. Wie das Ergebnis dieses Weges am Ende aussehen wird, kann ich weder vorhersagen noch alleine bestimmen. Ich sehe es aber als meine Aufgabe an, diese Fragen in den Raum zu stellen.

Herr Superintendent, danke wieder einmal für die offenen Worte. Möge Gott mit uns sein und bleiben.

Das Interview führte Frank Moritz-Jauk, Vorsitzender der Kommission für Öffentlichkeitsarbeit der evangelisch-methodistischen Kirche in Österreich und Lokalpastor in Graz.

 

Eine Langfassung dieses Interviews finden sie hier als PDF.