In mehreren Ländern des östlichen Mitteleuropas und des Balkans arbeitet die EMK mit der jeweiligen Roma-Bevölkerung. Es ist eine Arbeit, die hoffnungsvolle Veränderungen bewirkt, in der aber auch immer wieder kleine und grosse Herausforderungen auftreten. Dazu gehören in zunehmendem Mass auch die Abwanderung von Roma nach Westeuropa und deren Rückkehr in die Herkunftsländer nach einem negativen Asylentscheid.

Jedes Jahr wiederholt sich im östlichen Mitteleuropa und auf dem Balkan ein ähnlicher Vorgang: Wenn die Temperaturen sinken und der Winter naht, versuchen viele Roma, einen Weg nach Westeuropa zu finden. Sie erhoffen sich, etwas Arbeit oder zumindest eine minimale Sozialhilfe zu bekommen, bis ihr Asylantrag abschlägig beantwortet wird. So haben sie wenigstens für wenige Wochen oder Monate einen beheizten Ort, Essen und eine medizinische Versorgung. Auch Roma-Gemeinden der EMK sind von diesen Wanderbewegungen betroffen. In manchen dieser Gemeinden – insbesondere auf dem Balkan – halbiert sich jeweils die Zahl der Gottesdienstbesuchenden im Winterhalbjahr. Die andere Hälfte der Gemeindeglieder versucht ihr Glück in Westeuropa. Die meisten Roma werden zwar bald wieder in ihre Ursprungsländer zurückgewiesen. Wenn sie jedoch zurückkehren, haben sie den Winter häufig besser überlebt als ihre zuhause gebliebenen Roma-Nachbarn. Oft haben sie im Vergleich zu den Daheimgebliebenen sogar zusätzlich Geld zur Verfügung. Das schafft Konfliktstoff.

Andere Roma sind schon seit längerer Zeit in Westeuropa und sprechen teilweise auch schon die lokale Sprache. Aber auch sie verlieren im Zuge der aktuellen Migrationsbewegungen ihr Aufenthaltsrecht und müssen in ihre Heimat zurückkehren – selbst wenn die wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen dort sehr schwierig sind. Die finanziellen Mittel und der Platz in Westeuropa werden für die neuen Migrantinnen und Migranten - beispielsweise für Menschen aus dem Nahen Osten - gebraucht.

Nun gibt es in Westeuropa vereinzelt EMK-Gemeinden, die sich um Roma kümmern – manchmal auch um ganze Familien. In den meisten Fällen hatten diese in ihrer Heimat noch keinen Bezug zur EMK. Sie haben hier aber eine tragfähige Gemeinschaft und hilfsbereite Menschen gefunden. Und für westeuropäische Verhältnisse sind die Umstände, denen sie entflohen sind und in die sie nun zurückkehren müssen, prekär, und die Menschen brauchen tatsächlich Hilfe. Nur: Ihnen Geld mitzugeben oder ihnen über EMK-Gemeinden vor Ort Geld zukommen lassen zu wollen, verursacht mehr Spannungen und Konflikte im Rückkehrland, als dass es wirklich helfen würde.

Durch ihre Arbeit in Roma-Gemeinschaften ist die EMK mit den meisten gegenwärtigen Problemen wie Auswanderung, Asyl, Rückweisung und Neubeginn vertraut und hilft, wenn es sich als sinnvoll und nötig erweist, durch persönliche Begleitung und durch Sachleistungen. Vor allem aber setzt sie sich zum Ziel, die ortsansässigen Roma zu fördern und zum Bleiben zu ermutigen. Wer mit Roma arbeitet, weiss, wie schwierig es ist, den Teufelskreis von Abhängigkeit zu durchbrechen und mit ihnen Schritte zu grösserer Eigenständigkeit und nachhaltiger Eigenverantwortung zu gehen. Doch EMK-Gemeinden im östlichen Mitteleuropa und auf dem Balkan leisten gerade in dieser Hinsicht grossartige Integrations- und Aufbauarbeit, von Nothilfe über Alphabetisierung bis hin zu Sprachkursen und landwirtschaftlichen Selbsthilfe-Projekten. Die Erfahrung hat gezeigt, dass eine solche gemeinsam gestaltete Arbeit vor Ort nachhaltiger ist als die Unterstützung von Einzelfamilien, die irgendwie einen Kontakt nach Westeuropa aufgebaut haben.

Als Bischof bedanke ich mich von Herzen für alle Unterstützung, die wir für diese nachhaltige Arbeit in Roma-Gemeinschaften der EMK im östlichen Mitteleuropa und auf dem Balkan erhalten.

Bischof Patrick Streiff, Zürich

Foto: Mori Turudic / SZ.de