Wien (epdÖ) – Bundeskanzlerin Brigitte Bierlein hat bei einem Empfang für alle gesetzlich anerkannten Kirchen und Religionsgesellschaften deren Wirken und die konstruktive Zusammenarbeit mit dem Staat gewürdigt. Religion sei in Österreich „selbstverständlich Bestandteil des öffentlichen Raums“, unterstrich Bierlein bei der Begegnung am Dienstag, 10. September, im Bundeskanzleramt in Wien.

Regierungschefin Bierlein hob die grundlegende Bedeutung des Menschenrechts auf Religionsfreiheit für das Staat-Kirche-Verhältnis hervor. Der offene und konstruktive Dialog zwischen den politischen und religiösen Spitzen im Land habe europarechtlich mit Artikel 17 des Vertrags von Lissabon eine weitere Basis, wie die frühere Präsidentin des Verfassungsgerichtshofs festhielt. Gerade in Wahlkampfzeiten gelte es, „das Ganze im Auge zu behalten“. Kirchen und Religionen hätten hierin eine wichtige Bedeutung, indem sie sich für Grundsätze und den Dialog einsetzten.

Im Rahmen des ersten derartigen Empfangs seit ihrer Bestellung zur Bundeskanzlerin stellte Bierlein auch den von ihr ernannten neuen Leiter des Kultusamtes vor. Mit Florian Welzig hat mit Ende August ein im Bundeskanzleramt bereits tätiger Jurist die Leitung der obersten staatlichen Religionsbehörde übernommen. Welzig folgt damit auf Oliver Henhapel, der im Mai in das Bildungsministerium gewechselt war.

Kultusminister Alexander Schallenberg verwies auf den Umstand, dass rund 80 Prozent der Bevölkerung in Österreich einer Kirche oder Religionsgemeinschaft angehören. Diese leisteten als Institutionen viel für die Allgemeinheit, etwa in den Bereichen Bildung, Soziales und Ehrenamt. Wichtig sei ihr Eintreten für die Würde des Menschen und ihre Orientierungsfunktion. Kirchen und Religionen hätten zudem eine „Vorbildwirkung im Kommunizieren“ und seien zudem ein wichtiger Dialogpartner für die Außen- und Europapolitik, wie der dafür zuständige Minister ausführte. Angesichts vielfältiger Herausforderungen „sind wir uns alle einig, dass Religion nicht Teil des Problems sein soll, sondern Teil der Lösung“, so Schallenberg.

Ethik und Religion

Auf die grundlegende Bedeutung von Tugenden für ein faires Zusammenleben der Menschen verwies Kardinal Christoph Schönborn. Es gehe dabei um ethische Haltungen, die mehr als Compliance im Sinne einer schlichten Regelkonformität seien. Für 80 Prozent der Bevölkerung seien Kirchen und Religionen die primären „Ethos-Geber“ betonte der Wiener Erzbischof. Von daher habe der konfessionelle Religionsunterricht eine hohe gesellschaftliche Bedeutung, weil er mehr als bloße Religionskunde sei. Gleichzeitig begrüßte der Kardinal die politischen Pläne zur Einführung eines verpflichtenden Ethikunterrichts für Schülerinnen und Schüler, die keinen Religionsunterricht haben. Das Verhältnis der Kirchen und Religionen untereinander, aber auch mit den staatlichen Autoritäten bezeichnete der Vorsitzende der katholischen Bischofskonferenz als „hervorragend“. Dies sei im Blick auf die Geschichte nicht selbstverständlich und bedürfe der regelmäßigen Pflege von allen Seiten. Insgesamt plädierte der Kardinal für eine Haltung der „wohlwollend kritischen Begegnung“ mit und in der Zivilgesellschaft.

Erfreut, dass die Bundeskanzlerin den Dialog mit den Kirchen und Religionen wiederbelebt und auch die europäische Dimension eingebracht habe, zeigte sich der neue evangelisch-lutherische Bischof Michael Chalupka. Gleichzeitig hofft er, dass dies „auch vorbildlich wirkt für eine zukünftige Regierung, die den Dialog hoffentlich fortsetzen wird“, sagte Chalupka nach dem Treffen gegenüber dem Evangelischen Pressedienst.

Seitens der Evangelischen Kirchen nahmen neben Chalupka Oberkirchenrätin Ingrid Bachler, Landessuperintendent Thomas Hennefeld und Superintendent Stefan Schröckenfuchs am Empfang teil. Vertreten waren u.a. neben Kardinal Schönborn und Bischofskonferenz-Generalsekretär Peter Schipka auch der griechisch-orthodoxe Metropolit Arsenios Kardamakis und der altkatholische Bischof Heinz Lederleitner, der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Oskar Deutsch, der Präsident der Islamischen Glaubensgemeinschaft Ümit Vural, der koptische Bischof Anba Gabriel und der armenisch-apostolische Bischof Tiran Petrosyan.