Tagung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich - Kirchenvertreter plädieren für differenzierte Sicht auf Martyrium, Aufarbeitung der "Schattenseite des christlichen Martyriums" und gemeinsames Feiern der kirchlichen Märtyrer-Gedenktage

Das gemeinsame Gedenken an christliche Märtyrer in ökumenischen Gottesdiensten oder in anderen Veranstaltungsformen sowie das theologische Gespräch darüber können die christlichen Kirchen näher zueinander führen. Das war der Tenor eines Studiennachmittags am Donnerstag in Wien, zu dem der Ökumenische Rat der Kirchen in Österreich (ÖRKÖ) geladen hatte. So plädierte etwa die frühere evangelische Oberkirchenrätin Hannelore Reiner eindringlich dafür, die Kirchenfeste der Heiligen und damit auch viele Märtyrer des ersten Jahrtausends stärker ökumenisch zu begehen.

Der oberösterreichische evangelische Superintendent Gerold Lehner wies darauf hin, dass es eigentlich erstaunlich sei, dass der Protestantismus so wenig Interesse am Martyrium zeigt. Noch im 16. Jahrhundert sie dies anders gewesen, und grundsätzlich sei das Martyrium ja auch in der evangelischen Kreuzestheologie verankert. Leiden sei ein Kennzeichen wahren Glaubens, so Lehner. Das Christentum sei von seinen Anfängen her als gesellschaftliche Provokation mit entsprechenden Folgen wahrgenommen worden.

Lehner wollte in seinem Vortrag freilich auch die "Schattenseite des christlichen Martyriums" nicht ausklammern. Denn es seien im Laufe der Zeit auch Christen gewesen, die andere Christen verfolgten und ermordeten. Aus einer verfolgten Kirche sei bisweilen eine verfolgende Kirche geworden. Die Geschichte dieses "umgekehrten Martyrologiums" müsse lebendig gehalten bzw. erst stärker bekannt gemacht werden, so der Superintendent. Er sprach etwa die Verfolgung der Täufer im 16. Jahrhundert durch die katholische wie die reformatorischen Kirchen an.

Als herausragende evangelische Märtyrer der jüngeren Vergangenheit wies Hannelore Reiner auf Dietrich Bonhoeffer (1906-45), Robert Bernadis (1908-44) und Zsigmond Varga (1919-45) hin. Deren Konsequenz in der Nachfolge Christi könnte freilich auch in den protestantischen Kirchen stärker betont werden, so Reiner. Zudem mahnte auch sie ein, das Gedenken an die Täufer zu forcieren. Sie erinnerte etwa an den 1524 in Wien hingerichteten Täufer Caspar Tauber. Kaum bekannt sei etwa auch, dass im 14. Jahrhundert in Steyr Angehörige der Waldenser am Scheiterhaufen verbrannt wurden.

Christliche Glaube keine Leidensideologie

Der Linzer Bischof Manfred Scheuer wies u.a. darauf hin, dass die kirchliche Tradition nicht schon im bloßen Getötetwerden ein Martyrium sah und sieht. Es sei nicht die Strafe oder der Tod an sich, "sondern der innere Grund, die Ursache bzw. Gesinnung, die den Märtyrer Christi ausmachen". Jede Todessehnsucht bei einem potenziellen Märtyrer gelte deshalb auch als Infragestellung des Martyriums. Der christliche Glaube sei keine Leidensideologie, betonte Scheuer, "aber er schärft gegenüber Gleichgültigkeit und Neutralität den Blick für die Unvermeidlichkeit des Leidens als Folge sittlicher christlicher Konsequenz". Die Leidensbereitschaft sei Bedingung und Voraussetzung für die Nachfolge Jesu. Scheuer: "Der christliche Märtyrer stirbt nicht bloß für eine bloße Idee, er stirbt mit jemandem, der schon vorweg für ihn gestorben ist."

Auch Superintendent Lehner äußerte sich zur Frage, was denn überhaupt das Martyrium ausmacht: "Es gibt ein Martyrium, das dem Willen Gottes entspricht und ein solches, das ihm nicht entspricht."

Orthodoxe Verehrung

Die große Bedeutung der Märtyrer für die orthodoxen und altorientalischen Kirchen wurden bei den Ausführungen des serbisch-orthodoxen Bischofs Andrej (Cilerdzic) und des koptischen Diakon Kyrillos deutlich. Bischof Andrej wies darauf hin, dass die orthodoxe Kirche verschiedenen Kategorien von Märtyrern unterscheide, je nach geistlichem oder weltlichem Stand der Märtyrer oder der Schwere des Martyriums. In der Liturgie der orthodoxen Kirche seien die Märtyrer stets präsent, führte der Bischof aus. Er wies auch darauf hin, dass es zwischen der orthodoxen und den altorientalischen Kirchen eigentlich keine unüberwindbaren theologischen Differenzen mehr gibt. Kirchenrechtliche Vorgaben würden einer Einheit freilich immer noch im Weg stehen. "Aber hier könnten uns die Märtyrer helfen, über diese Hindernisse hinwegzukommen", zeigte sich der Bischof überzeugt.

Die koptische Kirche (in Ägypten) sei nie Staatskirche gewesen und habe zu vielen Zeiten unter Verfolgung gelitten, was für die große Zahl an Märtyrern verantwortlich sei, führte Diakon Kyrellos aus. Er wies auf die große Verehrung hin, die den Märtyrern in der koptischen Liturgie, aber auch der Volksfrömmigkeit zukomme. Detail am Rande: Der koptische Kirchenkalender beginnt nicht mit der Geburt Jesu, sondern mit dem Jahr 284 n. Chr., als der römische Kaiser Diokletian den Thron bestieg, unter dem eine der grausamsten Christenverfolgungen aller Zeiten einsetze.

Leider gebe es bis in die Gegenwart hinein viele Kopten, die wegen ihres Glaubens Opfer von Gewalt werden, ergänzte P. Lukas Daniel von der koptischen Kirche in Wien. Die Situation sei unter Präsident al-Sisi besser als noch zuvor unter der Herrschaft der Muslimbrüder, freilich gebe es nach wie vor Anschläge auf Leib und Leben der koptischen Christen von Seiten islamistischer Extremisten.

Der Studiennachmittag stand unter dem Thema "Die Märtyrer und Märtyrerinnen im Leben der Kirchen". An der Tagung nahmen neben den Vortragenden u.a. auch ÖRKÖ-Vorsitzender Landessuperintendent Thomas Hennefeld, die evangelische Oberkirchenrätin Ingrid Bachler, der anglikanische Reverend Patrick Curran und der armenische Patriarchaldelegat P. Tiran Petrosian teil.

Hennefeld wies darauf hin, dass die Reformierte Kirche der Heiligenverehrung - vornehm ausgedrückt - sehr skeptisch gegenübersteht. Er sehe aber durchaus Ansatzpunkte für ein Gespräch mit anderen Kirchen hinsichtlich der Vorbildwirkung, die den Heiligen bzw. Märtyrern für eine christliche Lebensführung zukommt.

Quelle: Ökumenischer Rat der Kirchen in Österreich

 

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