Von November 2017 bis Februar 2018 hat eine Gruppe von Studierenden der Kultur- und Sozialanthropologie die EmK Wien-Fünfhaus erforscht. Jede*r Studierende sollte dabei mindestens 100 Stunden Gemeindeprogramm absolvieren. Dazu haben sie z.B. Gottesdienste, Bibelstunden oder Chorproben besucht, und nicht zuletzt tatkräftig in der Wärmestube mitgearbeitet. Nach vielen Interviews, die sie mit Gemeindemitgliedern geführt haben, haben wir sie nun gefragt, welche Erfahrungen sie in diesen Wochen gemacht haben.

Was war euer Forschungsauftrag? Was sollte am Schluss rauskommen? 
Wir sollten v.a. die erlernten Forschungsmethoden ausprobieren. Wir konnten uns dabei recht frei eine Forschungsfrage ausdenken. Fix war, dass wir in einer Religionsgemeinschaft forschen sollen. Wir haben also im Beobachten überlegt: was kann eine interessante Frage für unser Abschlussarbeit sein?

Bei welchen Fragestellungen seid ihr gelandet? 
Die Arbeiten drehen sich um Themen wie verantwortlicher Glaube, Funktionen des Gebets, Gemeinschaft, soziales Engagement oder das „Methodistische Subjekt“.

Was habt ihr dabei gelernt?
In fachlicher Hinsicht hat sich meine Sichtweise völlig verändert. Es war meine erste praktische Erfahrung nach 2 Jahren Studium, und es hat mir sehr sehr gut gefallen, mit den Leuten in Kontakt zu kommen und nicht nur darüber zu lesen.
Es war ein guter, sehr sanfter Einstieg in dieses Feldarbeiten. Mir hat es auch die Angst davor genommen, in ein neues Feld hineinzugehen.
Die Forschungsarbeit war nichts einseitiges - ich geh dort hin und nehm nur von meinen Gastgebern. Ihr als Gemeinde habt auch was davon gewonnen - es war etwas wechselseitiges.

Mit welchen Erwartungen seid ihr an die Sache herangegangen?
Für mich persönlich hat es viel gebracht, denn ich war ehrlich gesagt davor recht vorurteilsbelastet was Kirche angeht. Auch weil ich erlebt habe, dass meine Eltern oder meine Großeltern gesagt haben: Du musst da jetzt mitkommen. Das war ein bisschen ein Zwang zu etwas, wozu ich nicht wirklich Lust hatte. Deswegen hatte ich ein negatives Bild. Das bin ich durch die Forschung ein bisschen losgeworden.

Es haben sich also auch die Vorstellungen davon, was Kirche ist verändert?
Mich hat die Idee, in einer kleinen, unbekannten Kirche zu forschen voll motiviert, weil ich nur die katholische Kirche kannte. Ich war Jahrelang in der Kirche …aktiv, hab mich vor einiger Zeit aber distanziert. Aber jetzt seh ich sie anders. Es gibt nicht nur die katholische Kirche. Es gibt auch die anderen christlichen Kirchen. Das hat mir irgendwie den Blick geöffnet.
Man hat so einen Vergleichswert bekommen. Ich bin auch in der römisch-katholischen Kirche aufgewachsen. Das war das einzige bekannte. Wenn man dann einmal sieht, wie Kirche anders gelebt werden kann, dann hinterfragt man eher wie das, was man als normal verstanden hat.

Was hat euch besonders überrascht?
Ganz persönlich? Dass Frauen und Männer gleichwertig sind, das hab ich noch nie gesehen in der Kirche! Die Predigten haben mich auch persönlich angesprochen, oder generell wie die Gottesdienste aufgebaut waren, dass es einfach Menschen eher anspricht. Und auch dass es nicht so hierarchische Strukturen gibt. Auch dass immer wieder aktuelle Themen aus Politik oder so aufgegriffen wurden habe ich spannend gefunden. Es ist eine ganz andere Art, mit den Themen umzugehen und man versucht, etwas so zu transportieren, dass man es auch wirklich verstehen kann.

Was war am spannendsten?
Mein Highlight war das Wärmestubensetting. Da bin ich das erste Mal mit dem Thema Wohnungslosigkeit in Berührung gekommen. Darüber werde ich jetzt auch meine Bachelorarbeit schreiben.

Als EmK betonen wir oft den sozialer Auftrag von Kirche. Ist euer Eindruck, dass hier Anspruch und Wirklichkeit übereinstimmen?
Dass die Kirche sozial aktiv ist hab ich wahrgenommen. Das eine ist die Wärmestube. Aber wir haben auch bei Besuchen gesehen, dass Mitglieder das, was die Kirche sagt, auch versuchen in ihren Alltag zu nehmen. Wie sie ihre Beziehungen mit anderen leben. Dass sie anderen Menschen helfen, dass sie Rücksichtnehmen, was ja auch mit Kirche zu tun hat. Aber natürlich wissen wir nur ganz wenig darüber, was die Menschen in ihrem privaten Leben machen.

Ich durfte ja schon eure Arbeiten lesen. Eine von euch hat darin die Feststellung gemacht, dass die EmK zwar von ihrer Entstehung her den Anspruch hat, eine missionarische Kirche zu sein - aber gleichzeitig betonen wir offenbar häufig, dass wir niemanden missionieren wollen.
Wir haben es selbst so erlebt, dass einem in dieser Gemeinde niemanden etwas überzustülpen will. Auch in der Wärmestube soll niemand missioniert werden. Es wird immer wieder der freie, mündige Glaube betont.

Sollten wir unsere Gemeinde als Gemeinschaft, in der man solchen mündigen Glauben leben oder finden kann, offensiver bewerben?
Niemanden etwas aufzwingen zu wollen finde ich korrekt. Wenn man Leute zwingt, dann ist das nicht ehrlich, dann hilft das nicht. Mir kommt allerdings vor, dass ihr ziemlich auf diesen Ort konzentriert seid. Ich weiß nicht ob Leute, die auf der Straße halt vorbeikommen, denken: ‚Aha, da ist die EmK, da geh ich mal rein!‘ Wenn man vielleicht die EmK auf der Strasse sieht, die eine coole Aktion macht, Leute anspricht, niemanden aufzwingt - warum nicht? Warum nicht die Kirche wieder auf die Straße bringen?

Zum Abschluss: welche Stichworte fallen euch spontan zur EmK Wien-Fünfhaus ein?
Offenheit, Gemeinschaft, Nachdenken, Bibel, Freiheit, Mündigkeit, Selbststudium, Familie

Herzlichen Dank für das spannende Gespräch!