Herbststudientag im Lilienhof in St. Pölten, 19.10.2019

Zu diesem wahrlich spannenden Thema trafen sich 25 Interessierte aus den österreichischen EmK-Gemeinden zum Studientag, erstmals im Lilienhof in St. Pölten, einem kleinen, feinen Bildungshaus des Frauenordens Congregatio Jesu, der früheren „Englischen Fräulein“.

Hier genießt die EmK-Gemeinde St. Pölten das ganze Jahr über Gastfreundschaft und an diesem Wochenende konnten viele mitgenießen, besonders jene, die das Angebot annahmen und von Freitag bis Sonntag geblieben sind. Ihnen wurde ein Rahmenprogramm mit Führung durch die Synagoge von St. Pölten, abendlichem Kaffehausgespräch und Gottesdienst am Sonntag inklusive einer zum Thema passenden Predigt von Wolfgang Grabensteiner zu „David und Goliath“ geboten.

Zentraler Punkt waren aber die Vorträge von Universitätsprofessorin Dr.in Annette Schellenberg zu klassischen Vorurteilen und zur Vielfalt des Alten Testaments am Samstag. Und sie hat wahrlich kein Vorurteil ausgelassen, allen voran die Blutrünstigkeit. Die lässt sich auch nicht wegdiskutieren. Gott wird auch als der Zornige beschrieben, der Gewalt will oder gar befiehlt. Und trotzdem ist das nur ein Aspekt. Im Vergleich dazu wird Gott viel öfter barmherzig und gnädig genannt. Auch beim klassischen Thema „Gesetz versus Evangelium“ ist nicht alles schwarz-weiß. Ohne Zweifel sind viele Gesetze des Alten Testaments veraltet, aber andere wiederum so sozial und geradezu utopisch wie z.B. das Zinsverbot. In Deuteronomium 20 sind sogar viele Ausnahmen zu finden, wer alles vom Kriegsdienst zu befreien ist. Damit könnte der moderne Spruch wahr werden: „Stell dir vor, es ist Krieg, und keiner geht hin.“ Patriarchal ist das Alte Testament ganz sicher – wie alle antiken Schriften –, aber auch da gibt es nicht wenige Gegenpole z.B. in der Beschreibung wichtiger Frauengestalten von Sarah über Mirjam bis zu Hulda. Es sind sogar Spitzenaussagen zu finden, dass Gott so handelt wie eine Frau/Mutter es tut (z.B. Jes 49). Ob das Alte Testament auf das Neue Testament hinweist, ist ungewiss, jedenfalls im Rückgriff scheint es an einigen Stellen der Fall zu sein. Jedenfalls ist das Alte Testemant nicht durch das Neue Testament überwunden, denn es ist die Heilige Schrift Jesu und der anderen Autoren des Neuen Testaments und ihre Schriften sind ohne das Alte Testament gar nicht verstehbar.

Dazu bedarf es unbestritten eines gewissen Hintergrundwissens. In einem Spaziergang durch die Vielfalt des Alten Testaments bewies Annette Schellenberg die Notwendigkeit historisch-kritischer Lektüre. Glaube und Theologie haben sich im Laufe der Jahrtausende ständig verändert. Das Zeugnis dieser Vielfalt soll jedenfalls bewahrt und das Alte Testament dementsprechend gelesen werden, um ein vielfältiges Zeugnis für heute zu ermöglichen. Der dahinterstehende Glaube ist nämlich sicher nicht veraltet.

Wolfgang Grabensteiner