Bericht von der Herbsttagung 2016 im Chandlerhaus.

“Gott ist größer als unser Herz – Vergebung als Lebensquelle”, so der einladende Titel für ein Thema, das von vielen als “schwieriges” eingestuft wurde. Esther Handschin lud schon am Eröffnungsabend bei der Vorstellungsrunde dazu ein, sich an die frühesten Erfahrungen mit dem Thema “Schuld und Sünde” zu erinnern, was nicht allen leicht fiel. Hatten doch einige recht verstörende Geschichten aus ihrer frühen Kindheit zu erzählen. Zu präsent war der erhobene Zeigefinger in häuslicher und kirchlicher Erziehung, nur zu gerne ließ man die Kinder mahnend singen: “Pass auf, kleines Auge, was du siehst, … denn der Vater in dem Himmel schaut herab auf dich, drum pass auf, kleines Auge, was du siehst”, so ein älteres Lied, das – zumindest unter den Teilnehmenden der Herbsttagung – niemandem abgeht.

Lothar Pöll als Hauptreferent führte uns am Samstag durch die Bibel und das Thema. Jesus macht nicht die Sünde, die Schuld zum Thema, sondern seine Aufmerksamkeit gilt dem Sünder, der Sünderin und der Möglichkeit, umzukehren und Vergebung zu erlangen. Er sieht seine Aufgabe nicht darin, zu verurteilen, sondern zu vergeben und zu heilen.

Der wichtige Beitrag des Paulus zum Thema war darauf hinzuweisen, dass „Sündhaftigkeit“ ein Grundzustand des Menschen sei, in den er gerät und der ihn wie eine fremde Macht gefangen hält. Es ist daher zu wenig, Sünden zu vergeben. Es bedarf vielmehr einer „Erlösung“ aus der Macht der Sünde.

Die Betonung der Sündhaftigkeit führte in der Folge aber leider zu oft zu einer angstbesetzten Überbetonung der „Sündennot“ des Menschen, die dann auch noch Gewinn bringend ausgenutzt werden konnte – der Hauptgrund für Luthers Zorn, der nicht müde wurde zu betonen, dass Gott „gratis“ vergibt. (von „gratia“ = Gnade)

So bleibt bis heute wichtig festzuhalten, dass nicht das Halten von Geboten die Voraussetzung für Vergebung ist, sondern vielmehr umgekehrt die von Gott her zugesprochene Vergebung die Voraussetzung für Freiheit und Heiligung ist. Weil: Gott ist immer größer als unser Herz. Nach Spaziergängen am sonnendurchfluteten See lud uns Lothar Pöll ein, über drei „Hotspots“ des Themas in Gruppen weiterzudenken: Strukturelle Sünde, die sieben Todsünden und die hauptsächlich mit Sünde und Bestrafung agierende „schwarze Pädagogik“. Dazu passte auch der abendliche Film: „Das Weiße Band“, dessen offenes Ende noch weit in die Nacht weiterdiskutiert wurde, wobei der Autor dieser Zeilen nach wie vor überzeugt ist: Es waren die Kinder …

Matthew Laferty in der Morgenandacht am Samstag und Lothar Pöll in der Predigt am Sonntag näherten sich dem Thema anhand der gleichen Bibelstelle: Lukas 18, 9-14 (Der Pharisäer und der Zöllner im Tempel). Es war ein großer Gewinn, zweimal hintereinander eine Betrachtung zur selben Bibelstelle zu hören, besonders die Erkenntnis, dass in jedem von uns ein Stück von beiden steckt, vom selbstgerechten Pharisäer genauso wie vom reumütigen Zöllner.

Ein herzlicher Dank gilt dem Vorbereitungsteam unter der Leitung von Esther Handschin, Lothar Pöll und den Einzelnen für seine und ihre Beiträge in den Gruppen und im offenen Gespräch. Neben der Vergebung war auch wieder die kulinarische Betreuung durch Mutter und Tochter Kneissl eine wahre Lebensquelle, genauso wie der Blick über den See, der uns erahnen ließ, dass Gott immer noch größer ist als unser Herz.

Wolfgang Grabensteiner

Bild: Charlotte Schwarz