»Vater, wenn du willst, nimm diesen Becher fort, damit ich ihn nicht trinken muss! Aber nicht, was ich will, soll geschehen, sondern was du willst!« (Lk 22,42 Basisbibel)

In der Karwoche besinnen wir uns auf den Tod Jesu. Immer wieder bewegt mich dabei die Frage: warum lässt sich Jesus auf diesen Weg der ihn ans Kreuz führt ein? Warum weicht er nicht aus? Hat Jesus das Leben nicht geliebt? Das hat er sehr wohl: „Vater, wenn du willst, nimm diesen Becher fort, damit ich ihn nicht trinken muss.“ Doch nicht der eigene Wunsch wird ihn letztendlich leiten. Sondern das was Gott will. Doch was ist es, was Gott wirklich will? Dass jemand stirbt? Jesus, von dem er sagt: „Das ist mein Sohn, den ich liebe“ (Mk 1,11)?

Ich glaube, diese Antwort ist falsch. Gott will nicht den Tod - im Gegenteil. Was Gott will ist, dass wir einander lieben. Dass wir für einander da sind, für einander leben. Jesus lebt diese Liebe bis zur letzten Konsequenz: Es gibt keine größere Liebe, als dass einer sein Leben lässt für die, die er liebt. Diese große Liebe für Dich und mich zeigt sich in Jesus am Kreuz. Wie wäre es wohl in unserer Welt, würden die Menschen sich darin von Gottes Willen leiten lassen, dass sie einander lieben. Müsste Jesus dann sterben? Wohl kaum. Denn gerade der Tod Jesu zeigt doch, wie wenig Menschen einen Mitmenschen lieben!

Noch einmal frage ich mich: wie gelingt es Jesus, sich so sehr von der Liebe leiten zu lassen, dass diese Liebe stärker ist als die Angst um das eigene Leben? Wie kann Jesus einwilligen: „Nicht, was ich will, soll geschehen, sondern was du willst!“? Wo ihm doch klar sein muss, wohin diese grenzenlose Bereitschaft zu lieben führt? Er kann es wohl nur in dem tiefen Vertrauen: ich selbst bin unendlich geliebt – von Gott. Gott lässt mich nicht fallen. Nicht einmal im Tod. Nur solches Vertrauen in Gott als den ihn liebenden Vater gibt jenen Halt, der es ihm ermöglicht, von sich zu lassen – bis in den Tod.

Umso irritierender ist es, dass man Jesus genau dieses Vertrauen zum Vorwurf macht. Gemäß der Darstellung der Evangelien klagt die religiöse Elite Jesus deshalb an, weil er für sich in Anspruch nimmt, Sohn Gottes zu sein (Joh 19,7). Und wenig wird offenbar, dass denen, die Jesus anklagen, solches Vertrauen in Wirklichkeit fehlt. Denn als Pilatus ihnen den gegeisselten Jesus als „euren König“ vorführt, ist die Antwort der Priester: „Wir haben keinen König außer den Kaiser.“ Dabei müssten gerade die Priester wissen, dass es im Verständnis der Bibel nur einen wahren König gibt: Gott allein ist König über alle Völker (z.B. Ps 47). Sie aber vertrauen lieber auf den weltlichen Herrscher in Rom, und entlarven so ihr mangelndes Vertrauen in ihren Gott.

Doch wenn ich ehrlich bin, muss ich mich wohl fragen: bin ich selbst denn besser als diese Priester? Fällt es mir nicht auch leichter, auf irdisches zu vertrauen - als auf den unsichtbaren Gott? Umso mehr brauche ich darum auch heute das Zeichen der Liebe Jesu am Kreuz. Denn nur so kann ich lernen zu begreifen: da ist einer, der mich ohne jede Einschränkung liebt. So sehr, dass er sogar sein Leben für mich gibt. Und ich brauche die Zusage des Ostermorgen: Gott hat den, der sein Leben aus Liebe gegeben hat, nicht im Stich gelassen. Am Ende steht nicht der Tod. Auf den Tod folgt die Auferstehung - ein neues Leben mit Gott.

Stefan Schröckenfuchs

Foto (c) Yvonne Schröceknfuchs